Feuertod
Wir alle kennen die schrecklichen Bilder aus dem Irak oder aus Afghanistan. Diese FF beruht auf einer wahren Begebenheit, die eine gute Freundin – ihres Zeichen Captain der US Marines – für mich aus ihrem Gedächtnis geholt hat. // Teaser: Craig stockte das Herz, als von einer Trage ein brauner kleiner Bär herunter fiel, der schon arg zerschlissen war. Ein Ärmchen wurde sichtbar, die Hand ging auf und zu und versuchte, das geliebte Kuscheltier zu erreichen. Doch es war zu weit weg, viel zu weit… …
Kapitel 1
Endlich erreichte ich wieder heimischen Boden. Es tat gut, wieder einmal zu Hause zu sein. Und obwohl diese Reise nicht so anstrengend war, wie die Flüge davor, so war sie doch unvergesslich. Für immer hatten sich diese grauen Augen mit der Gold gesprenkelten Iris in sein Gehirn eingebrannt.
Sie war noch jung gewesen, erst sechsundzwanzig, aber das machte es nicht besser. Im Nachhinein schüttelte er immer noch den Kopf über sich selbst. Er hatte sie tatsächlich nach ihrer Telefonnummer gefragt und sie auch bekommen. Die zaghafte Geste, mit der sie den Zettel schnell in seiner Hand verschwinden ließ, und das offene Lächeln hatte ihn fast seinen Verstand gekostet.
Als sich dann auch noch Haut an Haut rieb, für vielleicht den Bruchteil einer Sekunde, war es ganz um ihn geschehen. Wie sonst auch verklang die innere Stimme seiner Vernunft ungehört, als sie ihm zuflüsterte, dass sie zehn Jahre jünger war, als er. Zehn Jahre!!! Himmel, das war fast eine halbe Ewigkeit!!! Doch wie gesagt, sie verklang ungehört und recht beschwingt trat Craig in die neuseeländische Sonne hinaus.
Am Terminal war alles belegt gewesen und so musste der Cityhopser der Air Australia auf dem Vorfeld schon seine wenigen Passagiere entlassen. Unten an der Treppe stand sie wieder und schenkte ihm ihr schönstes Lächeln. Er zwinkerte ihr zu und stieg in den wartenden Bus. Die Türen schlossen sich mit einem satten Schmatzen und der Dieselmotor röhrte auf….
Noch mit einem seligen Lächeln im Gesicht starrte Craig einfach so vor sich hin. Er sah sie vor sich, ihren Gang, hörte ihre Stimme, roch ihr Parfüm und fühlte ihre Haut. Der Bus bremste scharf und der liebliche Nebel um Craig lichtete sich. Das pure Grauen sah ihm entgegen und plötzlich war es so leise im Bus, dass man hätte eine Stecknadel fallen hören.
Doch genau diese hörte man nicht, dafür die Schreie der Menschen, die auf Tragen aus einer Boing gehoben und in wartende Krankenwagen geladen wurden. Craig stockte das Herz, als von einer Trage ein brauner kleiner Bär herunter fiel, der schon arg zerschlissen war. Ein Ärmchen wurde sichtbar, die Hand ging auf und zu und versuchte, das geliebte Kuscheltier zu erreichen. Doch es war zu weit weg, viel zu weit…
Das nächste, was Craig sah, war ein vollkommen bandagierter Körper. Ohne eine Decke lag er auf der schmalen Segeltuchtrage, die wie ein rohes Ei behandelt wurde. Als einer der Leute, der beim entladen der Maschine halfen, das vordere Ende recht unsanft auf dem Boden abstellte, erklang der fürchterlichste Schrei, den Craig je gehört hatte. Sofort war ein Arzt da, der eilig eine aufgezogene Spritze aus einem kleinen Koffer nahm und den Inhalt in den rechten Oberarm des Patienten injizierte. Fast gleichzeitig verstummte der Schrei und der Kranke wurde wieder ruhig…
„Sehr geehrte Damen und Herren, wir bitten diese Unterbrechung der Fahrt zu entschuldigen, es geht sofort weiter. Hier rechts sehen sie eine Maschine unserer Armee, die verletzte Opfer aus dem Irak an Bord hat, die kostenfrei in unseren Hospitälern behandelt werden. Es sind hauptsächlich Kinder und Frauen. Wir bitten nochmals um Entschuldigung, wir setzen unsere Fahrt sofort fort.“
Die männliche Stimme, die aus den Lautsprechern kam, setze die Worte gleich in Taten um. Der Dieselmotor des Busses röhrte auf und das Gefährt setze sich in Bewegung. Als er schließlich wieder hielt, war es für Craig so, als würde er aus einem schlimmen Alptraum erwachen. Sein Hemd war total durchgeschwitzt und seine Finger zitterten. Mit der Hand strich er sich übers Gesicht und sagte mehr zu sich selbst: „Mein Gott, ich hoffe, das war ein schlechter Traum. Das kann einfach nicht wahr sein!“
Doch es war wahr, denn sogleich drang das schrille Getöse der Martinshörner an seine Ohren und mit einer Gänsehaut, die seinen ganzen Körper befallen hatte, trat er in das klimatisierte Flughafengebäude. Noch immer tönte ihm der Schrei in den Ohren, und als er an der Gepäckausgabe stand, wurde ihm gewahr, dass in der Halle eine unglaubliche Stille herrschte. Sonst verstand man hier sein eigenes Wort nicht, heute allerdings hing jeder seinen Gedanken nach.
Auch andere Passagiere von anderen Flügen hatten die Boing gesehen und jeder versuchte sich nun auszumahlen, wie schlimm es um die Insassen wohl stand. Frauen und Kinder, wer führte schon gegen diese Krieg? Wie grausam konnte ein Mensch sein, der so etwas verursachte? Dachten eigentlich die Menschen an so etwas, wenn sie ihre Waffen abfeuerten? Und doch ging es nicht ohne, der Frieden kostete seinen Preis und die Freiheit auch…
Craig versuchte die Gedanken abzuschütteln, als er seinen kleinen Koffer auf dem Band sah und nach ihm griff. Der Krieg war so weit weg und gleichzeitig doch so nah. Da er nichts zu verzollen hatte, konnte er gleich durch gehen und in das hektische Treiben des Flughafens eintauchen. Sein Handy meldete sich. „Hi Großer, ich stehe draußen auf dem Parkstreifen. Beeil dich, die Tanten mit den Knöllchen sind wieder unterwegs.“ Klack, aufgelegt. Craig grinste. Seine Schwester hatte ihm versprochen, dass sie ihn abholen würde und wie immer konnte er sich auf sie verlassen.
Craig kämpfte sich den Weg nach draußen frei und sah sich suchend um. Ein Hupen ertönte und eine Stimme rief: „Hierher Großer!“ Sam war mit ihrem Chevi da und Wenthi saß auf dem Beifahrersitz. Der Kofferraum war bereits geöffnet und Sams Wuschelkopf tauchte auf. „Ähm, ich hoffe dir reicht der Platz.“ Craig warf einen Blick hinein. „Naja, gerade so.“ Er hob den Koffer hoch und ließ in unsanft im Kofferraum landen. Er schüttelte den Kopf, hier sah es aus, wie bei Hempels unterm Sofa.
„Nun mach nicht so ein Gesicht, wir kommen gerade vom Hundeplatz. Ich hatte nur noch Zeit, mich schnell umzuziehen. Wenthi haart sich zurzeit.“ Grinsend sah er Sam an, die jetzt ein wenig verlegen vor ihm stand. Vier Jahre jünger war sie, doch manchmal schien sie immer noch die kleine Sam zu sein, deren Kinderwagen er damals ganz stolz durch die Straßen geschoben und sie später vor den Jungs beschützt hatte.
Sie lebte allein, zumindest hatte sie das getan, bevor ihr vor zwei Jahren der Golden Retriever zugelaufen war. Wie immer hatte sie Mitleid mit der armen Kreatur gehabt, die bis auf die Knochen abgemagert war. Liebevoll hatte sie sich gute zwei Wochen um ihn gekümmert, hatte ihn mühevoll wieder aufgepäppelt und seitdem wich er nie wieder von ihrer Seite. Selbst eine Leine brauchte sie nicht, denn er gehorchte aufs Wort und das verblüffte so manchen.
Schließlich umarmte er seine kleine Schwester herzlich und Wenthi drängte sich leise winselnd an ihn. Liebevoll streichelte er den Hund zur Begrüßung und Sam lachte leise. „Du wirst es kaum glauben, aber er hat dich vermisst.“ Craig schnaubte kurz auf. „Doch wohl eher die Leckerlis, ohne die er mich nicht durch deine Haustüre lässt.“ Dann lachten beide und Sam drängte zum Aufbruch.
Der Retriever hatte es sich auf der Rückbank bequem gemacht, so dass Craig vorn sitzen durfte. Er wusste schon jetzt, dass seine Hose nachher wohl in die Reinigung musste, bei all diesen Haaren. Sam fing an zu berichten, was so los gewesen war, während er mal wieder durch Abwesenheit geglänzt hatte.
„… ach ja, und Tante Dotti lässt dir ausrichten, dass du ja zu ihrem Geburtstag kommen sollst, sonst streicht sie dich endgültig von der Erbenliste.“ Sam lachte schallend auf, sie wusste, dass es Tantchen nicht so meinte, doch ihren Bruder konnte sie damit immer wieder aufziehen, denn er liebte sie abgöttisch. Wohl auch deswegen, weil er einen großen Teil seiner Jugend bei ihr verbracht hatte.
Doch ihre Worte erreichten Craig gar nicht. Seine Gedanken waren zu dem seltsamen Flieger zurückgekehrt und zu der lebenden Fracht, die er an Bord hatte. Frauen und Kinder, verbrannt, verstümmelt, oder schwer verletzt. Warum nur musste es diesen Krieg geben? Warum tötete ein Mensch den anderen? Warum ging es auf der Welt denn nicht friedlicher zu?
Fragen über Fragen, auf die es wohl nie eine genügende Antwort geben würde. Solange Politik, Geld und Waffen im Spiel waren, solange würde es wohl Kriege auf Erden geben. Es machte ihn traurig und er seufzte auf. Diese armen Menschen! Doch jene die da gerade angekommen waren, hatten zumindest eine Chance. Wie viele gab es, die diese nicht hatten?
„Erde an Craig, Erde an Craig!“ Sam sah in besorgt an, als er endlich auf ihre Stimme reagierte. „He Bruderherz, diesen Blick kenne ich. Sag mir schon, was dich beschäftigt.“ Er atmete tief durch und während sich Sam in den nachmittäglichen Verkehr auf der Autobahn einreite, begann er zu erzählen, was er da auf dem Vorfeld gesehen hatte.
Kapitel 2
Noch vier Wochen bis Weihnachten. Craig liebte diese Zeit des Jahres sehr. Die Geschäfte wurden feierlich geschmückt, die Leute wurden irgendwie friedlicher und überhaupt… Dieses Jahr gab es sogar einen kleinen Weihnachtsmarkt, der eine Überraschung versprach. Es sollten ein paar Stände aus Deutschland mit dabei sein. Schon dieser Gedanke ließ ihm das Wasser im Munde zusammen laufen.
Er hatte ab und an bei den zahlreichen Ring Conventions von der deutschen Küche essen dürfen und er liebte diese Speisen einfach zu sehr. Immer wenn er wieder heimgeflogen war, hatte er vorher die Geschäfte dort besucht und sich mit verschiedenen Spezialitäten versorgt. Nicht selten brachte ihm das Schelte auf dem Flughafen ein, weil sein Gepäck hoffnungslos überladen war.
Schon längst hatte er sich mit Freunden verabredet, er wollte unbedingt dabei sein, wenn der Markt seine Pforten öffnete. Beschwingt und leise eine Melodie singend betrat er das nächste Geschäft, in welchem er ein paar Geschenke zu erstehen hoffte. Ziellos streifte er durch die Regale der Edelparfümerie. Das eine oder andere stach im bereits ins Auge und innerlich setze er sie auf den Merkzettel. Der Eigentümer, der gerade eine ältere Frau beriet, kümmerte sich nicht weiter um ihn. Schon lange kannte er den jungen Schauspieler und er wusste, dass er später von ganz allein zu ihm kommen würde.
