Heiler und Wanderer
Vier Jahre sind vergangen, bevor beunruhigende Nachrichten von Gandalf alle wieder zusammenführen. Es steht Krieg gegen Dol Guldur an und nebenbei betätigt sich Galadriel als Kupplerin, sucht Erestor immer noch nach Marsden und dann war da noch der Ork, der lieber vegetarisch lebte. - Teil 4 der Heiler-Serie …
Kapitel 1 - Bitte nicht
“Ich glaube nicht, dass er damit einverstanden ist.”
“Er weiß ja gar nichts davon.”
Gaellas zerbrach vor Schreck den Keks, nach dem er gerade erfolgreich in seiner Gürteltasche geangelt hatte. Ihm war ohnehin der Appetit vergangen. Sein König wusste nichts davon, dass seine Königin einen Ausflug in den Wald machen wollte? “Hoheit…”
Sie blieb nicht einmal stehen, sondern stürmte mit entschlossenen Schritten in die Stallungen, wo ein sehr gelassener Elb gerade ihre Pferde den sauberen Gang zwischen den ebenso sauberen Boxen entlang führte. “Trödelt nicht, Gaellas”, rief sie über die Schulter. “Thranduil ist spätestens bei Einbruch der Dämmerung wieder zurück. Bis dahin müssen wir alles erledigt haben.”
“Müssen wir das?” echote er schwach und fingerte nochmals an seinem Bogen und dem vollen Köcher mit Pfeilen herum, den er aus einer dunklen Ahnung heraus mitgenommen hatte - zusätzlich zu dem Schwert und den zwei Dolchen. Wer die Gemahlin Thranduils schützte, sollte in dieser Hinsicht immer stark gerüstet sein. “Vielleicht wartet Ihr doch besser, bis König Thranduil wieder da ist. Es könnte doch sein, dass er selbst Euch begleiten will.”
“Werdet nicht albern!” schnaubte sie und erhielt dafür einen bewundernden Blick von ihrer Stute. Für eine Elbin konnte Varya erstaunliche Geräusche von sich geben, um ihre Stimmung kundzutun. “Thranduil würde niemals damit einverstanden sein. Habt Ihr auch alles?”
“Alles”, bestätigte er seufzend und schwang sich auf sein Pferd. Den mitleidigen Blick des Stallburschen ignorierte er. “Auch wenn ich nicht genau weiß, was Ihr damit anstellen wollt.”
Seine geliebte, heiß verehrte und manchmal mit dem Hang zum Wahnsinn ausgestattete Königin lächelte ihm zu. Gewöhnlich reichte das, um Gaellas zu einem richtig glücklichen Elb zu machen, diesmal jedoch fühlte er einen ungewohnten Druck in seinem Brustkorb. Möglicherweise kündigte sich damit diese seltsame Krankheit an, die die Sterblichen so plötzlich überkam wie der Pfeil eines Wegelagerers. Wenn er sich recht erinnerte, nannte man diesen schnellen Tod wohl Herzschlag.
Unbeeindruckt von den Qualen ihres Leibwächters befestigte Varya ihre große Ledertasche, deren Inhalt kein Angehöriger des Waldelbenvolkes wohl jemals vollständig erblickt hatte, auf dem Rücken ihres Pferdes, schwang sich dann selber hinauf und war schon fast durch das große Brückentor hinaus, als Gaellas seinerseits den etwas sperrig ausgefüllten Leinenbeutel untergebracht hatte, den sie ihm heute morgen sozusagen zwischen Tür und Angel ihres Arbeitszimmers in den Tiefen des Palastes in die Hand gedrückt hatte, und er endlich die Verfolgung aufnehmen konnte.
Während sich Gaellas in den nächsten zwei Stunden immer mal wieder einige Rosinen in den Mund schob, die er in der anderen Gürteltasche untergebracht hatte, damit sie sich nicht zu sehr mit den Keksen vermischten, die ja in einer weiteren Tasche aufbewahrt wurden, grübelte er nicht sehr erfolgreich darüber nach, was ihm wohl bevorstand.
Noch führte ihr Weg durch sichere und bekannte Gefilde. Varya hielt sich auf den bewachten Wegen, auch wenn es etwas bedenklich war, dass eine südliche Tendenz festzustellen war. Aber das musste nicht wirklich etwas bedeuten. Bis zur Alten Waldstraße konnte ihnen nur wenig zustoßen. Die Tawarwaith arbeiteten hart daran, die Wege bis zu den Grenzen des Reiches von allerlei dunklem Getier freizuhalten. Fledermäuse und schwarze Eichhörnchen waren bis zu dem Grad zurückgedrängt worden, an dem sie nur noch eine Plage darstellten. Schlimmer waren hingegen die Mordor-Falter, die zwar nur im späten Frühling und Sommer anzutreffen waren, dann aber zu einer großen Gefahr wurden, weil sie nur mit Feuer zu bekämpfen waren. Seit sie vor vier Jahren erstmals in Erscheinung getreten waren, hatten sie sich immer weiter vorgewagt und in immer größeren Mengen.
Gaellas erinnerte sich, wie im vergangenen Sommer bei der Vernichtung eines riesigen Schwarmes dieser tödlichen Biester ein Teil des Waldes in Flammen aufgegangen war. Mit Tränen in den Augen hatten die Elben dieses Opfer gebracht, um sich selber vor der wachsenden Bedrohung zu schützen. Gaellas fühlte wieder den Schmerz, den der Anblick der brennenden Buchen und Eichen in ihm ausgelöst hatte. Bei einer getrockneten Pfirsichscheibe aus der dritten Gürteltasche suchte er etwas Trost.
“Ihr solltet alles zusammenmischen.” Varya hatte ihr Tempo etwas verlangsamt und ritt nun neben ihm. “Dann braucht Ihr nicht dauernd zwischen den Taschen zu wechseln.”
“Rosinen und Kekse.” Gaellas runzelte leicht die Stirn. “Meint Ihr wirklich?”
“Etwas mehr Wagemut, nehmt die Pfirsiche auch dazu”, lachte sie und Gaellas vergaß einen Moment das neue Rezept, um ganz kurz Düsterwalds oberste Heilerin anzuhimmeln. Kein Wunder, dass Thranduil kein Mittel gescheut hatte, sie zu seiner Gemahlin zu machen. Man hatte da so einige Gerüchte gehört, die um die Vermählung in Imladris kreisten, aber selbst Gaellas, der zu diesem Zeitpunkt dort gewesen war, hatte eigentlich nichts Ungewöhnliches bemerkt.
Viel ungewöhnlicher fand er schon, dass Varya nun von dem vertrauten Weg abbog. Wenn ihn nicht alles täuschte, war dieser Teil des Waldes erst kürzlich als sehr unsicher bezeichnet worden. Gaellas kratzte sich an der Schläfe. Hauptmann Forlos hatte das erwähnt, bevor er sich auf diese geheimnisvolle Reise machte, auf die ihn Thranduil persönlich geschickt hatte. Allerdings hatte der Hauptmann eine ganze Menge Dinge aufgezählt, auf die Gaellas achten sollte, solange ihm Varyas Schutz anvertraut war.
Gaellas hatte die Hälfte davon schon wieder vergessen. Es war wirklich zuviel gewesen. Eigentlich war es ja auch gar nicht so schwierig, auf Varya aufzupassen. Wenn sie nicht gerade bei Thranduil war oder bei den anderen Heilern, verbrachte sie viel Zeit in ihrem Arbeitszimmer, das tief im Innern des Berges untergebracht war und von dem sich jeder, dem die normale Hautfarbe lieb war, sowieso fernhielt. Ein bisschen übertrieben, fand Gaellas, denn bislang hatte er keine größeren Gefahren feststellen können, die von Varyas Experimenten ausgingen. Das einzige, was seit einigen Tagen etwas störte, war der Geruch des neuen Heiltrankes, an dem sie wohl arbeitete.
Er schrak aus seinen Gedanken, als Varya plötzlich anhielt und von ihrem Pferd stieg. “Ist das unser Ziel?” erkundigte er sich verwundert und betrachtete wachsam den Wald, der hier dicht und dunkel war, sich also nicht wirklich vom Rest des Waldes unterschied.
“Nein.” Varya hob ihre Tasche vom Rücken ihrer Stute und schickte das Tier mit einem leisen Befehl den Weg zurück. “Gaellas, Ihr könnt natürlich hier den Rest des Tages einfach stehen bleiben, aber lieber wäre mir schon, wenn Ihr mich begleitet. So ganz sicher bin ich mir nicht, dass das Mittel wirklich wirkt. Ich meine, es wirkt schon, aber ob es auch stark genug ist, werden wir erst gleich erfahren.”
Sinnend betrachtete ihr Leibwächter einen Moment die Rosine, die er ganz in Gedanken hervorgezogen hatte. War es nicht seine Aufgabe, die Königin vor jeder Gefahr zu schützen? Thranduil würde es ihm wohl nicht einmal übel nehmen, wenn er sie jetzt einfach fesselte und dann in den Palast zurückschleifte. Es klang nämlich ganz so, als hätte sie etwas vor, dass der König auf keinen Fall gutheißen würde. Etwas sehr gefährliches, um genau zu sein.
“Denkt gar nicht erst daran”, drang ihre sanfte Stimme mitten hinein in seine Überlegungen. “Ihr wisst doch, was man über uns Rhûna erzählt, oder nicht?”
Seufzend stieg er ab und schickte sein Pferd in die gleiche Richtung, in die schon das von Varya gelaufen war. Da ging es also hin, das treue Tier, sein Helfer für eine schnelle Flucht. Varya nickte ihm noch kurz zu und marschierte dann entschlossen tiefer in den Wald hinein, dicht gefolgt von ihrem Leibwächter, der nicht so wirklich wusste, was er hier eigentlich tat.
Gaellas kannte diesen Teil des Waldes zwar, hatte aber nur wenig Zeit darin verbracht. Niemand hielt sich eigentlich hier lange auf. Es war sehr alter Wald, mit ebenso alten Bäumen, die ständig schlechte Laune verbreiteten, dichtem Dornengestrüpp und wenig jagbarem Getier. Die Tawarwaith beschränkten sich darauf, in doch recht langen Abständen hier Kundschafter auszuschicken, die Ausschau nach üblen Einflüssen aus dem Süden oder schwarzen Kreaturen hielten. Erfahrungsgemäß traf man so gut wie nie auf irgendetwas davon, obwohl es natürlich diese Gerüchte gab, dass sich etwas verändert hätte.
Ihr Ziel war etwas, das man mit viel Phantasie als Lichtung hätte bezeichnen können. Im Grunde standen die Bäume hier nicht so dicht wie sonst und das Gestrüpp hatte sich etwas zurückgezogen, da diese Art von Dornbüschen Sonnenlicht nicht besonders schätzte. Stattdessen bedeckte den Boden auf dem vielleicht dreißig Schritte durchmessenden Fleck eine Schicht aus Moos und Gras, die bis in die Nähe der alten Eiche reichte, die hartnäckig ihren Platz in der Mitte der Lichtung verteidigte.
“Perfekt!” verkündete Düsterwalds Königin und begann, in ihrer Umhängetasche zu kramen. “Gaellas, setzt den Hut auf.”
“Den was?”
“Dieses runde Ding, das Ihr in dem Beutel finden werdet”, erklang es ungeduldig und etwas gedämpft, weil sie bereits ein Tuch hervorgezogen und sich um die untere Gesichtshälfte gebunden hatte, um es weiter um den Rest ihres Kopfes zu winden.
Misstrauisch untersuchte er den Inhalt des Beutels und zerrte an einer Fackel vorbei eine Art Strohschüssel heraus, um deren unteren Rand ein feines Netz gebunden war. Als er das Gebilde probeweise auf seinen Kopf stülpte, hoffte er nur inständig, dass sich gerade keine Kundschafter in der Nähe aufhielten. Er würde auf Jahre unter den Kriegern für Erheiterung sorgen in diesem Aufzug.
“Sehr schön!” befand stattdessen seine Königin und baute sich vor ihm auf, um das Netz sorgfältig vor sein Gesicht zu ziehen und unter seinem leichten Lederharnisch festzustecken. Zu guter Letzt klopfte sie ihm zufrieden gegen die Brust. “Ich glaube nicht, dass Euch jetzt noch etwas schaden kann. Zieht Eure Handschuhe an und versteckt Euch in dem Dorngestrüpp da drüben. Da kommen sie nicht durch. Wenn etwas passiert, entzündet Ihr die Fackel und vertreibt sie.”
“Wen?” Eigentlich wollte er die Antwort gar nicht wissen.
“Die Mordor-Falter.”
“Hoheit! Nein!”
“Zu spät!” grinste sie boshaft. “Sie sind jeden Moment da. Da müssen wir jetzt durch, mein Lieber. Vertraut mir einfach. Und vergesst nicht, Eure Handschuhe anzuziehen, man kann ja nie wissen.”
Gaellas rang noch einen Moment die Hände, ihm war sogar der Appetit vergangen, so hoffnungslos erschien ihm das Ganze. Varya machte nun wirklich nicht den Eindruck, als würde sie sich von ihrem Vorhaben abbringen lassen. Eher im Gegenteil - sie stand schon dicht vor der Eiche, hatte bis auf einen schmalen Sehschlitz im Gesicht so ziemlich jeden Teil blanke Haut abgedeckt und hantierte nun mit einer Sprühflasche, mit der sie sich in eine Wolke kleiner Tropfen hüllte. Gaellas hustete leicht, als ein Windhauch einen wirklich üblen Geruch zu ihm trug. Das war der Gestank, der schon seit Tagen die unteren Palastebenen verpestete, nur sehr viel intensiver.
Wenn seine Logik ihn nicht im Stich ließ, hatte also der kostbarste Schatz, den König Thranduil sein Eigen nannte, vor, sich mitten in eine Wolke Mordor-Falter zu stellen und dabei auszuprobieren, ob einer ihrer Zaubertränke geeignet war, diese Biester zu vertreiben. Gaellas stellte sich nur einen kurzen Moment vor, wie König Thranduil ihm nach und nach jeden einzelnen Knochen brach, dann die Ohren, Nase und Finger abschnitt als Rache dafür, dass er nicht besser auf Düsterwalds Königin geachtet hatte. Gaellas war zwar nicht mehr ganz jung, aber eindeutig jung genug, um noch nicht den Tod als willkommenen Freund in die Arme zu schließen.
Ebenso entschlossen wie Varya holte er ein grünlich schimmerndes Seil aus dem Beutel, das Varya zwar eingepackt, aber dessen Verwendung offenbar vergessen hatte und marschierte zu ihr rüber.
“Ihr sollt Euch doch in Sicherheit bringen”, rief sie verärgert.
“Gleich”, grollte er und schlang ihr das Seil um die Taille, um es mit einem festen Knoten zu sichern. “Wenn ich merke, dass Euer Mittel, das wirklich grauenhaft stinkt, nicht wirkt, ziehe ich Euch sofort zu mir. Ob Ihr wollt oder nicht!”
“Ihr klingt fast wie Forlos!”
“Hoffentlich!”
Auf dem Rückweg überlegte er, ob er sie nicht einfach sofort wegziehen sollte, ließ es dann aber besser bleiben. Varya in Wut war wahrscheinlich auch nicht viel harmloser als Thranduil selbst. Außerdem konnte es ja wirklich gut gehen und dann blieben ihnen in Zukunft die hohen Verluste bei der Abwehr der Mordor-Falter erspart. Wie genau das Mittel wirkte, war ihm zwar nicht ganz klar, aber Rhûnar-Zauberei war sowieso immer etwas merkwürdig. Verlässlich, aber eindeutig merkwürdig…
Fluchend bahnte sich Gaellas einen Weg in den Dornbusch. Dieser alberne Hut blieb dauernd an den langen Dornen hängen, seine Waffen waren auch nicht gerade leicht durch die regelrecht verfilzten Ranken zu manövrieren und nebenbei musste er das Seil auch noch so platzieren, dass er mit einem einfachen Ruck für eine sofortige Rückreise seiner Königin sorgen konnte, ohne es erst entwirren zu müssen. Schließlich lag er auf dem Bauch, vor sich in den Händen das Seil und spähte unter dem Rand des Hutes, leicht sichtbehindert durch das Gestrüpp selbst und den Schleier in Richtung Eiche, wo Varya breitbeinig, die Hände in die Hüften gestützt auf den Falter-Schwarm wartete.
Und so warteten sie also.
…und warteten.
Mit leichter Mühe schob Gaellas seine Hand in die Kekstasche und zog ein zerdrücktes Exemplar heraus. “Woher wollt Ihr eigentlich wissen, dass sie hierher kommen?” rief er zwischen zwei Bissen.
“Sie wurden hier gesichtet”, schrie sie zurück und zupfte ihre Handschuhe zurecht. Varya trug wieder die widerstandsfähige grauschwarze Lederkleidung aus Rhûnar, die hoffentlich die Attacken der Falter überstehen würde. “Wenn man alles zusammenzählt, was wir inzwischen über die Biester wissen, bevorzugen sie in der Mittagswärme Plätze wie diesen. Komisch eigentlich, wenn man bedenkt, dass sie aus der Dunkelheit stammen.”
“Ja, sehr komisch.” Gaellas zog eine Grimasse und schluckte die letzten Reste seines Gebäcks herunter. Sein feines Gehör hatte eine Art Rauschen ausgemacht und seine letzte Hoffnung schwand dahin, dass dieser Ausflug einfach enden würde, ohne den scheußlichen Kreaturen zu begegnen.
Einen Atemzug später verdunkelte sich der Himmel. Gaellas hob den Kopf und blickte gegen die Innenseite seines Hutes. Gut gearbeitet und damit blickdicht. Er fluchte wieder und schob das Korbgebilde etwas in den Nacken. Sofort verhedderte sich der Schleier in einer Ranke und für einen Moment brach ein wilder Kampf zwischen dem Elb und den Dornen aus. Als er endlich wieder freie Sicht auf die Lichtung hatte, stockte ihm der Atem.
Ein Schwarm - der größte, den er je erblickt hatte - senkte sich gerade von oben auf Varya herab. Mit dieser Menge schien sie ebenfalls nicht gerechnet zu haben, denn sie begann, wild mit den Armen in der Luft zu wedeln und herumzutaumeln. Sofort zog sie dabei das Seil zu sich heran, das Gaellas bei seinem Kampf mit den Dornen nur für einen Moment losgelassen hatte und es verschwand jenseits des Gestrüpps, um sich wie eine betrunkene Schlange unberechenbar über den Boden zu winden.
Mit einer Hand versuchte er das Seilende zu erreichen, das fröhlich vor seinen zupackenden Fingern hin und her tanzte, mit der anderen Hand griff er zur Fackel, die leider noch nicht brannte. Aber darüber würde er sich später Gedanken machen. Vielleicht war es auch ganz gut so, bevor er als der Elb im brennenden Dornbusch in die Sagen seines Volkes einging. Varya stand aufrecht, wenn er die Form der Falter-Wolke richtig deutete. Verwunderlich genug, denn normalerweise reichte das Puder auf den Flügeln dieser kleinen Monster aus, schon bei der kleinsten Berührung die Beute in einen tiefen Schlaf zu versetzen.
“Gaellas!” erklang es gedämpft, aber triumphierend aus dem Gewimmel von dunklen Flügeln und schmuddeliggrauen Puderschwaden. “Es funktioniert! Das Pulver kann mir nichts mehr anhaben!”
Zeit für eine Antwort hatte er nicht. Gegen die Dornen half nur noch rohe Gewalt. Ohne Rücksicht darauf, dass der Schleier zerriss, der Hut an einer Ranke hängen blieb und sich unzählige Dornen in seine Haut bohrten, kämpfte sich der Elb durch das Gestrüpp. Irgendwie beschlich ihn das ungute Gefühl, dass das Schlafpulver nicht die einzige Gefahr war, die von den Faltern ausging.
“Gaellas!” Jetzt klang Varya schon etwas unsicherer. “Die sollten eigentlich sterben, diese Biester. Oh! Gaellas! Sie BEISSEN!”
Er hätte sie beruhigen können. Die Falter starben tatsächlich, aber es dauerte, bis einige tausend, aus denen dieser Schwarm bestand, ihr Ende fanden. Viele taumelten zwar schon halb tot zu Boden, aber es waren immer noch genug um Varya herum, um sich wütend auf sie zu stürzen und immer da, wo im Eifer des Gefechts die Tücher und Kleidung verrutscht waren, ihre spitzen Zähne in ihr Fleisch zu schlagen. Sie wurde bei lebendigem Leib aufgefressen, in sehr kleinen Happen.
Der Verzweiflung nahe brach Gaellas durch die letzten Schichten des Gestrüpps und bekam mit einem Hechtsprung endlich das Seilende zu fassen. Mit einem heftigen Ruck zerrte er die schreiende, zappelnde Gestalt seiner Königin zu sich heran. Es überlief ihn kalt, als er den Rest des Schwarms erblickte, der sich dicht über dem Waldboden sammelte und offenbar bereit machte, eine neue Attacke gegen die beiden Elben zu fliegen.
Gerade als der Schwarm sich zu einer Art hektisch flatternder Kugel zusammenballte, erklang ein vertrautes Geräusch. Flammende Linien kamen aus allen Richtungen der Lichtung und durchschnitten den dicht gedrängten Schwarm, um ihn dabei zu entzünden. Die feinen Flügel der Falter loderten kurz auf, entzündeten andere in ihrer Nähe und zerfielen zu feiner Asche. Die wenigen, die dem Feuer entkamen, suchten sofort ihr Heil in der Flucht.
Einen Augenblick herrschte Ruhe. Gaellas atmete einmal tief durch und stürmte dann vor, um Varya freizuschaufeln, die unter einer dicken Schicht toter Falter begraben nur noch einige Schritte von ihm entfernt lag. Blut, Asche und Schlafpulver verbargen ihre Gesichtszüge, nur ihre Augen strahlten sehr grün und sehr zufrieden.
“Ihr seht ziemlich zerzaust und verkratzt aus”, stellte sie dann hustend fest.
“Das dürfte seine geringste Sorge sein!”
Gaellas erstarrte, Varya hustete noch mehr und gleichzeitig wandten sie beide den Kopf in die Richtung, aus der die vertraute und ausgesprochen zornige Stimme gekommen war.
‚Schiff nach Westen’ schoss es Gaellas durch den Kopf, bevor er hastig auf die Beine sprang und Varya gleich mit sich zog. Mit langen Schritten überquerte Thranduil Oropherion die Lichtung, Haltung und Gesichtsausdruck das verkörperte Verderben. Vor den beiden Überlebenden des Falter-Experimentes blieb er stehen und bleckte die Zähne wie ein Wolf.
“Es ist meine Schuld”, stammelte Gaellas nach dem ersten Schock.
“Das weiß ich”, knurrte der König, ohne ihn anzusehen. “Wir beide unterhalten uns später. Geht mir jetzt besser aus den Augen.”
Es gab Befehle, die man unter keinen Umständen in Frage stellte. Gaellas neigte noch leicht den Kopf, ließ Varya los, in der Hoffnung, dass sie nicht umfallen würde und hastete dann an den Rand der Lichtung, wo sich einige Krieger eingefunden hatte, die ihm mit einer Mischung aus Mitleid und Schadenfreude in Empfang nahmen.
“Hast du eigentlich den Verstand verloren?” füllte Thranduils erboste Stimme wahrscheinlich die Hälfte des Düsterwalds aus. “Diese Biester hätten dich umbringen können!”
“Ich schätze, du hast Recht.” Varya klang nicht unbedingt so verängstigt, wie man sich angesichts eines zornbebenden Königs fühlen sollte.
“Wie war das?”
“Du hast Recht”, wiederholte sie ganz sanft und die Krieger grinsten hinter Thranduils Rücken verstohlen.
“Das ist ja ganz was Neues.” Thranduil wirkte etwas irritiert.
“Aber für einen ersten Versuch hat es doch fabelhaft geklappt”, lächelte Varya, bevor sie sich mit einem tiefen Seufzer gegen ihn sinken ließ. “Ich würde aber jetzt doch gerne in den Palast zurück reiten und ein Bad nehmen.”
“Gute Idee”, war die knurrige Antwort. “Du stinkst wie ein Iltis!”
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Haldir packte zu, bevor sein ohnehin schon nicht mehr sehr gut gelaunter Begleiter den Fuß auf den undefinierbaren Haufen setzte, der die Straße zierte und sich dabei die Stiefel ruinierte. “Vorsicht!”
Forlos machte einen Ausfallschritt und murmelte einen Fluch, den Haldir noch nicht kannte. Dabei war er davon ausgegangen, den Bestand übelster, aber auch interessanter Flüche und Verwünschungen des Tawarwaith in den letzten Tagen recht gut kennen gelernt zu haben.
“Gehen wir wieder zurück”, meinte Loriens ranghöchster Krieger nach Celeborn selbst verständnisvoll und schlug sogleich den Weg in Richtung der Taverne an, in der sie sich vor vier Tagen einquartiert hatten, um auf das zu warten, was ihnen sowohl Thranduil als auch Celeborn angekündigt hatten.
Haldir korrigierte sich, während er einigen denkbar schmutzigen Gestalten auswich, die diesen Teil der Ansiedlung bevölkerten, die von den Sterblichen in einem Anflug von Größenwahn Stadt genannt wurde. ‚Hellheim’ um genau zu sein, wobei Haldir hier weder etwas Helles noch ein Heim hatte erkennen können. Vielleicht hatten sie an den falschen Plätzen gesucht, doch eigentlich war er sich sicher, bereits jeden Teil dieser konzentrierten Mischung von sterblichem Abschaum gesehen zu haben. Haldir hatte von Hellheim gehört, es bislang aber immer tunlichst vermieden, diesen angeblichen Handelsposten aufzusuchen.
Der Ort war auf eine seltsame Art losgelöst von jeder Art von Ordnung, die selbst in den Reichen der Sterblichen zu finden war. An der Grenze zu Rohan, aber nicht wirklich dazugehörig, versammelte sich in den verwinkelten Gassen, die vor Unrat nur so überquollen, alles, was in diesem Teil der Welt Geschäfte machte, die nicht immer gut genannt werden konnten. Die Lage war dafür ideal - der Anduin war in Sichtweite, die größten Bedrohungen aus dem Osten durch ihn auch noch zurückgehalten. Rohan stellte eine Art Bollwerk gegen Gefahren aus dem Süden dar und aus dem Norden kamen nur gelegentlich Reisende, die zumeist auf einem der Schiffe den sicheren Wasserweg nahmen.
Jetzt, im Frühling nach der Schneeschmelze, versank die Stadt mit ihren unbefestigten Wegen in Schlamm. Man musste schon ein Elb sein, um halbwegs sauber überhaupt den Weg von einem Gebäude zum nächsten zurücklegen zu können. Immer wieder kreuzten bis zu den Knien verdreckte Gestalten den Weg der beiden Hauptmänner, die ihre Umhänge um sich geschlungen und die Kapuzen tief in die Gesichter gezogen hatten. Anfangs hatten sich ein paar Unerschrockene gewagt, die beiden auf ihren Streifzügen anzusprechen und Waren anzubieten, die Haldir nicht einmal mit zwei Lagen Handschuhen übereinander angefasst hätte, aber mittlerweile ließ man sie in Ruhe. Die Menschen, deren vom Winter noch fast gräulich verhärmte Gesichter nur selten die Gier vermissen ließen, die alle hier anzutreiben schien, waren wohl genug seltsame Dinge gewöhnt und nahmen die Gegenwart der beiden Elben nun recht gelassen hin.
“Was beschäftigt dich?” erkundigte sich Forlos, als Haldir leicht den Kopf schüttelte.
“Ich frage mich, ob ich diese Menschen hier dafür bewundern soll, dass sie sich nicht mehr über uns wundern, oder eher beunruhigt sein sollte, dass sie so abgebrüht sind.”
“Ignorier sie”, war der knappe Kommentar.
“Nicht einfach, wenn man bedenkt, wie sie riechen.”
Forlos lachte leise, um sofort wieder ernst zu werden. “Frag dich lieber, auf was wir hier warten.”
“Das mache ich ohne Unterlass.” Haldir stieß die Tür der Taverne mit dem Fuß auf und drückte sich dann an den fast bis zur Klinke mit Schlamm bespritzten Holzbohlen vorbei, die man nicht gerade ein Meisterstück der Schreinerkunst nennen konnte.
Freiwillig hätte keiner der beiden auch nur einen Fuß in diese Absteige gesetzt, doch die Anweisungen waren eindeutig gewesen, hatten sie festgestellt, als sie sich wenige Tagesritte vor Hellheim getroffen hatten. Sowohl Thranduil als auch Celeborn hatten ihnen befohlen, sich in der Taverne mit dem zerbrochenen Schild einzufinden und dann zu warten, bis sie weitere Nachricht erhielten. Das zerbrochene Schild war nicht zu übersehen, denn es hing gefährlich dicht und nicht sehr vertrauenerweckend an verrosteten Haken direkt über dem Eingang. Nun fehlte nur noch die Nachricht, wegen derer man sie herbestellt hatte. Wichtig musste sie in jedem Fall sein, denn warum sonst sollten die Herrscher der beiden Reiche ausgerechnet ihre Hauptmänner herschicken.
Aken, der Wirt der Taverne, sah kurz aus dem Raum, der die zweifelhafte Küche dieser Lokalität beherbergte. “Ihr habt Besuch”, brummte er und deutete mit einer Bewegung seines absolut haarlosen Schädels in Richtung des Schankraumes. “Kommen noch mehr von Eurer Sorte in den nächsten Tagen oder was ist hier los?”
Haldir traute sich zwar durchaus zu, den Koloss niederzuschlagen für seine unverschämte Art, aber der Gedanke, dafür der Schmierschicht dieses Mannes zu nahe zu kommen, schreckte ihn nach wie vor ab. Also nickte er nur stumm, tauschte einen erwartungsvollen Blick mit Forlos, der schon einmal vorsichtshalber den Umhang so zurückgeschlagen hatte, dass er besser zu seinem Schwert greifen konnte und marschierte in den Schankraum.
Diese düstere Bude war um Längen passender für eine Räuberspelunke, als es der abgebrannte ‚Krumme Hund’ nahe Bruchtal je hätte sein können. Zu einer festen Masse verklebte Binsen, die seit dem Bau des Gebäudes wohl nicht mehr gewechselt worden waren, bedeckten den Boden des niedrigen Raumes. Balken und Bretter teilten ihn in viele kleine Abteilungen entlang der Wände, während die Mitte des Raumes frei war. Hier fanden beinahe jeden Abend wilde Raufereien statt, die nicht selten damit endeten, dass irgendjemand nur noch halb lebendig am Boden liegen blieb und die Binsenschicht mit frischer roter Farbe vollblutete.
Selbst die beiden Elben brauchten eine Weile, bis sich ihre Augen an das dämmrige Licht gewöhnt hatten, das von einigen verdreckten Öllampen an der Decke stammte und nur durch wenige Strahlen ergänzt wurde, die sich durch die halbblinden Scheiben der zwei Fenster kämpften. Zu mehr hatte der Wagemut des Erbauers dieses Hauses wohl nicht gereicht. Außerdem machten sich schlecht dunkle Geschäfte, wenn die Sonne im Raum herumtanzte. Aken legte viel Wert auf Atmosphäre.
Langsam durchquerten die Hauptmänner den Schankraum und suchten dabei unauffällig nach dem Gast, der auf sie warten sollte. Schließlich richteten sich beinahe gleichzeitig ihre Blicke auf eine der wirklich fast komplett im Dunkel des Raumes gelegenen Nischen, über der eine Art unsichtbare Wolke der Missbilligung zu schweben schien.
Forlos nahm die Hand wieder vom Schwertgriff und beeilte sich, den Tisch des Neuankömmlings zu erreichen. So wie Haldir konnte er sich gerade noch zurückhalten, bei der Begrüßung mit der diesem Elb angemessen tiefen Neigung des Kopfes die Neugierde der übrigen Gäste noch mehr zu wecken. Der andere knurrte leicht und bedeutete ihnen mit einer Handbewegung, sich zu ihm zu setzen.
“Dies-” verkündete er und seine Stimme vibrierte leicht vor Widerwillen, “ist der mieseste Gasthof, den ich jemals gezwungen war, aufzusuchen. Und ich habe schon so einige besucht.”
Nach den Erfahrungen ihrer letzten Begegnung hatte Haldir daran auch nicht den geringsten Zweifel. “Wir haben Euch erwartet, Lord Erestor.”
“Ach wirklich?” Der Noldo lehnte sich leicht vor und das Licht der Öllampe verlor sich in den tiefschwarzen Augen. “Dann wisst Ihr offenbar etwas, das ich nicht weiß. Eigentlich führte mich mein Weg nämlich in diese Abfallgrube, um jemand ganz anderen zu finden.”
Die beiden Hauptmänner schwiegen verblüfft. Erestor war nicht derjenige, den sie treffen sollten, soviel war also klar. Elronds Seneschall spielte gewöhnlich keine Spiele.
“Aber…” Forlos winkte ganz gegen seine Gewohntheit dem Schankmädchen zu, damit es ihnen etwas zu trinken brachte. “Und warum seid Ihr dann hier?”
“Erklärt mir lieber, warum Ihr hier seid!” forderte Erestor und trommelte leicht mit den Fingern auf der Tischplatte herum. “Kaum habe ich meinen Fuß in dieses Haus gesetzt, kommt dieser Berg von einem Wirt auf mich zu und raunzt mich an, dass ‚meine Freunde’ gerade unterwegs sind und ich solange hier warten soll.”
“Was Ihr dann auch getan habt”, ergänzte Haldir mit hochgezogenen Brauen. “War das nicht etwas riskant, wenn Ihr gar nicht wusstet, um wen es sich handelt?”
“Riskant?” Erestor legte den Kopf ein wenig zur Seite. “Vielleicht ebenso riskant, wie der Aufenthalt zweier hochrangiger Krieger hier? Was hat Celeborn veranlasst, Euch herzuschicken, Hauptmann? Habt Ihr versehentlich seinen angeberischen weißen Bogen zerbrochen? Und Ihr, Forlos? Kleinen unerlaubten Ausflug in Thranduils Weinkeller gemacht?”
Haldir erstarrte einen Augenblick bei der Vorstellung, die Erestor da ausmalte. Celeborns weißer, mit durchbrochenen Mithril-Ranken umhüllter Bogen war ein Heiligtum. Galadriel hatte vor langer Zeit nur halb im Scherz geseufzt, sie wünschte sich, dass der Herr Loriens sich niemals zwischen ihr und der Waffe entscheiden musste, wenn ihr Leben davon abhing. Im Gegensatz dazu war Glorfindels Besessenheit von Gil-Galads Schwert nur eine harmlose Marotte.
“Wir sollen auf eine Nachricht warten”, erklärte Forlos ungerührt. Ein Überfall auf Thranduils Weinkeller war offenbar nicht so schrecklich, wie Erestor annahm. “Und was führt Euch dann her?”
“Ich suche jemanden”, wiederholte Erestor und betrachtete interessiert die Becher, die das Schankmädchen vor ihnen abstellte. Die Krüge glänzten und blitzten vor Sauberkeit. Er warf ihr eine Münze zu und sie lächelte strahlend, wobei sie eine nicht mehr ganz vollständige Zahnreihe enthüllte. Erestor seufzte nur und goss sich etwas von dem schweren Wein ein.
“Jemanden?” bohrte Forlos weiter und fing sich einen düsteren Blick des Seneschalls ein. “So weit unten im Süden?”
Haldir verdrängte das Bild des zerbrochenen Bogens erfolgreich und nahm einen Schluck Wein. So langsam dämmerte ihm, was Elronds Vertrauten herführte und es beruhigte ihn nicht besonders. “Ihr solltet ihn nicht alleine suchen.”
“Ich werde ihn alleine töten, also kann ich ihn auch alleine suchen”, lächelte Erestor kühl.
“Und er soll hier sein?”
“Er nicht, aber jemand, der ihn gut kennt.”
“Doch nicht etwa das Mädchen?” schnaubte Forlos kopfschüttelnd. “Sie wird längst tot sein.”
“Unterschätzt niemals die Lebenskraft der Sterblichen”, wischte Erestor den Einwand beiseite. “Hestia ist hier und Eure Anwesenheit macht es mir nicht einfacher, sie zu finden. Sie wird sich sofort im nächsten Loch verkrochen haben, als sie von den zwei Elben hörte, die in Hellheim herumstreifen.”
Ein leises Lachen erklang aus der angrenzenden Nische. “So alt und dennoch so nachtragend”, erklang es dann in Sindarin. “Ihr könnt Eure Abstammung einfach nicht verleugnen, Erestor von Imladris.”
Haldir gestand sich ein, dass er nun einen der seltenen Momente seines Lebens durchmachte, in dem ihm die Worte fehlten. Nicht nur die Worte, er saß einfach wie erstarrt da und war nicht einmal in der Lage, zu seinen Waffen zu greifen. Wer auch immer dort saß, er hatte jedes Wort verstanden und noch war nicht klar, ob es Freund oder Feind war. Nicht nur ihm erging es so, auch Forlos hielt seinen Becher mitten in der Luft vor sich, die Augen starr auf die Trennwand gerichtet. Einzig Erestors Lippen verzogen sich zu einem sparsamen Lächeln.
“Gehört das Belauschen fremder Gespräche neuerdings zu Eurem Zeitvertreib?” fragte der Noldo dann voller Spott ihren unbekannten Zuhörer.
“Etwas, das auch Euch vertraut sein sollte.” Nebenan raschelte Stoff, dann schob sich eine seltsame Gestalt vor das Licht des Schankraums. Ihr Zuhörer war groß, irgendwie unförmig, als trüge er viele Lagen Stoff am Leib und auf seinem Kopf thronte ein Hut, rund wie ein Wagenrad wo er auf den langen, grauen Haaren saß und spitz zulaufend mit einem leichten Knick im oberen Drittel. “Nun, Ihr Herren Elben, habt Ihr an Eurem Tisch noch Platz für einen alten Zauberer?”
“Mithrandir”, sagte Haldir leise in Forlos’ Richtung. “Du wirst von ihm gehört haben.”
“Gehört ja”, bestätigte der Waldelb und rückte etwas zur Seite, damit sich der Istar einen Stuhl heranziehen konnte. “Aber noch nie begegnet.”
“Wartet mit dem Urteil, ob dies bislang ein Versäumnis oder ein Glücksfall für Euch war”, riet ihm Erestor mit einem grimmigen Lächeln.
Gandalfs hellblaue Augen strahlten vor Vergnügen. “Nein, Ihr verändert Euch wirklich nicht mehr. Ein beruhigendes Gefühl, dass doch einiges so bleibt, wie es ist.”
Haldir räusperte sich. “Mithrandir-”
“Gandalf”, wurde er von dem Zauberer unterbrochen. “So kennt man mich hier.”
“Ich finde es bezeichnend, dass man Euch hier überhaupt kennt”, kommentierte Erestor bissig.
“Allerlei seltsames Volk trifft sich in Hellheim”, parierte Gandalf noch vergnügter. “Nicht wahr, Erestor? Deswegen seid Ihr doch wohl an diesem Ort und fallt genauso wenig auf wie ich.”
Die beiden Hauptmänner wechselten einen langen Blick. Das konnte ja heiter werden. Wenn die zwei weiter Komplimente austauschten, würden weder Celeborn noch Thranduil in naher Zukunft die Nachricht erhalten, auf die sie so angespannt warteten.
“Ich stelle fest, dass die zwei jungen Krieger ungeduldig werden”, schmunzelte Gandalf.
Haldir wölbte eine Braue. Junge Krieger…so hatte man ihn schon länger nicht mehr genannt. “Ich denke dabei eher an Herrn Celeborn und König Thranduil.”
“Sie werden sich wünschen, die Nachricht nie erhalten zu haben”, lautete die plötzlich sehr unheilschwangere Antwort. “Doch wir sollten nicht hier darüber reden. Wer weiß schon, welche Ohren zuhören. Und Ihr könnt ruhig mitkommen, Erestor. Erfahren hättet Ihr es ohnehin.”
“Wie beruhigend, Gandalf.”
Gandalf packte seinen Holzstab aus silbrig verwitterter Eiche und überhörte geflissentlich Erestors Kommentar. Energisch verließ er den Schankraum und rempelte dabei mit Leichtigkeit den massigen Wirt um, der heraneilte, um zwei Raufbolde zu trennen, die schon zu dieser frühen Stunde mit einem Faustkampf angefangen hatten.
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Es hatte etwas Tröstliches, wieder vertraute Sterne an diesem klaren Nachthimmel zu erblicken. Nicht, dass die Zeit so tief im Osten verschwendet gewesen war, im Gegenteil - Aragorn hatte sie genossen. Es gab viel zu entdecken jenseits des Meeres von Rhûn und trotz der langen Monate, die er dort mit Legolas und Galen herumgewandert war, hatte er nur einen kleinen Teil dieser fremdartigen Gegend kennen gelernt. Wilde Völker lebten dort, deren Sitten es wohl in keinem anderen Teil dieser Welt gab.
Aragorn rückte ein wenig auf dem harten Boden hin und her, bis er es bequemer hatte. “Habt ihr nicht auch die Sterne vermisst?”
“Estel”, seufzte Legolas, der zu seiner Linken lag. “Du willst jetzt nicht wirklich mit uns über die Sterne reden?”
“Doch, will er”, kam es von Galen, der den Platz zu Aragorns Rechten belegte.
“Ich versuche nur, mich zu entspannen”, verteidigte sich Aragorn.
“Genau das, auf was es hier ankommt”, knurrte der Waldelb. “Entspann du dich nur, Galen und ich versuchen inzwischen, aus diesem Schlamassel rauszukommen.”
Aragorn hob etwas den Kopf und ließ seinen Blick über die Szenerie gleiten, die Legolas nicht ganz zu Unrecht als Schlamassel bezeichnet hatte. So richtig konnte er sich immer noch nicht erklären, wie das überhaupt hatte passieren können. Dabei war die Grenze zum Düsterwald höchstens noch einen Tagesritt entfernt. Eine von so verlässlichen Kriegern wie Caeril bewachte Grenze, die die Lösung aller ihrer Probleme sein würde.
“Ein Messer würde uns schon weiterhelfen”, überlegte Galen.
“In der Tat.” Legolas’ Stimme troff vor Sarkasmus. “Vorausgesetzt, wir könnten uns zuvor von den Fesseln befreien, um es in die Hand zu nehmen.”
“Das war nicht sehr hilfreich”, schnappte Galen und hüllte sich in beleidigtes Schweigen.
Aragorn fühlte mit ihm. Legolas hatte wirklich seit einiger Zeit sehr üble Laune. Um genau zu sein, hatte sich seine Laune abrupt verschlechtert, als sie der Horde Orks in die Hände gefallen waren. Vielleicht waren sie ein bisschen unvorsichtig geworden, weil ihr Ziel doch schon so nah gewesen war. Sie hatten einige Abenteuer zusammen im Osten überstanden und einfach nicht mehr damit gerechnet, dass ihnen so nah am Düsterwald noch etwas passieren konnte. Fünfzig Orks, die sich ungewohnt leise in der Nacht an ihr Lager geschlichen hatten, waren dann doch eine Überraschung gewesen, die sehr schnell damit endete, dass die drei nun verschnürt wie Stoffballen am Rande des Lagers der Orks lagen und darauf warteten, zum Abendessen verspeist zu werden.
Darum jedenfalls schien sich die lautstarke Auseinandersetzung der bösartigen Kreaturen zu drehen, die sich schon eine ganze Weile hinzog. Es waren gefährliche Burschen, nicht mit Borzo zu vergleichen, alle schwer bewaffnet und so blutrünstig, dass es förmlich zu spüren war. Zu Aragorns Glück war der Hass auf die Elben größer als auf einen Sterblichen und so hatten seine beiden unsterblichen Begleiter einen Großteil der Hiebe und Tritte eingefangen, mit denen sie die Orks während der Nacht weiter durch die Ebene getrieben hatten.
“Sie scheinen sich einig zu sein”, stöhnte Galen, als sich einer der Orks aus der Gruppe löste und mit schlurfenden Schritten zu ihnen kam. “Ich wünschte fast, Elladan wäre hier und hätte einen seiner Pläne.”
“So verzweifelt ist unsere Lage nun auch nicht”, murmelte Legolas.
Der Ork blieb zwei Schritte vor ihnen stehen und schlenkerte irgendwie unschlüssig mit den Armen. Ein Büschel hellen, verfilzten Haares wuchs mitten auf seinem Kopf und hing ihm bis über die Augen, die hinter diesem Schleier ungewohnt rotgolden schimmerten. Ratlosigkeit spiegelte sich darin. Im Gegensatz zu seinen Mitorks war er beinahe ordentlich gekleidet, zumindest bedeckten verlumpte Kleidungsstücke einen Großteil seiner unappetitlich glänzenden Haut. Der Teil, der zu sehen war, wies Flecken und Narben auf, sicher nicht immer Zeichen kriegerischer Auseinandersetzungen. Unter den Orks selbst ging es keineswegs harmlos zu. Eine wilde Keilerei, die unter den anderen gerade ausbrach, war der deutlichste Beweis dafür.
Der Ork sah kurz über seine Schulter, dann ging er rechts neben Legolas in die Knie. Zur Verwunderung der drei Gefangenen streckte er vorsichtig die Hand mit den klauenartigen Fingern aus und strich über das verschlungene Muster, das in den ledernen Armschutz geprägt war. Legolas verzog angewidert das Gesicht und versuchte, der Berührung zu entkommen. Sofort hob der Ork beinahe beschwichtigend die Hand.
“Waldelb”, raunte er mit heiserer Stimme. “Du bist ein Waldelb.”
“Was ändert das?” stieß Thranduils einziger Nachfahre mit zusammengebissenen Zähnen hervor. “Wenn du mich töten willst, dann tu es, aber erspare mir jedes weitere Wort.”
“Waldelb…” Der Ork seufzte leise und leckte sich mit der Zunge, die an der Spitze gespalten war, über die schmalen, dunklen Lippen. Das erklärte zumindest sein leichtes Lispeln. Er schien sich erst sammeln zu müssen, um überhaupt einen kompletten Satz hervorzubringen. “Nur eine Frage.”
“Eine Frage?” echote Aragorn höchst irritiert. Orks fragten nicht. Abgesehen vielleicht von Borzo, doch der war eine Ausnahme und damit kein verlässlicher Maßstab.
“Nichts dergleichen”, fauchte Legolas und richtete sich abrupt auf, so gut es mit der festen Verschnürung ging. Seine schlechte Laune erreichte eindeutig einen neuen Höhepunkt und das ging zu Lasten der ihm sonst nicht so fremden Diplomatie.
Der Ork warf einen hastigen Blick über seine Schulter. Am Feuer näherte sich die Diskussion offenem Blutvergießen. Niemand achtete weiter auf sie. “Eine Frage, Waldelb!”
“Lass ihn doch fragen”, schlug Galen vor, der sich neugierig ebenfalls aufgerichtet hatte und den Diener Saurons wieder mit diesem bedenklichen Interesse in den Smaragdaugen betrachtete, das für alle anderen Ärger ankündigte.
Legolas knurrte nur, aber für den Ork war das wohl pure Zustimmung. “Es heißt, ihr Elben habt einen Ork unter euch.”
“Nein!” Legolas streckte das Kinn vor und rümpfte fast die Nase. “Der Ork lebt in Bruchtal. Keiner deiner Art wird jemals das Waldelbenreich bevölkern. Abschaum wie ihr überschreitet nicht lebend unsere Grenzen.”
Das war nun doch ein wenig hart, fand Aragorn und Galen gab auch einen etwas ungeduldigen Laut von sich. “Lass ihn doch mal ausreden”, meinte der Ithildrim tadelnd auf Sindarin. “Irgendwas will er schließlich.”
Der Ork stülpte die Lippen vor und kratzte sich an der Brust. Man konnte die Flöhe förmlich springen sehen. “Ich könnte euch befreien.”
“Ach wirklich?” machte Legolas mit ätzendem Spott. “Könntest du das?”
Eifriges Nicken folgte. “Morgen früh, wenn die anderen dem Licht entfliehen müssen.”
“Und dann?” Galen lächelte beinahe herzlich. “Was willst du als Gegenleistung?”
Die rotgoldenen Augen wanderten zwischen ihnen hin und her. “Ich will mit.”
“Nur über meine Leiche!” zischelte Legolas.
“Kein Problem”, strahlte Galen.
“Warum nicht?” nickte Aragorn.
“Seid ihr verrückt geworden?” empörte sich Thranduilion. “Ich kann keinen Ork mit in den Palast bringen. Mein Vater schmeißt uns alle in den Waldfluss.”
“Die Alternative besteht darin, dass er nur noch deine Asche vorfindet”, erinnerte ihn Galen.
“Die könnte er dann allerdings auch in den Waldfluss werfen”, ergänzte Aragorn.
“Ihr wisst doch gar nicht, ob er die Wahrheit sagt”, verteidigte sich Legolas, dem die Logik wohl nicht ganz verborgen blieb, die in der Annahme eines derartigen Angebotes lag.
Galen runzelte leicht die Stirn und wechselte wieder in Westron. “Wieso kannst du uns befreien morgen früh?”
“Weil ich als einziger Wache halten werde”, grinste der Ork und zeigte seine zwar erstaunlich weißen, aber auch enorm spitzen Zähne.
“So?”
“Mir macht die Sonne nichts.”
“Faszinierend”, freute sich der Rhûnar-Heiler. “Woher kommt das?”
Das ging sogar Aragorn zu weit, zumal am Feuer wieder Ruhe eingekehrt war. “Ist doch egal. Du willst uns also helfen. Gut, ich denke, wir sind uns einig. Nicht wahr, Legolas?”
Stur presste der Waldelb die Lippen zusammen.
“Legolas”, beschwor ihn auch Galen.
“IZAK!” brüllte plötzlich einer der anderen, wirklich großen Orks und trampelte zu ihnen herüber.
Izak - eindeutig der Name ihres Orks, so wie er zusammenzuckte - starrte Legolas an. “Gib mir dein Wort, Waldelb!”
Am Ende siegte der natürliche Überlebenstrieb und ganz langsam nickte Mittelerdes einziger Elbenprinz. Er sah dabei zwar aus, als müsste er sich ganz unelbisch übergeben, aber immerhin. Keinen Moment zu früh, denn Izak flog unter dem wuchtigen Fußtritt des anderen Ork mehrere Schritte weit weg.
“Was machst du da?” schrie der andere ihren Verbündeten an, der sich bereits wieder aufrappelte und gebückt und ohne den Blick zu heben weiter auswich. “Wolltest dir wohl doch mal ein Stück Fleisch holen, du erbärmlicher Wurm. Jetzt verschwinde!”
Izak schlich davon, aber nicht ohne den drei Gefangenen verstohlen zuzublinzeln.
Kapitel 2 - Alleine reist’s sich schlecht
Umständlicher als nötig stopfte er seine lange Pfeife, entzündete sie mit einer winzigen Bewegung seiner Hand und paffte die Rauchwolken in den wolkenlosen Frühlingshimmel. Wenn seine Begleiter ungeduldig waren, so ließen sie sich wenigstens im Moment nichts anmerken. Gandalf verbarg ein breites Lächeln.
Iluvatur war wahrlich ein Meister der Vielfalt und der Harmonie zugleich. So wenig sie sich äußerlich ähnelten, so gleich waren sie doch im Innern, auch wenn es auf den ersten Blick nicht so schien. Im Grunde trieb sie die gleiche Kraft an und das war Hingabe. Erestor mochte sie hinter seinem Zynismus verschleiern, wie das ein typischer Noldo eben so tat. Haldirs ganze Kraft hatte schon immer dem Erhalt der Welt gegolten, wie er sie kannte. Und Forlos? Gandalf gestand sich ein, den Tawarwaith mit der dunklen Vergangenheit auf Anhieb sympathisch zu finden.
Ob das umgekehrt auch galt, war nicht sicher. Gerade eben traf den Istar wieder ein kritischer Blick aus diesen dunkelblauen Augen, die schon so viele Grausamkeiten gesehen hatten.
“Was für ein netter Platz für eine Unterhaltung”, ließ sich Erestor nach längerem Schweigen vernehmen und lehnte sich mit verschränkten Armen gegen die halbhohe Mauer, die den vernachlässigten Friedhof umgab, auf dem die Hellheimer die Toten zu verscharren pflegten. Eine seltsame Sitte, den Körper nicht dem Feuer zu übergeben. “Ich kann die Würmer hören, die unter unseren Füßen an den Knochen nagen.”
Haldir tippte mit der Stiefelspitze gegen einen aufgeworfenen Erdhaufen, der das jüngste Opfer der Stadt bedeckte. “Würmer nagen keine Knochen ab. Ihr hört bestimmt etwas anderes.”
“Eine Ratte”, schlug Forlos vor. “Oder einen Maulwurf.”
“Nein”, widersprach Haldir. “Kein Maulwurf.”
“Wollen wir wetten?” Forlos baute sich auf der anderen Seite des Erdhaufens auf.
Celeborns erster Wächter überlegte einen Moment. Er wirkte dabei genauso ernsthaft, als würde er gerade darüber nachdenken, wie die Grenzen des Goldenen Waldes noch besser zu schützen seien. “Um was?”
“Gandalf”, zischelte Erestor. “Wie weit wollt Ihr dieses Spielchen noch treiben?”
“Ich? Ich mach doch gar nichts.”
“Eben.”
“Und wer gräbt die Leiche wieder aus?” erkundigte sich Forlos gerade.
Gandalf hob beschwichtigend die Hand. “Ihr könnt aufhören. Ich gestehe, es fällt mir mit zunehmendem Alter immer schwerer, sofort zur Sache zu kommen.”
Beide Hauptmänner durchbohrten ihn mit ihren Blicken. Sie glaubten ihm kein Wort. Er hatte fast vergessen, dass seine Begleiter nicht zu den ahnungslosen Sterblichen gehörten, die ihn für eine Mischung aus Zauberer und Scharlatan hielten.
“Hört, hört”, murmelte Erestor.
“Es gibt einen Ort, nicht einmal weit von hier, der eine große Bedrohung für die Reiche Celeborns und Thranduils darstellt”, begann Gandalf.
“Eigentlich gibt es Dutzende davon”, kommentierte Erestor trocken.
“Wollt Ihr nun die Neuigkeiten hören oder nicht?”
“Wenn man bedenkt, dass ich ursprünglich gar nicht dazu eingeladen war…”
Forlos und Haldir räusperten sich gleichzeitig.
“Schon gut.” Erestor neigte leicht den Kopf. “Ich bitte um Nachsicht, aber schlechte Nachrichten verderben mir immer den Tag. Und glaubt mir, wenn Mithrandir auftaucht, sind wirklich schlechte Nachrichten zu erwarten.”
‚Und sie werden dich genauso wenig beeindrucken wie immer’, ergänzte Gandalf für sich, bevor er nach dem besten Weg suchte, seine Befürchtungen in Worte zu fassen. “Sauron ist wieder in Dol Guldur.”
Nach der Art, wie ihn drei Augenpaare unterschiedlicher Farbe und ebenso unterschiedlichem Grad des Entsetzens anstarrten, kam er zu dem Ergebnis, dass seine Fertigkeit, subtil und sensibel mit solchen Neuigkeiten umzugehen, auch nach fast zwei Jahrtausenden nicht unbedingt größer geworden war. Forlos war regelrecht bis ins Mark erschüttert. Kein Wunder, wenn man seine Geschichte bedachte. Gandalf kannte sie, auch wenn der Tawarwaith sie niemandem je wirklich berichtet hatte. Haldir sah nur die Gefahr für Lothlorien und Erestor…
“Sauron…”, echote der Noldo gedehnt und seine dunklen Brauen hoben sich etwas. “Wie sicher seid Ihr Euch?”
“Alle Anzeichen sprechen dafür.”
“Nennt mich einfach wissbegierig und verratet mir, wie solche Anzeichen aussehen.”
“Die Festung ist bevölkert.”
“Das ist sie bereits seit einigen Jahren wieder, wie wir alle wissen.” Erestor schnippte ein imaginäres Staubkörnchen vom Ärmel seines schwarzen, makellos sauberen Hemdes. “Weht nun ein Banner über der Festung mit Saurons Namen? Oder steht ein Schild am Fuß des Amon Lanc mit der Aufschrift: ‚Der Herr dieser Festung ist anwesend’?”
Eine leichte Hitze ballte sich in Gandalfs Brust. Nun wusste er wieder genau, warum er auf Valinor die Vanyar den Noldor immer vorgezogen hatte. “Ich spüre es einfach.”
“Na dann!” rief Erestor und riss theatralisch die Augen auf. “Gandalf spürt Sauron! Worauf warten wir noch? Zu den Waffen!”
“Lord Erestor”, ließ sich Haldir ruhig vernehmen. “Selbst wenn es nur eine Vermutung ist, so ist der, von dem sie stammt, doch zu sicher sonst darin, um sie einfach ignorieren zu können.”
“Danke”, brummte Gandalf in Haldirs Richtung.
“Was erwartet Ihr von uns?” fragte Forlos, der nachdenklich die Unterhaltung verfolgt hatte. “Die Nachricht alleine ist es nicht, weshalb Ihr unsere Anwesenheit verlangtet. Es hätte auch andere Wege gegeben, sie mitzuteilen.”
“So wie ich Gandalf kenne - und ich kenne ihn doch recht gut - geht es hier nicht nur um das Wissen als solches”, spekulierte Erestor mit beunruhigender Treffsicherheit.
“Er ist noch geschwächt”, verteidigte sich der Maia, der Erestor weit weg wünschte. “Wenn wir verhindern können, dass er erneut flieht, könnten wir ihm vielleicht ein Ende bereiten.”
“Vorausgesetzt, er ist wirklich in Dol Guldur.”
“Dann findet es heraus!” herrschte Gandalf ihn am Ende seiner Geduld an. “Und für den Fall, dass es so ist, nehmt genug Krieger mit, um ihm sofort den Garaus zu machen!”
Einen langen Moment legte sich Schweigen über die Anwesenden, schließlich räusperte sich Forlos. “Ich schätze, das ist die Nachricht, die ich meinem König überbringen soll.”
“Und zwar in genau diesen Worten”, bestätigte Gandalf noch immer verärgert, auch wenn sich ein Wissen in ihm regte, das sehr gut geeignet war, seine Laune wieder zu heben.
“König Thranduil wird nicht begeistert sein.”
“Er wird auch kaum sein Heer wegen einer Ahnung Gandalfs in Bewegung setzen”, sagte Erestor spöttisch. “Und sich im Nachhinein ärgern, dass er Euch hergeschickt hat.”
“Deswegen begleite ich Euch”, fauchte Gandalf nach einem bösen Blick zu Erestor. “Thranduil wird sich am Ende die Möglichkeit nicht entgehen lassen können, den Düsterwald vor dieser Bedrohung endgültig zu schützen. Ihr, Haldir, braucht keine Unterstützung. Galadriel wird das Unheil ebenso deutlich ahnen wie ich.”