Und so dauerte es auch nicht lange und Craig stand vor ihm. „Guten Tag, Mister Parker. Sie sind ja lange nicht hier gewesen.“ Es sollte kein Vorwurf sein, das wusste Craig. „Ja, es ist lange her, Mister Malozie. Wie geht es ihrer Frau?“ Der Inhaber stütze sich auf dem Tresen auf und sah Craig an. „Danke der Nachfrage, es geht ihr gut. Momentan ist sie viel im Sankt Elisen Hospital und arbeitet dort gemeinnützig. Gerade jetzt gibt es viel zu tun.“
Craig wusste, dass Malozies Frau Sophie früher Krankenschwester war und sie diesen Beruf mit Hingabe ausgeübt hatte. Doch jetzt war sie schon über siebzig und Craig verwunderte es doch. Malozie sah ihm wohl an, was er dachte und sagte leise: „Sie wissen schon, der Krieg drüben in Asien. Fast jeden Tag landet hier eine Maschine mit Verletzten an Bord. Sophie sagt jeden Tag, dass sie das nicht mehr lange aushält, dieses Elend, doch sie geht immer wieder ins Hospital. Wenn sie dann abends heim kommt, werkelt sie noch stundenlang rum und bastelt und strickt allerlei Dinge. Oft kauft sie auch drüben im Spielzeugladen ein. Es ist wohl für die Kinder, die ganz allein ausgeflogen werden. Das ist nicht in Ordnung sag ich Ihnen, der ganze verdammte Krieg ist nicht in Ordnung.“
Craig ließ die Worte auf sich wirken, bevor er seine Hand auf die des alten Mannes legte. „Freiheit und Frieden sind unser aller streben, doch leider haben beide auch ihren Preis.“ Malozie nickte seufzend. „Ja, das stimmt schon und ich bin auch dankbar für jeden Soldaten, der jetzt dort drüben ist und dafür kämpft. Mein Gott, ich bewundere sie sehr.“ Mit diesen Worten klopfte er auf sein rechtes Bein, von dem es hölzern klang. ‚Pearl Harbor‘, dachte Craig und nickte dem alten Mann zu.
So recht zum Einkaufen war ihm jetzt nicht mehr zumute und so gab er seine Geschenkideen einfach in Auftrag. Malozie notierte sich eifrig alle Wünsche, fügte hier und da noch etwas dazu und machte noch auf jenes aufmerksam. Der Mann kannte die Familie und auch ihre Vorlieben in den einzelnen Duftreihen. Ein Handschlag besiegelte das Geschäft und nachdenklich trat Craig wieder auf den Gehweg hinaus.
Die Sonne schien heute wunderschön, doch in Craigs Kopf häuften sich die dunklen Wolken. Wieder sah er die Szene vom Flughafen vor seinen Augen, wieder hörte er jenen Schrei, und noch einmal sah er, wie sich der alte Mann aufs Bein klopfte. Das Ganze nahm ihn so mit, dass er bald nicht mehr wusste, was er tun könnte. Seine Beine trugen ihn immer weiter und schließlich drückte er die Tür seines Managements auf.
Verwundert hielt er im Schritt inne und da war auch schon der Lichtblick, den er jetzt so sehr brauchte. „Craig! Ich freue mich, dich zu sehen. Wie geht es dir? Eigentlich hatte ich dich erst wieder im neuen Jahr hier erwartet.“ Karin, seine Managerin, streckte ihm die Hand entgegen und führte ihn zu der ledernen Sitzgruppe.
„Ähm, ja ich weiß. Mir geht’s gut, danke. Könnte ich wohl einen Kaffee haben?“ Karin sah ihn nachdenklich an. „Natürlich, kleinen Moment, ja?“ Sie erhob sich und ging in die kleine Küche am hinteren Ende des langen Gangs, der vom Hauptraum abging. Keine Minute später stand sie wieder vor ihm, in jeder Hand einen Becher Kaffee. Dankbar nahm ihn Craig entgegen.
Karin wartete einen Moment, dann sagte sie leise: „Also Craig, was ist los?“ Erst nach dem zweiten Schluck fand Craig die nötigen Worte und als die Tasse leer war, war auch die Geschichte erzählt. Karin war betroffen. Ihre Gedanken wirbelten wirr durcheinander und ihr Innerstes schrie nach einer Lösung.
„Es tut mir leid, dass ich dich da mit reingezogen habe. Es tut mir leid.“ Craig sah sie verstehend an, denn das was er in ihren Augen sah, spiegelte sich auch in seinem eigenen Inneren wieder. „Nein, es muss dir nicht leid tun, im Gegenteil. Vieles ist für uns zur Selbstverständlichkeit geworden, da tut es mal ganz gut daran erinnert zu werden, dass es eben nicht so ist. Lass mir ein paar Momente Zeit, ich habe da eine Idee, die ich aber noch nicht so richtig fassen kann. Lass uns morgen telefonieren, ja?“
Craig nickte und sah Karin nach, die es auf einmal sehr eilig hatte, in ihr Büro zu kommen. Schon etwas leichter ums Herz trat Graig wieder auf den Gehweg. Wenn Karin eine Idee hatte, dann war das eine Sache die auch Hand und Fuß hatte, wie man so schön sagte. Doch was hatte sie im Sinn? Wie konnte man da helfen?
Einen Fuß vor den anderen setzend und tief in Gedanken versunken fand er durch die Innenstadt seinen Weg zu dem kleinen Parkhaus, indem er immer parkte. Er schloss seinen Wagen auf und erschrak ein wenig über sich selbst, denn er hatte keine Erinnerung, wie er überhaupt von Karin aus hierher gekommen war.
Sich selbst ermahnend startete er den Wagen, rollte durch den engen Ausgang hinaus und fädelte sich in den laufenden Verkehr ein. Zu Hause angekommen blieb er immer in Sichtweite seines Telefons. Selbst auf die Terrasse nahm er es mit. Karin hatte versprochen anzurufen und sie hielt ihre Versprechungen immer. Doch an diesem Tage kam kein Anruf, auch nicht am Abend und als es halb elf nachts war, fielen Craig die Augen zu. In der Hand hielt er noch immer sein schnurloses Telefon.
Kapitel 3
Gegen halb zehn am nächsten Tag klingelte das Telefon. Craig fuhr aus dem Schlaf und sah sich suchend um. Nach ihm endlos erscheinenden Minuten fand er das kleine schwarze Ding endlich, es war aus dem Bett gefallen und lag nun außerhalb seiner Reichweite. Vor sich hin fluchend krabbelte er aus dem Bett und drückte die Annehm-Taste am Telefon.
„Guten Morgen, du Schlafmütze. Ich wollte gerade wieder auflegen. Hör zu, ich habe nicht viel Zeit. Sei heute Nachmittag um vier hier im Büro. Ich habe mir gestern da noch was ausgedacht. Sei pünktlich, hörst du? Bis dann…“
Konsterniert sah Craig sein Telefon an. Das gab es doch nicht, sie hatte ihn ja nicht mal zu Wort kommen lassen!!! All die Jahre die sie sich schon kannten hatte Craig seine Managerin nie so aufgeregt am Telefon gehört. Da musste schon was Gewichtiges am Laufen sein, dass sie sich so benahm.
Craig seufzte. Jetzt wo er schon mal aus dem Bett war, konnte er auch genauso gut aufstehen und etwas essen. Das hatte er nämlich am Abend ausgelassen, weil er zu sehr mit anderen Dingen beschäftigt war. Zum Beispiel nachdenken…
Und das war letztendlich auch der Grund, weshalb er noch im Bett gelegen hatte. Erst wollte sich gestern der Schlaf nicht einstellen, dann hatte er so unruhig geschlafen, dass er schweißüberströmt um halb drei aufgewacht war und feststellen musste, dass sein Bettzeug total durchgeschwitzt war. Nachdem er das gewechselt hatte, fiel er in einen leichten Schlaf, doch wieder träumte er, wenn auch nicht so schlimm, wie zuvor.
Er hatte Schreie gehört und war einem hellen Gang gefolgt. Viele Türen gingen von ihm ab, doch entdecken konnte er die Person nicht, die die Schreie ausgestoßen hatte. Schmerzhaft klangen sie in seinen Ohren wieder und je weiter er schritt, umso lauter wurden sie. Dann endlich erreichte er das Ende des Korridors. Er stieß die Tür auf und sah, dass ein Mensch auf einer Trage lag, einsam und verlassen. Er hatte zahlreiche Wunden an seinem Körper, Blasen brachen auf und der Inhalt tropfte laut zu Boden.
Wund schien das Fleisch in dem hellen Licht. Schemenhaft betasteten nun behandschuhte Hände die Wunden. Der Mensch bäumte sich auf. Sein Gesicht war mit Bandagen umwickelt, nur die Augen stachen hervor. In ihnen standen Angst und Hilflosigkeit, Schmerz und das pure Grauen. Arme und Hände strecken sich ihm entgegen, Worte erreichten verzerrt sein Ohr. Doch er konnte nichts tun, konnte nur stumm dastehen und alles mit ansehen.
„Ich verstehe dich nicht!“ Immer und immer wieder sagte er diesen Satz, erst laut, dann im Angesicht der Hilflosigkeit immer leiser. Die Szene begann zu verblassen. Ein letzter Schrei, ein letztes Aufbäumen und dann hörte er ihre Worte: „Hilf mir!“ Er dachte erst, sich verhört zu haben, doch der Mund wiederholte die Worte immer und immer wieder. Dann verblasste die Szene und ein Klingeln drang in sein Bewusstsein.
Auf dem Weg ins Bad stellte er den Fernseher an und ließ CNN laufen. Mit halbem Ohr hörte er hin und ließ sich dabei das warme Wasser über den Körper laufen. Pakistan, Indien, Kosovo, Korea, USA, Australien, all diese Länder wurden in den Nachrichten erwähnt und schließlich kam der Augenblick:
„Basra/Irak - Bei drei Autobomben-Anschlägen in der südirakischen Stadt Amara sind nach Angaben aus Polizeikreisen am Mittwoch 40 Menschen ums Leben gekommen. Mehr als 125 Menschen wurden laut einem Vertreter der Gesundheitsbehörden verletzt. Im überwiegend von Schiiten bewohnten Süden des Irak ist die Lage angespannt, weil rivalisierende Gruppen um Einfluss in der ölreichen Region kämpfen.“*
Craig kam noch während des Beitrages tropfnass aus dem Bad gelaufen. Bilder schlugen ihm entgegen, die ihm schier den Atem raubten. Da wurden zerfetzte, brennende Autos gezeigt. Schwarz stieg der Qualm zum Himmel hinauf. Eine Frau kam ins Bild, an ihren Mann geklammert weite sie bitterlich. Die Kamera drehte sich nach unten. Da lag ein Kind in den Armen des Vaters. Blutüberströmt, die Augen geschlossen.
Die Kamera schwenkte zur Seite. Sanitäter kümmerten sich um ein Opfer, das noch am Boden lag. Ein Stück weiter hielt sich eine Frau ein Tuch an die Stirn. Benommen saß sie auf dem Bürgersteig. Ihre Augen blickten leer zu den Menschen, die die Nachrichten nun sahen. Ein olivfarbener Humvee hielt mit blockierenden Bremsen vor dem Kameramann. Soldaten der US-Streitkräfte eilten sofort mit schweren Rucksäcken, auf denen ein rotes Kreuz zu sehen war, zu den weiteren Opfern.