“Aha, jetzt ahnt Ihr es also nur noch”, lächelte Erestor. “Elrond ahnt es auch oder ist Imladris das Tal der Ahnungslosen?”
“Imladris ist weit weg von Düsterwald, Lord Erestor. Das ist auch der Grund, warum ich Elrond gar nicht erst damit behelligt habe.”
“Tragischerweise vereitelt meine Anwesenheit hier leider Eure Rücksichtnahme. Er wird nicht untätig dabeistehen.”
“Ich überlasse es Euch, ihm das auszureden”, verkündete Gandalf voll scheinheiliger Freundlichkeit. Seine Rache war nah. Beiläufig erhob er sich und schlenderte an den äußeren Rand der Friedhofsmauer, von wo man einen sehr guten Ausblick auf Hellheims Hafen hatte. Ein Händlerschiff näherte sich gerade gemütlich einem der Anleger. “Vorausgesetzt, Ihr findet die Zeit dazu.”
Auf Erestors natürliches Misstrauen zu setzen, erwies sich immer als richtig. Mit drei langen Schritten war der Elb an seiner Seite und starrte misstrauisch auf den Hafen hinunter. Plötzlich schien ein Ruck durch seinen Körper zu gehen. “Woher wusstet Ihr…?”
Gandalf gestattete sich ein boshaftes Lächeln. “Nur eine Ahnung. Aber davon haltet Ihr ja bekanntlich sehr wenig.”
“Darüber unterhalten wir uns noch!” zischte Elronds Seneschall, bevor er auf dem Absatz kehrt machte und im Laufschritt über den schmalen Weg Richtung Hafen eilte.
“Wo will er hin?” erkundigte sich Haldir und gesellte sich zusammen mit Forlos zu Gandalf.
“Einen alten Freund treffen”, kicherte der Istar.
“Wohl eher eine alte Freundin”, kam es von Forlos, der die schmächtige Gestalt an der Reling des Handelsschiffes ebenfalls erkannt hatte. “Ich frage mich, was sie da macht.”
“Ein neues Leben leben”, antwortete Gandalf und sah zu, wie Erestors dunkle Gestalt zwischen den ersten Häusern des Kais auftauchte.
Haldir seufzte. “Sie wird nicht glücklich sein, dass ihr altes Leben darin auftaucht.”
“Wer ist schon glücklich, wenn Erestor so auf ihn zustürmt”, bestätigte Forlos nicht ohne Weisheit.
Hestia jedenfalls war es nicht. Sie hatte einfach ganz ruhig dagestanden und zugesehen, wie das Schiff anlegte, als Erestor den ersten Schritt auf den Holzsteg machte. Mit der perfekten Fernsicht aller Erstgeborenen und auch Maiar gesegnet, beobachteten die drei auf dem Hügel, wie sie leichenblass wurde, unwillkürlich zu dem Kurzschwert griff, das an ihrem Gürtel hing und dann doch lieber die Flucht antrat. Nicht auf den Anleger, sondern auf die andere Seite des Schiffs, kopfüber in das verdreckte Hafenwasser.
“Wird er oder nicht?” überlegte Haldir.
“Um einen Krug Wein, dass er wird”, sagte Forlos.
“Einverstanden.”
Erestor zögerte nicht lange. Mit einem sehr eleganten Kopfsprung setzte er seine Verfolgung im Wasser fort, holte die nicht gerade geübte Flüchtende ein und packte sie dann an den Haaren, um sie hinter sich her wieder Richtung Anleger zu zerren.
“Gewonnen”, freute sich Thranduils Hauptmann.
“Es war aber auch nicht weiter schwierig”, grollte Haldir und setzte sich langsam in Bewegung. “Wir sollten vielleicht für ein wenig Rückendeckung sorgen. Die Leute dort unten scheinen nicht so ganz zu verstehen, warum ein schwarz gekleideter Elb wie von Sinnen auf ein Mädchen losgeht, das gerade erst angekommen ist.”
Gandalf runzelte ein wenig besorgt die Stirn. Bei genauer Betrachtung rotteten sich gerade einige Dutzend Hellheimer zusammen, um Erestor seine Beute wieder abzujagen und ihn womöglich gleich zu ertränken. Sorgen machte sich Gandalf allerdings eher um die Hellheimer. Erestor war niemand, der sich eine Beute wieder abjagen ließ und ein Blutbad das letzte, was sie jetzt brauchten.
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Wie schwer konnte es sein, die Feder eines Falken zu treffen?
Nicht sehr, wenn sie sich noch am Falken selber befand. Doch warum sollte man einen so großartigen Vogel töten?
Unendlich schwierig, wenn sie ganz alleine von sanften Luftbewegungen getrieben aus der Höhe eines Mallorns auf den Boden des Goldenen Walds niedersank.
Wahrlich eine Herausforderung, die der Bogenschütze, der ganz ruhig die Sehne seines Bogens einlegte, dann einen Pfeil aus dem Köcher nahm, der seitlich an seinem Gürtel befestigt war, wirklich gerne annahm.
Weit oben, am Rand einer der sich um den Stamm des mächtigen Mallorns windenden Treppen, streckte ein Galadhel den Arm aus und öffnete dann die Finger seiner Hand. Die lange, braunschattierte Feder löste sich aus dem Griff und begann den unberechenbaren Weg zum Boden.
Der Rest der Bevölkerung Caras Galadhons nahm die Schießübung mitten im Herzen der Stadt mit Gelassenheit. Nach einigen Jahrtausenden gewöhnte man sich daran, dass Lord Celeborn von Zeit zu Zeit seine Aufmerksamkeit damit schärfte, Pfeile zwischen seinen Untertanen umher zu schießen. Er war ein zu guter Bogenschütze, um wirklich jemanden in Gefahr zu bringen. Solange man nicht direkt in die Flugbahn geriet, konnte eigentlich nichts passieren.
Celeborn selbst hatte ohnehin wenig für ängstliche Gemüter über, die sich von solch kleinen Unternehmungen in die etwas außerhalb gelegenen Teile der Stadt treiben ließen. Außerdem war er ein viel beschäftigter Elb und konnte nicht immer stundenlang herumlaufen, bis er die Übungsplätze seiner Galadhrim erreichte, nur um den ein oder anderen Pfeil abzuschießen.
Außerdem war er nicht nur viel beschäftigt, sondern auch ein sehr praktisch veranlagter Elb. Eindeutig das Erbe aller Sindar. Celeborns Antwort auf höfliche Anfragen in der Vergangenheit war dementsprechend immer gleich gewesen: rund um seinen Talan war genug Platz. Warum also in die Ferne schweifen?
Der Herr des Goldenen Waldes genoss die Ruhe der Abenddämmerung, behielt dabei die Feder im Auge, die einen anmutige Tanz in den Strömungen warmer und kalter Luft aufführte und ließ dabei ohne große Anstrengung die Sehne gespannt. Die fein verzierte Spitze des Pfeils folgte den Bewegungen der Feder, die noch weit oben schwebte. Direkt über ihr in der Schusslinie stand Orophin und blätterte in einem Buch. Ab und an warf Celeborns - von Haldir in einsamer Entscheidung ernannter - Leibwächter einen Blick nach unten, schätzte kurz den Weg des Zielobjekts ein und vertiefte sich dann wieder in seine Lektüre.
Während sich die eine Hälfte seiner Gedanken auf die Feder konzentrierte, versuchte sich Celeborn zu erinnern, was Orophin gerade las. Bei der Menge an Büchern, die dieser Elb verschlang, war er nie auf dem neuesten Stand. Ein wirklich belesener Elb und ein verdammt guter Krieger. Galadriels Gemahl grinste leicht. Beim letzten Scharmützel an den Grenzen hatte sich Orophins Leidenschaft für das geschriebene Wort ausgezahlt. Er war ein wenig in Bedrängnis geraten und hatte in der Not einem Ork einen solide gebundenen Gedichtband so heftig gegen den Schädel geschlagen, dass der Kreatur das Genick gebrochen war.
Zum Glück waren gerade etwas ruhigere Zeiten und Orophin konnte diese überflüssige Aufgabe von Celeborns persönlichem Schutz wahrnehmen, ohne dass sie damit einen wertvollen Krieger an den Grenzen vermissten.
Celeborn hatte den Gedanken kaum zu Ende gedacht, als ein gellender Schrei die Stille durchbrach. Unvorbereitet auf das abgrundtiefe Entsetzen, das in der hellen Stimme mitschwang, zuckte Loriens routinierter, sonst eigentlich durch nichts zu überraschender Krieger zu seinem eigenen Ärger zusammen und der Pfeil schoss davon. Sein Weg ging hoch hinaus in den Himmel, an der Feder vorbei und er nahm direkten Kurs auf Orophin. Der hob ebenso überrascht den Kopf, sah den Pfeil auf sich zukommen und warf sich zur Seite.
Celeborn nahm mehrere Dinge gleichzeitig wahr. Eines davon war die Feder, die unversehrt weiter nach unten tänzelte. Das andere war der Pfeil, der die Luft durchschnitt, wo Orophin gerade noch gestanden hatte und dann in den Mallornstamm dahinter einschlug. Sehr viel unangenehmer war allerdings der Anblick, wie Haldirs jüngerer Bruder über den Rand der Treppe fiel, sich gerade noch mit den Fingerspitzen an der Kante festhalten konnte und leicht schwingend weit, weit über dem Boden hängen blieb.
“Alles in Ordnung”, erklang es dennoch von oben. “Nichts passiert.”
Celeborn wich im letzten Moment zur Seite aus, als Orophins Buch sich neben ihm in den weichen Waldboden grub. “Wie schön”, murmelte er und hängte noch gleich einen leisen, aber heftigen Fluch an.
Der nächste Schrei…inzwischen hatte Celeborn die Stimme erkannt, die da zwischen den Mellyrn die Blätter zum Einrollen brachte und auch die Richtung ausgemacht, aus der sie kam. Einen Atemzug später stürmte über den von Wurzeln gesäumten Pfad eine zierliche Gestalt mit wehendem Silberhaar heran. Den nächsten Fluch auf den Lippen nahm Celeborn eine leicht breitbeinige Haltung an und ließ vorsichtshalber seinen Bogen neben sich auf den weichen Boden fallen. Das war sicherer für das, was kommen würde.
Die jüngste Einwohnerin Caras Galadhons - gesegnet mit großem Talent als Bogenschützin und geschlagen mit ebenso großem Geschick, sich und andere durch ihr unelbisches Temperament in Schwierigkeiten zu bringen - gestikulierte heftig nach hinten, schrie wieder irgendetwas und rannte beinahe ungebremst in ihn hinein. Celeborn war groß, mit gutem Gleichgewichtssinn ausgestattet und den seiner Art eigenen Körperkräften. Leiloss war klein, zierlich und gab ein ersticktes Keuchen von sich, als sie gegen die wohltrainierte Kriegerbrust ihres obersten Befehlshabers knallte. Wie erwartet prallte sie wieder ab und hing dann über Celeborns zupackendem Arm wie ein nasses Handtuch.
“Herr…” stöhnte es aus dem irgendwie verbogenen Haufen Elbin über Celeborns Arm.
“Leiloss”, seufzte Celeborn und sah nach oben, wo sich Orophin gerade wieder auf die Stufen gezogen hatte und kopfschüttelnd den Weg nach unten antrat. “Welches Unglück hat den Goldenen Wald heimgesucht?”
Er gratulierte sich im Stillen, diese Worte als Frage formuliert zu haben. Man konnte es auch anders sehen. Einige taten es sicherlich, seit Haldir dieses bemerkenswerte Geschöpf von seinem Aufenthalt in Imladris mitgebracht hatte. Celeborn war da noch nicht ganz schlüssig. Leiloss’ Unterhaltswert war seiner Meinung nach unübertroffen.
“Herr!” Noch eine besondere Eigenschaft der Ithildrim war ihre schnelle Erholung in jeder Art von Krise. Eben noch halb gelähmt von dem Aufprall rappelte sie sich nun auf, krallte ihre Hände in Celeborns Weste und ertränkte ihn mit einem umwerfend flehentlichen Blick aus ihren leuchtend grünen Augen. “Ein großes Unglück, Herr!”
Kleine Unglücke kannte Leiloss auch nicht. “Hier?”
“Die Lady Galadriel…” Der Griff wechselte von seiner Brust zu seinem rechten Unterarm, um ihn unzeremoniell hinter sich her zu ziehen. Es funktionierte nur zum Teil, da Celeborn sich weder umrennen noch wegzerren ließ, wenn es ihm nicht passte. “Es ist grauenhaft!”
In Verbindung mit seiner Gemahlin kannte Celeborn zwar aus ihren jüngeren Tagen das Wort ‚grausam’, aber ‚grauenhaft’ eher nicht. Sie befanden sich mitten in Caras Galadhon, so fürchterlich konnte es eigentlich gar nicht sein. Irgendwie rechnete er kaum damit, dass Galadriel von Feinden zerfetzt hinter einem Mallorn lag.
“Sie ist am Spiegel”, erklärte sehr viel ruhiger ein Galadhel, der hinter Leiloss den Pfad verließ. “Und es scheint, es waren keine angenehmen Bilder, die sie erblickte.”
Rumils Worte erklärten nun so einiges. Celeborn schüttelte mit seiner Hilfe die Ithildrim von sich ab, gab Orophin seinen Bogen zu treuen Händen und machte sich auf den Weg zu dem stillen Fleck an der Quelle, die Galadriels Spiegel speiste. Genauso hatte er sich einen angenehmen Abend vorgestellt: misslungene Schießübung, der Bruder seines Hauptmanns, der sich fast zu Tode stürzte und die jüngste Kriegerin weit und breit, die vor lauter Aufregung die ganze Stadt zusammenschrie.
Galadriels Spiegel befand sich an der tiefsten Stelle der Stadt. Eigentlich war es eine Art Loch, wo vor langer Zeit der Boden abgesackt war. An einer Seite der Bruchkante entsprang die Quelle, mit der der Spiegel gespeist wurde. Das kühle Quellwasser bahnte sich einen Weg durch ein Bett aus dunklen, leicht glitzernden Steinen und versickerte dann an einer anderen Stelle unmittelbar vor der anderen Seite der Bruchkante, die von den verflochtenen Wurzeln der Mellyrn abgestützt wurden, die diesen Platz umgaben.
Eine schmale, natürliche Treppe aus Stein führte in einem leichten Bogen hinunter auf den Grund des Ortes. Nahe der Quelle war eine Säule mit einem Wasserbecken aufgestellt. Gewöhnlich stand dahinter in einer Nische eine silberne Karaffe, in der Galadriel das Quellwasser auffing und in das Wasserbecken goss.
Als Celeborn nun die Treppe erreichte, bot sich ihm ein etwas ungewöhnlicher Anblick. Seine stets elegante Gemahlin rappelte sich gerade neben dem Wasserbecken vom Boden auf, Blätter in den Haaren und in einen Arm die Karaffe geklemmt, die eine leichte Delle auf der Seite hatte.
Nun doch leicht besorgt lief er die Treppe herunter und nahm ihren Arm, um sie zu der Steinbank ganz in der Nähe zu führen. Seiner Meinung nach war es ohnehin keine Bank, sondern eine umgekippte Reliefplatte, auf der man nicht gerade bequem saß, so schön die Muster ja auch sein mochten.
“Manchmal zeigt der Spiegel Dinge-”
Mit einer knappen Geste unterbrach er sie sofort. “Nicht nötig, meine Liebe. Sag mir einfach, was du gesehen hast.”
Sie bedachte ihn mit einem etwas schiefen Lächeln und stellte die Kanne zu Boden. “Ich wollte nur nachschauen, wie es Haldir so ergeht.”
“Und?” Celeborn schätzte seinen Hauptmann und Freund zu hoch, um nun nicht wirklich beunruhigt zu sein.
“Ah, ihm geht es gut”, winkte seine Gemahlin ab und begann, die Blätter aus ihren Haaren zu zupfen. “Wenn die Bilder wahr sind, amüsiert er sich sogar ganz prächtig.”
“Das ist allerdings schockierend genug, dass du zusammenbrichst und Leiloss halb Lorien in Aufruhr versetzt.”
“Das kommt davon, wenn sie mir überall hin folgt”, freute sich Galadriel nicht ohne eine Spur Boshaftigkeit. “Sehr anhänglich, diese Elleth. Aber nein, das war es nicht. Ich ließ meine Gedanken schweifen.”
Und Celeborn beinahe auch, weil Galadriel in allen Belangen des Spiegels zur Umständlichkeit neigte, verbunden mit langen Phasen bedeutungsschweren Schweigens. Entschieden riss er sich zusammen. “Ah. Wohin?”
“Nach Osten.”
“Weit oder nah?” Man musste das Gelände einkreisen, das sie mit den Worten gerade durchwanderte, dann verkürzte sich die Wiedergabe der Vision immer ungemein.
“Nah und beinahe unerreichbar.”
“Nah reicht mir schon.”
“Dol Guldur”, erklärte sie mit leichtem Groll. “Celeborn, es war eine dunkle Vision, voller Bilder von Kampf und vertrauten Gesichtern. Wie wäre es, wenn du diesmal einfach nur zuhörst? Ich schwöre, nicht mehr Worte zu nutzen, als erforderlich ist.”
“Ein Schwur, den du ohnehin nicht halten kannst.”
“Celeborn!”
Statt einer Antwort verschränkte er die Arme vor der Brust und fixierte sie auffordernd, bis sie aufsprang und mit finsterer Miene ihre übliche Wanderung von fünf Schritten hin und fünf Schritten zurück begann.
“Es war Krieg und ein Elbenheer zog gegen Dol Guldur. Ich sah dich, Elrond und Thranduil. Ich sah viele bekannte Gesichter unter den Kämpfenden. Und ich sah das Innere der Festung. Ein dunkler Feind bewegte sich dort.” Sie runzelte einen Moment die Stirn. “Und Gandalf war übrigens auch dort.”
Einen Moment wog er die Worte ab, bedachte den Zusammenhang mit Haldirs Reise und erhob sich dann mit einem leichten Seufzer. Galadriel blieb abrupt stehen.
“Was hast du vor?” erkundigte sie sich misstrauisch.
“Die Galadhrim zu den Waffen rufen und einen Feldzug nach Dol Guldur planen”, erklärte er nachsichtig.
“Du weißt doch gar nicht, ob dies unmittelbar bevorsteht. Der Spiegel zeigt manchmal nur Möglichkeiten.”
“Galadriel…”
“Also bitte - ja, ich gebe zu, dass es diesmal sehr wahrscheinlich ist.”
Mit einer Geste, die schlicht besagte ‚na also’ steuerte er die Treppe an. Es gab einiges zu bedenken bei dem, was Galadriels Vision verhieß. Die Galadhrim verließen nur ungern den Wald, dessen Schutz ihnen oberstes Gebot war. Alle Krieger konnte er ohnehin nicht mitnehmen, aber auch nicht zu wenige. Es fehlte noch, sich die bissigen Bemerkungen seines Cousins anzuhören, dass die ganze Arbeit wie immer an den Tawarwaith hängen blieb. Celeborn fragte sich, was schlimmer war: gegen Dol Guldur zu ziehen oder dies zusammen mit Thranduil tun zu müssen.
“Celeborn”, folgte ihm Galadriels Stimme trügerisch sanft. “In der Vision war es Sommer. Es ist nicht nötig, dass du noch heute Abend abreist.”
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Ein Heer sammelte sich in der Ebene des Anduin. Der Anblick war erhebend und schrecklich zugleich. Es waren nicht so viele an der Zahl wie damals, als sie den Schicksalsberg belagerten und es waren auch nicht die Völker der Ebene versammelt. Elrond blickte sich um und sah nur die Schönheit der Erstgeborenen, gekleidet in die prächtigen Rüstungen ihrer Kriege.
“Wenn sie den Wald nicht verlassen, war alles vergebens”, erklärte Glorfindel, der neben ihm auf Asfaloths Rücken saß und in seiner prächtigen Rüstung ein beinahe unwirkliches Schimmern in sich trug. Die Nähe der Schlacht weckte alte Kräfte in ihm, die eigentlich nie ihren Weg von Valinor in die Gegenwart Mittelerdes hätten finden dürfen. “Ohne Thranduil…”
“Es wird gelingen”, stieß Elrond mit zusammengebissenen Zähnen hervor. Sein Blick glitt die Linie der Krieger entlang. Galadhrim unter Celeborns Führung hatten sich versammelt, die Krieger Bruchtals, nur wenige an der Zahl und noch weniger Tawarwaith.
Wie konnten sie gewinnen? Warum hatten sie es darauf ankommen lassen, dass dieses schreckliche Geschöpf in der Festung tiefer im Wald die Schwäche seiner Angreifer erkannte und nun seine schwarzen Truppen gesammelt hatte, um sie den Elben entgegenzustellen?
Ein schrilles Kreischen über ihm nahm Elrond die Fähigkeit, noch einen klaren Gedanken zu fassen. Es hielt an, grub sich in seinen Geist und trübte seinen Blick auf den Waldrand, von dem sich nun eine dunkle Masse löste. Dol Guldurs Truppen kamen. Er musste sich konzentrieren. Aber wie? Der Schrei wurde lauter, höher…Elrond presste die Hände gegen die Ohren.
“Aufhören!” stöhnte er gequält.
Augenblicklich herrschte Ruhe. Gleichzeitig verschwand die Dunkelheit und warmes Licht umgab den Herrn von Imladris. Immer noch angestrengt von den Qualen für sein Gehör blinzelte er vorsichtig und das erste, was er sah, waren große graue Augen, in denen noch die Ahnung von Tränen schimmerte.
“Sûlhin”, murmelte Elrond. “Was tust du hier?”
Ein Stirnrunzeln verriet schon vor dem ersten Wort die Verärgerung seiner Betrachterin. “Du wolltest mir eine Geschichte erzählen und dann…”
Der Rest blieb offen, aber Elronds Orientierung kehrte ohnehin wieder zurück. Er war nicht in der Ebene des Anduin sondern in seinem Arbeitszimmer und es war auch keine Schlacht im Gange, sondern ein ganz gewöhnlicher, ruhiger Abend. Er hätte es zumindest sein sollen, wenn Elrond nicht diese Bilder überkommen wären. Stattdessen kniete er nun auf dem Boden und vor ihm reckte Halbarads kleine Tochter den Kopf vor.
“Du bist umgefallen”, ergänzte sie empört. “Einfach so.”
“Ich war nur müde”, beschwichtigte er sie und stand noch etwas wackelig wieder auf. Die Aussage war ein eindeutiger Verstoß gegen Celebrians Erziehungsregeln in Bezug auf Schwindeleien vor Kindern. Andererseits konnte man einer Vierjährigen schlecht erklären, dass man mit einer seherischen Gabe gestraft war.
Mit einem Knall flog die Zimmertür auf und drei Elben drängten durch die Tür. Einer davon mit einem Schwert. Elrond seufzte. Glorfindel mochte jetzt nicht mehr die Rüstung aus seiner Vision tragen sondern die prachtvolle Robe, die das nahe Abendessen in der Großen Halle ankündigte, aber ein Schwert trieb Bruchtals oberster Krieger überall auf.
“Was ist geschehen?” rief Elladan.
“Wir hörten einen fürchterlichen Schrei”, ergänzte Elrohir.
“Eindringlinge?” bellte Glorfindel und blickte sich wild im Raum um.
“Das war ich”, verkündete Sûlhin stolz und drückte die Stoffpuppe, die sie im Arm hielt noch etwas fester.
“Allerdings”, nickte Elrond. Er hätte schwören können, dass der Puppe unter der rüden Behandlung bereits die Augen aus dem Kopf quollen.
“Wer auch sonst?” seufzte Glorfindel und nahm das Schwert herunter.
“Man sollte dir den Mund zunähen”, ergänzte Elladan verärgert. “Du schreist wie ein Nazgul!”
“Tu ich nicht!”
“Und ob!”
“Er ist umgefallen!” Ein kleiner Zeigefinger deutete auf Elrond. “Ganz weiß. Erestor hat gesagt, ich darf schreien, wenn etwas Schlimmes passiert. Wenn er umfällt, ist das schlimm. Oder etwa nicht?”
Elrond wünschte Erestor kurzfristig für einen Tag nach Mordor. Es wurden zwei Tage daraus, als Glorfindel ihn sofort durchdringend ansah. “Das war nichts.”
“Sûlhin, begleite mich”, forderte Elrohir plötzlich ganz ruhig. “Elladan und ich erzählen dir eine Geschichte.”
Die Aussicht, von ihren besten Freunden die versprochene Geschichte zu bekommen, söhnte das Mädchen sofort mit sich und der Welt wieder aus. Morgen hatte sie wahrscheinlich schon vergessen, was hier passiert war. Bei Glorfindel war sich Elrond dagegen sicher, dass dieser nicht so leicht abzulenken war.
Der Vanya wartete noch, bis sich die Tür hinter den dreien geschlossen hatte, dann holte er einen Becher Wein und drückte ihn Elrond in die Hand. “Visionen machen durstig und erzähl mir jetzt nicht, das da wäre keine gewesen.”
“Das hatte ich nicht vor.”
“Wie schön. Worum ging es?”
Elrond machte eine unbestimmte Handbewegung, während er einen Schluck Wein nahm. Glorfindel hatte leider wirklich Recht, Visionen ließen die Kehle austrocknen. Das traf besonders zu, wenn sie von Krieg und Verderben handelten.
“Ach so”, machte Glorfindel und setzte sich ganz ungezwungen auf die Armlehne von Elronds bevorzugtem Kaminsessel. “Es war eine von denen, in denen du nur Blumen und Sonnenschein siehst.”
“Ich sehe niemals Blumen und Sonnenschein!” grollte Bruchtals Herr in Richtung seines Freundes. “Wir sind gegen Dol Guldur gezogen und das Unterfangen schien nicht unbedingt siegreich zu sein. Zufrieden?”
“Der Abschnitt mit dem ‚nicht’ siegreich gibt mir zu denken.” Glorfindel zuckte kurz die Achseln. “Andererseits sind Visionen ja nur eine Art Wegweiser, die einen gewissen Spielraum lassen. Du hast nicht wirklich gesehen, wie wir untergehen?”
“Sûlhin beendete die Bilder. Ich verwechselte sie zuerst mit einem schreienden Nazgul.”
“Ich auch immer”, schauderte Glorfindel leicht. “Ich frage mich nur, warum wir von Imladris aus den Düsterwald angreifen sollten?”
Die Gegenwart der Galadhrim und Celeborns persönlich löste sich aus Elronds Erinnerung. “Wir waren nicht alleine”, erklärte er langsam. “Celeborn war bei uns, mit sehr viel mehr Kriegern, als wir stellen könnten. Dafür waren nur wenige von Thranduils Heer dabei.”
“Das meinte ich”, nickte Glorfindel und stand wieder auf, um zur Tür zu gehen. “Du kennst ihn - er mag fluchen und nörgeln, aber er würde uns nicht im Stich lassen. Vorausgesetzt, er wird diesmal gefragt. Die letzten beiden Male habt ihr ihn regelrecht ignoriert. Ich denke, diesen Fehler sollten wir nicht wiederholen.”
Elrond strich nachdenklich mit einem Finger über den Rand des Weinbechers. Was für Glorfindel so klar war, erfüllte ihn mit einem unguten Gefühl. Der Drang, die Vision einfach zu ignorieren oder sie entgegen einer inneren Gewissheit weit in die Zukunft zu setzen, wurde einen Augenblick beinahe übermächtig. “Ich sollte mich mit Galadriel in Verbindung setzen.”
“Lass dich nicht aufhalten”, nickte Glorfindel freundlich. “Welche Jahreszeit war es übrigens?”
“Sommer”, antwortete Elrond verblüfft.
Der Vanya lächelte. “Gut, dann haben wir noch einige Wochen Zeit, alles vorzubereiten.”
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Er kapitulierte.
Es war anstrengend ein Königreich zu regieren, nebenbei noch die eigene Gemahlin aus den Klauen eines Schwarms blutrünstiger Flatterviecher zu retten und sich eine gerechte und vor allen Dingen rachsüchtige Bestrafung für den Elbenkrieger auszudenken, der die Liebe seines Lebens sehenden Auges in diese Gefahr hatte rennen lassen.
Nebenbei war es nicht nur anstrengend sondern auch noch Schlaf raubend. Thranduil hatte vergeblich versucht, die nötige Ruhe für den Zustand zu erreichen, in dem sich sein Geist von all dem befreite, was sein Körper fühlte. Er hatte sich in den wohltuenden Schwebezustand versetzen wollen, aus dem er am nächsten Morgen erfrischt erwachte.
Stattdessen glitt er nun geräuschlos aus dem Bett und betrachtete seine friedlich ruhende Gemahlin, die aussah, als hätte sie einen Ringkampf mit einer tollwütigen Igelrotte verloren. Punktförmige Wundmale bedeckten ihr Gesicht, ihren Hals und einen Teil ihrer Unterarme. Der Rest von ihr, den Thranduil ebenfalls eingehend betrachtete, da Varya die Pelzdecke weitgehend zerwühlt und neben sich getrampelt hatte, war weniger ramponiert, dafür umso anziehender.