Weitere Bilder wurden gezeigt und weitere Einzelheiten zu dem Vorfall dokumentiert. Craig wandte sich ab und ließ sich schwer in den Sessel fallen. In seinem Kopf wirbelten Bilder und Gesagtes in einem Kreisel umher. Er schloss die Augen und ließ den Kopf an die Lehne sinken. Das Bild des getöteten Kindes erschien wieder vor ihm. Tränen traten Craig in die Augen. Warum traf es immer die, die gar nichts mit der Sache zu tun hatten? Die den Krieg nicht verstanden? Warum traf es immer die Unschuldigen?
Hinter seiner Stirn begann es zu hämmern. Der Schmerz wuchs stetig an, bis er die Hand auf die Augen legte. Das war einfach zu viel für ihn. Er erhob sich wieder und ging ins Bad zurück. Am Rande nahm er wahr, dass das Wasser noch lief. Er stellte sich wieder unter den Strahl und ließ das warme Wasser über den Körper rinnen. Der Kopfschmerz verging, nur ein leichtes Pochen erinnerte ihn an das Gesehene…
Nach einer weiteren Stunde ging es ihm wieder besser. Mit den Händen fuhr er sich durch das noch feuchte Haar und ging sein Hemd zuknöpfend in die Küche hinüber. Er füllte Wasser in den Wasserkocher, wartete den kurzen Moment den es brauchte um zu kochen und überbrühte sich einen Kaffee, den er heute türkisch trank. Er nahm die Zeitung vom gestrigen Tag und wechselte in das Wohnzimmer hinüber.
Als er sich gerade in seinen Lieblingssessel setzen wollte, bemerkte er den feuchten Fleck darauf. In Gedanken schalt er sich eichen Narren, das er sich ohne ein Handtuch unter zu legen darauf gesetzt hatte. Kopfschüttelnd nahm er auf der Couch platz, stellte die Tasse ab und faltete die Zeitung auseinander. Gleich zu Beginn des örtlichen teils wurde mit der Eröffnung des Weihnachtsmarktes geworben und auch mit dem einzigen europäischen Stand darauf. So etwas wie ein kleines bisschen Vorfreude kam in Craig auf, als er genießerisch aus seiner Tasse schlürfte…
Kapitel 4
Zwischen diesem und seiner nächsten Tasse Kaffee röstete er sich zwei Scheiben Vollkorn Toast, strich etwas Butter darauf und verteilte anschließend großzügig etwas Nougat-Creme auf ihnen. Genüsslich biss er in die erste Scheibe. Nur an bestimmten Tagen gönnte er sich diese kleine Köstlichkeit, die nur allzu gern auf die Hüften schlug und das war etwas, was er momentan nicht gebrauchen konnte. Demnächst sollte er die Rolle eines Jünglings in „Xena“ spielen, und da waren ein paar Kilo mehr auf der Waage einfach nicht drin.
Als er die Zeitung zur Seite legte, waren geschlagene zwei Stunden vergangen. Gerade hatte er den letzten Schluck Kaffee ausgetrunken, die Toastscheiben waren schon längst verdrückt, nun war Aufräumen angesagt. Aus Hausarbeit im Allgemeinen machte er sich ja nicht viel, eine Zugehfrau half beim Bügeln und Putzen, doch ein wenig Ordnung wollte er doch schon haben. Zwischendurch schickte ihm Mark noch eine SMS, das er ihn halb vier abholen kam. Craig war das Recht und schickte ihm eine kurze Antwort.
Anschließend holte er das Drehbuch für die Xena-Folge und las darin. Erst vor ein paar Tagen war das mit der Post angekommen. Schließlich fing er an, mit einem Maker seine Sätze zu kennzeichnen, damit er sie später lernen konnte. Ein paar Minuten vor halb vier schrak er auf. Sein Blick ging als erstes zur Uhr an der Wand. Eilig legte er die Sachen zur Seite und lief nochmal ins Bad, um sich ein wenig frischzumachen.
Er schnappte sich seine Jacke, tippte die Nummer von Mark ins Handy und lauschte auf das Freizeichen. Er wollte wissen, wo dieser gerade war, doch im selben Moment klingelte es an der Tür. „Verdammter Mist“, schimpfte er leise vor sich hin und fragte sich, wer just in diesem Moment etwas von ihm wollte. „Ich bin‘s nur, Alter! Brauchst mich auch nicht mehr anzurufen.“ Marks Gesicht strahlte und Craig gab seinem Freund die Hand.
„Hey, schön das du wieder da bist, wie war‘s in Deutschland? Was macht die Liebe?“ Mark grinste noch mehr in sich hinein. „Es war schön, die Con war schön, das Hotel war schön und… naja, der Rest war noch schöner. Deshalb habe ich ja noch ein paar Tage drangehangen. Ich konnte einfach noch nicht fahren, verstehst du?“
Craig nickte. „Ja, ich kann dich gut verstehen, würde mir wahrscheinlich nicht anders gehen, wenn ich die Liebe meines Lebens dort gefunden hätte. Hast du nun schon Nägel mit Köpfen gemacht und sie gefragt?“ Mark ging zu seinem Wagen, betätigte die Fernbedienung und stieg ein. Craig nahm neben ihm Platz. „Ja, ich habe sie gefragt, doch sie braucht noch Zeit um sich zu entscheiden. Ist ja nicht gerade ein kleiner Schritt, den sie machen würde.“
In Gedanken pflichtete Craig ihm bei. Natürlich würde es dem quirligen Rotschopf namens Tanja nicht leicht fallen, alles hinter sich zu lassen. Familie, Freunde, Ihre Arbeitsstelle, ihr Land. Dieser Schritt sollte wohlüberlegt sein, denn ein Zurück würde auch das Aus für die Beiden bedeuten. Mark hatte sich unterdessen in den Verkehr eingefädelt.
Karin hatte auch Mark unter Vertrag und so freute diese sich, als sie ihn wiedersah. Die beiden gingen etwas abseits und unterhielten sich leise. Craig holte sich derweil einen Kaffee aus der kleinen Küche, als er Dean über dem Weg lief. Die Beiden begrüßten sich kurz und begannen über das Xena Drehbuch zu reden.
Dean O’Forman war zwar etwas jünger als er, doch dieser konnte schon etliche Produktionen vorweisen, in denen er mitgespielt hatte. Das war auch kein Wunder, wo er doch schon mit 14 Jahren angefangen hatte zu schauspielern. Ihr Gespräch vertiefte sich so sehr, dass sie nicht merkten, wie Temura Morissen den Kopf zur Tür reinsteckte und fragte, ob er auch noch einen Kaffee haben könnte, bevor Karin sie alle um sie scharrte.
Craig nahm noch einen Becher für Mark mit, der ihn dankend annahm. Beide sahen sich um, wer noch alles zugegen war. Er sah bekannte Gesichter wieder, ein paar neue, auch ein paar, die er schon ewig kannte. Alle Altersklassen waren vertreten und jeder einzelne von ihnen wartete nun darauf, was Karin veranlasst hatte, sie alle zusammenzurufen.
Als sich alle einen Platz in dem doch recht kleinen Konferenzzimmer gesucht hatten, kam auch ihre Managerin. „Hallo alle zusammen. Ich freue mich euch zu sehen und bedanke mich erst einmal, dass ihr so zahlreich erschienen seid. Ich muss ehrlich sagen, das ich überrascht bin, das so viele gekommen sind.“
Gemurmel machte sich breit, was in etwa hieß, dass der Buschfunk noch ausgezeichnet funktionieren würde und das sich herumgesprochen hatte, das Karin etwas Großes plante. „Ihr alle habt in den nächsten 14 Tagen keine Verpflichtungen und da momentan auch nichts Besonderes ansteht, habe ich mir gedacht, dass wir für euch ein wenig Publicity machen. Nicht das ihr das nötig hättet, aber der internationale Markt sieht so etwas sehr gern und es bleibt in den Köpfen der meisten Verantwortlichen auch hängen.“
Jeder der Anwesenden wusste, dass das stimmte. Nicht das sich die Neuseeländischen Schauspieler verstecken müssten, nein, das ganz gewiss nicht. Doch auch dieser Markt wurde hart umkämpft und da zählte einfach jeder Pluspunkt. Und wenn ein Schauspieler eine Rolle bekam, dann ging es auch dem Management gut. Schließlich waren es Karin und ihre Kollegen, die die meisten Rollen für sie an Land zogen.
„Ihr wisst ja, bald ist Weihnachten und glaubt mir wenn ich euch sage, dass das nicht für alle Menschen ein glückliches fest wird. Es war ein Zufall, dass Craig zu mir kam und mir etwas schilderte, was mich fortan nicht mehr in Ruhe ließ. Ich habe eigene Nachforschungen dazu angestellt und ihr glaubt gar nicht, wie ernüchternd die waren. Doch ich will erst mal Craig zu Wort kommen lassen, damit er euch schildern kann, was er gesehen hat…“
Craig stand auf und drehte sich zu seinen Kollegen um. Das Bild am Flughafen hatte sich tief in seine Seele gebrannt und so viel es ihm nicht schwer, davon zu berichten. Er sah diese Szene vor seinen inneren Augen so deutlich, als wäre sie gerade erst geschehen. Als er seinen Bericht beendet hatte, sah er fassungslose Gesichter. Bestürzung, Trauer, Wut, Betroffenheit, Entsetzen – all das und noch viel mehr spiegelte sich in den Augen der Anwesenden wieder.
„Mein Gott, das gibt’s doch gar nicht.“ Savannah, eine der Nachwuchsschauspielerinnen, standen die Tränen in den Augen und nicht nur ihr. Craig setzte sich wieder und spürte, wie Mark eine Hand auf seine Schulter legte und diese aufmunternd drückte. Karin ließ die Worte noch eine Weile wirken.
„Wir können zwar an diesem Krieg nichts ändern, doch wir können den Opfern, die hier bei uns in den Hospitälern behandelt werden, ein wenig Trost spenden. Und damit sind wir nicht allein. Der Aufruf ist an alle Unternehmen gegangen, an alle Firmen und Privatleute. Viele haben sich gemeldet, die ein Kind über die Feiertage aufnehmen wollen, oder die Sachspenden abgegeben haben. Es wurde schon viel getan, doch es ist noch nicht genug. Viele der Opfer können das Krankenhaus nicht verlassen. Ich habe mich hier im Sankt Elisen Hospital umgehört und unsere Hilfe angeboten.“
Kapitel 5
Karin legte eine Mappe auf den Tisch. Ein kleiner Stapel Bilder ergoss sich daraus, jedoch waren sie umgedreht und nur eine Nummer war zu sehen. „Jeder von euch, der helfen möchte, nimmt sich ein Bild. Die Nummer gibt an, in welchem Zimmer der Patient liegt. Es ist, wie gesagt, freiwillig. Ich will und kann niemanden dazu zwingen.“ Karin wollte eigentlich noch etwas sagen, doch sie kam nicht mehr dazu.
Mark breitete die Bilder richtig aus und als er fertig war, griff er sich das erstbeste Bild. Er drehte es um und war für einen Moment die Ruhe selbst. Dann entfloh ihm ein keuchen und er legte sich eine Hand über die Augen. Natürlich hatten die, die in seiner Nähe gesessen hatte, einen Blick auf das Foto werfen können. Sie alle wussten, das Mark so schnell nichts aus der Ruhe bringen konnte, doch das Bild des kleinen Jungen, der ängstlich in die Kamera geschaut hatte, schon.
Nach und nach griff nun jeder der Anwesenden zu. Eine bedrückende Stille breitete sich aus und lastete auf jedem einzelnen. Gesichter sahen ihnen entgegen, fremde Menschen, gezeichnet durch einen Krieg, den niemand wollte, der aber mit brachialer Gewalt in ihrer Heimat zugeschlagen hatte. Die Bilder zeigten Jungs und Mädchen, junge und ältere Frauen. Das eigenartige war, das niemand ein Bild von einem Mann hatte, egal welchen Alters.