Ausgesprochen verärgert über sich selbst zog Thranduil die dunkelblaue Samtrobe über, die am Fußende des Bettes ihren Platz gegen den unbewussten Bewegungsdrang seiner Königin behauptet hatte und verließ das Schlafgemach. Er sollte wütend sein. Das hatte er zumindest beschlossen, als sie sich auf dem Rückweg in den Palast befanden und sich der erste, grauenhafte Schrecken gelegt hatte, nachdem er sie mitten in dem Falterschwarm aufgespürt hatte. Lange wütend, mindestens ein paar Tage. Stattdessen brachte ihn der Anblick ihrer unbedeckten, milchweißen und makellosen Haut - zumindest da, wo sie keine Bisswunden hatte - auf Gedanken, die mit Wut herzlich wenig zu tun hatten. Und er war sich auch sicher, wenn er sie jetzt aus ihrem Schlaf weckte, würde seine Ithildrim seinen Gedankengängen mit dem ihr eigenen Enthusiasmus sofort folgen.
Thranduil beschloss, sich lieber in sein Arbeitszimmer zurückzuziehen, um nicht doch noch der Versuchung nachzugeben. Allerdings stellte er kurz darauf fest, dass auch diese Entfernung nicht dazu geeignet war, ihn wirklich zur Ruhe kommen zu lassen. Arbeit wartete genug auf ihn, doch seine Gedanken schweiften ununterbrochen ab. Wenn sie nicht in seinem Schlafzimmer weilten, schwenkten sie unerwartet nach Süden um und er fragte sich, was Forlos wohl gerade trieb. Gandalfs dringende Bitte um ein Treffen war ein beunruhigendes Zeichen. Der Zauberer hielt sich gewöhnlich zurück, wenn es um Thranduil ging. Aus gutem Grund, denn zu oft waren die Tawarwaith in ihrem ständig bedrohten Reich ignoriert wurden, kaum waren schicksalsträchtige Dinge zu entscheiden.
Thranduil legte den in Silber gefassten Federkiel beiseite, als auf dem Gang vor seinem Arbeitszimmer tappende Geräusche zu hören waren. Kurz darauf steckte ein unglücklich dreinschauender Ionnin den Kopf durch die offen stehende Tür und ließ die blaue Zunge kraftlos ein Stück aus dem Maul hängen. Pure Enttäuschung spiegelte sich in seinen Augen.
“Komm schon rein”, brummte Thranduil und deutete auf den Platz vor dem Kamin. “Ich vermisse ihn auch.”
Keinen Monat mehr und Legolas war ein ganzes Jahr fort von seiner Heimat. Das war selbst für seinen unternehmungslustigen Sohn eine lange Zeit.
“Was will er schon im Osten erkunden?” grollte Thranduil und erntete ein leichtes Schnaufen seines vierbeinigen Zuhörers. “Hier ist sein Platz und nicht bei irgendwelchen Wilden am Rande der Welt.”
Ionnin prustete zustimmend und ließ sich so flach auf den dicken Kaminvorleger fallen, dass er beinahe selbst wie ein Bodenbelag wirkte.
“Und er ist wieder mit diesem Sterblichen unterwegs”, schimpfte Thranduil weiter, sich der uneingeschränkten Zustimmung seines Zuhörers gewiss. “Wir könnten ihn hier viel besser brauchen.”
Eine bittere Wahrheit in diesen Zeiten. Er brauchte Legolas und er brauchte Forlos - sogar dringend. Beide waren seine besten Krieger und noch dazu seine Vertrauten, jeder auf seine Art.
Ein leises Räuspern ließ ihn aus seinen Überlegungen schrecken. Thranduil blickte zur Tür und nahm etwas überrascht zur Kenntnis, dass sich sein Seneschall Berelion dort mit einem Tablett aufgebaut hatte. Davon abgesehen, dass der schlanke, aschblonde Elb trotz dieser nächtlichen Stunde wie immer perfekt gekleidet war, befanden sich auf dem Tablett auch noch zwei Becher, aus denen die Schleier einer heißen Flüssigkeit aufstiegen. Thranduil sog prüfend die Luft ein und nahm den intensiven Geruch heißen Gewürzweins wahr, der sogar bis zum ihm herüberwehte.
“Ich dachte mir fast, Euch hier anzutreffen”, erklärte sein Berater. “Störe ich?”
“Nein”, brummelte Thranduil, der immer etwas unwillig war, wenn er durchschaut wurde. “Nicht, wenn Ihr Wein mitbringt. Kommt schon herein und setzt Euch.”
Eine ganze Weile saßen die beiden schweigend an Thranduils Schreibtisch zusammen, tranken hin und wieder von dem Wein, der den herben Geschmack der Nelken hatte, die in ihm aufgekocht worden waren und hingen ihren Gedanken nach. Beide mussten in ähnliche Richtungen laufen, bedachte man, wie ernst ihre Gesichter dabei waren. Mit einem Mal hellte sich Berelions Miene etwas auf.
“Gaellas hat verkündet, sich eine Woche nur von Wasser und Hirsebrei zu ernähren”, erzählte er und warf Thranduil einen schnellen Seitenblick zu, bevor er sich wieder auf Ionnin konzentrierte, der nun leise schnarchte. “Und auch nur eine Schale täglich.”
“Und er meint, das genügt mir?” Thranduil bemühte sich, nicht boshaft zu grinsen. Die Strafe wäre selbst ihm zu grausam gewesen. Bei allem Zorn auf den Krieger war ihm durchaus klar, dass die eigentliche Anstifterin dieses Unsinns viel eher eine Strafe verdient hätte.
Berelion lächelte verschmitzt. “Nein, aber es ist ein erheiternder Anblick. Ich frage mich wirklich, woher der Bursche diese Fressgier hat. Mein Neffe ist der einzige in unserer gesamten Familie, der die Finger nicht vom Essen lassen kann.”
“Das sollte Eurem Bruder zu denken geben.”
“Zweifelt Ihr die Tugend meiner Schwägerin etwa an?”
“Wie könnte ich? Sie ist so tugendhaft, dass ich mich in ihrer Gegenwart wie ein moralfreier Kaninchenbock fühle.” Thranduil schüttelte sich leicht. “Eigentlich ein Glück für Helarios, dass Gaellas eher nach ihm kommt.”
“So wie Legolas nach Euch”, ergänzte Berelion. “Ihr vermisst ihn.”
“Verständlich, oder? Forlos vermisse ich auch.”
“Wann erwartet Ihr ihn zurück?”
“Bald, das wisst Ihr doch.” Thranduil fixierte seinen Berater aus schmalen Augen. “Bislang habt Ihr Euch zurückgehalten mit Vermutungen, mein Freund. Doch jetzt frage ich Euch, was Ihr von Gandalfs Geheimniskrämerei haltet.”
Sein Seneschall stellte bedächtig den Pokal ab, über dessen Außenseite sich ein sehr schönes Relief einer Weinranke zog. “Wenn Gandalf sich direkt an uns wendet, betrifft es uns auch direkt. Ihr habt selber vor einigen Tagen gesagt, dass sich der Düsterwald stark verändert hat. Ich denke, beides hängt miteinander zusammen.”
“Dol Guldur”, beendete Thranduil die Gedankenkette. “So stark wie die dunklen Kräfte im südlichen Wald geworden sind, kann es durchaus sein, dass Sauron wieder dorthin zurückgekehrt ist. Mächtiger noch als beim letzten Mal und damit für diese Schwätzer vom Weißen Rat nicht ohne weiteres zu bewältigen.”
“Und sie bitten uns um Hilfe?”
“Das tun sie immer, wenn sie mit ihrer Weisheit am Ende sind”, knurrte Thranduil und fühlte erneut einen starken Widerwillen gegen diese Verbindung von Zauberern und Noldor. Elrond hatte er zwar mittlerweile die Beteiligung daran verziehen, aber er verabscheute Saruman und noch mehr verabscheute er Galadriel und ihre Zaubereien. Er traute keinem der beiden.
“Was werdet Ihr tun, wenn Gandalf gegen Dol Guldur zu den Waffen ruft?”
“Ich weiß es nicht, Berelion, ich weiß es wirklich nicht.” Thranduil nahm noch einen Schluck Wein und biss in voller Absicht auf eine Gewürznelke. Das scharfe Aroma brannte, aber es vertrieb auch den unangenehmen Geschmack, den er jedes Mal verspürte, wenn sich der Schatten des dunklen Herrschers bemerkbar machte.
Kapitel 3 - Planänderung
Wenn jemand Legolas gefragt hätte, warum seine Laune eigentlich so schlecht war, dann wären ihm sofort zwei Antworten eingefallen: es lag an dem Wort ‚Plan’, mit dem er grundsätzlich keine guten Erfahrungen verband und es lag auch noch daran, dass dieser Plan von einem Ork stammte.
Allerdings fragte niemand Düsterwalds Thronfolger. Die einzigen, die hätten fragen können, waren ein dauerhaft von Optimismus beflügelter Sterblicher, den er aus einer seltsamen Schicksalsfügung heraus als seinen besten Freund betrachtete und der andere war ein selbst für elbische Begriffe berückend schöner Rhûnar-Elb, der mit einer Hand die schrecklichsten Wunden heilen und mit der anderen sanft lächelnd und ohne zu zögern töten konnte. Legolas hatte beides im vergangenen Jahr bei Galen erlebt, aber das war eine andere Geschichte.
Jedenfalls machte sich Legolas darauf gefasst, dass es auf keinen Fall so einfach werden würde, den Orks zu entkommen, wie dieser Izak da behauptete. Sie hatten vielleicht eine Chance, eine kleine, die noch etwas kleiner wurde, als es den Orks gelang, vor Sonnenaufgang eine Felsformation zu erreichen, in deren Spalten sie sich vor dem Licht verstecken konnten.
Legolas lag gut verschnürt mit seinen Begleitern im langen Schatten einer Felsnadel und stellte mit grimmiger Befriedigung fest, dass der erste Schritt ihres Planes bereits gescheitert war. Nicht wie sonst hatten sich die Orks unter dichten Planen versteckt, sondern der Schutz der Felsen war zumindest groß genug, dass zwei von ihnen ganz in der Nähe Wache hielten. Zumindest taten sie das, was Orks wohl unter Wache halten verstanden.
“Kann man mit einem offenen Auge schlafen?” grübelte Galen.
“Du hast dabei sogar beide auf”, erinnerte ihn Estel mit leichtem Spott. “Und glaub mir, mein Freund, das schaut recht gespenstisch aus.”
“Für dich vielleicht, Sterblicher”, stichelte der Ithildrim gutmütig zurück. “Ich finde es nicht weniger gespenstisch, wenn du beide Augen geschlossen hast. Du siehst immer so…tot aus.”
“Wenn Estel tot ist”, meinte Legolas boshaft, “sind seine Augen geöffnet und sein Blick wird leer sein. Wir werden also Schwierigkeiten haben, diesen Zustand wirklich von dem zu unterscheiden, in dem er sich normalerweise befindet.”
Einer der Orks grunzte, schmatzte und rutschte so auf dem Boden rum, dass seine Beine aus dem Schatten ragten. Legolas rechnete fast damit, dass Qualm davon aufsteigen würde, aber dem war leider nicht so. Eigentlich bedauerlich, dass diese Kreaturen nicht bei Licht anfingen zu schmelzen. Es hätte vieles einfacher gemacht.
Der andere Ork grinste nur hämisch. Anstatt seinem Kameraden zu helfen, nahm er eine Feldflasche von seinem Gürtel und hob sie an den Mund. Legolas bezweifelte, dass Wasser in der Flasche war, dennoch hätte er sonst was darum gegeben, auch einen Schluck haben zu können. Die Orks ließen sie zwar nicht direkt verdursten, aber sie hielten sich zurück damit, ihren Gefangenen regelmäßig etwas zu Trinken zu geben.
Er sah prüfend zu Estel herüber, der die Bewegungen des Orks noch gieriger verfolgt hatte. Für den Sterblichen musste bald der Punkt kommen, an dem der Durst übermächtig wurde. Schon jetzt waren Estels Lippen aufgesprungen und die Mundwinkel verkrustet. Legolas schob seine Bedenken gegen Izaks Plan beiseite. Selbst wenn Galen und er noch eine ganze Weile durchhalten konnten, so galt das für Estel keineswegs. Sein Freund war zwar zäh, aber eben nur ein Sterblicher. Mehrere Tage nur mit dem nötigsten an Wasser würden Estel immer mehr schwächen. Sie mussten so schnell wie möglich diesen Kreaturen entkommen und wenn es mit Hilfe eines Orks war, dann sollte es eben so sein.
“Ich frage mich, wo Izak bleibt”, überlegte Galen und richtete sich etwas auf, um ihre Umgebung besser sehen zu können.
Wie auf Stichwort ertönte ein befremdliches Scharren und im nächsten Moment bog Izak in einigen Metern Entfernung um die Felsnadel. Im strahlenden Sonnenschein marschierte der große, dünne Ork zwischen den Felsen herum. Legolas blinzelte, aber der Anblick blieb der gleiche: Izak zog ein riesiges Stück Fleisch hinter sich her.
“Hey!” rief ihr Bewacher sofort und schnupperte prüfend in die Luft.
Scheinbar ertappt blieb Izak stehen und schaukelte leicht hin und her. Offenbar war es eine Angewohnheit von ihm, sich in diese wiegende Bewegung zu versetzen, wenn er in Schwierigkeiten war.
“Das ist Fleisch”, erkannte Ork Nummer Eins mit kristallener Brillanz. “Woher hast du das, du Schabe?”
Izaks Antwort war eine Art blubbernder Laut, der alles und nichts bedeuten konnte. Legolas fragte sich so langsam, ob ihr Retter unter einem massiven geistigen Schaden litt. Wenn nicht, war er für einen Ork ein recht guter Schauspieler.
“Bring her!”
Izak schüttelte trotzig den Kopf.
“Bring es her, du Missgeburt!” fauchte der andere und trat nach seinem Kameraden, der mit einem Grunzen hochfuhr. “Oder ich breche dir jeden Knochen.”
“Hol es dir doch”, zischelte Izak mit leichter Unsicherheit in der Stimme. “Es ist meins.”
“Du denkst wohl, ich schaff das nicht?” Ork Nummer Eins rappelte sich auf, rückte die undefinierbaren Bestandteile seiner Kleidung zurecht und trat an den Rand des Schattens.
“Du kommst keine zwei Schritte weit”, triumphierte Izak. Ganz überzeugt klang er allerdings selber nicht.
“Oho, der Pflanzenfresser reißt das Maul auf”, spottete der andere und trat nochmals nach seinem Kameraden, der nur langsam das bislang geschlossene Auge öffnete. “Hast wohl auf dem falschen Kraut rumgekaut und jetzt Größenwahn.”
Die Unterhaltung mochte interessant sein, was die Essgewohnheiten von Izak anging, aber Legolas verschob jegliche Spekulationen über ihren Retter auf später und wandte sich mit dem ihm eigenen Pragmatismus dem nahe liegenden Problem zu. Das bestand darin, dass er Izak nicht wirklich zutraute, mit zwei Orks gleichzeitig fertig zu werden. Er mochte vielleicht etwas größer als ihre beiden Bewacher sein, aber eindeutig schwächlicher.
Um einen Elben so zu fesseln, dass er sich wirklich nicht mehr bewegen konnte, hätten die Orks einige Meter mehr Seil nehmen müssen als sie es getan hatten. Die Hände waren zwar auf dem Rücken gebunden, die Fußgelenke ebenfalls verschnürt und ein weiteres Seil hatte man oberhalb seiner Knie festgezurrt, doch es reichte Thranduilion immer noch, um sich gerade hinzusetzen und dann die Beine so anzuziehen, dass er sie unter seinen Körper bringen konnte, bis er in einer sitzenden Position war. Die beiden hungrigen Orks merkten nichts von der Aktion. Estel und Galen hingegen schon, wobei Estel einen beklagenswerten Mangel an Beweglichkeit an den Tag legte und mit einem leisen Keuchen auf die Seite fiel. Galen hingegen war noch um einiges beweglicher als Legolas selbst und nebenbei bemerkt wirkte die Bewegung bei ihm so elegant, als würde er sich bei einem Fest im Freien mal eben nur ein bisschen bequemer setzen.
“Jetzt reicht’s!” verkündete Ork Nummer Eins, schnaufte tief durch und trampelte hinaus ins Sonnenlicht.
“Genau!” grollte Ork Nummer Zwei und sprang auf. Jedenfalls versuchte er es, scheiterte aber daran, dass seine sonnenlichtdurchweichten Beine wie bei einer Stoffpuppe nachgaben und er aufs Gesicht fiel.
“Jetzt!” zischte Legolas und sprang ebenfalls auf. Er verdrängte den Gedanken daran, dass er wie ein Hase aussah, als er auf den platt auf dem Boden liegenden Ork zuhüpfte und landete mit einem großen Sprung auf dessen Rücken.
Im nächsten Moment war Galen neben ihm, zwinkerte ihm kurz zu und zielte beim nächsten Sprung genau mit seinen Füßen auf das Genick des zappelnden Orks. Es knirschte kurz, als seine Füße dort auftraten, dann war Ruhe. Zumindest im Schatten. Im Sonnenlicht erwürgte Ork Nummer Eins gerade Izak, der sich kaum gegen ihn wehrte. Es schien eine Art Angewohnheit zu sein, gegen seine Artgenossen zu verlieren.
Legolas fluchte. Er hatte einen recht ansehnlichen Bestand unterschiedlichster Verwünschungen, zum Teil von seinem Vater übernommen, zum großen Teil aber auch aus den Archiven seiner eigenen Leibwächter, die ihn als Kind zu schützen versucht hatten. Gerade als er bei der bizarren Kombination von käuflichen Balrog-Frauen und Orknachwuchs angekommen war, ging ein Ruck durch Izaks schlaksige Erscheinung. Schon halb in den Knien tastete er auf dem Boden herum, bis er den Fleischbrocken zu fassen bekam, schlug ihn mit voller Wucht gegen die Schulter seines Kontrahenten und stürzte sich dann auf ihn, als dieser auf die Seite fiel.
“Was macht er?” wollte Estel wissen, der immer noch versuchte, die Beine unter seinen Körper zu ziehen, um aufstehen zu können.
“Hm”, machte Legolas unbestimmt.
Izak saß auf dem Brustkorb des anderen und für einen Augenblick schien er zu zögern. Dann hob er einen Arm, holte weit aus und die langen krallenartigen Finger mit den scharfen Nägeln bohrten sich gleich darauf in den Hals seines Opfers. Das Geräusch, mit dem sie sich in den Knorpel des Kehlkopfes bohrten, bevor die Kehle zerfetzt wurde, war für Elbenohren unüberhörbar. Blut pulsierte noch kurz aus der großen Wunde, dann wurde der Körper des anderen schlaff und Izak kroch hastig von ihm runter.
“Holla”, kommentierte Galen. “Nicht schlecht.”
Legolas hätte schwören können, dass ihr orkischer Befreier einen leichten Grünschimmer rund um die schmale, krumme Nase hatte, als er zu ihnen gelaufen kam, ein Messer eindeutig elbischer Herstellung in der Hand. Es würde ein Geheimnis der dunklen Hirnwindungen Morgoths bei der Erschaffung dieser Kreatur bleiben, warum Izak Ork Nummer Eins nicht einfach erstochen hatte.
“Wir müssen uns beeilen”, keuchte Izak und schlitzte Galens Fesseln auf. Dann gab er ihm das Messer, nahm ein anderes und kümmerte sich um Estel, während der Rhûna Legolas befreite. “Es läuft schlecht. Sehr schlecht.”
“Nein wirklich?” Legolas verzog das Gesicht. “Wir brauchen unsere Pferde.”
Ein kurzer Seitenblick streifte ihn. “Sind nur noch zwei.”
“Zwei?”
Izak deutete über die Schulter. “Eines brauchte ich.”
Zu den ebenfalls sträflich vernachlässigten Schwächen in Izaks Plan gehörte die Tatsache, dass Orks im Sonnenlicht zwar wirklich kaum einhundert Schritte weit kamen, dies aber nicht für die Pfeile galt, die sie vom Schatten aus abschießen konnten, nachdem ihnen die Flucht wundersamer Weise nicht verborgen geblieben war. Nach einem wilden Zickzacklauf durch einen dichter werdenden Beschuss schwarzer, schmuddeliger Pfeile mit vergifteten Spitzen erreichten sie die Stelle, an denen Izak ihre Pferde festgebunden hatte. Den Kadaver des dritten Tieres, aus dem ein großes Stück fehlte, hatten sie bereits ein Stück vorher passiert. Es war Estels Reittier, das für sie ihr Leben hatte geben müssen und selbst in ihrer jetzigen Lage bedauerte Legolas das Tier für sein Schicksal.
Die beiden anderen Tiere waren fertig für den Abmarsch. Sogar einen Teil ihres Gepäcks hatte Izak offenbar noch zusammenraffen und an den Sätteln verstauen können. Schöne Ledererzeugnisse von einem unfreundlichen Reitervolk im äußersten Osten, das von Galens Heilkräften genug beeindruckt gewesen war, sie nicht nur am Leben zu lassen sondern ihnen auch noch so wertvolle Geschenke zu machen. Bevor Legolas überhaupt reagieren konnte, hatte Galen Estel hinter sich auf sein Pferd gezogen und sah ihn dann abwartend an.
Düsterwalds Erbprinz starrte zurück, ignorierte einen Pfeil, der dicht an seinem Ohr vorbeiflog und kämpfte mit seinem inneren Widerwillen. Niemand sagte etwas, selbst Izak stand nur irgendwie unschlüssig da und schien nicht genau zu wissen, was er nun tun sollte.
“Ich kann rennen”, murmelte er schließlich nach einem weiteren Atemzug heiser.
Und mit einem Pfeil im Rücken sterben, ergänzte Legolas im Stillen. Er schüttelte gegen seinen Instinkt den Kopf. “Ich breche mein Wort nicht. Nicht einmal dieses.”
Damit streckte er die Hand aus und zerrte den Ork hinter sich. Mit einem Schnalzen trieb er sein Tier an, damit es Galen folgte, der nach einem kurzen Nicken bereits losgestürmt war. Die Richtung war klar: Westen, Düsterwald, König Thranduil, der vor Begeisterung über das orkische Mitbringsel wahrscheinlich zwei Tage im Weinkeller verschwinden würde, um in den letzten Resten seines Eisweines ein Tauchbad zu nehmen.
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“Nein!” Der Aufschrei war herzzerreißend und der Anblick, wie sich das Kind gleichzeitig die Arme des schwarzhaarigen Elben warf, der vor ihr kniete, geeignet, auch einem hartgesottenen Krieger das Herz zu brechen. “Du darfst nicht gehen!”
Glorfindel seufzte und betrachtete prüfend den Stand der Sonne. Es hätte ihn auch stark gewundert, wenn sie wirklich pünktlich abmarschbereit gewesen wären. Seine dreihundert Krieger waren nicht das Problem, die saßen bereits auf ihren Pferden. Das Gepäck für den langen Weg war auch nicht das Problem, das war auf den Packpferden verstaut und störte nicht weiter. Das Problem waren die überflüssigen Beteiligten, wie er sie nannte.
Elrond gehörte ausnahmsweise auch dazu. Glorfindel verstand immer noch nicht ganz, warum Vilyas Träger meinte, an diesem Feldzug unbedingt teilhaben zu müssen. Er warf einen düsteren Blick in Elronds Richtung. Und wenn er schon dran teilnahm, warum stand er dann noch immer zusammen mit seinen Sprösslingen auf der Treppe und wirkte alles andere als souverän angesichts einer höchst verzweifelten Sûlhin, die sich an Gílnins Hals klammerte wie eine Würgeschlange?
“Ich bin doch bald zurück”, erklärte Erestors Sohn gerade und versuchte, seine Kehle von ihrem Klammergriff zu befreien. “Versprochen.”
“Nimm mich mit”, heulte dieses winzige Geschöpf und ließ zwar los, aber nur, um sich an Elronds Beine zu klammern. “Sag ihm, er soll mich mitnehmen.”
Erestor wäre das nicht passiert. Glorfindel runzelte leicht die Stirn. Oder vielleicht doch, wenn er ehrlich war. Bruchtals Seneschall war ein wenig eigentümlich geworden in den letzten Jahren. Zuviel Kontakt mit Kindern, war Glorfindels These. Seien sie nun so ein sterblicher Winzling wie Sûlhin oder ein ausgewachsener Heiler wie Gílnin.
Besagter erwachsener Heiler stand nun hastig auf und eilte dann die Treppe hinunter. Elrond sah irritiert von dem Flüchtenden zu der Klammernden und bekam dann diesen entschiedenen Gesichtsausdruck, der seinen eigenen Kindern wohl nur zu vertraut war. Elladan und Elrohir zögerten nicht mehr lange, das schadenfrohe Grinsen auf ihren Gesichtern verblasste und sie schlossen sich Gílnins rascher Flucht an.
“Sûlhin!” Elrond sprach nicht laut, aber der Hof hatte eine geniale Akustik, die bei ersten Zusammentreffen mit Gästen immer große Wirkung zeigte. Auf Kinderohren war sie aber scheinbar nicht ausgelegt, denn Erestors Schützling zuckte nicht einmal. “Sûlhin! Es reicht jetzt. Wir müssen abreisen.”
“Ich will mit!” schluchzte es zwischen Elronds Knien.
“Nein!” donnerte es von weiter oben. “Bei Erestors Abreise hast du dich auch nicht so aufgeführt.”
“Das lag wohl daran, dass er mitten in der Nacht raus geschlichen ist”, murmelte Elladan.
“Er wusste warum”, nickte Elrohir.
“Sie ist nun einmal sehr anhänglich”, verteidigte Gílnin das kleine Mädchen.
“Es steht Euch frei, doch lieber hier zu bleiben”, bot ihm Glorfindel scheinheilig an und das plötzliche Aufleuchten in den schwarzen Augen gab ihm Recht.
“Das will er gar nicht”, rief Elladan, bevor Erestors Sohn überhaupt den Mund aufmachen konnte. “Gílnin kommt gerne mit.”
“Oh ja”, bekräftigte Elrohir.
“Tatsächlich?” wunderte sich der Heiler.
So ganz war ihm irgendwie noch nicht klar, wie er mitten in die Kriegerschar geraten war. Glorfindel war auch nicht wohl dabei. Es stimmte zwar, dass dank Erestors Einfluss viel von Gílnins verhuschtem Gehabe verschwunden war, aber wo das Kriegerblut in seinen Adern floss, war noch ein echtes Geheimnis. Außerdem stellte sich die Frage, wie Erestor reagieren würde, wenn sie seinen schön sicher in Imladris aufgehobenen Sohn nun mitten in eine Schlacht schleppten, die nach Elronds Vision nicht gerade eine Erfolgsgeschichte zu werden versprach. Glorfindel beschloss, sich eine andere Lösung auszudenken. Zeit genug würden sie haben, wenn sie sich nun aufmachten zur Alten Furt. An den Rothornpass war gar nicht erst zu denken mit den vielen Pferden und dem Gepäck.
Auf der Treppe steigerte sich das Geheul plötzlich. Glorfindel schrak aus seinen Gedanken und bekam gerade noch mit, wie Elrond energisch das kleine Geschöpf von seinen Beinen löste und sie in Figwits Arme verfrachtete. Erestors Gehilfe machte ein Gesicht, als würde er ganz plötzlich doch mit Richtung Dol Guldur reiten wollen. Alles war besser als ein unglückliches kleines Mädchen.
“Reiten wir!” knurrte Elrond und schwang sich auf den Rücken seinen Pferdes. “Und zwar sofort.”
“Arwen war genauso”, verkündete Elladan, als sie endlich genug Raum zwischen sich und das Haus gebracht hatten, um nicht mehr den lautstarken Abschiedsschmerz in den Ohren zu haben.
“Nicht, dass ich mich erinnere”, widersprach sein Vater und eine steile Falte erschien auf seiner Stirn.
“Das könnte daran liegen, dass du nie fort warst, als sie in diesem Alter war”, erinnerte ihn Glorfindel.
“Ich weiß nur, dass meine Söhne dauernd geschrieen haben, als sie klein waren”, sagte Elrond.
“Wir doch nicht”, empörte sich sein Ältester.
“Du warst am schlimmsten.”
“Ich würde nicht mit ihm diskutieren”, murmelte Gílnin kaum hörbar.
“Ein guter Rat”, bestätigte Elrond grimmig. “Mit Vätern sollten Söhne niemals debattieren.”
Glorfindel verbiss sich ein Lächeln. Im Gegensatz zu ihm bemerkte Elrond nicht, wie sich die Zwillinge und Gílnin bedeutungsvoll ansahen. Drei Söhne, fast gleich alt, keineswegs mit den gleichen Erfahrungen, aber alle drei mit Vätern geschlagen, die übermächtig in ihrer Persönlichkeit sein konnten. Leidensgenossen sozusagen.
Es hätte sogar ein ganz angenehmer Ritt sein können, wenn man den Anlass vergaß. Glorfindel hatte es immer gehasst, in Imladris eingesperrt zu sein. Nicht etwa, dass er nicht das Tal hätte verlassen können, aber es gab so selten einen Anlass dazu. Thranduil war natürlich immer eine Reise wert, seit Varya in sein Leben getreten war.
“An wen denkst du?” erkundigte sich Elrond, der neben ihm in der Spitze der Truppe ritt. “Du grinst wie eine Katze vor einer Schale Sahne.”
Glorfindel schwieg und betrachtete abwechselnd Asfaloths schimmernde Mähne und seine in helle Wildlederhandschuhe gekleideten Hände, die locker die dunklen, mit matten Ziernieten bedeckten Zügel hielten.
“Eindeutig eine Elleth”, spekulierte sein Freund weiter. Sie hatten mehrere Wochen Ritt vor sich und Elrond würde nicht aufgeben, soviel war gewiss. “Nur eine Elleth schafft es, deine Augen so zum Leuchten zu bringen.”
“Oder ein Kampf”, ergänzte Elladan hinter ihnen. “Glorfindel sagt immer, eine schöne Frau und ein blutiger Kampf sind sich sehr ähnlich.”
“Man muss den Sieg gleich hart erkämpfen, denn es dauert, bis der Feind am Boden liegt”, ergänzte Elrohir fröhlich.
Glorfindel warf ihnen über die Schulter einen finsteren Blick zu. Sie waren eine undankbare Bande. Wenn er diesen Teil ihrer Bildung nicht persönlich übernommen hätte, würden sie immer noch glauben, Elbinnen hätten die zarte Seele einer Mimose und würden auf Gedichte und zwar nur auf Gedichte reinfallen.
“Es gibt nur eine Elbin, die dich fast deinen Hals gekostet hätte”, erinnerte sich Elrond gedehnt. “Eine einzige und noch dazu eine, die einem anderen gehört.”
“Wir sind gute Freunde.” Glorfindel fühlte zwar eine Spur von Bedauern, aber auch Gekränktheit, dass Elrond ihm soviel Verderbtheit zutraute. “Und zwar wir alle drei. Ich schätze ihren Gemahl, wenn auch nicht so sehr wie sie selbst. Du hast manchmal verrückte Vorstellungen, Elrond.”
“Hoffentlich.” Elrond seufzte leicht. “Obwohl ich den Gedanken sehr erfreulich fände, Varya wieder zu sehen. Es ist bedauerlich, dass unser Weg uns nicht bis in den Düsterwald führt.”
“Worte, die vor einigen Jahren undenkbar gewesen wären.”
“Wir sind unsterblich, Glorfindel, aber nicht zu alt, um unsere Meinungen zu ändern. Ich habe Thranduil immer geschätzt, er ist nur ein wenig anstrengend.”
“Er ist ein Tawarwaith. Was erwartest du denn?”
“Ich erwarte alles von ihm und bin mir nicht sicher, was ich wirklich dort in der Ebene in meiner Vision gesehen habe. Er war nicht dabei.” Unwillkürlich senkte Elrond die Stimme. “Und auch Galadriel ist nicht viel klüger als ich. Auch sie hatte diese Bilder vor Augen. Celeborn hat sich wie wir bereits auf den Weg gemacht. Wir werden Thranduil am Anduin treffen, aber es steht in den Sternen, ob er uns zu Celeborn weiter im Süden begleiten wird.”
Glorfindel schwieg. Er kannte die Ungenauigkeit von Visionen aus eigener Erfahrung. Es waren Symbole darin versteckt und selbst die Dinge, die eindeutig erschienen, konnten Bedeutungen haben, die sich erst sehr spät, manchmal zu spät erschlossen. Elronds Fragen hatten sich durch den Kontakt mit Galadriel, der ihn viel Kraft gekostet hatte, nicht wirklich beantwortet. Sicher schien nur, dass sie auf Dol Guldur zurücken mussten. Sie alle und doch schien es, als würde einer ihrer wichtigsten Verbündeten sich dieser Schlacht entziehen.
Ein Gedanke, der Glorfindel überhaupt nicht gefiel. Thranduil konnte von ihnen allen das größte Heer stellen. Ob er es wollte, war eine ganz andere Frage.
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“Ich hoffe, das war kein Fehler”, seufzte Warrick und verschränkte die Hände vor dem stattlichen Bauch, den er sich in den vergangenen Jahren angeeignet hatte.
“Nein”, bekräftigte Haldir. Er lehnte neben Forlos an der Reling und hatte die Aufgabe übernommen, den Kapitän davon zu überzeugen, dass Erestors Auftritt im Hafen nicht so wild und gefährlich gewesen war, wie es ausgesehen hatte.
“Euer Wort reicht mir, Hauptmann. Ich stehe tief in Eurer Schuld”, seufzte Warrick erneut und machte sich dann davon, das Ablegen seines Schiffes vom Ruderdeck aus zu überwachen.
“So tief nun auch wieder nicht”, sinnierte Forlos gedämpft.
Haldirs Mundwinkel kräuselten sich leicht. Sein Blick hing auf der anderen Seite des Schiffes, wo eine ziemlich nasse Hestia gerade zu einem schon wieder erstaunlich trockenen Erestor hochsah und noch eine Spur blasser wurde. “Sie hat wirklich Angst vor ihm.”
“Du könntest ihr sagen, dass er sie nicht töten wird.”
“Warum sollte ich?”
“Auch wieder wahr.”
Warrick brüllte einige Befehle und auf dem Schiff brach geübte Betriebsamkeit aus. Forlos wunderte sich immer noch, den ausgehungerten Mann aus dem Süden hier als Kapitän eines Handelsschiffes wiedergetroffen zu haben. Er war ihm vor Jahren nur kurz begegnet an der Alten Furt, aber ein Gesicht vergaß der Waldelb niemals.
“Unser Glück”, erriet Haldir seine Gedanken. “Ohne Warricks Eingreifen wäre es auf dem Kai zu einem Massaker gekommen.”
“Unser Glück, dass er dir in alle Ewigkeit dankbar sein wird”, korrigierte Forlos. “Für Erestor hätte er sich bestimmt nicht so ins Zeug geschmissen.”
Es war wirklich knapp gewesen. Eine aufgebrachte Menge, eine noch aufgebrachtere Schiffsmannschaft, die offenbar viel von ihrer Söldnerin hielt und ein kaum weniger aufgebrachter Erestor, der Hestia aus dem Hafenbecken zerrte und sie bestimmt freiwillig nicht wieder laufengelassen hätte. Alles in allem eine Situation, wie sie auffälliger und aggressiver nicht hätte sein können, befand Forlos im Stillen. Da hätte ihnen auch Gandalf mit seinen magischen Kindertricks nicht helfen können, auf die er sich bei den Sterblichen immer beschränkte, wie Haldir ihm zugeraunt hatte.
Aber sie hatten nicht mit Warrick gerechnet, den wohl die Liebe zum Kapitänsdasein heimgesucht hatte, nachdem ihm Haldir und Estel vor Jahren das gekaperte Schiff der Sklavenhändler überlassen hatten. Der Mann genoss sogar in einem Drecksloch wie Hellheim genug Ansehen, die Menge zu beruhigen. Es trug natürlich dazu bei, dass Erestors Drohungen, was er aus Hestia im Falle einer erneuten Flucht machen würde, allesamt auf Sindarin ausgesprochen wurden und das niemand außer seinen Begleitern verstand. Hestia allerdings auch nicht, aber die zog wohl aus dem Tonfall die richtigen Schlüsse.
Mittlerweile hatte sich die Menge im Hafen schon lange zerstreut. Warrick hatte in aller Eile die Ladung gelöscht, das Gepäck seiner überraschenden Passagiere an Bord geschafft und die ‚Butterblume’ legte endlich ab, um stromaufwärts zu fahren. Menschliche Namensgebung war ein Kapitel für sich, wobei sich Forlos nicht ohne Selbsterkenntnis eingestand, dass insbesondere die Rhûna ebenso talentiert waren, unglaublich alberne Bezeichnungen zu finden und sich dann noch daran zu erfreuen.
Andererseits passte ‚Butterblume’ sogar zu diesem blitzsauberen Schiff mit den geschrubbten Planken, dem aufgeräumten Deck, auf dem nicht das kleinste Teil am falschen Platz stand und den glänzenden Messingornamenten, die sicher nicht aus seiner Zeit als Sklaventransporter stammten. Als das Schiff sich gegen die Strömung drehte und leises Scharren anzeigte, dass im Unterdeck die Ruder ausgebracht wurden, kam ein neuer Befehl von Warrick und einige Seeleute kletterten wie Eichhörnchen hinauf auf den Hauptmast. Kurz darauf entrollte sich das breite, viereckige Segel, auf dem eine riesige sonnengelbe Blume prangte.
“Sehr nett”, schmunzelte Haldir.
Bemerkenswert gleichmäßiges Eintauchen der Ruderblätter in das leicht getrübte Wasser des Anduin zeigte an, wie gut die Mannschaft aufeinander eingespielt war. Zufrieden übergab Warrick das Steuerruder an einen grauhaarigen, muskelbepackten Mann und stieg wieder zu ihnen herunter.
“Zweifelt nicht an meiner Ergebenheit, Hauptmann”, sagte er zu Haldir und biss sich nervös auf die Lippen. “Aber eine Erklärung für das Ganze hätte ich nun doch gerne. Eine, die ein wenig ausführlicher ist, als die von vorhin.”
Haldir neigte leicht den Kopf. “Die sollt Ihr haben, Warrick.”
“Unter Deck”, schlug der Sterbliche erleichtert vor. “Ich werde dafür sorgen, dass Wein und Essen bereit stehen.”
Forlos nickte dem Galadhel kurz zu zum Zeichen, dass er die anderen einsammeln würde und der andere beruhigt vorgehen könne. Kaum war Haldir durch die schmale Tür im Ruderhaus verschwunden, überquerte Forlos langsam das Deck. Hestia stand noch immer vor Erestor, mit einer Hand umklammerte sie die Reling, mit der anderen fuchtelte sie gerade in der Luft herum, um ihre Worte zu unterstreichen.
“Ihr habt überhaupt kein Recht, mich so zu behandeln”, hielt sie ihm vor. Sehr viel Überzeugungskraft war in ihrer Stimme aber nicht zu finden.
Erestor beugte sich leicht zu ihr herunter und Forlos war schon beeindruckt, dass sie nur ein winziges Stückchen vor ihm zurückwich. “Ich hätte sogar das Recht, dich auf der Stelle zu töten. Hast du wirklich vergessen, was in Bruchtal geschehen ist? Wofür du verantwortlich bist?”
“Wie könnte ich”, meinte sie erblassend. “Es verfolgt mich in meinen Träumen. Aber Ihr könnt auch nicht mich alleine dafür verantwortlich machen.”
“Das hatte ich gar nicht vor.”
Forlos räusperte sich kurz. Hestia zumindest sah ihn recht erleichtert an, während sich Erestors dunkle Brauen verärgert zusammenzogen. “Warrick bittet alle zu einer Unterredung in seine Kajüte.”
Einen Augenblick schien es, als wolle Erestor abwehren, doch dann besann sich der Seneschall. “Es wird sicher interessant, wenn der gute Kapitän erfährt, womit sich seine Söldnerin vor einigen Jahren noch die Zeit vertrieben hat.”
“Er weiß es”, fauchte Hestia.
“Tut er das?” spottete Erestor und fixierte sie mit seinen gnadenlosen Augen. “In allen Einzelheiten?”
“Im Groben”, schränkte sie kleinlaut ein.
“Wir machen alle Fehler”, kam es gutmütig von Gandalf, der bislang auf einer Taurolle gesessen und die Luft mit dem Qualm seines Pfeifenkrauts verpestet hatte. Jetzt war er herangeschlendert und klopfte seine Pfeife aus. “Hören wir uns doch einfach an, was dieses junge Geschöpf hier getan hat, um die ihren wieder gut zu machen.”
Erestors Antwort war ein spöttischer Laut, dann packte er Hestia am Arm und zerrte sie neben sich her in Richtung Ruderhaus.
“Nachtragend”, erklärte Gandalf kopfschüttelnd in Forlos’ Richtung. “Immer schon gewesen. Vielleicht seine größte Schwäche.”
Forlos runzelte zweifelnd die Stirn. Nach dem, in was Hestia damals verwickelt gewesen war, konnte er Erestor zum großen Teil verstehen. Er fand zwar, dass der Noldo einen zu großen Aufwand betrieb, um Hestia eher aber Marsden letztendlich doch noch zu erwischen, aber das war auch schon alles.
“Verzeiht mir”, kicherte Gandalf in Richtung eines Seemannes, der mit einem Handfeger neben ihm auftauchte und voller Missbilligung die Tabakreste auf dem Deck beäugte. “Der Wind war umgeschlagen und hat sie wieder zurückgetrieben.”
Forlos presste die Lippen aufeinander, um das breite Grinsen zu verbergen, das sich so wenig mit dem beinahe mystischen Ruf der Elben unter den Sterblichen vertrug und machte sich lieber davon. Bei Warrick würde es gleich hoch hergehen, davon war er überzeugt und das wollte er nun nicht verpassen.
Gandalf und er kamen gerade rechtzeitig, um zu erleben, wie Warricks wohl gut zurecht gelegte Einleitungsrede sich unter Erestors durchdringendem Blick in hilfsloses Gestammel verwandelte.
“Ihr versteht also…ich meine, ich kenne Hestia nun seit einiger Zeit…natürlich nicht sehr lange.” Warrick zückte ein gestreiftes Taschentuch aus den Tiefen seiner Jacke und wischte sich über die schweißbedeckte Stirn. “Sie ist verlässlich…hier jedenfalls…Herr, was um alles in der Welt hat sie Euch getan?”
“Setzen wir uns doch erst einmal”, schlug Gandalf freundlich vor. “Ihr habt eine so nette Unterkunft, Herr Kapitän. Wir sollten nicht hier herumstehen, wenn dieses Gespräch wohl noch eine Weile dauert. Oh, ein interessantes Gerät.”
Der Zauberer ließ seine langen, schlanken Finger kurz über ein befremdliches Objekt aus hochglanzpoliertem Messing gleiten und machte es sich dann an dem großen Tisch bequem, der offenbar da war, um Warrick und seinen höhergestellten Mannschaftsmitgliedern als Tafel zu dienen. Forlos fand seine Einschätzung bestätigt, dass Warrick Ordnung und Sauberkeit wohl für das höchste Gut nach Ehrbarkeit hielt. Die Kajüte war mit soliden, wenn auch nicht übermäßig eleganten Möbeln eingerichtet, die zum großen Teil mit dem Boden verschraubt waren, Warricks persönliche Habseligkeiten befanden sich sorgfältig aufgereiht in einigen kleinen Vitrinenschränken und nirgendwo lag etwas herum. Der Tisch war mit ebenso sauberem Geschirr aus Zinn eingedeckt und es roch nicht wie menschliche Behausungen gewöhnlich rochen. Ein ordentlicher Mann, ohne jeden Fehl in Charakter und Benehmen.
Erestor musste zu dem gleichen Schluss gekommen sein, denn er entspannte sich ein wenig, als er sich ebenfalls an die Tafel setzte.
“Ich hätte einen Vorschlag”, kam es von Gandalf, der zuerst seine Pfeife gezückt hatte, nach einem unwillkürlichen Stirnrunzeln ihres Gastgebers aber mit einem Bedauern wieder in den Tiefen seiner ausufernden Robe verschwinden ließ. “Warum erzählt Ihr uns nicht, wer Hestia in Euren Augen ist?”
“Und wofür soll das gut sein?” fragte Erestor, der die Sterbliche mit seinem Blick quasi auf ihrem Stuhl festnagelte.
“Was sollte es für Schaden anrichten?” war die listige Gegenfrage.
Forlos unterdrückte einen Seufzer und griff nach einem Stück Brot. Er kannte das Ergebnis dieser Unterhaltung schon jetzt, da konnte er sich auch um sein leibliches Wohl kümmern. Haldir schien ähnlich zu denken, denn er füllte sich und Forlos erst einmal die Becher mit dem hellen Wein, der sofort den ganzen Raum mit seinem fruchtigen Aroma durchzog.
“Vor zwei Jahren”, begann Warrick erleichtert, “transportierte ich Wein für Aken, den Wirt der Taverne mit dem zerbrochenen Schild. Er ist kein schlechter Mann, auch wenn er sich gerne den Anschein gibt. Ich sprach mit ihm darüber, dass es mir nicht behagt, mich in Hellheim ohne jeden Schutz zu bewegen, besonders mit dem ganzen Gold und Silber in meinem Beutel. Hellheim und auch die anderen Handelsstationen sind ein gefährliches Pflaster.”
“Wohl wahr”, bestätigte Gandalf ermunternd.
“Aken meinte, ich bräuchte einen Söldner, der mich bei diesen Unternehmungen begleitet.”
“Und er hatte natürlich auch sofort einen zur Hand”, vermutete Erestor und ein unerfreuliches Lächeln ging in Hestias Richtung.
“Glaubt mir, Herr, meine Begeisterung hielt sich ebenfalls in Grenzen”, nickte Warrick zur allgemeinen Überraschung. “Hestia war nicht das, was ich mir unter einem Söldner vorstellte. Außerdem war sie sturzbetrunken, dreckig wie ein Schwein und stank auch genauso.”
“Hast du dich eigentlich auch nur einmal gewaschen, seit du in die Kloake gefallen bist auf deiner Flucht?” erkundigte sich Erestor prompt bei ihr und es sprach Bände, dass sie rot anlief.
Forlos versenkte sich in den Genuss seines Weines. Für Warrick war der Schmutz wahrscheinlich noch schlimmer gewesen als die Tatsache, dass seine angehende Leibwächterin kaum größer als eine Zwergkiefer war.
Betrübt schüttelte Warrick den Kopf. “Es hat eine Weile gedauert, unter den ganzen Schichten von Schmutz etwas Menschliches hervorzuholen. Aber Aken war der Meinung, dass sie die Richtige ist und in dieser Hinsicht kann man ihm vertrauen. Ich habe es nicht bereut, wirklich nicht. Hestia ist eine gute Söldnerin und sie trinkt nicht mehr soviel. Ich weiß nur wenig über ihre Vergangenheit. Manchmal, wenn sie doch einen Becher zuviel gehabt hat, erzählt sie ein wenig. Sie muss noch jung gewesen sein, als sie an die falschen Leute geraten ist, aber sie bereut es aufrichtig.”
“Mir kommen die Tränen.” Sehr tränenreich wirkte Erestor allerdings nicht, eher ungeduldig. “An ihren Händen klebt Blut, Warrick, kostbares, unschuldiges Blut.”
“So unschuldig seid Ihr nun auch wieder nicht”, entfuhr es der bislang recht schweigsamen jungen Frau.
“Ich rede nicht von meinem”, fauchte Erestor zurück. “Ich rede von den Reisenden, den Erstgeborenen, die Marsden und du abgeschlachtet haben.”
Aus halbgeschlossenen Augen beobachtete Forlos Warricks Mienenspiel, als Erestors Worte im Raum hingen. Vielleicht hätte der mittlerweile so gemütlich anzusehende Mann noch damit leben können, dass seine Söldnerin zu einer Räuberbande gehört hatte, dafür war diese Welt zu schlecht und hart, um überrascht von so einer Vergangenheit zu sein, doch die Erwähnung der Erstgeborenen traf ihn sichtlich bis ins Mark. Warricks Dankbarkeit gegenüber Haldir durchzog seine ganze Seele und erstreckte sich offenbar auf alle anderen Elben gleichermaßen. Das rundliche Gesicht des Kapitäns schien an Spannung zu verlieren, tiefe Traurigkeit füllte seinen Blick und sie verging auch nicht, als Hestia urplötzlich in Tränen ausbrach.
“Nicht das auch noch”, stöhnte Erestor ungeduldig. “Erspar mir das, Frau. Es wirkt nicht.”
Forlos konnte ihn irgendwie verstehen. Nach seinen Erfahrungen kam genau das nämlich hin. Entweder waren die Sterblichen bewundernswert in ihrem Charakter oder so faul wie ein wurmzerfressener Apfel - den konnte man auch nicht mehr in eine delikate Speise verwandeln.
“Menschen ändern sich”, sagte Gandalf mitfühlend.
“Nicht, dass ich wüsste”, gab Erestor kühl zurück. “Und selbst wenn, es interessiert mich auch nicht. Hestia ist die einzige Verbindung zu Marsden und ich werde sie sicher nicht ein zweites Mal vom Haken lassen.”
“Ich weiß doch gar nicht, wo er ist!” heulte die ehemals rechte Hand des Schurken auf. “Als Warrick mich bei Aken fand, hatte ich die Suche endgültig aufgegeben.”
“Dann wirst du wieder damit anfangen.”
Warrick atmete tief durch. “Da kann ich dir nicht helfen, Hestia. Lord Erestor wird es entscheiden. Ich habe keinen Zweifel, dass du getan hast, was man dir vorwirft, du bestreitest es ja nicht einmal. Nein, und selbst wenn er dir Gnade gewährt, weiß ich jetzt noch nicht, ob auf der ‚Butterblume’ noch länger ein Platz für dich ist.”
Mit hängenden Schultern stand er auf und verließ seine eigene Kajüte. Ein trauriger Anblick, befand Forlos, sehr traurig. Die Art, wie Haldir leicht den Kopf schüttelte und sich dann erhob, verriet, dass er wohl ebenso dachte.
“Dazu wäre dann wohl von uns nicht mehr viel zu sagen”, erklärte Gandalf. “Begleitet mich doch und wir lassen Lord Erestor nun die Entscheidung treffen, die ihm seine große Weisheit und Erfahrung als Seneschall Elronds ohne Zweifel ermöglichen wird.”
“Zauberer!” knurrte Erestor nur, ohne den Blick von seiner Beute zu wenden. “Schwatzt nicht länger rum.”
Forlos schüttelte sich leicht und machte, dass er aus dem Raum kam.
“Umbringen wird er sie wohl nicht”, überlegte Gandalf seufzend, als sie wieder an Deck waren. “Aber er hetzt sie hinter ihrer Vergangenheit her. Etwas, das nicht einmal Erestor sich selber zumuten würde.”
Etwas, dass niemand tun sollte, durchfuhr es Forlos und es war mühsam, sehr dunkle Bilder seiner eigenen Erinnerungen in die Tiefen zurückzudrängen, in denen er sie gewöhnlich verbarg.
kapitel 4 - Ork frei Haus
Varya befand sich in einem Zustand völliger Hingerissenheit.
Das war an und für sich nichts Ungewöhnliches. Ungefähr einmal am Tag überkam sie dieses Gefühl und die Anlässe waren unterschiedlich. Ein neuer Heiltrank konnte es auslösen, ein Rätsel, das es zu entwirren galt, aber was eigentlich immer funktionierte, war der Anblick Thranduils. Wenn sie tagsüber zu wenig von ihm gehabt hatte, erwachte sie garantiert mitten in der Nacht, nur um dieses perfekte Wesen neben sich anzuschauen. Dann erinnerte sie sich immer, wie sie zum ersten Mal ihre Hand flach auf seine Brust gelegt hatte, genau an der Stelle wo sein Brustbein begann, wie sich seine Haut angefühlt hatte und wie ihre sensiblen Finger die Kraft gespürt hatten, die in den Muskeln ruhte, die unter dieser glatten, ganz leicht gebräunten Haut zu erkennen waren.
Stahl unter Seide, so empfand sie es immer und genoss es auch.
Ein leiser, genüsslicher Seufzer kam über ihre Lippen und das dringende Bedürfnis, ihren Gemahl, den Mittelpunkt ihres Lebens, kurzerhand in ihren Schlafraum zu schleppen, nahm ungeahnte Dimensionen an.
Allerdings hatte sie auch nicht völlig den Verstand verloren und schätzte die augenblickliche Stimmung gut genug ein, dass sie sich lieber beherrschte. So musste sie sich eben darauf beschränken, ihn einfach nur zu beobachten, wie er mitten in einem seiner wirklich königlichen Temperamentsausbrüche über die Terrasse wanderte. Immer schön im Quadrat, was ihr ermöglichte, auch alle Seiten ihres Traumelben angemessen zu bewundern.
Sie zog die Beine an und hockte sich im Schneidersitz auf die breite Terrassenbrüstung aus Stein, den Rücken dem Labyrinth zugekehrt, das sie immer noch nicht leiden konnte und nur betrat, wenn es um Leben und Tod ging. Etwas, das in den letzten Jahren noch nie eingetreten war. Die frühe Sonne, die einen herrlichen Frühlingstag versprach, wärmte ihren Rücken, leise Geräusche unterschiedlichster Natur zeugten davon, dass Düsterwalds Palast zum Leben erwachte und außerdem war dieses Licht perfekt für Thranduil geeignet.
Gerade eben marschierte er auf der hinteren Linie des Quadrates entlang und Anor machte mit ihren Strahlen seine langen, nur mit zwei schlichten Flechtsträngen aus dem Gesicht gehaltenen Haare zu einem blassgoldenen Wasserfall mit mithrilfarbenen Lichtern. Die Berglöwen ihrer Heimat würden ihn um diese Mähne beneiden und die hatte Varya lange Zeit ihres Lebens zumindest in dieser Hinsicht für die schönsten Geschöpfe ganz Mittelerdes gehalten.
Rechts neben ihr räusperte sich Berelion leise. Varya warf ihm einen kurzen Blick zu und verdrehte die Augen. Sie schätzte Berelion, sie mochte ihn sogar sehr, aber ihrer Meinung nach störte er doch entschieden zu häufig die wenige Zeit, die ihr alleine mit Thranduil blieb. Andererseits musste sie zugeben, dass ausgerechnet dieser Moment auf der Terrasse ohnehin nicht als traute Zweisamkeit geplant war. Eigentlich war Thranduil bereits auf dem besten Weg gewesen, einen Jagdausflug zu machen. Etwas, das sie ihn liebend gerne ohne ihre Begleitung machen ließ. Dieses Vorhaben war auch der Grund dafür, dass Düsterwalds König ganz unaufwändig nur in graugrünes Leder und Wolle gekleidet war, was nach Varyas völlig unbeeinflusster Meinung natürlich ganz besonders gut an dem hochgewachsenen, eleganten Kriegerkörper ausschaute.
Der Grund, weshalb nun Berelion sich ebenfalls hier aufhielt, Thranduil wie ein wütender Löwe über die Terrasse wanderte und dabei Verwünschungen ausstieß, war der vierte Anwesende, wenn man ihn oder besser sie so nennen konnte. Besagte Person saß zu Varyas Linken auf einer großen, steinernen Schmuckamphore und gurrte leise und gelassen vor sich hin. Schwarze, glänzende Knopfaugen beobachteten mit mildem Interesse den Elben auf seiner Wanderung, die durch die Nachricht der Botin ausgelöst worden war.
Eine Nachricht, nur wenige Worte auf ein kleines Stück Pergament geschrieben, die Thranduil zuerst erfreut und dann wirklich sehr ärgerlich gemacht hatte.
“Ich hätte ihn nie fortlassen dürfen”, verkündete Thranduil soeben und bog scharf nach links ab, um direkt an den Zuschauern vorbei zu marschieren.
“Das hättest du kaum verhindern können”, sagte Varya nicht zum ersten Mal.
“Und er wird auch nie wieder den Düsterwald verlassen.”
“Auch das wirst du kaum verhindern können”, beharrte sie wider besseres Wissen, ihm gerade eben nicht zu widersprechen. “Er ist kein Kind.”
“Auf wessen Seite stehst du eigentlich?” Zumindest stoppte er sein Herumwandern und wenn es auch nur geschah, um die Fäuste in die Seiten zu stemmen und sie böse anzusehen.
Was die überaus willkommene Gelegenheit für Varya war, erneut darüber zu sinnieren, wie ein Elb nur so tiefblaue, schimmernde Augen haben konnte. Ein Saphir war nichts dagegen.
“Ich glaube, so hat sie das nicht gemeint”, rettete sie Berelion voller Verständnis für die Geistesabwesenheit seiner Königin. “Euer Sohn ist nun mal wirklich kein Kind mehr. Wir sprachen ja erst kürzlich darüber.”
“Wenn ich diese Nachricht hier lese, scheint mir aber genau das Gegenteil der Fall zu sein”, fauchte Thranduil nicht ohne eine gewisse Logik, wie selbst Varya zugeben musste.
Auch die Botin auf der Steinvase gurrte irgendwie zustimmend, bevor sie anfing, in der verwitterten Oberfläche ihres Sitzplatzes nach selbst für ein Elbenauge nicht erkennbaren Körnern und Samen zu picken. Varya hatte den Anflug eines schlechten Gewissens, weil sie diese hübsche Taube, die eigentlich Hauptmann Caeril nur einen Gefallen tat, so um ihre verdiente Belohnung brachte. Sie streckte die Hand aus und strich ihr leicht über das samtgraue Gefieder. “Gleich, meine Liebe.”
Caeril hatte es wirklich eilig gehabt, die Nachricht zu Thranduil zu bringen, sonst hätte er sich kaum der selten in Anspruch genommenen Hilfe der zutraulichen Wildtauben bedient. Im ersten Moment war Thranduil recht blass geworden, als er die Botin auf der Steinbrüstung der Terrasse entdeckt hatte, gerade als er sich auf einen entspannenden Jagdausflug machen wollte. Seine Blässe war einer leicht rötlichen Färbung gewichen, kaum hatte er die wenigen Worte auf dem Stück Pergament entziffert, das man ihr ans Bein gebunden hatte.
“Kein Orkangriff?” hatte Varya noch vorsichtig gefragt und dann war es auch schon losgegangen.
“Und was nun?” erkundigte sich Berelion vorsichtig. “Wollt Ihr ihm den Zugang verweigern?”
“Meinem Sohn? Macht Euch nicht lächerlich!” herrschte Thranduil ihn an und warf verärgert das Stück Pergament zu Boden.
“Ich meinte auch eher den…” Berelions Stimme erstarb unter Thranduils finsterem Blick.
“Ork”, ergänzte Varya nicht ohne eine gewisse Freude am Untergang. “Dein Sohn bringt einen Ork mit, wenn man Caeril glauben darf. Und natürlich Galen und Estel.”