Craig sah auf sein Foto und fragte sich, ob dieser Mensch männlich oder weiblich war. Das Gesicht war bis auf die geschlossenen Augen mit weißen Binden bedeckt. Im Hintergrund sah er verschiedene Apparaturen und Infussionsständer. Wieder kam ihm das Gesehene auf dem Flughafen hoch, wieder hörte er diesen gellenden Schrei. Craig atmete tief durch. Noch immer war es still im Raum. Karin hatte die restlichen Fotos wieder eingesammelt. Doch auch sie hatte ein Bild vor sich liegen.
Als sie dann zu ihnen sprach, war ihre Stimme nicht mehr so kraftvoll wie vor ein paar Minuten. „Ich sehe, es geht euch allen an die Nieren, und glaubt mir, mir geht’s nicht besser. Jeder soll für sich entscheiden, wann er ins Hospital geht. Die Verständigung wird ein Problem werden, doch es sind Dolmetscher vor Ort die euch sehr gern unterstützen. Ein paar der Opfer sprechen auch unsere Sprache. Es sind auch Fotografen da, die euch sehr wahrscheinlich begleiten werden. Sie wurden speziell dafür ausgesucht und wissen, wann sie nicht erwünscht sind. Es ist wie gesagt bald Weihnachten, denkt daran. Ich wünsch euch alles Gute und haltet mich auf dem Laufenden, ja?“
Dean und Savannah verließen als erstes den Raum. Sie brauchten dringend eine Zigarette. Die anderen blieben noch für einen Moment sitzen. „Das ist doch so eine verdammte Scheiße, wie nur soll ich diesem Kind in die Augen sehen?“ Temura sprach genau das aus, was sich wahrscheinlich alle dachten, Craig und Mark eingeschlossen. Mark sah noch immer auf sein Foto und sagte leise: „Das frag ich mich auch.“
„Ich weiß noch nicht einmal, ob es ein Kind ist. Ich sehe nur die Augen…“ Mark beugte sich ein wenig nach vorn, um sich Craigs Bild anzusehen. „Hm, schwer zu sagen.“ Beide saßen noch eine Weile da, bis Craig fragte: „Sag mal, wann gehst du hin?“ Mark wischte sich über die Augen. „Oh man, ich weiß gar nicht mehr, ob ich das überhaupt möchte. Ich habe ehrlich gesagt Schiss davor. Am besten ich mach es gleich morgen, ehe ich es mir anders überlege. Kommst du mit?“
Craig nickte. „Ja klar, ist mir recht. Dann brauch ich wenigstens nicht allein zu gehen. Soll ich dich so gegen zehn abholen?“ Mark nickte nur und zog sich seine Jacke über. „Wie sieht’s aus, Lust auf den Weihnachtsmarkt? Da soll ein deutscher Stand sein…“ Er leckte sich über die Lippen und seine Hand kreiste auf seinem Bauch. Craig konnte sich schon vorstellen, dass ihn Tanja so richtig verwöhnt hatte und Mark liebte die deutsche Küche über alles. Vor allem die Bratwurst mit Senf hatte es ihm angetan und natürlich das deutsche Bier.
Sie verabschiedeten sich noch von Karin, die schon wieder am Telefon zugegen war, um einen neuen Auftrag für einen ihrer Schützlinge an Land zu ziehen. Mark ließ das Auto stehen, denn bis zum großen Marktplatz waren es nur zehn Minuten zu Fuß. Schon hundert Meter davor streckte Mark seine Nase in den Wind und nach ein paar weiteren Schritten konnte es auch Craig riechen. Nachdem Mark auf dem Weg viel von Deutschland erzählte, boten Bratwurst und Grillfleisch eine willkommene Abwechslung. Und nach dem dritten Bier waren auch die Bilder in ihren Taschen vergessen…
***
Am nächsten Morgen dröhnte Craig der Schädel. Er hatte einen schalen Geschmack im Mund und seine Zunge hatte sich in ein pelziges Etwas verwandelt. Er drehte sich auf den Rücken, stöhnte jedoch gleich auf, als ein Sonnenstrahl sein Gesicht streifte. Innerlich verfluchte er sich gerade, dass er die Vorhänge am gestrigen Abend nicht geschlossen hatte. Er drehte sich wieder auf den Rücken und warf einen Blick auf den Wecker.
„Verdammter Mist.“ Von einer Sekunde auf die andere war er hellwach. Das Display zeigte im 09:16 Uhr an. Er schimpfte sich einen Trottel und noch andere Dinge, er hatte vergessen, den Wecker zu stellen. Die Bettdecke flog zur Seite, und ebenso schnell der Pyjama, wovon er allerdings nur das Oberteil trug, dazu auch noch verkehrtherum und links. Er schwor hoch und heilig nie wieder soviel von dem dunklen starken Bier zu trinken.
Unter der Dusche wurde er richtig munter. Nach einer anschließenden schnellen Rasur suchte er passende Sachen aus dem Schrank und schlüpfte geschwind hinein. Undeutlich konnte er sich noch daran erinnern, das Mark ihn nun doch abholen würde und nicht er ihn. Er wusste schon jetzt, das er viel früher da sein würde, schon allein weil es bei ihm frisch gebrühten Kaffee gab, denn Mark vergas jedesmal beim einkaufen das Kaffeepulver. Craig hatte gerade Wasser in den Tank der Kaffeemaschine gefüllt und diese angestellt, da klingelte es auch schon. Die Uhr zeigte zwanzig vor acht an.
„Morgen. Ah, gerade zur rechten Zeit.“ Mit diesen Worten trat Mark ein, schob sich an Craig vorbei in die Küche, griff in das Regal mit den Kaffeebechern und nahm zwei heraus. Im Kühlschrank fand er Milch für Craig, und in einem Hochschrankfach ein Päckchen mit Würfelzucker für ihn selbst. Im obersten Schubfach griff er sich zwei kleine Löffel und platzierte alles auf Craigs Küchentisch. Dort stand noch eine angebrochene Packung Kekse, die Mark erst einmal vorsichtig auf Genießbarkeit testete.
Er schien damit sehr zufrieden zu sein, denn er griff noch einem zweiten Keks, als es in der Kaffeemaschine anfing zu blubbern. Sofort war er zur Stelle und zog die dampfende Kanne hervor. Er füllte die beiden Becher, schob seinem Freund einen zu und setzte sich. Craig war dies schon alles gewöhnt und sah es gelassen. Schweigend tranken sie das heiße Gebräu. Craig hatte unterdessen sein Foto hervorgeholt und sah es an. Mark nötigte ihm einen Keks auf, mit den Worten: „Nimm schon, du wirst es brauchen. Glaub mir.“ Noch wussten beide nicht, wie recht er damit haben sollte…
Kapitel 6
Nachdem die Küche wieder aufgeräumt war und die zwei Becher wieder sauber an ihrem Platze standen, machten sich die beiden los. „Oh man, ich glaube das letzte Bier war definitiv schlecht gewesen“, versuchte Craig ein Gespräch zu beginnen, um seiner Nervosität Herr zu werden. „Also mir hat‘s geschmeckt. Ich habe auch nicht soviel davon getrunken wie du.“ Craig zog die Stirn kraus. „So viele waren es ja nun auch nicht. Sag mal, hattest du dein Auto gestern nicht beim Management stehen lassen?“
Mark sah Craig kurz an und grinste. „Wusste ich es doch, es waren doch so viele. Ich habe gestern noch eine Freundin angerufen, sie hat mein Auto geholt und uns anschließend heim gefahren. Du hast Chris dabei ganz schön angebaggert.“ Craig wollte erst was darauf erwidern, doch ihm fiel nichts Passendes ein. Er konnte sich absolut nicht daran erinnern und schon gar nicht an Chris.
Mark lenkte den Wagen auf einen großen Parkplatz. Sie stiegen beide aus und sahen das hohe Gebäude vor sich aufragen. Craig schluckte, fasste sich aber dennoch ein Herz und machte den ersten Schritt. Mark blieb an seiner Seite, auch als sie das Portal hinter sich ließen und in das geschäftige Treiben des Hospitals eintauchten. Craig entdeckte an einer Wand ein Schild und ging darauf zu. Hier waren die Stationen verzeichnet und auch die Zimmernummern dazu.
Craig drehte das Bild um. Zwei neun acht stand auf seinem, und die Station laut dem Schild war die Innere. Mark las eins sieben sieben ab und fand dieses Zimmer auf der Kinderstation, wie er sich schon gedacht hatte. Der Aufzug war genau um die Ecke und öffnete sich just in diesem Moment. Beide stiegen ein und beide hatten das Gefühl, als wenn sich der Magen verknotete. Als Mark in der ersten Etage ausstieg, warf er Craig einen undefinierbaren Blick zu und atmete nochmal tief durch.
Die Tür schloss sich wieder und Craig war allein. Ein leisen klingeln kündigte die zweite Etage an und Craig stieg aus. Die Innere Station glich einem Tollhaus. Hier herrschte ein Gewusel ohne Ende. Craig beschloss wieder zu gehen, denn nun erreichte ihn auch der typische Geruch nach Krankenhaus. Er drehte sich um und blickte in ein junges, leicht gebräuntes Gesicht, mit graublauen Augen.
Sie blickten ihn fragend an, doch nur einen Moment später leuchtete Erkennen in ihnen auf. „Mister Parker, kann ich ihnen vielleicht helfen?“ Craig räusperte sich und sah zu Boden. Natürlich war er in seinem Heimatland bekannt. Normalerweise störte ihn das manchmal ein wenig, doch in diesem Moment nicht und das erstaunte ihn doch ein wenig. „Ähm, ich weiß nicht. Ich…ähm…suche Zimmer zwei neun acht. Aber ich glaube ich komme später nochmal wieder, ist grad viel los hier.“
Er deutete auf die vielen Ärzte, Krankenschwester und Pfleger, die eilig über den langgestreckten Flur liefen. Seine Finger hatten das Bild aus der Jackentasche gefischt und hielten es fest. Der junge Mann in weiß lächelte nun. „Entschuldigen Sie bitte, doch wir haben heute früh jede Menge neue Fälle rein bekommen, deswegen die Aufruhr. Momentan geht es bei uns drunter und drüber. Das Zimmer das sie suchen ist das vierte von hier, auf der rechten Seite. Ihr Name ist Seraja. Gehen sie schon mal vor, ich komme gleich nach.“
Craig nickte und sein Blick fiel auf das kleine Namensschild. Dr. med. Daniel Morris stand darauf. „Ok Doc“, erwiderte er dann und der Mediziner verschwand mit einem aufmunternden Lächeln in seine Richtung im Aufzug. Craig atmete tief durch, wandte sich um und ging den Gang entlang. Vor dem Zimmer hielt er an und legte eine Hand auf die Klinke, drückte sie jedoch nicht runter. Wieder kamen Zweifel in ihm auf.
Doch die hatten keine Chance, denn die Türe wurde von innen geöffnet. Eine Schwester mit einem Tablett stand auf einem mal vor ihm und sah ihn fragend an. Doch sie sah das Bild und ein beruhigendes Lächeln glitt über ihre Züge. „Gehen sie nur rein. Da steht ein Stuhl an ihrem Bett. Sie schläft gerade, aber ich denke, sie würde sich sehr über Besuch freuen.“ Sie nickte ihm nochmals zu und schob sich an ihm vorbei auf den Flur.
Craig stand nun im Halbdunkel des Raums und sah sich um. Nur ein Bett stand darin. Zahlreiche Monitore zeigten verschiedene Werte an und piepsten leise vor sich hin. Aus großen Spritzen wurde in regelmäßigen Abständen etwas in dünne Schläuche gepumpt, die unter der Bettdecke verschwanden. Ein Gerät fing leise an zu summen und ein nicht enden wollender Papierstreifen ergoss sich zu Boden.
Die Gestalt unter dem dünnen Laken bewegte sich nicht. Craig konnte allerdings erkennen, dass sich die Brust hob und senkte. Leise ging er näher und blieb vor dem Bett stehen. Seraja stand auf einem schmalen Papierstreifen, der auf dem kleinen Namensschild am Fußende des Betts klebte. Alles Mögliche schoss Craig durch den Kopf, doch die zentrale Frage war, was ihr zugestoßen sein konnte. Mann konnte rein gar nichts erkennen, das sie fast komplett mit Mullbinden umwickelt war. Der Kopf, Schultern, Arme und Hände, all das war bandagiert.