“Wieso warten wir nicht zunächst ab, bis er hier ist?” wagte der Seneschall einen durchaus vernünftigen Vorschlag, so wie man es auch von ihm erwarten konnte.
“Das ist gut”, nickte Varya und schenkte ihrem Gemahl ein strahlendes Lächeln. “Das ist sogar sehr gut. Es ist völlig sinnlos, wenn du dich weiter so aufregst. In zwei Tagen sind sie hier und dann wird sich doch alles aufklären.
“Ich werde ihnen entgegen reiten”, verkündete Thranduil nach kurzer Überlegung. “Der Jagdausflug sollte ohnehin einige Tage dauern, es ist also keine wirkliche Änderung meiner Pläne. Berelion, bereitet zumindest alles für die Ankunft meines Sohnes und seiner Freunde vor.”
“Und des Orks”, ergänzte Varya und schaffte es so zu ihrem Leidwesen, die Abschiedszene von Thranduil schmerzlich zu verkürzen, da er eine Art Knurren ausstieß und von der Terrasse stürmte.
“Ein Ork…”, überlegte Berelion nach langem Schweigen. “Ich frage mich, was den Kronprinzen dazu bewogen hat.”
“Vielleicht wollte er es Imladris gleich tun”, schlug Varya ohne jede innere Überzeugung vor. Legolas’ Vorbilder lagen weder jenseits des Nebelgebirges noch sonst wo außerhalb des Waldelbenreiches. Er war einfach seinem Vater ungemein ähnlich und hatte eine Sturheit in sich, die einen Granitblock daneben weich und nachgiebig erscheinen lassen konnte. “Schaut Euch lieber nach einem akzeptablen Verließ für diese Kreatur um. Ich glaube nicht, dass Thranduil ihn in den Unterkünften der Gäste einquartieren will.”
“Nicht?” Berelion konnte nur mühsam seine Belustigung verbergen, bevor er noch eine leichte Verbeugung andeutete und dann im Palast verschwand.
Varya blieb noch eine Weile sitzen, bis sich die Wildtaube mit kurzem Flügelschlag auf ihrer Schulter niederließ und auffordernd an ihrem Ohr pickte. “Jaja, ich besorge dir ja schon deine Belohnung.”
Sie rutschte von der Brüstung, verharrte aber nochmals, um das zerknitterte Stück Pergament aufzuheben und glatt zu streichen. Caeril hatte eine sehr schöne Handschrift, aber dennoch waren die letzten Wort kaum zu erkennen, so klein reihten sich die Tengwarrunen aneinander, um die Worte zu bilden, die Thranduil so in Rage versetzt hatten.
‚Euer Sohn hat unversehrt den östlichen Waldrand erreicht. Galen und Estel begleiten ihn ebenso unversehrt.’ Dann folgte ein kurzer Abstand und die Schrift wurde winzig, weil ihr Verfasser wohl genug Vorstellungskraft hatte, sich die Reaktion des Königs ausmalen zu können. ‚Ein Ork begleitet sie.’
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Elladan langweilte sich.
Elrohir beobachtete seinen Bruder aus halbgeschlossenen Augen, während er sich zugleich den Anschein gab, den Punkt am Flussufer im Auge zu behalten, an dem Glorfindel und Elrond mit Grimbeorn darum feiltschten, was es die Elben kosten würde, wenn die Beorninger sie heil über den Anduin brachten.
Elladan seufzte. “Ich wünschte…”
“Nein, sag es nicht”, schnitt ihm Elrohir das Wort ab. “Bei unserem Glück geht dein Wunsch ausnahmsweise in Erfüllung und wir haben bis zum Mittag eine Warg-Attacke und ein Heer von Orks zurückzuschlagen.”
“Findest du etwa nicht, dass es Zeit für ein wenig Abwechslung ist?” beschwerte sich Elladan dennoch und zog prüfend sein Schwert aus der Scheide, um die Klinge zu kontrollieren.
“Wir ziehen gegen Dol Guldur”, erinnerte ihn Elrohir. “Die Abwechslung wird noch früh genug über uns kommen.”
Missmutig steckte Elladan das Schwert wieder zurück und sackte im Sattel seines Pferdes regelrecht zusammen. “Wenn ich an unsere letzte Überquerung des Nebelgebirges denke…”
“Bei der du fast gestorben wärst.”
“Wärm nicht immer diese alten Geschichten auf, Bruder. Aber du musst doch wohl zugeben, dass die letzten Tage sich durch nichts voneinander unterschieden. Eine eintönige Wanderung, weit und breit kein fremdes Gesicht. Selbst Sûlhin hätte es ohne Begleitung heil bis hierher geschafft.”
Unwillkürlich lächelte Elrohir etwas. Halbarads energische, kleine Tochter hätte wohl auch schon längst die Verhandlungen da vor ihnen beendet, indem sie bei Missfallen einfach einen ihrer grauenhaften Wutanfälle bekommen und Grimbeorn im wahrsten Sinne des Wortes solange in den Ohren gelegen hätte, bis er halbtaub jeden Kompromiss eingegangen wäre.
Aber auch so schien Bewegung in die Angelegenheit zu kommen, denn Glorfindel wandte sich gerade ab und gab seinen Kriegern ein Zeichen, sich vor ihm zu sammeln. Elrond hingegen wirkte ein wenig überrumpelt, als Grimbeorn seine Hand ergriff und sie energisch schüttelte. Dann drehte sich der hünenhafte Beorninger zu seinem flachen Fährkahn, mit dem er über den Anduin gesetzt hatte und brüllte seine beiden kaum weniger riesigen Begleiter an, das Boot klar zu machen.
Elladan hielt es nicht länger an seinem leicht erhöhten Aussichtsplatz und er lenkte sein Pferd mit einem leisen Zungenschnalzen hinunter zur Anlegestelle der Alten Furt, wohlwissend, dass sein Zwilling ihm folgen würde.
Ihr Vater stand noch immer an der gleichen Stelle und schien tief in Gedanken versunken. Es dauerte, bis er seine beiden Söhne überhaupt bemerkte.
“Wenn ich es nicht besser wüsste, würde ich annehmen, in Grimbeorns Adern fließt Zwergenblut”, murmelte er kopfschüttelnd. “Er verlangt tatsächlich Bezahlung dafür, dass er uns auf die andere Seite übersetzt. Jetzt ist mir auch klar, warum Glorfindel einen Beutel Gold mit auf diese Reise genommen hat.”
“Könnten wir nicht schwimmen?” erkundigte sich Elladan und ignorierte perfekt die nicht gerade ruhigen Wasser des Anduin, die von der Schneeschmelze kündeten.
Elrond warf seinem Ältesten einen langen Blick zu. “Ich hatte nicht vor, diese Schlacht zu verlieren, bevor sie überhaupt begonnen hat.”
“Immer fünf!” tönte Glorfindels Anweisung zu ihnen herüber. “Teilt Euch in Gruppen auf. Fünf Krieger und ebenso viele Pferde. Mehr kann die Fähre nicht bewältigen, ohne dass sie zu kentern droht. Es werden 10 Fahrten an einem Tag sein, also baut ein Lager auf. Die, die bereits auf dem Ostufer angekommen sind, werden dort das gleiche tun. Die Beorninger haben zugesichert, uns mit Proviant zu versorgen.”
“Erus Licht!” stöhnte Elladan. “Das wird eine Woche dauern, bis wir alle drüben sind.”
“Hast du es eilig, mein Sohn?” erkundigte sich Elrond mit hochgezogener Braue. “Wartet jemand auf dich dem Ostufer, abgesehen von einem Orkheer und einer doch recht uneinnehmbaren Festung?”
Elrond schien leicht gereizt und Elrohir räusperte sich warnend in Richtung seines Bruders. “Wir sollten Glorfindel fragen, ob er Hilfe gebrauchen kann.”
“Gute Idee”, kam es überraschend von Elladan und Elrohirs Misstrauen wuchs ins Unermessliche. Da es aber ohnehin zu spät war, jetzt noch eine andere Ausrede zu finden, folgte er etwas langsamer seinem Bruder.
Elladan verlor erst gar keine Zeit mehr. Er ließ sich nach kurzer Debatte von Glorfindel, der durch das kurze Durcheinander in den eigenen Reihen genug abgelenkt war, den Beutel mit den Goldstücken geben, winkte Elrohir mit sich in Richtung Anlegestelle und lockte auch zugleich Gílnin mit, der ohnehin etwas verloren an der Seite gestanden hatte. Auch Tage auf dieser Reise hatten Erestors Sohn offenbar nicht der Lösung näher gebracht, warum er überhaupt mitkam.
“Meister Grimbeorn”, begrüßte Elladan den brummigen Beorninger gutgelaunt. “Meine beiden Begleiter und ich setzen mit der ersten Fähre über. Sorgt für eine ruhige Fahrt, denn wenn wir kentern, geht auch Euer Gold verloren.”
Grimbeorn ähnelte noch mehr dem Bären, der er zuweilen war, als Elladan vor seinem Gesicht den Lederbeutel schüttelte und die Goldmünzen, die Glorfindel in aller Bescheidenheit mit seinem Portrait hatte prägen lassen, verheißungsvoll klimperten.
Ob es nun an dem Gold lag oder doch eher daran, dass die Beorninger ihre Aufgabe, Reisende gleich welcher Art - ausgenommen Orks und sonstiges dunkle Gesindel - zu schützen, trotz allem recht ernst nahmen, wollte Elrohir gar nicht erst beurteilen. Jedenfalls erreichten sie das ferne Ostufer in recht kurzer Zeit und ohne jeden Zwischenfall. Über eine breite Planke wurden Elben und Pferde wieder entladen. Grimbeorn schmetterte einige Anweisungen und machte sich dann daran, die nächste Fuhre abzuholen.
Elrohir fand den Uferstreifen recht nett, auch wenn er ihm aus zurückliegenden Besuchen noch vertraut war. Er hatte ihn jedoch noch nie im Frühling gesehen, wenn das Gras irgendwie grüner wirkte in seinem unbändigen Drang, den Frost des Winters abzuschütteln und die Obstbäume, die von den Beorningern umsorgt wurden, die ersten zarten Blätter zeigten. Es gab schlechtere Orte, eine Woche zu rasten.
“Elrohir, trödel nicht!” riss ihn Elladans ungeduldige Stimme aus seinen etwas trägen Überlegungen.
Elladan hatte bereits wieder sein Pferd bestiegen und steuerte einen schmalen Weg an, der zwischen den Bäumen hindurch Richtung Osten führte. Schlagartig wurde Elrohir klar, was Elladans Absicht war. “Lass den Unfug, Elladan! Niemand reitet ohne Eskorte durch den Düsterwald, ausgenommen Waldelben. Du weißt ja nicht einmal, ob wir willkommen sind und ein Waldelb bist du erst recht nicht.”
“Varya würde uns niemals abweisen”, behauptete sein Bruder. “Komm schon und Ihr auch, Gílnin. Ich wette, Düsterwalds Königin kann es kaum erwarten, mit Euch die neuesten Rezepte auszutauschen.”
Bei dem Wort ‚Rezepte’ verengten sich Gílnins Augen leicht vor Unwillen. Es war einer der wenigen Momente, in denen er Erestors Erbe nun gar nicht verleugnen konnte.
“Wir können doch nicht einfach hier fort”, versuchte es Elrohir erneut. “Sie werden uns suchen.”
“Unsinn!” Elladan wedelte Richtung Westufer. “Ich habe Glorfindel Bescheid gesagt und den beiden Kriegern, die mit uns auf der Fähre waren, ebenfalls.”
“Und Glorfindel hatte nichts dagegen?” Das würde Elrohir eigentlich wundern.
“Nein. Kommst du nun?” Überzeugend klang er nun doch.
Elrohir und Gílnin sahen sich einen Augenblick unschlüssig an.
“Ich denke, er reitet so oder so”, vermutete Gílnin dann. “Ein unangenehmer Gedanke, dass Euer Bruder ganz alleine dort in diesem Wald unterwegs ist.”
“Für den Wald oder für ihn?” knurrte Elrohir, bevor er sich an die Verfolgung seines Zwillings machte, der schon viel zu weit von ihnen entfernt war. “Wenn wir auch nur ein einziges Mal in Schwierigkeiten geraten, werde ich ihn dafür häuten.”
“Sagt mir, wann es soweit ich. Ich kenne da ein Rezept.”
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“Ein Schwanenboot.” Ein tiefer Seufzer folgte. “Ich war noch nie auf einem Schwanenboot. Wer rudert?”
Celeborn betrachtete sinnend Leiloss’ Rücken und fragte sich, wie weit sie im Celebrant landen würde, wenn der Stoß nur fest genug war.
“Ich schätze, sie kann schwimmen”, raunte ihm Galadriel leise zu.
“Niemand rudert”, erklärte Rúmil mit der bewundernswerten und schier unendlichen Geduld, die er der Ithildrim immer entgegenbrachte. “Der Fluss erweist uns einen Gefallen.”
Leiloss runzelte kritisch die Stirn. “Und woher weiß der Celebrant, wo wir hin wollen?”
Celeborn ächzte leise. Galadriel hingegen lächelte so milde wie schon lange nicht mehr. Sie hatte auch guten Grund dazu: immerhin verschaffte ihr dieser kurze Abstecher Richtung Anduin eine Atempause von Leiloss’ Anhänglichkeit.
“Bewegt Euch, Leiloss!” befahl Celeborn streng. “Entweder Ihr geht nun an Bord, oder ich werde Euch hier zurücklassen.”
Galadriel zuckte leicht zusammen und durchbohrte ihn mit einem finsteren Blick. Ihre Miene glättete sich wieder zu einem triumphierenden Ausdruck, als Leiloss hastig an Bord kletterte, dicht gefolgt von Haldirs Brüdern und noch einem halben Dutzend weiterer Galadhrim, die Celeborns kleinen Abstecher begleiteten. “Ich wünsche dir eine angenehme Reise, mein Gemahl”, säuselte sie mit kaum verdeckter Ironie. “Die Lebhaftigkeit der Jugend gilt gemeinhin als wertvoller Begleiter.”
Er trat nahe an sie heran, beugte sich vor, bis seine Lippen dicht neben ihrem rechten Ohr waren und zischte dann: “Ach wirklich, mein Herz? Wann warst du das letzte Mal mit einer wie ihr da unterwegs?”
“Nun, meine Erinnerung reicht weit zurück…” Sie wollte zurückweichen, aber der Arm ihres Gemahls um ihre Taille wusste das zu verhindern.
“Aber nicht so weit”, ergänzte er grimmig und piekste sie mit den Fingern in die Seite.
Das würdelose Quietschen der außerordentlich kitzligen Herrin des Goldenen Waldes noch in den Ohren, wandte er sich ab und ging als Letzter an Bord des Schwanenbootes, das sie Richtung Anduin tragen würde, wo nach Galadriels Mitteilung bald ein ganz anderes Schiff auftauchen würde, dass alte Freunde mit sich brachte und sie anderen entgegen tragen würde.
Celeborn hatte über diese wie üblich gut verschlüsselte Mitteilung eine Weile nachgedacht und war dann zu dem einzig logischen Schluss gekommen, der darin bestand, dass Haldir es geschafft hatte, entweder ein Schiff zu kapern - nicht einmal unwahrscheinlich bei der Art seines Hauptmannes - oder durch einen glücklichen Zufall eine Passage auf einem der Handelsschiffe zu erlangen. Gandalf würde wohl bei ihm sein. Die Auswahl an alten Freunden war in diesem Teil Mittelerdes denkbar klein, eigentlich beschränkte sie sich auf den Istar, denn Saruman war niemand, den Celeborn wirklich als Freund bezeichnet hätte.
Die Kräfte, die Lorien so gut dem Zugriff seiner Feinde entzogen, sorgten auch dafür, dass der Celebrant zu jeder Jahreszeit ein ruhiger Fluss war, der keinem Schwanenboot auch nur den kleinsten Schaden zufügen würde. Leichte Korrekturen am Ruder reichten aus, das Boot in der Mitte des Flusses zu halten, wo es gleichmäßig seinen Weg nach Osten suchte. An der Mündung des Anduin würde ihre Reise noch am Abend beendet sein und sie konnten das andere Schiff erwarten.
Celeborn lehnte sich gegen die Reling und versuchte, sich in das Glitzern der Wasseroberfläche zu versenken. Eine Bootsfahrt wie diese konnte ein sehr angenehmes Unterfangen sein, eine Zeit sonst eher seltener Muße angesichts einer Zukunft, die dunkel und voller Blutvergießen zu werden versprach. Voller Selbstironie verzogen sich seine Lippen zu einem Lächeln. Es wäre gelogen gewesen, wenn er nicht in sich die Anzeichen von Spannung erkannt hätte. Die erwartungsvolle Aufmerksamkeit, mit der er nun auf jede Spur der kommenden Ereignisse wartete.
Hinzu kam, dass er die Vernichtung Dol Guldurs schon vor Jahren für die beste Lösung gehalten hatte. Er nahm es Gandalf übel, sich darauf beschränkt zu haben, nur den dunklen Schatten vertrieben und keine weiteren Maßnahmen ergriffen zu haben, eine Rückkehr für immer unmöglich zu machen. Ein Vermutung, die er noch nicht wirklich bereit war, anzunehmen. Mochte es wohl sein, dass Galadriel und Gandalf dies glaubten und auch die Hoffnung hatten, Sauron nun einen endgültigen Schlag zu versetzen, Celeborn sah das ganze sehr viel nüchterner. Aber auch wenn es nicht Sauron war, der am Amon Lanc wieder sein Unwesen trieb, so war es dennoch ein guter Gedanke, diesen neuen Feind zumindest zu schwächen.
‚Halte Ordnung vor der Tür deines Hauses’ hatte Thingols oberste Verpflichtung für alle seine Untertanen immer gelautet. Es war immer noch tragisch, dass Doriath am Ende doch gefallen war. Celeborn schwor sich, dass Lorien dieses Schicksal erspart bleiben würde.
“Sehr schnell sind wir allerdings nicht”, drängelte sich eine helle Stimme in seine Überlegungen. “Mach dir keine Sorgen, Rumil, ich fall nicht über Bord.”
Ein vergeblicher Trostversuch von Leiloss für Haldirs jüngsten Bruder. Seit die Ithildrim auch nur den ersten Schritt in den Goldenen Wald gemacht hatte, war Rúmil für den Rest aller Elbinnen jetzt und immerdar verloren. Nicht, dass sich der Jüngste im Bunde der drei Brüder nicht mit schöner Regelmäßigkeit bis über die spitzen Ohren verliebte, aber diesmal war er wider Erwarten sehr hartnäckig. Ganz Lorien wusste Bescheid, ausgenommen natürlich Leiloss selber, die sich noch in der jugendlichen Phase der Heldenverehrung befand und Haldir für das Maß aller Dinge hielt. Rumil litt also still und beschränkte sich darauf, auf die junge Elbin aufzupassen.
Das Boot zog ungestört seiner Wege und trug sie mit jedem Meter weiter der Mündung des Flusses zu, wo sie an Land gehen und warten wollten, was der Anduin ihnen wohl brachte. Celeborn wagte keine Schätzung, wann dieses Treffen kommen würde. ‚Bald’ war ein mehrdeutiger Begriff im Leben eines Erstgeborenen und noch dazu im Leben seiner Gemahlin, die immerhin noch in Valinor geboren war und ihn an Lebensalter noch um einiges übertraf.
Einige Tage würden sie jedoch ohne weiteres am Flussufer rasten können, ohne sich Gedanken um ihre Versorgung machen zu müssen. Unterhalb der Ruderpinne war ein Verschlag im Boden eingebaut, durch den vor ihrem Aufbruch mehrere Körbe mit Früchten, Weinkrügen und Broten verladen worden waren. Umso weniger konnte sich der Herr Loriens nach einer guten Stunde sehr friedlicher Fahrt erklären, warum Leiloss mit einem Speer in der Hand auf die zwar niedrige, aber auch ebenso schmale Reling kletterte.
“Sie hat Hunger auf Fisch”, verriet Orophin, und senkte das Buch, das ihm bislang die Bootsfahrt versüßt hatte.
“Sie wird nicht wieder aufgesammelt, wenn sie ins Wasser fällt”, entschied Celeborn und betrachtete das Schauspiel von der anderen Seite des Bootes aus mit mildem Interesse. “Soll sie nach Caras Galadhon zurück schwimmen.”
“Ich glaube, sie würde eher uns folgen.” Mit leichtem Bedauern im Mienenspiel klappte Orophin das Buch zu, um zu verfolgen, wie Leiloss unter dem Gelächter und den Anfeuerungsrufen ihrer übrigen Begleiter eine durchaus elegante Position mit dem Speer in der Hand einnahm. Sie kniete seitlich auf dem zum Glück nicht abgerundeten Holzhandlauf und starrte konzentriert auf die Wasseroberfläche. “Denkt Ihr, das Jagdglück wird ihr hold sein?”
Celeborn unterdrückte gerade eben noch ein Lächeln. Orophin hatte eine Ausdrucksweise am Leib, die gelegentlich sogar Haldir in den Wahnsinn trieb. “Wir werden sehen.”
Kaum erfassbar jagte Leiloss den Speer ins Wasser, bis sie ihn nur noch am äußersten Ende halten konnte und sich auch noch vorbeugen musste. Rumil war sofort zur Stelle und packte sie um die Taille. Einen Augenblick später hüpfte die Ithildrim von der Reling, ein breites Grinsen im Gesicht und einen Flussbarsch auf der Speerspitze, der die letzten Male mit den Schwanzflossen schlug.
“Wir hätten wetten sollen”, schmunzelte Celeborn und brach beinahe in schallendes Gelächter aus, als Orophin ihn mit allen Anzeichen größten Entsetzens anstarrte. “Was ist dagegen einzuwenden? Selbst Euer Bruder ist seit ein paar Jahren auf den Geschmack gekommen.”
“Seit er in Bruchtal war”, nickte Orophin betrübt. “Angeblich war Thranduils Palasthauptmann der Verführer.”
Und Celeborn dankte dem Elb unbekannterweise noch immer dafür. Er klopfte Orophin tröstend auf die Schulter und gesellte sich dann zu der erfolgreichen Anglerin, die gerade Vorschläge annahm, wie man den Barsch am besten zubereiten sollte.
“Wir können uns nicht einig werden”, erklärte sie stirnrunzelnd. “Entscheidet Ihr doch einfach.”
“Roh”, verkündete Celeborn und amüsierte sich prächtig über die entsetzten Aufschreie um sich herum. Nach Leiloss Gesichtsausdruck zu urteilen, bedauerte sie ganz ungemein ihr Jagdglück. “Oder meinetwegen auch über dem Feuer gebraten. Aber wartet lieber, bis wir angelegt haben. Ich würde das Boot gerne heil bis zur Flussmündung bringen.”
“Oh”, kam es von dem ein oder anderen seiner heldenhaften Krieger.
Celeborn runzelte tadelnd die Stirn. “Erst denken, dann Feuer machen.”
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Das letzte Mal, dass er einen Fuß auf die Planken eines Schiffes gesetzt hatte, schien eine Ewigkeit her zu sein. Es war der Abschied von Valinor gewesen, getragen von einem unguten Gefühl des Zorns und dem Wunsch nach Vergeltung. Seine seltsamen Vorstellungen von der Gerechtigkeit in der Welt hatte er schnell danach verloren. Geblieben war die Erkenntnis, dass ein Teil seiner Seele eine eher schattig zu nennende Region war und nicht unbedingt vom Licht der Vergebung erhellt wurde.
Erestor machte sich deswegen nicht unbedingt Sorgen. Man musste ohnehin ein naiver Narr sein, um wirklich glauben zu können, dass Unsterblichkeit gleichbedeutend mit Edelmut und Perfektion in äußerer und innerer Erscheinung war. Sie hatten alle ihre Fehler und seine könnten letztendlich schlimmer sein.
Immerhin hatte er darauf verzichtet, Hestia langsam im Hafenbecken zu ertränken. Ein Schicksal, das sie durchaus bei den von ihr begangenen Verbrechen verdient hätte. Andererseits wäre damit wenn überhaupt höchstens der Gerechtigkeit gedient gewesen und Erestor mit seinem festen Entschluss, Marsden doch noch zu erwischen, leer ausgegangen.
Unten aus dem Schiff klangen die leisen Geräusche der erwachenden Mannschaft. Sie hatten während der Nacht in einer der kleinen Buchten geankert. Eine günstige Gelegenheit für Warrick, wieder die Geschichte seiner Rettung zum Besten zu geben und so lange Haldirs Verdienste zu loben, bis der sonst eigentlich nicht leicht in Verlegenheit zu bringende lorische Hauptmann sich mit einer schwachen Entschuldigung ins Heck des Schiffes zurückgezogen hatte. Angeblich wollte er Wache halten, was sicher nicht die schlechteste Idee wäre.
Allerdings hatte Erestor, der in dieser Nacht auch keinen Schlaf gefunden hatte, am Ufer kein Anzeichen einer Gefahr feststellen können. Auch auf dem Schiff war schnell Ruhe eingekehrt, denn die Fahrt gegen die Strömung erschöpfte die Männer. Der Anduin war um diese Jahreszeit so stark, dass selbst Hestia nach einem kritischen Blick auf den Fluss von zukünftigen Fluchtversuchen Abstand genommen hatte. Erestor hatte sie keinen Moment aus den Augen gelassen, seit er ihr den Eid abgenommen hatte, Marsden für ihn aufzuspüren. Die Gegenleistung bestand darin, dass Erestor seinerseits sie dann nicht länger verfolgen würde.
“Wir erreichen die Mündung des Celebrant wohl gegen Mittag.” Haldir war unbemerkt näher getreten, wie Erestor voller Anerkennung feststellte. Es gab nur wenige Eldar, denen dies gelang. “Es dürfte nicht lange dauern, bis ich Caras Galadhon erreiche und Mithrandirs Botschaft überbracht habe.”
Erestor lächelte kurz. “Wenn es überhaupt nötig ist. Es sollte mich wundern, wenn Galadriel nicht mit einem Blick in ihren trügerischen Spiegel bereits von uns weiß. Und Celeborn hört sowieso immer das Gras wachsen, wenn Ärger im Anzug ist.”
“So ähnlich”, hüstelte Haldir, um sein Grinsen zu verbergen.
Es wurde ein ereignisloser, wenn auch sehr schöner Vormittag. Der Frühling hatte offenbar beschlossen, dass der Winter lange genug alles beherrscht hatte und nun wieder Zeit für Wärme, Sonne und freundliche Farben war. Die ‚Butterblume’, deren Segel die Farbpalette des Frühlings dann auch noch perfektionierte, bekam sogar Rückenwind und die Ruderer konnten etwas Kraft sparen, während das Schiff sich immer weiter Richtung Norden vorkämpfte.
Erestor ertappte sich dabei, wie er den Blick nach Osten vermied und stattdessen die fruchtbaren Uferflächen auf der Westseite vorbeiziehen ließ. Es gab hier keine Anzeichen von Besiedlung mehr. Das Risiko wäre zu groß gewesen. Orks und ähnliches Gesindel trieb immer mal wieder ihr Unwesen und wie Warrick erzählte, wurden sie unverschämter seit einigen Jahren. Erestor glaubte den Grund dafür nur zu gut zu kennen. Wenn die Festung im Amon Lanc an Stärke gewann, würde auch dieser Landstrich bald von den Horden des Dunklen Herrschers verwüstet werden.
Noch hielten Lorien und Düsterwald die Bedrohung in Grenzen, aber es war eine Frage der Zeit, wann auch sie nicht mehr ausreichten. Es wäre zu schade um diese wunderschöne Landschaft. Andererseits würden die Sterblichen in Friedenszeiten ebenfalls hierher vorrücken und zu was sie fähig waren, hatte er in Hellheim mal wieder zur Genüge erleben dürfen. Iluvatar musste sich etwas dabei gedacht haben, die Sterblichen zu erschaffen. Leider war Erestor in den langen Jahrtausenden seines Lebens der Lösung dieses Rätsels eigentlich nie näher gekommen.
Sie erreichten die Flussmündung des Celebrant genau zur Mittagszeit.
“Ich lege am Westufer an”, verkündete Warrick und warf einen äußerst unbehaglichen Blick auf den Wasserweg nach Lorien.
“Fahrt besser ein Stück den Celebrant herauf”, meinte Haldir, der sich zusammen mit den anderen Reisenden an Bord der ‚Butterblume’ und auch einigen Besatzungsmitgliedern auf der Backbordseite eingefunden hatte.
Der Kapitän der ‚Butterblume’ fuhr sich unbehaglich mit seinem enormen Taschentuch über die Stirn. “Missversteht mich nicht, Hauptmann, aber diesen Fluss meiden wir eigentlich immer. Wer ihn befährt, kehrt nicht zurück, so heißt es.”
“Meistens nicht”, nickte Haldir und ignorierte Warricks Erblassen. “Doch diesmal könnt Ihr beruhigt sein.”
“Ich wäre trotzdem vorsichtig”, ergänzte Erestor mit einem sardonischen Lächeln, das sofort zu einem erneuten Schweißausbruch bei Warrick führte und ihm einen verärgerten Blick von Haldir eintrug.
“Widerling!” Leise, sehr leise Worte in Westron erreichten sein Ohr.
Erestor drehte sich zu Hestia um, die wohl wieder einmal vergessen hatte, mit wem sie es zu tun hatte. “Hast du etwas zur Unterhaltung beizutragen?”