Hinter ihm öffnete und schloss sich leise die Zimmertür. Craig brauchte sich nicht umzudrehen, er wusste auch so, wer es war. Still verharrte derjenige an der hinteren Wand. Als sich Craig endlich von dem Anblick vor ihm losreißen konnte, kam der andere näher.
„Das ist Seraja, sie ist vierzehn Jahre alt. Sie wurde letzte Woche mit einem Flug aus dem Irak gebracht. Sie hat schwerste Verbrennungen am ganzen Körper, fast neunzig Prozent sind betroffen, alle mit zweiten und dritten Grad.“ Craig schloss die Augen und der Doc hielt inne. „Mein Gott, wie konnte so etwas denn nur passieren? Kann sie das überhaupt überleben?“ Craig sah Stephen an. „Bis jetzt konnten wir noch kein Wort mit ihr reden, sie ist noch immer ohne Bewusstsein. Wir können nur beten, dass sie das überlebt. Alles hängt davon ab, ob sie auch den Willen dazu hat.“
Craig ging um das Bett herum und setzte sich in den bequemen Stuhl, der an ihrer Seite stand. Der linke Arm lag auf dem weißen Laken und Craig wagte es, nach ihrer Hand zu greifen. Ganz vorsichtig streichelte er darüber und sah in ihre Augen, die jedoch noch immer geschlossen waren. „Darf ich einen Moment hier sitzen bleiben?“ Der Doc legte ihm eine Hand auf die Schulter. „Natürlich Mister Parker. Bleiben sie solange sie wollen…“
Daniel sah den unverhofften Besucher noch eine Weile an und ging dann zur Tür. „Craig, sagen Sie einfach Craig zu mir, bitte.“ Die leise Stimme überraschte ihn genauso, wie das Angebot. „Dann sagen sie bitte Stephen zu mir, ok?“ Mit diesen Worten verschwand er und ließ den Schauspieler am Bett seiner Patientin zurück.
Kapitel 7
Craig schossen alle möglichen Gedanken im Kopf herum. Er wusste nicht, warum er über die Hand des Mädchens vor ihm streichelte. Warum war sie so verletzt? Kam das vom Krieg? Wer hatte ihr das angetan? Die Amerikaner? Oder die verfluchten Iraker mit ihren zusammengebastelten Waffen? Oder war es eine Bombe gewesen? Oder ein Selbstmordanschlag, von denen man soviel hörte und die so viele Menschen in den Tod rissen? Craig wusste es nicht, wahrscheinlich wusste es hier niemand.
Die Zimmertür öffnete sich wieder. Eine Schwester kam herein. Sie notierte sich einige Werte auf einem Klemmbrett und verschwand wieder. Seraja bewegte sich etwas und ihre Hand schloss sich um seine. Craig sah diese zierliche Hand an, die nun mit soviel Kraft die seinige umschlossen hielt. Er wusste nicht, ob sie Schmerzen litt und er schickte ein Stoßgebet nach oben, das es nicht so war. Er wusste selbst, dass die Aussichten auf Heilung sehr schlecht standen, im Grunde genommen gab es sie eigentlich nicht.
Neunzig Prozent der Haut waren einfach zu viel zerstörtes Körperoberfläche. Sie würde auch nie wieder so aussehen wie früher, würde wahrscheinlich nie mehr lachen können, nie mehr richtig laufen, nie mehr ein Kleid anziehen, nie mehr auf die Straße gehen können, ohne das sie von Blicken nur so traktiert wurde. Eigentlich würde sich ihr Leben von Grund auf ändern, es würde nie mehr so sein wie früher, nie mehr…
Craig verlor sich in Überlegungen, was hätte sein können und was nicht, warum es passiert war und wer die Schuld daran trug. Seraja bewegte sich noch ein paar Mal und jedes Mal sagte er leise Worte zu ihr und verfluchte in Gedanken diesen Krieg. Sie war sicherlich einmal sehr schön gewesen. Er hatte Bilder im Fernsehen gesehen, von Frauen in langen bunten Gewändern oder in der normalen schwarzen Tracht, die meistens nur die Augen frei lies.
Sie war eher schmächtig von der Gestalt her, und das bisschen an Haut was er an ihrer Hand sah, war von einem satten dunklen Goldton. Der Rest ihres Körpers war entweder mit weißem Mull bedeckt, oder lag unter dem hellen Laken. Craig stütze den anderen Arm auf die Lehne des Stuhls und wischte sich mit der Hand über die Augen. „Sie ist doch noch ein Kind, das alles darf doch nicht wahr sein, das gibt’s doch gar nicht…“
„Oh doch, sowas gibt es und es ist beileibe nicht der einzige Fall.“ Craig schrak hoch. Er hatte nicht bemerkt, dass sich die Zimmertür geöffnet hatte und Daniel hereingekommen war. Dieser knipste eine kleine Lampe über den zahlreichen Geräten an und sah besorgt auf die Werte. „Weiß man denn, wer die Schuld an ihrem Zustand trägt?“ Für Craig gab es eigentlich nur zwei Antworten: entweder waren es fremde Soldaten gewesen oder die eigenen. Doch die Antwort, die er von Daniel Morris bekam, war nicht das, was er erwartet hatte und schockte ihn dafür umso mehr.
„Es war ihre eigene Familie, beziehungsweise die, in die sie eingeheiratet hatte…“ Der Doc sah, wie Craig ungläubig die Augen aufriss, ihn anstarrte und dann auf Seraja sah. „Aber sie ist doch noch ein Mädchen, ein Kind, gerade mal 14 Jahre alt…“ Craigs Stimme war immer leiser geworden. Daniel sah ihm an, dass ihn das sehr mitnahm und rückte einen Stuhl an die andere Seite des Bettes.
„Wir wissen nicht viel, weil die Unterlagen nicht komplett waren. Die amerikanischen Ärzte vor Ort konnten uns nur das wichtigste mitteilen, doch wir konnten eins und eins zusammenzählen und kamen auf einen Nenner. Seraja wurde als Baby schon einer Familie in ihrem Ort versprochen. Den Jungen, den sie einmal heiraten sollte, war bereits 16 Jahre alt. Es war so, wie es fast überall in diesen Ländern ist. Als Kinder versprochen, die Männer fast doppelt so alt oder älter. Die Mädchen haben keine Kindheit, keine Bildung und erst recht keine Rechte.“
Ein Gerät fing hektisch an zu piepsen und Daniel erhob sich. Rasch wechselte er eine große Spritze aus, in der sich ein schmerzstillendes mittel befand. Die neue wurde wieder angeschlossen und das Gerät gab die vorgesehene Dosierung in einen der durchsichtigen Schläuche ab, deren ende sich irgendwo unter Serajas Laken befand. Rasch notierte der Doctor noch etwas auf ihrer Krankenakte und setzte sich dann wieder ans Bett.
„Sie heiratete mit 12 Jahren ihren Mann Jussuf, der damals also 28 war. Viel hatte sie nicht, als sie bei ihm einzog, denn ihre Eltern waren eher mittellos und froh, das sie eine gute Mitgift einbrachte. Fortan war sie den Schikanen der Schwiegereltern und seiner ganzen Familie ausgesetzt. Ihr Mann kümmerte sich nicht um solche Sachen, er stand ihr nicht bei, nicht ein einziges Mal wenn die Schwiegermutter sie mal wieder verprügelte. Wir haben auf den Röntgenbildern so viele alte Verletzungen sehen können, das es uns schier das atmen versagte.“
Die Zimmertür ging auf und eine Schwester steckte den Kopf herein. „Hier sind sie Herr Doctor. Könnten sie mir wohl diese Anweisungen hier gegenzeichnen?“ Es war dieselbe Schwester, die Craig vorher schon einmal gesehen hatte. Sie warf ihm ein warmes lächeln zu, nahm die Papiere wieder von Daniel entgegen und verabschiedete sich leise. Daniel räusperte sich: „Wo waren wir gerade? Ach ja…“
„In den Papieren stand auch, dass sie auch andere Verletzungen gehabt hatte. Wir können nur vermuten, dass ihr Mann sie wiederholt gegen ihren Willen genommen hatte und das mit fast schon brutaler Gewalt, doch als Ehemann war dies sein Vorrecht. Wir fanden Abrücke von Fesselungen an Armen und Beinen. Das erste Kind bekam sie dann mit 13, das zweite genau neun Monate danach. Beides waren wohl Mädchen gewesen und waren in den Augen der Familie nicht das Geringste wert. Die Amerikaner glaubten, das Jussuf zu den aufständischen gehörte, denn in seinem Haus fand man wiederholt Waffen und verschiedene Einzelteile für Sprengsätze. Da er jedoch nie zu Hause war, konnte man der Familie nichts anlasten.“
Daniel stand auf und fragte leise: „Möchten sie auch etwas zu trinken haben?“ Craig sah hoch und nickte. Zuviel kreiste in seinem Kopf umher. Das gehörte war so unglaublich, das sich sein Gehirn weigerte, die Tatsachen zu akzeptieren. Doch es war alles real und die Bilder die sich in seinem Kopf formten waren so fürchterlich, das es ihm die Tränen in die Augen trieb. Grenzenloses Mitleid stieg in ihm auf und in seiner Brust formte sich ein Ballen aus reiner Wut…
Kapitel 8
Daniel kam kurze Zeit später wieder herein. In beiden Händen trug er große Kaffeetassen und gab Craig eine davon ab. „Vorsicht heiß“, warnte er ihn noch und holte aus der Tasche seines Kittels zwei Zuckertütchen und einen kleinen Löffel heraus. Craig nahm beides mit einem dankbaren nicken entgegen, stellte die Tasse auf den kleinen Nachttisch, öffnete den Zucker und ließ ihn beim herumrühren langsam ein rieseln. Daniel tat es ihm gleich, nahm vorsichtig einen ersten Schluck und lehnte sich zurück.
„Die Familie kümmerte sich weder um sie, noch um ihre Kinder. Es kam wie es kommen musste. Durch den anhaltenden Krieg fing die Bevölkerung an zu hungern. Die Besatzungsmächte boten zwar Unterstützung in Form von Lebensmitteln und ärztlicher Betreuung an, doch die Bevölkerung lehnte dieses kategorisch ab. Serajas erstes Kind starb wohl, ob allerdings an Unterernährung oder an einer Krankheit war nicht zu erfahren.“
Er nahm wieder einen Schluck Tee und rieb sich über die Augen. Craig sah die dunklen Ringe unter seinen Augen und fragte sich, wie lange der Doc wohl schon auf den Beinen war. Er warf einen Blick auf seine Armbanduhr und konnte nicht glauben, dass es schon so spät war. Es begann bereits dunkel zu werden und die Geräusche vom Flur waren fast nicht mehr zu hören. Stille war in das Krankenhaus eingekehrt.
„Da sie von der Familie ihres Mannes keinerlei Unterstützung zu erwarten hatte und sie ihr anderes Kind vor dem Hungertod bewahren wollte, schlich sie sich heimlich in einer unbeobachteten Minute von zu Hause weg. Ihr Ziel war der nah gelegene US Stützpunkt, wo sie auf Hilfe hoffte. Sie und ihr Kind wurden dort aufgenommen. Sie bekamen ärztliche Hilfe und vor allen Dingen etwas zu essen. Die Familie bekam davon Wind und verlangte die Herausgabe der Abtrünnigen. Da die Amis keine Befugnis hatten Seraja noch länger festzuhalten, bekam die Familie ihr recht.“
Daniel seufzte auf und trank den Rest seines Tees. „Ein paar Tage später sah eine Patrouille nach dem rechten in dem Dorf. Wieder wurde das Haus durchsucht, doch dieses Mal wurden sie auch fündig. Jussuf war da, zusammen mit einem paar hochrangiger Anführer. Sie wurden gefangen genommen und auch die Familie wurde verhört. Ob Seraja Hinweise dazu gegeben hatte, wissen wir nicht. Zwei Tage später fanden Wachen ihren Körper vor den äußeren Toren des Stützpunktes. Da war das hier schon passiert…“
Craig atmete zischend ein. „Wollen sie damit sagen, dass das hier ihre Familie war? Ihre eigene Familie hat sie derart zugerichtet?“ Daniel sah ihn an und nickte langsam. „Ja, das glauben wir. Es wird vermutet, dass sie Schande über sich und ihr Haus gebracht hatte. Man fand Rückstände von Benzin auf ihrer Haut, beziehungsweise was davon noch übrig geblieben ist. Derjenige, der sie zu dem Stützpunkt gebracht hat, hatte es bestimmt nur gut mit ihr gemeint und auf Hilfe für sie gehofft. Ob es allerdings wirklich so gut war, kann ich im Moment noch nicht sagen.“
Daniel sah auf seine Uhr und stand auf. „So, ich muss jetzt noch eine letzte Runde machen und dann werde ich erst mal ein paar Stunden schlafen. Ich war jetzt 48 Stunden auf den Beinen. Sie können gern noch ein paar Minuten bleiben Craig, die Nachtschwester kommt dann auch gleich und gibt ihr was, damit sie durchschlafen kann bis morgen früh. Wir hoffen ja, das sie irgendwann über den Damm ist und sie die Augen öffnet…“
Er kam ums Bett herum und reichte Craig die Hand zum Abschied. „Lassen sie das hier nicht zu sehr an sich heran, sonst werden sie keine ruhige Minute mehr haben. Ich weiß das zu schätzen, dass sich ihre Agentur hier engagiert, doch ich hätte mir gewünscht, dass sie einen weniger schlimmeren Fall bekommen hätten. Nun ja, sie können morgen gern wieder kommen wenn sie möchten. Machen sie es gut, Craig.“
Im Nachhinein konnte Craig nicht mehr genau sagen, wann er das Krankenhaus verlassen hatte. Marks Wagen stand nicht mehr auf seinem Platz, überhaupt standen da nur noch wenige Autos. Craig nahm das alles wie durch einen Schleier war. Nie im Leben hätte er gedacht, das ihn ein solches Schicksal so mitnehmen würde. In Gedanken überschlug er Serajas Möglichkeiten. Für ihn gab es da natürlich keine Frage, nach Hause wollte sie bestimmt nicht. Es standen noch so viele Behandlungen an, noch so viele Operationen.
Fest stand für ihn allerdings, dass er sie auf ihrem langen Weg der Genesung begleiten wollte. Er machte nie halbe Sachen und diese hier lag ihm sehr am Herzen. Ein quietschen ließ ihn zusammenzucken und erschrocken blickte er um sich. Seine Füße hatten ihn Schritt für Schritt davon getragen und momentan wusste er ehrlich nicht, wo er genau war. Vor ihm stand ein Taxi und der Fahrer fragte: „Hey, kann ich sie irgendwohin fahren?“
Erleichtert kletterte er auf die Rücksitzband und nannte dem Fahrer die Adresse von Mark. Er konnte jetzt nicht allein sein, mit irgendjemand musste er reden, denn sein Innerstes war ein einziges durcheinander. Und Mark konnte er alles anvertrauen, schließlich kannten die beiden sich schon ewig und Craig war froh, ihn zu seinen besten Freund zählen zu dürfen.
Die Fahrt dauerte ein paar Minuten, doch schließlich hielten sie vor einem wunderschönen Haus, welches sein Freund, nach der Trennung von Frau und Kinder, allein bewohnte. Craig gab dem Fahrer sein Geld, dieser wünschte ihm noch einen schönen Abend und als er auf die Haustür zuging, öffnete sich diese schon wie durch Zauberhand.
Mark bat ihn herein, bot ihm ein Bier an und sogleich fing er an zu erzählen. „Man, der Kleine ist echt süß. Nadir heißt der Kleine und ist mit seinem Bruder dort. Sie haben ihre Eltern verloren und werden wohl hier bleiben. Ich hoffe, sie bekommen tolle neue Eltern. Wir waren in der Cafeteria und haben Muffins gegessen. Danach gab es ein Eis und mein Gott, du hättest diese lachenden Kinderaugen sehen sollen…“
Mark verlor sich in seinen Erinnerungen und ihm war anzusehen, das er ein paar sehr aufregende schöne Stunden verbracht hatte. Craig entdeckte auch auf dem einen Sideboard ein paar eingepackte Geschenke und wusste gleich, für wen die sind. Craig freute sich für ihn und neidete ihm ein wenig die schöne Zeit. Anfangs kam aus seinem Mund noch ein „ah“ oder ein „oh“, mal ein „ja“, doch dann gewannen seine Erinnerungen an Seraja wieder die Überhand und er zog sich innerlich zurück.
„Hey, du sagst ja nichts mehr. Wir sitzen jetzt schon seit zehn Minuten still da, hasst du mir überhaupt zugehört?“ Eine Berührung an seinem Arm ließ Craig aufschrecken. Seine lehre Bierflasche wurde durch eine volle ersetzt und Mark sah ihn fragend an, als er sich wieder ihm gegenüber setzte. „Entschuldige bitte, das war heute etwas zu viel auf einmal…“ Er atmete tief ein und nahm ein Schluck vom kalten Bier.
Mark indes sah seine Freund an, das er innerlich litt. „Was ist los?“, fragte er leise und stützte die Arme auf die Knie. Craig ließ sich an die Lehne sinken, schloss die Augen und fing an zu erzählen, was er im Krankenhaus erlebt hatte…
Kapitel 9
Mark unterbrach ihn dabei nicht, als er erst stockend, dann immer flüssiger vom Schicksal Serajas erzählte. Ihm, der selber zwei wunderschöne Kinder besaß, tat es in der Seele weh. Er stöhnte auf, schüttelte den Kopf über so viel Fassungslosigkeit und wünschte sich, dass sich der Boden auftun sollte, um diese Familie zu verschlingen.
Als Craig schließlich mit seinem Bericht geendet hatte und er sich den Arm über die Augen gelegt hatte, meinte Mark ein verhaltenes schluchzen zu hören. Er setzte sich an die Seite seines Freundes und zog ihn in seine Arme. Einen Augenblick später spürte er Craigs heiße Tränen auf seiner Schulter.
„Oh man, es tut mir so leid.“ Craig zog ein Taschentuch aus seiner Jeans und wischte sich über die Augen. „Schon gut, ich habe es ja nicht anders gewollt.“ Noch lange unterhielten sie sich über dieses Thema welches sie beide so mitgenommen hatte. So ungleich ihre Erfahrungen auch gewesen waren, tat es doch gut mit jemanden darüber zu reden. Und das taten sie auch, bis Mark irgendwann auf die Uhr sah und aufstöhnte.
„Man, es ist ja schon nach zwei. Ich muss um acht im Studio sein, um die Moderation der Silvestergala mit den anderen durchzusprechen. Bleib einfach hier, wenn du magst. Du weißt wo das Gästezimmer ist.“ Ja, das wusste er, schließlich war es nicht das erste Mal, dass er bei Mark übernachtete. Beide wünschten sich eine gute Nacht und gingen in ihre Zimmer.
Craig lag noch lange wach, er konnte einfach nicht einschlafen. Wieder und wieder ging im Seraja durch den Kopf, was sie alles durchmachen musste, was sie aufgegeben hatte und was ihr genommen wurde. Aber er dachte auch an die Zukunft und das was alles noch vor ihr lag. Leicht würde die Zeit nicht werden und ob die ein Erfolg sein würde, stand auch noch in den Sternen.
Etwa gegen vier war er noch immer wach und beschloss, sich eine Milch mit Honig zu machen. Zwar hatte er an diesem neuen Tage nichts Geschäftliches vor, doch ein paar Stunden Schlaf wollte er doch noch abbekommen. Barfuß schlich er die Treppe nach unten in Marks Küche, nur um erschrocken wieder zurückzuweichen. Gerade hatte er den Kühlschrank geöffnet, da nahm er hinter sich eine Bewegung war.
„Mein Gott Mark, du bringst mich noch ins Grab!“ Der jedoch kicherte vor sich hin, froh seinen Freund endlich mal erschrecken zu können. „Wie du mir, so ich dir! Sag mal, was machst du überhaupt ihr, außer meinen Kühlschrank zu plündern?“ Craig gab nur ein „Tsss…“ von sich, füllte zwei hohe Gläser mit Milch und gab jeweils einen großen Löffel Honig dazu. Beide Gefäße gab er in die Mikrowelle und schaltete diese ein. Nach ein paar Sekunden war ging diese wieder aus und Craig stellte eins der Gläser vor Mark ab, der ihn fragend ansah.
„Hier, trinken, und dann ab ins Bett mit dir. Du hast bestimmt noch kein Auge zugemacht, oder?“ Mark schüttelte den Kopf und trank wortlos das Glas fast bis zur Neige aus. Beide wechselten noch ein paar Worte und dann kam die Müdigkeit. Gähnend machten sich die beiden wieder auf den Weg in ihre Betten und schliefen nach ein paar Minuten auch ein…
***
Um diese Zeit war Doctor Daniel Morris schon wieder auf den Beinen. Er hatte nach seinem 48 Stunden Dienst ein paar Stunden in seiner kleinen Wohnung geschlafen, doch die Unruhe hatte ihn vorzeitig wieder in die Klinik getrieben. Er hängte seine schwarze Leder Motorrad-Kombi in den Spind, zog eine weiße Hose und den Kittel über. Seine Füße schlüpften in ebenfalls weiße Clogs. Als letztes legte er sich noch das Stethoskop um den Hals und trat auf den Flur hinaus.
Schwester Maria, die sich hauptsächlich um die Patienten aus dem Irak kümmerte, war auch schon da und gab ihm schnell einen Überblick. Die Nachtschwester hatte nicht soviel zu tun gehabt, da die Nacht auf seiner Station sehr ruhig gewesen war. Doch sie hatte die Zeit sinnvoll genutzt und angefangen die Etage weihnachtlich zu schmücken. Bei Daniel kamen noch keine festlichen Gefühle auf, zu sehr galt seine Sorge seinen Patienten, deren Leben noch immer auf der Kippe stand.
Und zu diesen gehörte auch Seraja, deren Werte an diesem Morgen alles andere als gut waren. An einigen konnte er erkennen, dass sich eine Entzündung eingeschlichen hatte, an anderen das der Wasserhaushalt nicht im Gleichgewicht war. Daniel überprüfte ihre Medikamente und fügte noch zwei weitere hinzu. Er runzelte die Stirn und betete, dass es nur eine vorrübergehende Sache war.
„Doctor? Seraja ist aufgewacht…“ Maria sah ihn mit leuchtenden Augen an und zu zweit gingen sie den Gang entlang zu ihrem Zimmer. Leise öffneten sie die Tür. Maria sprach beruhigend auf die junge Frau ein, die den Arzt mit schreckgeweiteten Augen ansah. Maria sprach die arabische Sprache fließend, was auch kein Wunder war, denn ihr Mann kam aus dem Irak. Doch dies war schon beinahe drei Jahrzehnte her.
Da Seraja noch immer den Beatmungsschlauch brauchte, konnte sie sich nur mit den Augen bemerkbar machen. Maria fragte sie nur Sachen, auf die sie mit ja – einmal Augen zu machen, oder nein – zweimal Augen schließen, beantworten konnte.
„Also, ich habe ihr erzählt, was passiert ist und wo sie jetzt ist. Es geht ihr soweit ganz gut und sie braucht momentan nichts. Sie weiß, dass gestern jemand hier an ihrem Bett gesessen hat und würde denjenigen gern sehen. Das war die Kurzfassung.“ Maria sah Daniel lächelnd an. „ich habe ihr auch erzählt, dass sie ihr Arzt sind und sie hat nichts dagegen. Darauf können sie sich was einbilden.“ Beide lachten sich nun an und auch Serajas Augen lachten mit.