Warricks Söldnerin drückte sich noch etwas mehr gegen den Mast und sah ihn unter ihren wirren, dunklen Haaren hinweg voller Abneigung an. Aber sie war zumindest vorsichtig genug, ihre Beschimpfung nicht zu wiederholen, sondern sich darauf zu beschränken, ihn mit Blicken töten zu wollen. Nicht, dass es Erestor etwas ausgemacht hätte. Hestia war für ihn keine Gefahr, sie war nicht einmal die Andeutung davon. Er hatte ihr sogar ihre nicht gerade guten Waffen gelassen und sie damit wohl am meisten gedemütigt. Und wenn er ganz ehrlich mit sich war, machte ihm das sogar großen Spaß. Sie hatte noch Schlimmeres verdient. Mochte Gandalf immer noch daran glauben, dass Menschen aus ihren Fehlern lernten, Hestia würde ihn eines Besseren belehren.
Die ‚Butterblume’ navigierte mit Unterstützung der Ruderer vorsichtig aus der Fahrrinne des Anduin und traf auf die Gegenströmung des Celebrant. Galadriels persönlicher Wasserweg mochte Menschen ebenso wenig wie die Herrin des Goldenen Waldes selbst. Es wurde unruhig an Bord, das Schiff bockte wie ein junges Fohlen, bis sich plötzlich Ruhe einstellte.
Friedlich wie ein Lamm gewährte ihnen der Fluss die Weiterfahrt in ein Gebiet, das nur selten Fremden zugänglich gemacht wurde. Das erklärte vielleicht den Zauber, der die dicht bewaldeten Ufer zu beiden Seiten des glasklaren Flusses gefangen hielt. Die Welt schien still zu stehen, gefangen in einer magischen Kugel, die ein bisschen von dem bewahrt hatte, was Galadriel sich nach all der Zeit von ihrer Heimat eben hatte bewahren können.
Erestor war Ewigkeiten nicht mehr in diesem Teil der Welt gewesen und die Unterschiede zu der Zeit, als Amroth mit den ihm zur Verfügung stehenden Mitteln das Reich der Galadhrim geschützt hatte, offenkundig. Die seltsame Ruhe ging Erestor prompt auf die Nerven, auch wenn sie eine Erinnerung an Valinor in sich trug.
Typisch Galadriel, ging es ihm durch den Kopf. Kein Wunder, dass Thranduil sie nicht leiden kann.
Kaum hatte sich die Aufregung der Besatzung gelegt, dass der Fluss sie überhaupt passieren ließ, kam es zu neuer Unruhe. Mittlerweile vom Naturell seiner sterblichen Begleiter ein wenig ermüdet, wollte Erestor sich mit einer bissigen Bemerkung in die Ruhe seiner Unterkunft zurückziehen.
“Wir bekommen Besuch”, hielten ihn Forlos Worte zurück und Thranduils Gardehauptmann deutete mit einer Kopfbewegung Richtung Südufer. “Hohen Besuch, wie mir scheint.”
“Gut erkannt”, bestätigte Haldir.
Mit der Befürchtung, Galadriel selber würde am Ufer stehen, sah Erestor in die angegebene Richtung. Ein Hauch von Erleichterung überkam ihn, kaum erkannte er Celeborns hochgewachsene Gestalt im Bug eines Schwanenbootes, das gerade vom Ufer ablegte. Voll besetzt mit bewaffneten Galadhrim und noch dazu mit einer fröhlich winkenden Ithildrim, die den ganzen verzauberten Eindruck wieder zunichte machte.
Gandalf, der die ganze Zeit schweigend, aber gemütlich an seiner Pfeife paffend, in der Nähe gestanden hatte, winkte ebenfalls mit einem freundlichen Lachen, bevor er sich zu Warrick umwandte. Der Sterbliche stand wie hypnotisiert am Ruder und machte keinerlei Anstalten, den Kurs der ‚Butterblume’ zu ändern oder gar zu verlangsamen. “Ihr solltet Anker werfen, guter Mann, sonst rammt Ihr noch unsere Gastgeber und versenkt den Herrn des Goldenen Waldes in den Wassern des Celebrant.”
“Himmel, nein!” Mit diesem Ausruf des Entsetzens überdeckte Warrick seine Männer sofort mit einem wahren Hagel von Befehlen und die ‚Butterblume’ schaffte es noch, halbwegs vorsichtig genau neben dem ankommenden Schwanenboot zu ankern. Es sprach für Celeborns Selbstbeherrschung, dass er ohne mit der Wimper zu zucken zur Kenntnis nahm, wie der schwere Anker des größeren Schiffes eine Armlänge vor dem Bug des Schwanenbootes ins Wasser rasselte. Warrick verlor kurzfristig die Nerven und schlug fluchend auf die beiden Matrosen ein, die dafür verantwortlich waren, bevor er sich schnaufend zur Reling vorkämpfte, um höchstpersönlich das Herablassen einer Strickleiter zu beaufsichtigen. Wahrscheinlich befürchtete er, dass einer seiner sprachlosen Männer diese endgültig auf den Kopf eines der Elben schmeißen würde.
“Forlos!” quietschte es unten vom Schwanenboot und einen Augenblick später erschien der typisch silberweiße Haarschopf einer Ithildrim über der Bordkante. “Was macht Ihr denn hier?”
Thranduils Hauptmann war den Umgang mit den Jüngsten dieses speziellen Elbenvolkes gewöhnt, das merkte man gleich. Er hob Leiloss über die Kante, schob sie ein Stück zur Seite und sah sie drohend an. “Sei still, Leilo oder es gibt Ärger!”
Haldir schüttelte nur leicht den Kopf, bevor er sich seinem Befehlshaber zuwandte, der durchaus gemessener an Bord kam. Erestor genehmigte sich ein leichtes Lächeln. Celeborn war am Hofe Thingols aufgewachsen. Er beherrschte den großen Auftritt bis in die Haarspitzen. Obwohl nur wenige, kaum erkennbare Zeichen ihn nach Außen als den Anführer der Elben auswiesen, die schweigend nach ihm das Schiff erklommen, blieb kein Zweifel, wer unter ihnen das Sagen hatte. Galadriels Gemahl baute sich vor Warrick auf, ließ den Blick seiner für einen Erstgeborenen wirklich ungewöhnlich hellen grauen Augen über die Versammlung vor ihm gleiten und heftete ihn dann auf Warrick.
Erestor schätzte, dass der Sterbliche sein Taschentuch bald auswringen konnte, so nervös machte ihn wohl die Ahnung einer Ewigkeit, die sich in Celeborns Augen spiegelte. Der Sinda konnte diesen speziellen Ausdruck bei Bedarf abrufen wie ein auswendig erlerntes Gedicht. Das machte ihm so schnell keiner nach.
“Eine ungewöhnliche Fracht führst du bei dir, Sterblicher”, erklärte Galadriels Gemahl dann gedehnt in perfektem Westron. “Und einen ungewöhnlichen Weg hast du genommen, hier auf den Wassern des Celebrant.”
Warrick war ein wenig überfordert mit soviel Elbenpräsenz und beschränkte sich höchst beeindruckt darauf, wortlos auf Haldir zu deuten, der wohl Mitleid mit dem armen Mann hatte, denn er trat schnell vor und deutete eine Verbeugung an.
“Wichtige Nachrichten, die einen schnellen Weg erfordern”, erklärte er förmlich. “Mithrandir ist bei uns und er bringt schlechte Kunde.”
“Das wissen wir bereits”, bestätigte Celeborn und wechselte unvermittelt in Sindarin, ohne seine ernste Miene abzulegen. “War der Segelmacher betrunken, als er diese Blume aufgenäht hat? Wir haben den Kahn schon meilenweit an diesem gelben Fleck erkennen können. Ich hoffe, du hast es nicht gekapert. Es gibt nämlich schönere Schiffe.”
“Du bist ein Schandmaul”, ließ sich Gandalf vernehmen. “Und wirst immer eingebildeter.”
Celeborn gestattete sich ein Lächeln. “Und du immer grauer, alter Freund. Eine feine Versammlung bringst du mir hier an. Lord Erestor, mit Euch hatte ich allerdings nicht gerechnet.”
“Das hat wohl niemand”, spottete Erestor in Gandalfs Richtung und begrüßte dann mit einem leichten Kopfnicken Loriens Herrscher. “Aber in Zeiten wie diesen sollte man immer auf alles gefasst sein.”
“Das sollte man nicht nur in diesen Zeiten.” Celeborn war offenbar die Rolle als einschüchternder Elb schon wieder zuviel. Er platzierte ein einnehmendes Lächeln auf seinem Gesicht - etwas, das er ebenso gut beherrschte, wie den einschüchternden Ewigkeitsausdruck - und wandte sich wieder in Westron an Warrick. “Meinen Dank, dass du alle sicher hergebracht hast. Bleib noch eine Weile Gast hier auf dem Celebrant, während ich mit meinen Freunden am Ufer die Dinge bespreche, die sie hergeführt haben.”
Erestor runzelte die Stirn. Eigentlich hatten sie geplant, Haldir abzusetzen und dann weiter den Anduin bis zur Alten Furt heraufzufahren, damit Gandalf und Forlos den kürzesten Weg in den Düsterwald nehmen konnten. Erestor wollte mit Hestia im Schlepptau nach Imladris aufbrechen, Elrond informieren und ihm gleichzeitig die Teilnahme an diesem Feldzug ausreden, um dann halbwegs unbelastet die Suche nach Marsden wieder aufzunehmen.
Celeborns Gesichtsausdruck besagte, dass er ganz andere Pläne hatte und die würde er nicht so einfach aufgeben. Erestor kannte ihn dafür zu gut. Es würde eine lange Besprechung werden.
Kapitel 5 - Solange du deine Beine unter meinen Tisch streckst…
“Du solltest dich besser freuen, dass wir heil wieder hier angekommen sind!”
“Ich müsste mich nicht freuen, wenn du gar nicht erst auf diese überflüssige Reise gegangen wärst!”
“Ich bin kein Kind mehr!”
“Jetzt fang du nicht auch noch damit an!”
Die Alte Waldstraße, die an diesem östlichen Punkt gerade wieder in etwas überging, das man guten Gewissens einen befestigten Weg nennen konnte, erlebte wohl nur selten ein Schauspiel wie dieses. Damit war sie auch nicht alleine. Zwei Dutzend unauffällig in die Farben des Waldes gekleidete Elben, allesamt schwer bewaffnet, bildeten einen lockeren Kreis um zwei weitere Elben, die sich ungefähr auf der Straßenmitte gegenüberstanden und den Eindruck machten, als würden sie jeden Moment aufeinander losgehen.
Etwas außerhalb dieses Kreises stand auf einem umgestürzten Baumstamm ein weiterer Elb, gestützt auf einen auffälligen Holzstab mit kunstvollen Silberhülsen an den Enden, der sich deutlich wegen seiner fast schon ätherischen Erscheinung und der langen, silbernen Haarmähne von den anderen unterschied. Neben ihm stand ein dunkelhaariger Sterblicher in schwarzer, abgewetzter Lederkleidung. Er war deutlich größer als der Elb und seine breiten Schultern zuckten gelegentlich vor stillem Lachen. Zur Ablenkung kratzte er mit einem Messer unter seinen Fingernägeln rum und bemühte sich offenkundig so, seine Erheiterung wenigstens etwas zu unterdrücken. Am auffälligsten war jedoch der Ork, der vor dem Baumstamm auf dem Boden kauerte und den Eindruck machte, als würde er jeden Augenblick aufspringen und das Weite suchen wollen.
“Wir hatten leider wenig Möglichkeiten”, verteidigte sich gerade Prinz Legolas gegen die durchaus verständliche Irritation seines eigenen Vaters über das orkische Anhängsel.
Thranduil stieß ein abgehacktes Lachen aus. “Es gibt immer Möglichkeiten. Eine davon wäre gewesen, ihn in der Ebene einfach stehen zu lassen.”
“Ich habe mein Wort gegeben!”
“Einem Ork?” schnappte Thranduil und warf betreffendem Geschöpf sofort einen so scharfen Blick zu, dass Izak einen Laut puren Schreckens von sich gab.
Galen verspürte den bizarren Drang, dem armen Kerl tröstend auf die Schulter zu klopfen.
“Er ist keine Gefahr”, behauptete Legolas starrsinnig und wich keinen Deut, als Thranduil ganz nah an ihn herantrat, als wolle er ihn bei den Schultern nehmen und schütteln.
“Sagt wer?” knurrte sein Vater, während seine Hände sich zu Fäusten ballten und wieder lockerten. Düsterwalds König kämpfte eindeutig um seine Beherrschung.
“Sicher können wir uns wohl nicht sein”, murmelte Estel und steckte sein Messer weg. Er schüttelte leicht den Kopf. “Wir hätten ihn wirklich am Waldrand wegschicken sollen.”
Galen zuckte nur die Achseln. “Er wollte nicht.”
Damit war Legolas selbst gemeint, der die wohlmeinenden Ratschläge seiner Freunde beharrlich abgewehrt hatte. Einen Ork unkontrolliert an der Grenze des Waldes abzusetzen, hielt er für noch gefährlicher, als sich der Aufgabe zu stellen, Izaks Anwesenheit seinem Vater zu erklären. Galen fragte sich, ob der Kronprinz inzwischen seine Meinung geändert hatte. So aufgebracht hatte er den König bislang noch nicht erlebt und es stand in den Sternen, ob Izak die nächsten Minuten wirklich überleben würde.
Caeril, der Hauptmann der Grenzwachen, musste ebenso unentschlossen sein, denn er löste sich aus dem Kreis und kam unauffällig zu ihnen herüber. Sein Blick lag mit einer gewissen Hilflosigkeit auf Izaks hässlichem, verschrecktem Gesicht. Offenbar bedauerte Caeril mittlerweile sehr, Thranduil auf schnellstem Weg von Legolas’ Rückkehr benachrichtigt zu haben.
“Das hättet Ihr Euch eigentlich denken können”, raunte ihm Estel zu.
“Und was soll ich jetzt mit ihm machen?” wollte Legolas gerade von seinem Vater wissen.
“Das fragst du mich?” spottete Thranduil und warf den Kopf in den Nacken, um tief durchzuatmen.
Legolas nutzte die kurze Ablenkung seines Vaters und sah zu seinen Freunden. Er blinzelte leicht. Galen verbiss sich ein Grinsen. Offenbar wusste der Waldelb ganz genau, wie er seinen Willen durchsetzen konnte.
“Er kann nicht einfach hier herumwandern”, meinte Thranduil aufseufzend.
“Ich wette, er nimmt ihn mit in den Palast”, murmelte Caeril sehr leise. “Sie nehmen immer alles mit in den Palast, sogar Salamander.”
“Er könnte ihn auch einfach töten”, schlug Estel vor.
Thranduils Hauptmann schüttelte entrüstet den Kopf. “Thranduil ist ein gerechter König. Er tötet nicht ohne Grund, nicht einmal einen Ork.”
“Spinnen schon”, lächelte Estel.
“Wer nicht?” winkte Caeril ab.
“Er ist kein Gast”, verkündete Thranduil endlich und bohrte seinem Sohn einen langen, schlanken Zeigefinger in die Brust. “Du bist dafür verantwortlich, verstanden? Wir werden uns eine Lösung einfallen lassen und glaub mir, sie wird nicht mit der Elronds zu vergleichen sein. Dies ist Düsterwald und nicht Bruchtal, hier genießen Orks keinen freien Aufenthalt.”
Izak musste spüren, dass sein Schicksal am seidenen Faden hing und die Schere in Thranduils Hand, um diesen Faden zu durchtrennen, noch lange nicht weit genug weg war, um sich als gerettet zu betrachten. “Was sagt der große Elb?” wollte er von Galen wissen.
“Was wohl?” brüllte Thranduil, dem die Frage nicht entgangen war und der nun mit langen Schritten herangestürmt kam. Drohend baute er sich über dem immer noch auf dem Boden hockenden Ork auf. Es verschlechterte seine Laune wohl zusätzlich, dass er das ungeliebte Westron nutzen musste, um sich mit diesem Geschöpf zu verständigen. “Mein Sohn hat dir versprochen, dich in den Düsterwald zu bringen. Dieses Versprechen ist jetzt erfüllt. Nun werde ich weiter über dein Schicksal entscheiden.”
Izak heulte auf. “Ich will nur hier sein. Meine Wege gehen. Ich bin keine Gefahr.”
“Nein, sicher nicht”, bekräftigte Thranduil voller Ingrimm. “Weil ich dafür sorgen werde.”
Damit gab er Caeril einen Wink und drehte sich auf dem Absatz um. Legolas hatte sich besser vom Objekt des Familienärgers fern gehalten, nickte seinen Freunden aber kurz zu, bevor er sich auf sein Pferd schwang, das ihm eine der Leibwachen brachte.
“Interessant”, meinte Estel seufzend. “Und wir reiten jetzt zu dritt, oder wie soll ich das verstehen?”
“Er kommt mit mir”, sagte ein Elb, der sich aus dem Kreis der anderen gelöst hatte und Galen irgendwie bekannt vorkam. Glücklich sah er nicht aus.
“Ich kann laufen”, raunte Izak mit der üblich gedämpften, heiseren Stimme. Umständlich erhob er sich. Eigentlich war er wohl ebenso groß wie der Elb vor ihm, aber durch seine seltsam gekrümmte Haltung wirkte er neben dem anderen fast wie ein Zwerg.
“Ja, aber der König will, dass du mit mir reitest.” Der Elb stutzte, weil Izak ihn völlig verständnislos ansah. “Er spricht wohl nur Westron?”
“Und die dunkle Sprache, schätze ich”, antwortete Estel heiter. “Könnt Ihr Westron?”
“Nein.” Der Elb seufzte, kramte in seiner Gürteltasche und holte eine Art Miniaturhügel mit Rosinen heraus. “Isst er Kekse?”
So wie sich Izaks Augen vor Begehrlichkeit weiteten, hatte Galen keinen Zweifel daran. Jetzt fiel ihm auch wieder ein, wer dieser Elb war. Es gab nur einen, dem als Lösung für alle Probleme die Aufnahme von Nahrung einfiel. “Bestimmt, Gaellas. Ihr werdet Euch prächtig mit ihm verstehen, scheint mir. Izak mag übrigens kein Fleisch.”
“Tatsächlich?” Abweichungen bei der Nahrungsaufnahme weckten Gaellas Interesse. Mit einem halbwegs freundlichen Lächeln warf er Izak den Keks zu und nahm ihn mit sich.
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Gílnin beobachtete nachdenklich seine beiden Begleiter. Elronds Söhne wirkten beinahe unbeschwert, obwohl die zwei Tage auf der Alten Waldstrasse dennoch Spuren hinterlassen hatten. Selbst Elladan konnte nicht bestreiten, dass der Weg durch diesen so heimgesuchten Wald die Wachsamkeit schärfte und die Vorsicht zu einem ständigen Begleiter machte.
Dennoch lag etwas Spielerisches in der Art, wie sie ihre Waffen gelegentlich auf ihren Zustand prüften, an besonders dunklen Stellen den Bogen vom Rücken nahmen und vorsichtshalber die Köcher nun an ihren Gürteln eingehakt hatten, um schneller zu ihren Pfeilen greifen zu können.
Auf ihre Art waren sie Täuscher, wenn auch nicht im schlechten Sinne. Mochten sie sich auch noch so unbekümmert geben, noch so betont ziellos durch die Jahre wandern, beide verstanden sich auf die Kunst, ihr eigenes Überleben und auch das anderer zu sichern. Elladan und Elrohir waren Krieger, auf die Elrond sicherlich stolz war.
Ein auch nur halbwegs sorgfältig ausgebildeter Elbenkrieger - und dazu gehörten eigentlich fast alle der Erstgeborenen - beherrschte gewöhnlich drei Arten von Waffen gut genug, das eigene Leben schützen zu können. Das Bogenschießen diente alleine schon der Jagd, der Schwertkampf der Verteidigung und der Kampf mit dem Messer war sehr vielseitig einzusetzen. Die wahren Krieger unter den Elben verstanden sich zudem noch auf die Handhabung eines Speeres. Eine Bewaffnung, die nur selten eingesetzt wurde und dann auch nur in großen Schlachten und in der ersten Reihe. Es erforderte Mut und die Einsicht, zu den ersten zu gehören, die für die Sache der Kämpfenden sterben würden, wenn man sich für diese Waffe entschied.
Es gab noch eine weitere Art, in den Kampf zu gehen und das war die mit einem Kampfstab, dessen Handhabung der des Speeres im Nahkampf in gewisser Weise entsprach, ihn aber auch übertraf. In Rhûnar war diese Waffe beliebt und die Kunstfertigkeit der Rhûna im Umgang damit suchte ihresgleichen.
Gílnin versuchte, sich an den Moment zu erinnern, als ausgerechnet ein Kampfstab als die ideale Verteidigungswaffe für ihn auserkoren wurde. Es war ein Frühlingstag ähnlich diesem gewesen, wenn ihn seine Erinnerung nicht trog. Unwillkürlich schweiften seine Gedanken zurück nach Imladris…
Die Gärten erwachten erst langsam im Sonnenlicht zu neuem Leben. Noch waren die Nächte kühl und außerdem war es so früh am Morgen, dass kaum ein anderer Bewohner des Tales unterwegs war.
Gílnin genoss die Stille, auch wenn sein Blick gelegentlich seinen Begleiter streifte, der ungewohnt vergnügt wirkte.
“Ein wirklich schöner Tag”, meinte Erestor, als er die Aufmerksamkeit seines Sohnes bemerkte.
“Ja”, antwortete Gílnin einsilbig. Es war Vorsicht angesagt, wenn sein Vater so leutselig wurde. Erestor war niemand, der einfach nur dem Müßiggang frönte, soviel hatte er in den letzten zwei Jahren jedenfalls schon bemerkt.
“Erzähl mir von deiner Zeit als Krieger”, verlangte Erestor dann auch prompt.
“Erestor…”
“Ich interessiere mich dafür.”
“Ich habe dir bereits davon erzählt.”
Bruchtals Seneschall lächelte harmlos, aber in den Tiefen seiner schwarzen Augen funkelte etwas, das sicher nicht mit Unschuld gleichzusetzen war. “Erzähl mir, mit welchen Waffen du gekämpft hast.”
“Mit allen”, knirschte Gílnin und betrachtete seine Hände. Zum ersten Mal fiel ihm auf, wie sehr sie sich seit dieser Zeit verändert hatten. Damals waren sie kraftvoller gewesen, mit Schwielen an den Stellen, wo der Bogen oder das Schwert gehalten wurden.
“Tatsächlich? Selbst mit einem Speer?”
“Auch damit.”
“Sehr gut.”
Erestors Stimme war unzähliger Modulationen fähig. Jetzt klang sie einfach nur zufrieden und das gab Gílnin zu denken. Es war schon zu oft passiert, dass sein Vater ihn dadurch manipuliert hatte, ihm Geheimnisse entlockt hatte, die er eigentlich geschworen hatte, niemandem je preiszugeben. Es geschah sicher nicht in böser Absicht, denn selbst Gílnin musste zugeben, dass eine schwere Last sich langsam von seinen Schultern zu lösen schien. Dennoch war es bei einem Vater wie Erestor lebensnotwendig, die eigene Meinung mit Händen und Füßen zu verteidigen.
“Ich werde nie wieder eine Klinge in ein lebendiges Wesen bohren”, erklärte er mit fester Stimme.
“Natürlich nicht. Das hast du bereits erwähnt und ich würde dich nie dazu zwingen.”
Spätestens jetzt war Gílnin klar, dass ihm gewaltiger Ärger drohte. Gleichzeitig konnte er kaum fassen, dass er beinahe Panik verspürte. In Rhûnar hatte er bei fast jeder Gelegenheit panisch oder zumindest nervös reagiert, aber irgendwie war diese Unsicherheit zunehmend in der Ruhe Bruchtals von ihm gewichen. Erneut zu fühlen, wie sich sein Herzschlag beschleunigte, traf ihn zutiefst. “Adar…”
Erestor lächelte sanft, klopfte ihm auf die Schulter und schob ihn gleichzeitig ein Stück an sich vorbei auf eine offene Rasenfläche. Im ersten Augenblick war Gílnin beinahe erleichtert. Er kannte diesen Platz. Ein wahrer Ort der Ruhe, mit einer runden Steinfläche in der Mitte, auf der sich in den Sommermonaten gerne Musiker einfanden und die Klänge ihrer Lieder die Abenddämmerung verzauberten.
Seine Erleichterung schwand wie ein Schneekristall in der Sonne, als er einen Elben erblickte, der bislang am Rand des Steinrundes auf dem Rücken gelegen und ganz entspannt auf einem Grashalm gekaut hatte. Jetzt erhob sich besagter Elb und reckte sich genüsslich.
“Da seid ihr beide ja”, wurden sie von Glorfindel begrüßt. “Ich dachte schon, du hättest es dir anders überlegt, Erestor.”
Allein die Worte trieben Gílnin einen kalten Schauer über den Rücken. Er blieb wie angewurzelt stehen und sah seinen Vater anklagend an. “Willst du meine Entscheidung nicht akzeptieren oder kannst du es einfach nicht?”
Erestors Lächeln war milde, der Glanz in seinen Augen plötzlich so hart wie ein schwarzer Diamant. “Die Antwort lautet ein jedes Mal ‚ja’ und damit liegt auch zugleich das Dilemma vor dir, in das du mich gestürzt hast, mein Lieber.”
Glorfindel hatte sich hinter Erestor aufgebaut. Seine ganze Leichtigkeit war ebenfalls verschwunden. Bruchtals oberster Krieger war so ernsthaft wie sonst eigentlich nie, ein leichter Vorwurf schien von ihm auszugehen, dessen Ziel Gílnin selber war.
“Ich will deine Qualen nicht vergrößern”, erklärte Erestor und seufzte leicht. “Eru allein weiß, dass ich sie dir nehmen würde und mir selber aufladen, wenn ich es nur könnte. Doch leider ist dies nicht möglich. Ich würde dir auch deinen Frieden lassen, deine Abkehr von allem, was dich an diese Vergangenheit erinnert, aber so einfach ist das nicht.”
“Und ob es das ist”, beharrte Gílnin, auch wenn er langsam eine Ahnung von dem bekam, was Erestor beschäftigte.
“Ist es nicht”, sagte stattdessen Glorfindel. “Ihr macht es Euch zu leicht, Erestorion. Es mag lange Zeit gut gegangen sein, doch wir nähern uns dunkleren Tagen und nicht immer wird es Orte wie die Quellstadt oder Imladris geben, die Euch Sicherheit gewähren. Mein alter Freund hier zermartert sich sein ohnehin schon mit vielen, allerdings auch vielen überflüssigen Sorgen geplagtes Hirn - die um Euer Wohlergehen sollte nicht noch dazu kommen.”
“So hätte ich es nun nicht ausgedrückt, aber es trifft dennoch den Kern des Ganzen”, knurrte Erestor leicht verstimmt. “Was Glorfindel sagen will, ist einfach nur, dass ich die Gewissheit haben will, dass du dich verteidigen kannst.”
“Und damit meint er nicht, dass Ihr einen Ork mit einem Sack Kräuter beschmeißt oder dieses Flapsi-Tier auf ihn hetzt”, ergänzte Glorfindel ironisch.
Gílnins Abwehr zerbröckelte. Das Gefühl, dass jemand sich um ihn sorgte, war schon länger dahin als seine Kraft, ein Schwert zu führen. Es berührte ihn tief in seinem Innern, wo er seine Vergangenheit und den Elben, der er einmal gewesen war, vor Ewigkeiten begraben hatte. Wo er sein Leben begraben hatte…
Ihm musste dieses Gefühl deutlich anzumerken sein, denn beide Elben wechselten einen kurzen, unzweifelhaft triumphierenden Blick. Glorfindel nickte ihm nochmals zu und schlenderte dann zurück zum Steinkreis. Er hockte sich neben ein Bündel auf dem Boden, das Gilnín nicht genau erkennen konnte.
“Ich habe dir versprochen, dass du nie wieder eine Klinge in ein lebendes Wesen bohren musst”, sagte Erestor, während er Gílnin eigenhändig aus der langen Robe half. “Daran ändert sich nichts.”
Und so kam es, dass Gílnin kurz darauf nur noch mit Hose, Stiefeln und Tunika gekleidet Richtung Glorfindel tappte. Die endgültige Niederlage war ihm klar, als sich Glorfindel wieder aufrichtete und zwei einfache Kampfstäbe aus Holz in der Hand hielt.
Voller Selbstironie kräuselten sich Gílnins Lippen zu einem leichten Lächeln, als er nun den Kampfstab aus seiner Befestigung am Sattel löste, um auch etwas dazu beitragen zu können, wenn ihnen auf ihrem Weg auf der Alten Waldstraße etwas begegnen sollte, das eindeutig nicht friedlich gesinnt war.
Elrohir bemerkte die Bewegung und nickte anerkennend. “Galen würde wahrscheinlich vor Neid erblassen, mein Freund.”
“Kaum, beide Stäbe sind sich nur äußerlich ähnlich. Dieser hier hat keine verborgenen Klingen.”
“Damit Ihr nicht in Ohnmacht fallt, wenn Euer Gegner blutet”, frotzelte Elladan gutmütig.
“Wenn Ihr es sagt.” Gílnin sparte sich die Bemerkung, dass ihn Blut nicht mehr in dem Maße aus der Bahn warf, wie es lange Jahre zuvor gewesen war.
Aber auch ohne die Klingen, die sich bei Galens Waffe in den Silberhülsen an den Stabenden versteckten, war Gílnins Kampfstab nicht zu unterschätzen. Er verdankte dieses außerordentlich tückische Geschenk Glorfindel selbst, der es ihm kurz vor dem Abmarsch aus Imladris übergeben hatte. Äußerlich wie ein Stück Ebenholz aussehend, war es aus massivem Metall geformt, auch wenn es sich recht leicht anfühlte und das bei einer Länge, die Gílnins Körpergröße entsprach.