Doch dann bäumte sich Seraja auf. Dumpf erklang ein husten, erst leise, dann immer lauter. Das Beatmungsgerät kam völlig aus dem Takt und piepste ununterbrochen. Der Alarm war auch im Schwesternzimmer zu hören und schon öffnete sich die Tür. Gerätschaften auf einem Wagen wurden herein geschoben und 3 weitere Schwestern erschienen. Daniel hatte plötzlich alle Hände voll zu tun. Eben erst hatten sie noch gelacht, nun ging es ums Ganze.
Der Herzschlag der Patientin verschlechterte sich, ebenso wie ihr Puls. Dieser raste unaufhörlich nach oben und erst als er ein Mittel in den Venenkatheder injiziert hatte, besserte er sich. Langsam zwar, aber es war immerhin etwas. Daniel sah den Tatsachen ins Auge:
Serajas Leben stand auf der Kippe.
Kapitel 10
Craig erwachte so gegen zehn. Er wusste nicht, was ihn geweckt hatte, doch mit einem Schlag war er hellwach gewesen. Mark war bereits außer Haus, doch wenn ihm seine Nase keinen Streich spielte, dann hatte er vorher noch Kaffee gekocht. Nachdem er geduscht und sich wieder angezogen hatte, ging er dem verführerischen Geruch nach. Mark hatte ihm auf dem Küchentisch ein kleines Frühstück bereitgestellt, an dem er sich sogleich bediente.
Nachdem er alles wieder an seinen Platz geräumt und sein Geschirr in den Geschirrspüler gegeben hatte, schloss Craig die Haustür hinter sich zu und verbarg den Schlüssel wieder sorgfältig in dem Geheimversteck. Sein Taxi wartete bereits, um ihn in seine Wohnung zu bringen. Die Fahrt dauerte keine viertel Stunde.
Zu Hause wechselte er seine Klamotten, rasierte sich und putzte sich als letztes die Zähne. Es war nun schon halb eins durch und so wie er Mark gestern noch verstanden hatte, wollte dieser so gegen zwei bei ihm sein, um ihn mit ins Krankenhaus zu nehmen. Craig nutzte die noch verbleibende Zeit um Mails zu beantworten. Anschließend rief er seine Managerin noch an und berichtete ihr, was sich in der Zwischenzeit ereignet hatte. Diese war sehr zufrieden mit ihm, denn heute Morgen hatte sie die ersten Fotos ihrer Schauspieler bekommen, die sich für dieses heikle Projekt engagierten.
Als er aufgelegt hatte, fragte er sich, wann er einem der Fotografen über den Weg gelaufen war. Er konnte sich beim besten Willen nicht erinnern, einen gesehen zu haben. Doch Zeit zum überlegen hatte er nicht. Er erinnerte sich daran, dass ja nun in ein paar Tagen Weihnachten war. Ihm fiel nichts ein, was er diesem jungen Mädchen, oder besser gesagt, dieser jungen Frau schenken konnte. Als er seinen Blick durch sein Arbeitszimmer schweifen ließ und er an manchen seiner Fangeschenke hängenblieb, kam ihm eine Idee.
Er musste nicht lange suchen, ehe er das gute Stück fand. Dabei handelte es sich um einen wunderschönen hellbraunen Teddybären, mit einer beigefarbenen Schleife dran. Diesen hatte er selbst erst vor wenigen Wochen zum Geburtstag von einem deutschen Fan bekommen. Er mochte ihn sehr und ein wenig tat es ihm auch leid, diesen nun weiterzugeben. Doch es war für einen guten Zweck und er war sich sicher, dass sein Fan nichts dagegen einzuwenden hätte.
Als Mark schließlich um kurz vor zwei bei ihm klingelte, war er bereits fertig und richtig gut gelaunt. Allerdings konnte ihm Mark ansehen, das der Andere total nervös war und ein in schickes Seidenpapier verpacktes ständig mit fahrigen Bewegungen streichelte. Die sonst wenigen Kilometer bis zu Klinik zogen sich endlos hin, obwohl die Straßen frei waren und sie auch fast jede Ampel gleich bei grün nahmen. Doch endlich standen sie vor dem hohen Gebäude und ein furchtbarer Schauer glitt über Craigs Rücken.
Seine Füße trugen ihn so schnell es ging zum Eingang, dann zum Aufzug, hoch in die zweite Etage. Der sonst so quirlige Flur lag wie ausgestorben da. Eine unheilvolle Ruhe lag über allem. Er fand das Zimmer auf Anhieb, drückte die Klinke nach unten und trat leise ein.
Serajas Zimmer lag im Halbdunkel, nur eine kleine Lampe über dem Bett schickte einen warmen Goldton hinunter. Craig schluckte und trat näher heran. Erst gestern war er hier gewesen, hatte auf jenem Stuhl dort gesessen und ihre Hand gehalten. Nun jedoch standen dort noch mehr Gerätschaften als vorher. Monitore zeigten alle möglichen Werte an, ein EKG Gerät schrieb unermüdlich auf einen endlosen Papierstreifen, mehrere große Flaschen mit Infusionen hingen an zwei Ständer verteilt und schickten ihren Inhalt in Serajas Venen.
Ständig piepste eines der Überwachungsgeräte und verunsicherte Craig noch mehr. Er wusste automatisch, dass es nicht gut um die junge Frau dort unter dem weißen Laken stand. Leise ging er an das Bett heran, schob sich den Stuhl zurecht und setzte sich an ihre Seite. Vorsichtig nahm er ihre zerbrechlich wirkende Hand in seine und begann ihr ganz leise ein paar beruhigende Worte zuzuflüstern.
Und so fand ihn auch Doc Morris vor, der ein paar Minuten später ins Zimmer kam. Craig schien ganz in seine Zwiesprache versunken zu sein und so schreib er sich nur ein paar Daten ab, die die Überwachungsgeräte ständig von sich gaben. Er wusste das dieser Mann dort viele Gefühle in seine Patientin investierte, etwas das er sonst immer gutheißen würde. Doch in diesem Fall lag es ein wenig anders und schweren Herzens legte er Craig eine Hand auf die Schulter. „Craig?“
„Doc, ich habe sie gar nicht hereinkommen hören. Wie geht es Seraja heute? Ich habe ihr ein Geschenk mitgebracht, es ist doch bald Weihnachten.“ Craig ließ Serajas Hand vorsichtig auf das Laken zurückgleiten und sah Daniel fragend an. „Craig, es geht ihr nicht gut. Seit heute früh liegt sie im Koma. Es haben sich Komplikationen ergeben, die ernste Folgen hatten.“
In Craigs Kopf begann das Wort Koma zu kreisen. „Wann wird sie wieder aufwachen?“ Seine Stimme hatte einen belegten Ton angenommen, denn er wusste instinktiv dass die Antwort darauf nicht so ausfallen würde, wie er sich es gewünscht hätte. „Das wissen wir nicht. Momentan halten wir sie einfach nur stabil und reagieren auf das, was noch kommt. Mehr können wir momentan nicht machen.“
Sein Kopf sackte nach unten und Daniel drückte seine Schulter. „Ich komme nachher noch mal rein, ok?“ Craig brachte ein halbherziges Nicken zustande und begann wieder leise mit Seraja zu reden. Er wickelte den Teddy sorgfältig aus und stellte ihn neben ihren Kopf auf das weiße Kissen. Unermüdlich kämpften die Geräte um ihn herum um das Leben vor ihm und doch hatte Craig bereits jetzt das Gefühl, das es zu spät sei.
Dennoch nahm er ihre Hand wieder auf, streichelte darüber und berichtete ihr noch immer leise flüsternd, was er alles auf seinen Reisen erlebt hatte. Plötzlich bewegte sich ihr Daumen. Craig hielt inne, sah mit großen Augen auf seine Hand, beobachtete ihre zarten Finger nach einem Hinweis dass er dies nicht geträumt hatte. Doch es schien ein Traum zu bleiben…
… bis sich ein paar Minuten später die ganze Hand ein wenig bewegte und diesmal spürte Craig es ganz genau. Er stand auf, war total aus dem Häuschen und eine gewisse Euphorie machte sich in ihm breit. Als Serajas Augen anfingen zu flackern, drückte er den Knopf, der nach einer Schwester rief. Maria war fast augenblicklich zu stelle und konnte nur noch sehen, das Craig am Bett stand und Seraja ein wunderschönes Lächeln schenkte. Als sie dann näherkam, konnte sie die offenen Augen ihrer Patientin sehen, die sich sofort auf sie richtete.
Mit weicher leiser Stimme sagte Maria ihr ein paar Worte und wandte sich dann an Craig. „Sie können gern hier noch ein wenig sitzen bis sie eingeschlafen ist. Sie hat es bitter nötig. Ihre Stimme tut ihr gut, auch wenn sie mir das nicht sagen kann, ich weiß es eben, vertrauen sie mir.“ Maria verließ die beiden und ging glückselig Daniel suchen, dem sie sofort die Neuigkeit überbringen musste.
Kapitel 11
Craig verbrachte den ganzen Nachmittag und die frühen Abendstunden an Serajas Bett, bis sie endlich eingeschlafen war. Ihr Kopf lehnte an dem weichen Fell des Teddybären und ihr Atem ging ruhig und gleichmäßig. Er hatte vor dieser frau sein ganzes Leben ausgebreitet, hatte sein Innerstes nach außen gekehrt. Und doch wusste er, dass sie kein Wort von dem verstanden hatte, was er gesagt hatte. Aber das war ihm egal, er war glücklich und Seraja schien es auch zu sein, denn ihre Hand hielt die seinige ganz fest im Schlaf.
So fand Daniel die beiden vor und lächelte, als er dieses Bild in sich aufnahm. Natürlich war ihm Craig schon längst sympathisch geworden und wenn er ihn sah, dann wurde der Tag gleich viel besser und die Stunden flogen nur so dahin. Gleichzeitig wusste er, dass er sich diese Gefühle nicht leisten konnte, weder beruflich, noch privat. Claudia, seine langjährige Lebensgefährtin hatte bereits ihre Hochzeit bis ins kleinste Detail geplant, die im nächsten Monat in die Praxis umgesetzt werden würde.
Ein Schatten legte sich vor seine Augen und er seufzte leise auf. Dann ging er näher zum Bett hin. Wieder nahm er die Werte auf, schrieb sie auf das Krankenblatt und runzelte dabei hin und wieder die Stirn. Wieder Erwarten waren sie nicht so gut, wie sie hätten sein sollen, jetzt nachdem sie aus dem Koma erwacht war. Sie hatte sich nur ein paar Stunden in diesem Zustand befunden, Zeit, die der Körper brauchte um zu heilen. Doch bei ihr war diese lebensnotwendige Phase zu kurz gewesen, viel zu kurz.
Nach außen hin ging es ihr besser, das bewies schon allein, dass sie die Augen geöffnet hatte und dass Maria ihr hatte etwas sagen können, dass sie auch verstanden hatte. Doch die Werte sprachen eine ganz andere Sprache und die war alles andere als Rosig. Er sah zu Craig und beschloss, es ihm nicht zu sagen. Schon jetzt sah er an ihm die dunklen Augenringe und ein paar Sorgenfalten, die am ersten Tag noch nicht dagewesen waren.
Seine Augen erfassten das Stofftier, an dem Serajas Kopf gelehnt war. „Craig, ich glaube es wäre besser, wenn wir sie nun schlafen lassen, sie hat es wirklich nötig. Sie werden sehen, morgen geht es ihr schon viel besser und ich glaube sie würde sich sehr freuen, wenn sie wiederkommen.“ Craig sah ihn mit fröhlichen Augen an und nickte. Dann unterdrückte er ein Gähnen. „Das ist wirklich ein guter Vorschlag Daniel. Ich komme gern wieder, wenn ich darf.“
Beide warfen noch einmal einen Blick auf die schlafende Seraja und verließen den Raum. „Wissen Sie Craig, sie sollten da nicht zu viele Gefühle investieren. Es wäre weder für sie gut, noch für Seraja.“ Craig blickte den Arzt mit Unverständnis an. „Warum sollte ich da keine Gefühle mit einbringen? Ich will, dass sie gesund wird und wieder lachen kann. Ich möchte ihr meine Welt zeigen und was alles möglich ist. Ich werde…“
„Nein Craig, werden Sie nicht. Wenn Seraja das Krankenhaus verlassen kann, kommt eine anstrengende Reha auf sie zu.“ Daniel wurde von einer Schwester unterbrochen, die eine Frage an den Doc richtete. Craig hatte genau zugehört und den leichten Unterton in den Wörtern “verlassen kann“ wahrgenommen. Warum hatte Daniel nicht gesagt “verlassen wird“?
„Craig, wenn sie all das überstanden hat, fliegt sie wieder nach Hause. Sie ist nur für die Behandlung und Wiederherstellung hier, nicht damit sie hier bleiben kann. Es tut mir leid.“ Sie waren vor dem Aufzug angekommen und Craigs brennende Augen richteten sich auf Daniel. „Das meinen sie nicht ernst, oder? Sie wollen sie tatsächlich wieder zurück schicken? Das wäre ihr Tod, und das wissen Sie genau…“
Er war außer sich und ballte die Hände vor Wut zusammen. In diesem Moment war der junge Arzt vor ihm sein Feind und so funkelten ihn seine Augen auch an. „Ich kann es leider nicht ändern, aber glauben sie mir, ich würde jeden einzelnen von ihnen hier bleiben lassen. Sie haben in diesem Krieg nichts verloren, gar nichts…“ Und in diesem Moment wurde Craig klar, das nicht Daniel sein wiedersacher war, sondern die Menschen, die diesen Unglückseeligen Krieg angefangen hatten.
Maria und Daniel sahen dem Schauspieler nach, bis sich die Türen des Aufzugs hinter ihm geschlossen hatten. Marie kannte ihren Chef nur zu gut und wusste auch, was er dem Besucher geraten hatte. „Es war die richtige Entscheidung. Alles andere wäre purer Wahnsinn gewesen“, murmelte sie leise, aber dennoch so laut, das es Daniel hören konnte.
„Das stimmt wohl, trotzdem fühle ich mich gerade so beschissen, wie lange nicht mehr. Los, schauen wir noch mal nach ihr und sehen mal, das wir sie wieder auf die Beine bringen.“ Daniel legte so eine Geschwindigkeit vor, dass die Schöße seines Kittels flatterten. Maria holte ihn erst am Bett ein und begann, seine neuen Anweisungen auf dem Krankenblatt zu notieren.
„Es ist nicht viel, was wir noch machen können, Hoffen wir das Beste.“ Mit diesen Worten beschloss er nach Hause zu gehen und sich ein paar Stunden aufs Ohr zu legen. Er zog sich in der Umkleide um, zog den Reisverschluss seiner Motorrad-Kombi nach oben, nahm Handschuhe und Helm und schloss die Tür hinter sich. Noch immer hatten sich ein paar Kollegen nicht an diesen Anblick gewöhnt.
Auf dem Parkplatz blieb er vor seiner schwarz grünen Kawasaki ZX-10R war sein ein und alles und seit dem er das gute Stück besaß war ihm nie der Gedanke gekommen, sich wieder ein Auto zuzulegen. Er bockte sie vom Ständer, setzte sich auf den Sitz, zog Handschuhe und Helm an, betätigte den Elektrostarter und 188 PS erwachten zum Leben. In seiner Hosentasche vibrierte es, auch sein Handy war von dem Dämmerschlaf erlöst wurden. Die eingebaute Helmsprechanlage ermöglichte eine sprachgesteuerte Verständigung.
„Annehmen“, bellte er in das kleine Mikro. Er war mürrisch, er wollte heim, ein paar Stunden schlafen bevor am nächsten Tag alles wieder von vorn anfing. „Hier Maria, es tut mir leid, aber es geht um Seraja, kommen sie bitte schnell.“ Die aufgeregte Stimme der Schwester verklang, doch es lag ein Nachhall von Angst in der Luft und Maria war beileibe kein Mensch, der so schnell Angst bekam.
Daniel machte so schnell er konnte und nur zwei Minuten später stand er in Leder bekleidet vor Serajas Bett. Für einen Kittel war jetzt keine Zeit, denn die Überwachungsgeräte spielten verrückt. Eins nach dem anderen meldete sich mit einem akustischen Warnsignal, bis Maria sie kurzer Hand abstellte. Doc Morris arbeitete schnell und gewissenhaft und gab dem Personal exakte Anweisungen, die fast zeitgleich befolgt wurden.
Nach gut einer Stunde waren nur noch Daniel und Maria im Raum. Daniel ließ sich erschöpft auf einen der Stühle nieder und rieb sich die schmerzenden Augen. Nur mit Mühe konnte er ein Gähnen unterdrücken. Maria ordnete noch den Notfallwagen zu Ende und setzte sich dann auch. „Wie lange geben sie ihr noch?“ Daniel antwortete nicht sofort, zu schwer war die bittere Erkenntnis für ihn.
Kapitel 12
Nach ein paar Augenblicken sah er die Schwester an. „Wenn sie die Nacht überlebt, können wir erst mal aufatmen. Aber ehrlich gesagt zweifele ich daran. Beide Lungenflügel sind fast voll mit Wasser, ihre Nieren arbeiten nur noch andeutungsweise. Puls und Blutdruck sind im Keller und ihre Temperatur fängt an zu steigen. Alles in allem ist es nur noch eine Frage der Zeit…“ er seufzte auf, lehnte sich zurück und streckte den Kopf nach hinten über. „Wir können nichts mehr für sie tun, Maria, absolut nichts mehr.“
Er stand auf und das Klemmbrett in seiner Hand flog mit einem Krachen an die gegenüberliegende Wand, wo es sich in Wohlgefallen auflöste. Die Zimmertür bekam einen kräftigen Tritt und Daniel verließ machtlos den Raum. Maria sah ihrem Doc mit großen Augen hinterher. Sie hatte schon vieles von ihm erlebt, aber so etwas auch noch nicht. Scheinbar war der smarte Schauspieler nicht der einzige, der an der jungen Frau hang.
Daniel kam ein paar Minuten später wieder, in der Hand eine heiße dampfende Tasse Kaffe. Maria hatte ihm ein faltbares Notbett an der Wand aufstellen lassen, auf das er sich seufzend setzte. Schwester Maria war wirklich ein Schatz, dachte er. Immer wusste sie, was er gerade brauchte. Und so vergingen wiederum nur ein paar Minuten, bis das sein Kopf das Kissen berührte und seine übermüdeten Augen sich schlossen.
Doch schon ein paar Minuten später wurde er wieder unsanft geweckt. Zumindest glaubte er, dass es nur Minuten gewesen seien, die er in einem leichten Schlaf verbracht hatte. Tatsächlich waren fast vier Stunden vergangen. Maria zog ihm die Decke vom Körper, noch immer trug er die lederne Hose der Motorrad-Kombi. Daniel ging barfuß zu Serajas Bett hinüber. Ihr geschwächter Körper hatte eine ungesunde gräuliche Farbe angenommen und das Beatmungsgerät gab klagende Laute von sich.
„Das Gerät schafft es nicht mehr, ihr genügend Sauerstoff in die Lunge zu pressen.“ Schnell horchte er ihr die Brust ab. Das Stethoskop gab er Maria wieder zurück. Aus dem Notfallwagen nahm er eine Medikamentenampulle und zog diese in eine Spritze. „Was ist das?“, fragte Maria und schrieb etwas auf das Krankenblatt. Peinlich genau war sie da. „das ist Morphium, ich möchte ihr wenigstens die Schmerzen nehmen.“ Mit dem Kopf zeigte er auf Seraja, die Hände und Füße bewegte, ganz wie es ein Patient machte, der schreckliche Schmerzen litt.
Als das Medikament zu wirken anfing, beruhigte sich die junge Irakerin wieder. Ihre Augen öffneten sich und in ihnen lag ein gequälter Ausdruck. Daniel drückte ihr mitfühlend die Hand und Maria standen die Tränen in den Augen. „Wir sollten ihn herholen. Craig meine ich.“ Maria brauchte keine weitere Erklärung. „Das habe ich schon veranlasst, er müsste schon auf dem Weg hierher sein. Ich hoffe, er schafft es noch.“ Marias Stimme erstarb und Daniel schluckte heftig.
In diesem Moment ging die Tür auf und ein atemloser Craig erschien fassungslos. „Bitte Daniel, sag mir, dass es nicht vorbei ist. Bitte sag, dass es ihr bald gutgehen wird. Sag mir…“ Craigs Stimme verstummte ganz und vorsichtig nahm er eine Hand von Seraja in seine eigene. „Weißt du, ich hätte dir soviel zeigen können, meine Heimat, den Ozean, Auto fahren, einen Supermarkt und… und echte Freundschaft.“ Seine Stimme war leise, doch die junge Frau hörte ihm zu, obwohl sie nicht ein Wort von dem verstand, was er ihr erzählte.
Daniel sah abwechselnd zu ihr und wieder auf den Monitor, wo ihre Lebenszeichen immer schwächer wurden. Sie starb, starb hier und jetzt, an diesem Ort, in diesem Bett, aber umringt von Menschen, die sich mochten, die sie in ihr Herz geschlossen hatten und die sich ein solches Ende nicht gewünscht hatten. Ihre Augen schlossen sich, das Beatmungsgerät mühte sich noch für zwei Atemzüge, dann stellte es den Betrieb endgültig ein…
Epilog
Daniel und Craig traten durch die automatische Tür hinaus in einen strahlenden Morgen. Sie schlugen den Weg zum angrenzenden Park ein und beide schwiegen. Unterwegs erstanden sie zwei Becher Kaffee und nicht weit vom Stand entfernt setzten sie sich auf eine Bank. Die Nacht hatte beide geschlaucht. Craig hatte rotgeweinte Augen und ab und an schniefte er noch leise vor sich hin.
Daniel hatte dunkle Ringe unter den Augen und er verspürte das längst vergangene Laster, eine rauchen zu wollen. Craig schien das irgendwie gemerkt zu haben und hielt ihm wortlos die offene Schachtel hin. Als die ersten Rauchschwaden gen Himmel stiegen, schwiegen sie noch immer.
„Wie schaffst du das nur, das jeden Tag durchzustehen? Jeden Tag dieses Leid und der Tod.“ Daniel drehte sich zu Craig um und sah ihm in die Augen. „Anfangs habe ich mir gesagt, dass der Tod zum Leben dazugehört, heute weiß ich es. Dieses Gefühl des Schmerzes und des Verlusts ist in all der Zeit immer dagewesen, es wird nur im Laufe der Jahre schwächer, aber es verschwindet nie ganz.“
Craig nickte verstehend und wieder traten ihm Tränen in die Augen. Daniel bot ihm seine Schulter an und als sich Craig leise weinend anlehnte, da vermischte sich sein eigener Schmerz mit einem Hauch Freude. Manche Menschen sagten immer: ‚Kopf hoch, es geht schon weiter‘ und das die Zeit alle Wunden heilen würde. In ihrem Falle würde sich das erst herausstellen müssen.
Als sich beide erhoben, stand keine Wand mehr zwischen ihnen. Daniel umfasste Craigs Schultern, und Craig legte seinen Arm um Daniel Taille. Langsam gingen sie auf den Wegen des Parks entlang. Craig schniefte in sein Taschentuch und trocknete sich mit einem weiteren Tempo aus Daniel unerschöpflichen Vorrat die Tränen ab.
“Daniel, sie war doch erst 14. Das ist nicht fair!”
“Das ist der Krieg wohl nie, Craig.”
The End