Die Enden des Stabes verschwanden in langen Goldhülsen, die mit Ranken und Schmetterlingen verziert waren. Glorfindel hatte sich fürstlich amüsiert, als er ihm den Stab aushändigte und etwas von ‚Haustieren’ gemurmelt. Gold war gewöhnlich ein weiches Metall, doch dieses hier stellte nur die oberste Schicht dar. Darunter lagen unzählige Male von den Waffenschmieden Bruchtals gefaltelte Hülsen aus Klingenstahl. Hart genug, den Schädel eines Trolls zu spalten wie Butter, wenn man Glorfindels Aussage glauben durfte.
Erestor hatte sein Versprechen gehalten und Gílnin dennoch ausmanövriert wie ein Kind. Der Kampfstab würde nicht wie ein Schwert oder Messer einen Feind aufschlitzen, töten würde er ihn dennoch.
“Ich glaube nicht, dass Ihr ihn heute brauchen werdet”, erklärte Elladan, als Gílnin den Stab einmal prüfend in der Hand kreisen ließ. “Es scheint recht ruhig zu sein und bis zum Palast ist es nicht mehr weit.”
“Elladan, beschrei es nicht”, warnte ihn sein Bruder sofort.
“Hört auf ihn.”
Die drei erstarrten, als sie die fremde Stimme vernahmen, die irgendwo zu ihrer Linken aus dem Wald kam.
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Zwei Gestalten blieben am Ufer zurück und sahen der ‚Butterblume’ nach, die unter energischem Einsatz der Ruder in der Strommitte nun wieder den Anduin hinauffuhr.
“Haldir…”, sagte Forlos nachdenklich, während das Schiff nach und nach aus ihrem Sichtfeld verschwand. “Warum stehen wir beide jetzt ganz alleine hier?”
Lothloriens oberster Wächter seufzte leicht. “Willst du eine logische Antwort oder die Wahrheit?”
“Versuch es mit der Wahrheit.”
“Weil Erestor und Celeborn den Verstand verloren haben.”
“So etwas ähnliches vermutete ich bereits. Bei Gandalf bin ich mir auch nicht sicher.”
Wieder breitete sich Schweigen zwischen ihnen aus, in dem jeder der zwei seinen Gedanken nachhing. Haldirs kreisten in erster Linie darum, Galadriel bald erklären zu müssen, dass ihr Gemahl sich auf dem Weg zur Alten Furt befand, um von dort aus ausgerechnet den einzigen Elb Iluvatars gesamter Schöpfung aufzusuchen, der die Herrin des Goldenen Waldes in Tobsuchtsanfälle treiben konnte.
“Nehmen wir das Boot?” erkundigte sich Forlos mit einer Kopfbewegung zu dem Schwanenboot, das kurz hinter der Mündung sanft und völlig verlassen auf den Wellen des Celebrant schaukelte.
“Möchtest du gern?”
“Nicht wirklich.”
“Auch kein Seefahrer?”
“Nein, in meinen Adern fließt nicht ein einziger Tropfen Teleri-Blut.”
“Darauf wäre ich niemals gekommen”, lächelte Haldir mit einem bedeutsamen Blick auf Forlos rabenschwarze Haare. “Dann laufen wir eben. Der Celebrant wird das Boot auch ohne unsere Hilfe zurückbringen.”
Sie hängten ihre Gepäckrollen um und marschierten ohne große Eile westwärts, zunächst immer am Flussufer entlang, um erst nach einigen Stunden ihre Schritte nach Norden zu lenken, wo der Waldrand ein durchaus angenehmerer Ort für ihr Nachtlager war, als es einem Waldelb je eine Flussaue sein konnte, auch wenn sie noch so schön sein mochte.
Weder Haldir noch Forlos gehörten zu den Elben, die ihr Herz auf der Zunge trugen oder sich nur beim Klang ihrer eigenen Stimme oder der eines anderen wohl fühlten. Jeder auf seine Art ein Einzelgänger, harmonierten sie wirklich gut miteinander. Haldir hatte schon zu einem früheren Zeitpunkt festgestellt, dass die Gesellschaft von Forlos durchaus angenehm war. Was also seinen Weggefährten anging, war er recht zufrieden. Was die Erinnerung an den Verlauf des Tages anging, verdüsterte sich seine Miene augenblicklich.
Es war eine stundenlange Diskussion zwischen Celeborn, Gandalf und Erestor gewesen, bei der alle anderen Anwesenden nur mehr schmückendes Beiwerk darstellten. Zu Haldirs heimlichem Entsetzen war Celeborns Aufmerksamkeit immer wieder zur ‚Butterblume’ gewandert und schließlich ein leichtes Lächeln um seine Mundwinkel erschienen, das seinem Hauptmann schon bekannt war und davon zeugte, dass Celeborn zu einer Entscheidung gekommen war. Haldirs Erfahrungen mit diesem speziellen Lächeln bestanden darin, dass den Herr des Goldenen Waldes soeben ein nicht zu bremsender Drang nach Abenteuern überkam und es zumeist damit endete, dass er persönlich irgendeinen Feind aufstöberte, um ihm den Garaus zu machen.
Galadriel hasste es, wenn Celeborn in dieser Stimmung loszog und weit vor den Grenzen des Goldenen Waldes Orks in ihre Einzelteile zerlegte. Celeborns Krieger, allen voran Haldir, hassten es auch, denn einen Krieger wie ihn zu schützen, war nicht unbedingt die leichteste Aufgabe, der sie sich zu stellen hatten.
“Du hättest ihn ohnehin nicht aufhalten können”, drang Forlos Stimme in seine Überlegungen hinein. “Ich hab Erfahrung damit. Thranduil unterscheidet sich nicht sehr von ihm.”
“Wohl nicht”, murmelte Haldir und machte sich dennoch Sorgen.
Sie waren stillschweigend übereingekommen, die Nacht nicht durchzuwandern, sondern suchten sich einen geschützten Platz am Fuße einer mächtigen Eiche und entzündeten ein kleines Feuer, das eher mit seinem warmen Schein Wärme für ihre Seelen spendete als für ihre Körper. Um die Stimmung noch etwas mehr aufzuhellen, zog Haldir seine Wasserflasche aus dem Gepäck und hielt sie Forlos bereitwillig hin.
“Wenn man Warrick Glauben schenken darf, ist da drin etwas, das besser sogar als Eiswein ist. Er hat es aus dem Norden”, erklärte er mit leichtem Zweifel in der Stimme. “Ich lasse dir den Vortritt.”
Thranduils Hauptmann stellte sich der Herausforderung. Beherzt setzte er die Lederflasche an und nahm einen tiefen Schluck. Im nächsten Moment keuchte er auf und Tränen schossen ihm in die Augen. Haldir schlug ihm hastig auf den Rücken und war bereit, den Inhalt der Flasche sofort auf den Boden auszuleeren, doch Forlos hielt ihn mit einem eisernen Griff um sein Handgelenk zurück. Reden konnte er zwar immer noch nicht, aber er schüttelte heftig den Kopf.
Kritisch roch der Galadhel an der Flaschenöffnung und angespornt durch eine Geste von Forlos nahm auch er einen Schluck. In seinem Mund und Rachen ging die Sonne auf, jedenfalls war es ebenso heiß. Es war zu spät, das Zeug auszuspucken und so kroch das Feuer rasch seine Kehle hinunter und sammelte sich in seinem Magen. Haldir rang nach Atem. So schnell, wie das Feuer gekommen war, so schnell war es auch wieder verschwunden. Es blieb ein verführerischer Geschmack, dessen genaue Bestandteile sich nicht auf den ersten Schluck bestimmen ließen. Schon beim zweiten jedoch identifizierte Haldir ein rauchiges, beinahe samtiges Aroma, das das Trinken zu einem besonderen Genuss werden ließ.
“Wie nennt Warrick dieses fabelhafte Gebräu?” erkundigte sich Forlos mit noch ein wenig rauer Stimme.
“Maltik”, antwortete Haldir. “Offenbar muss er mindestens ein Dutzend Jahre in Eichenfässern lagern und ist nicht aus Trauben gemacht, sondern aus Getreide gebrannt.”
“Getreide? Wie Bier?”
“Nein, nicht wie Bier oder kannst du dir vorstellen…”
Forlos genehmigte sich noch etwas von dem Maltik und hielt ihn prüfend einen Augenblick im Mund, bevor er schluckte. “Eindeutig nicht mit Bier zu vergleichen. Warrick wird damit zu einem reichen Mann werden.”
“Es sei ihm gegönnt. Wahrscheinlich bereut er es schon, dass er uns überhaupt hierher gebracht hat.”
“Kaum”, wehrte Forlos ab und ließ sich die Trinkflasche wieder reichen. “Außerdem konntest auch du nicht ahnen, dass Lord Celeborn ihn sozusagen als Transportmittel anheuern würde. Warrick wird gut entlohnt werden.”
“Warum tut er das?”
“Warrick?”
“Celeborn! Es besteht kein Grund, diese Reise zu unternehmen. Es ist sogar ein Nachteil. Er sollte den Feldzug gegen Dol Guldur vorbereiten und nicht bis nach Düsterwald reisen, nur damit er sich endlich wieder mit Thranduil persönlich streiten kann.”
“Und außerdem war es meine Aufgabe, meinen König von den Absichten Gandalfs zu unterrichten.”
Haldir hob den Zeigefinger. “Und natürlich die Aufgabe von Gandalf selbst.”
“Genau”, bestätigte Forlos und wedelte etwas mit den Armen in der Luft herum. “Stattdessen bin ich jetzt hier. Natürlich bin ich gerne hier, aber was mach ich hier?”
“Keine Ahnung”, seufzte Haldir und fühlte sich eindeutig leicht und entspannt. “Du könntest mir dabei helfen, das zu tun, was ich tun muss, weil Celeborn es ja jetzt nicht selber kann.”
“Gute Idee”, rief Thranduils Hauptmann und darauf tranken sie noch etwas Maltik. Es wurde noch etwas mehr Maltik und am Ende war die Trinkflasche bis auf den letzten Tropfen geleert.
Für diesen Umstand war Haldir am nächsten Morgen sogar dankbar. Nie wieder würde er dieses Zeug, das geradewegs aus der Küche Mordors stammen musste, auch nur anrühren.
Er konnte sich nicht erinnern, jemals in seinem Leben derartige Kopfschmerzen gehabt zu haben. Pure Willenskraft und Pflichtgefühl hielten ihn davon ab, den Rest des Morgens einfach flach auf dem angenehm weichen Waldboden liegen zu bleiben und zu überlegen, wie er die Reise nach Westen antreten konnte, ohne die Position seines Kopfes dabei zu verändern. Auf der anderen Seite des erloschenen Lagerfeuers stöhnte Forlos gequält vor sich hin.
“So unendlich dankbar kann Warrick nicht sein”, krächzte er. “Das Zeug ist für Erstgeborene wie Gift.”
“Er meinte, man gewöhnt sich schnell daran.”
Jedes seiner eigenen Worte hallte in Haldirs Schädel wie ein Donnerschlag wider. Mühsam setzte er sich auf. Ein angestrengter Blick aus fast zusammengekniffenen Augen verriet ihm, dass Forlos sich ebenfalls aufgerappelt hatte. Der Tawarwaith war kreideweiß, ausgenommen die dunklen Ringe unter den Augen. Haldir machte sich keine Illusionen - viel besser würde er auch nicht aussehen.
Die Nachwirkungen des Maltik ließen erst gegen Mittag endgültig nach und sie kamen wieder zügiger voran, nachdem sie die ersten Stunden regelrecht in den Wald hinein geschlichen waren. Haldir war nur froh, dass sie keinen Wächtern begegneten.
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Bei den seltenen Gelegenheiten, bei denen Galadriel einem anderen einen Blick in den Spiegel schenkte, wies sie den Ratsuchenden darauf hin, dass der Spiegel nicht immer die Zukunft zeigte, sondern vielleicht auch nur Bilder, die niemals wirklich eintreffen würden.
Das war nur die halbe Wahrheit. Es fing damit an, dass Erfahrung und ein Gefühl für die Bilder schon dazu führten, das Wahrscheinliche vom Unwahrscheinlichen zu trennen. Die Gegenwart war sogar noch genauer zu erkennen und da irrte sich der Spiegel eigentlich nie.
Als sich nun die Oberfläche des Wassers kräuselte und das Bild verbarg, das sie soeben noch betrachtet hatte, gab es für Galadriel nicht den geringsten Zweifel, dass alles sich wirklich zugetragen hatte. Für die Zukunft mochte die Ungewissheit gelten, doch in der Gegenwart besaß der Spiegel nun einmal höchste Treffsicherheit.
Galadriels Blick fiel auf die silberne Vase und wenn das uralte Gefäß nicht schon die unselige Delle aufgewiesen hätte, so wäre der Drang, es zu packen und fortzuschleudern doch kaum zu beherrschen gewesen. Ihr Groll richtete sich gleichermaßen gegen Mithrandir und Celeborn. Der Istar hätte sich viel energischer gegen das Ansinnen ihres Gemahls stellen müssen, seinen verrückten Vetter im Düsterwald aufzusuchen.
“Überflüssig”, schimpfte sie leise vor sich hin auf ihrem Weg zurück in ihren Talan, den sie jetzt für Wochen eben nicht mit ihrem Gemahl teilen würde, weil dieser meinte, irgendwo auf dem Anduin herumrudern zu müssen und alte Familienbande wieder neu zu knüpfen.
Galadriel war der Weg so vertraut, dass sie keinerlei Aufmerksamkeit für ihre Umgebung hatte. Sie ignorierte die freundlichen, aber doch respektvollen Grüße der zahllosen Galadhrim, die ihr hier mitten im Herzen Caras Galadhons doch recht häufig begegneten. Dabei hatte es lange gedauert, bis ihr das Vertrauen und die Herzen der Lorien-Elben gehört hatten und sie war stolz, dass es ihr am Ende gelungen war. Zumeist waren es Sindar und einer Noldo gegenüber empfanden sie zu allererst Misstrauen. Das galt insbesondere dann, wenn diese Noldo zu denen gehörte, denen eine wenn auch ungeklärte Verbindung zu Feanor nachgesagt wurde.
Galadriel war nicht am Brudermord beteiligt gewesen, dennoch fragte sie sich sogar nach all den Zeitaltern selber noch oft genug, ob sie nicht in der Weise gefehlt hatte, als sie es auch ebenso wenig verhindert hatte. Celeborn brachte ihr Erleichterung von ihren Seelenqualen, indem er ihr gewöhnlich mit recht drastischen Worten klar machte, dass dann ihr eigenes Blut ebenfalls auf den weißen Steinen Alqualondes vergossen worden wäre, da viel größere Krieger als sie auch nicht erfolgreicher gewesen waren.
Unwillkürlich schlich sich ein Lächeln auf ihre Züge. Man konnte Celeborn nicht vorwerfen, zu blumigen Schmeicheleien zu neigen. Aber das war eben seine Art und genau die hatte ihm vor langer Zeit den Weg in ihr Herz gewiesen.
Das Lächeln erstarb wieder und machte einem wirklich finsteren Ausdruck Platz. Einer der Krieger, die vor dem Eingang des großen Talans hoch in Krone eines der ältesten Mallorn Wache hielten, sah sie voller Sorge an, sagte jedoch nichts weiter. Galadriel hätte es ihm auch nicht geraten. Ihre Stimmung war keineswegs gut.
Ein kurzer Ruck, das Geräusch reißenden Stoffes und ihre Stimmung wurde noch etwas schlechter, sofern das überhaupt möglich war. Am Saum ihres Kleides hatte sich ein langer Riss aufgetan. Eben an der Stelle, an der sie mit den Füßen draufgetreten war bei dem Weg die Treppe hinauf, die in die Räume des Talans führte, die bis auf wenige Ausnahmen nur ihr und Celeborn vorbehalten waren. Zwei dieser Ausnahmen saßen friedlich beieinander vor einem der bis zum Boden reichenden Bogenfenster und unterbrachen sofort ihre Unterhaltung, kaum betrat sie ihr Wohngemach.
“Dein Kleid hat einen Riss”, erklärte eine von den beiden Elbinnen sofort und hob fragend eine Braue.
Galadriel betrachtete ihre Enkelin und stellte fest, dass Arwen sich nicht unbedingt von der schlechten Laune ihrer Großmutter beeindrucken ließ. Celebrians Tochter, die seit einiger Zeit im Goldenen Wald weilte, hatte zuviel von Elrond in sich, um noch ein sanftes Gemüt genannt zu werden, wie Celebrian es gewesen war. “Das weiß ich.”
“Ich kümmere mich darum”, bot sich die zweite Elbin an, die neben der dunkelhaarigen Schönheit Arwens zu verblassen schien.
“Später”, winkte Galadriel ab. “Es gibt Schlimmeres, Maedcam.”
Mit einem Nicken erhob sich Galadriel Schneiderin, die im Grunde viel mehr als das war. Ihre sanften braunen Augen glitten über das angespannte Gesicht ihrer Herrin und leichte Sorge stellte sich auf den gefälligen Zügen ein, die selten einen anderen Ausdruck zeigten als den freundlicher Aufmerksamkeit. “Ich lasse Euch alleine, Herrin.”
“Celeborn reist in den Düsterwald”, berichtete Galadriel, kaum war die Tür hinter Maedcam zugezogen worden.
Auf Arwens schönen Zügen spielte sich eine ganze Reihe von Gedanken wieder und alle liefen auf ein einziges Ziel hinaus. Galadriel unterdrückte einen Seufzer. Sie hätte sich denken können, dass ihre Enkeltochter sofort Verbindungen und Möglichkeiten sehen würde, die rein gar nichts mit der eigentlichen Lage zu tun hatten.
“Zu König Thranduil?” fragte Arwen auch prompt und nestelte mit den Verschlüssen ihres Kleides. “Und Legolas? Ich hörte, Estel ist dort zu Besuch. Es wäre schön, wieder etwas von ihm zu erfahren. Wie es ihm so ergangen ist.”
“Dann wirst du Celeborn fragen müssen, wenn er wieder zurück ist”, antwortete Galadriel ungeduldig. “Jetzt lass mich allein.”
Enttäuscht zog ihre Enkeltochter von dannen. Galadriel wünschte sich inständig, dass Elrond nicht so stur wäre, was die Verbindung der beiden anging. Es war ohnehin nicht mehr zu ändern, aber der Halbelb verzögerte die Verbindung unnötigerweise. Einerseits konnte sie ihn verstehen, andererseits hatte er es sich recht leicht gemacht und seine Tochter kurzerhand im Goldenen Wald einquartiert. Celeborn ergriff regelmäßig die Flucht, wenn Arwen von dem Sterblichen schwärmte. Selbst Galadriel fragte sich, wie lange sie es noch aushalten musste.
Es wurde Zeit, dass Haldir zurückkam. Mit dem Hauptmann konnte sie wenigstens über das, was in diesem Sommer vor ihnen lag, vernünftig reden. Vorausgesetzt jedenfalls, er war wieder völlig nüchtern.
Kapitel 6 - Weiber
“Hundert Schritte nach Nordost.” Man konnte Lassgur nicht den Vorwurf machen, ein Schwätzer zu sein.
Aber Elladan und seine Begleiter verstanden den Waldelb auch so gut genug. Eigentlich war es sogar recht einfach: entweder sie schafften diese hunderte Schritte oder sie waren höchstwahrscheinlich tot. Ein Zustand, den Elladan noch eine ganze Weile aufzuschieben beabsichtigte. Er warf einen kurzen Blick über seine Schulter, blinzelte seinem Pferd aufmunternd zu und rannte dann in die angegebene Richtung, in einer Hand das Schwert, in der anderen ein Jagdmesser. Elrohir war inzwischen ähnlich bewaffnet, denn sie beide hatten schon zu Beginn der Attacke alle ihre Pfeile verschossen und waren dann von ihren Pferden gestiegen. Vom Boden aus ließen sich diese widerlichen Kreaturen einfach besser abwehren.
Gilnín war mit dem Kampfstab und dessen größerer Reichweite im Vorteil. Wo immer seine Waffe auf eines der pelzigen Mistviecher traf, gewann eindeutig der Stab und ein quiekendes Eichhörnchen flog in hohem Bogen durch den Wald.
“Das sind keine Eichhörnchen!” knurrte Elladan und stach gegen ein besonders vorwitziges Exemplar an, das sich eindeutig in sein Bein krallen wollte. “Eichhörnchen sind klein, puschelig und niedlich.”
“So wie das, das du viel zu lange als Spielzeug gehabt hast?” spottete Elrohir, der auf einem anderen herumtrampelte, bevor er darüber sprang, um Lassgur zu folgen.
Elladan verspürte eine leichte Röte auf seinen Wangen erscheinen. “Das war nicht viel zu lange. Ich war noch ein Kind.”
“Nicht mehr ganz.”
“Ihr hattet ein Spielzeug-Eichhörnchen?” erkundigte sich Gilnín interessiert. Er drehte den Stab einmal lässig aus dem Handgelenk heraus und fegte ein schwarzes Eichhörnchen gegen den nächsten Baumstamm. “Schwarz oder rot?”
“Weiß”, brummelte Elladan.
“Interessant. Ein Albino?”
“Aus Kaninchenfell”, verriet Elrohir grinsend. “Es hat Jahre gedauert, bis er dahinter gekommen ist, dass es keine weißen Zaubereichhörnchen gibt.”
“Gibt es schon”, ließ sich Lassgur vernehmen.
Elladan warf seinem Zwilling einen triumphierenden Blick zu. Manchmal brauchte es eben Jahrtausende, um Recht zu behalten.
“Sind aber sehr selten und eigentlich weiß auch niemand so genau, was ihr Zauber eigentlich ist.” Lassgur runzelte leicht die Stirn. ” Im Palast soll eines leben. Unser König hat es wohl vor langer Zeit mitgebracht. König Thranduil bringt sehr viele Tiere mit, wenn er unterwegs ist.”
So wie Legolas, erinnerte sich Elladan und ein flüchtiges Lächeln glitt über sein Gesicht. Allerdings blieb ihm nun wirklich nicht die Zeit, über die Eigenarten des Hauses Oropher noch länger nachzusinnen. Sie steckten eindeutig in Schwierigkeiten und zwar schon seit einer ganzen Weile. Ohne Lassgurs plötzliches Auftauchen wären sie vermutlich sogar schon tot und in kleinen Happen zwischen den spitzen, geifertriefenden Kiefern der schwarzen Eichhörnchen verschwunden.
Lassgur, wie sich der Tawarwaith kurz vorgestellt hatte, nachdem er sich aus der Krone eines Baumes am Rande der Alten Waldstraße heruntergelassen hatte, hatte sie gewarnt, dass sie direkt in eine Zusammenrottung dieser schwarzbepelzten Kreaturen hineinritten. Ihre Entscheidung, dieser Begegnung aus dem Weg zu gehen und einfach von der Straße abzubiegen, war an und für sich gut, ließ aber leider außer Acht, dass auch Eichhörnchenrotten gelegentlich den Standort wechselten.
Gerade eben kämpften sie sich allesamt durch eine Ansammlung mehrerer Dutzend davon, die wohl offenbar von den anderen Waldelben, zu denen Lassgur gehörte, leider genau in ihre Richtung getrieben wurden. Es war überhaupt kein Vergnügen, sich zwischen den Tieren zu bewegen, die nicht nur auf dem Boden attackierten, sondern sich auch unvermittelt aus den Zweigen der Bäume fallen ließen. Dabei kreischten sie unangenehm schrill, sie stanken wie die Pest und waren groß genug, den Elben bis zu den Knien zu reichen. Außerdem waren sie schnell und blutgierig.
Es war nur die Aussicht, dass weiter vor ihnen genug Tawarwaith warteten, um mit diesem Spuk ein Ende zu machen, die die drei Bruchtaler davon abhielt, sich wieder auf ihre Pferde zu schwingen und sofort den Rückweg zur Alten Furt anzutreten. Elladan dankte im Stillen Bruchtals Stallmeister für das gelassene Wesen seines Pferdes. Orodans Tochter mochte eine halbhysterische Nervensäge sein, aber seine Pferde besaßen die Ruhe eines Felsblocks. Nach der ersten, sehr kurzen Unruhe beim Auftauchen der Tiere zwischen den Bäumen hatten die Pferde diese Begegnung mit der ihnen eigenen Ausgeglichenheit hingenommen und hielten sich jetzt immer dicht zwischen ihren ehemaligen Reitern. Sie konnten darauf vertrauen, dass diese nicht nur ihr eigenes Leben sondern auch das ihre bis zuletzt zu schützen versuchten.
Über diesen endgültigen Moment wollte Elladan aber nicht näher nachdenken. Sie bewegten sich jetzt schneller zwischen den dicht stehenden Bäumen hindurch. Es war dunkel hier an dieser Stelle des Waldes, nur wenig Licht fiel durch die Kronen der Bäume, die um diese Jahreszeit noch nicht in vollem Laub standen. Über dem Wald lag die vielfarbige Dämmerung eines Frühlingstages und tränkte das Gemetzel auf dem dick mit den halbverrotteten Blättern des letztes Herbstes bedeckten Boden in schwachen Schattierungen von Rot.
Nur weiter vor ihnen waren goldfarbene Lichter zu erkennen, die sich wie lebende Wesen in einer Linie auf sie zu bewegten. Dazwischen tobten die Silhouetten der Eichhörnchen, die sich von Angreifern in Gejagte verwandelt hatten und immer mehr zu den Seiten hin auswichen. Pfeile schwirrten durch die Luft. Sorgen machten sich die Bruchtaler eher nicht, dass sie irrtümlich von einem davon getroffen werden konnten. Tawarwaith waren nicht nur gute Bogenschützen, sie waren annähernd perfekt. Es musste einiges zusammenkommen an unglücklichen Umständen, dass sie ihr Ziel nicht trafen und mit dem ihm eigenen Optimismus ging Elladan einfach davon aus, dass dies hier nicht ein derart seltenes Zusammentreffen sein würde.
Er täuschte sich nicht: die Pfeile der Tawarwaith mochten nahe kommen, aber sie trafen immer nur die schwarzbepelzten Kreaturen Saurons. Nicht alle Treffer waren tödlich, gelegentlich verschwand eines der Tiere verletzt und unter schrillem Schmerzensgeheul tiefer im Wald.
Und schließlich war es vorbei.
Beinahe verwundert und auch zögerlich hielten die Bruchtaler an, sahen sich um und stellten fest, dass außer den Kadavern keine schwarzen Eichhörnchen mehr zu sehen waren. Ruhe kehrte ein, bald jedoch unterbrochen von Stimmen, die in dem nur schwer verständlichen Dialekt der Tawarwaith einige Worte wechselten und aus der Dunkelheit hinter den Fackeln erklangen.
“Die Herren Elladan und Elrohir sowie Meister Gilnín aus Bruchtal”, erklärte Lassgur dann in Sindarin.
Elladan rechnete eigentlich mit der üblichen Reserviertheit der Tawarwaith, die Neuankömmlinge, wenn sie sich nicht gerade in Begleitung ihres Thronfolgers befanden, erstmal festsetzten und den Palast benachrichtigten, doch er wurde überrascht. Ein Freudenschrei ertönte und ein silbriger Schatten kam auf ihn zu. Einen Augenblick später hing eine nicht sehr große, zarte Gestalt an seinem Hals, nachdem sie haarscharf an seinem noch gezogenen Schwert vorbeigehuscht war und der vertraute Geruch aus Kräutern und Blumen stieg ihm in die Nase. Mehr brauchte es nicht, um ihm die Identität der Elbin zu verraten. Er umfasste mit der freien Hand ihre Taille und drückte sie lachend an sich.
“Elladan!” jubelte Varya ohne Rücksicht auf sein empfindliches Gehör. “Ist das schön, dich zu sehen.”
“Und was ist mit mir?” beschwerte sich Elrohir mit sanftem Vorwurf.
Zu Elladans heimlichen Bedauern endete damit die Umarmung von Düsterwalds schöner Königin und sein Zwilling kam in den Genuss dieser herzlichen Begrüßung, für die die Rhûna besser noch die Ithildrim so berühmt waren. Thranduil würde Elrohir allerdings den Kopf abreißen, weil er es offenkundig genoss, Varya fest an sich zu drücken und sogar ein Stück vom Boden hochzuheben. Lassgur mochte ähnliches befürchten, denn er räusperte sich vernehmlich.
Varya ignorierte ihn zwar, ließ aber wenigstens von Elrohir ab, um sich Gilnín zuzuwenden. Einen Moment musterte sie ihn eindringlich. Erestors Sohn wirkte unentschlossen, wie er sie begrüßen sollte und wollte bereits die rechte Hand auf sein Herz legen.
“Meister Gilnín!” rief sie empört und deckte ihn ebenfalls mit einer wenn auch etwas kürzeren Umarmung ein, die Erestors Sohn völlig verblüfft über sich ergehen ließ. “Wo wir uns so lange nicht mehr begegnet sind!”
‚Sozusagen eine halbe Ewigkeit’, ergänzte Elladan im Stillen und grinste seinen Bruder an.
“Vier Jahre”, resümierte Gilnín dann auch etwas kritisch.
“Da habt Ihr es!” Äußerst zufrieden mit ihrer Einschätzung stemmte Varya die Hände in die Seiten und musterte die Szenerie. “Euer Glück, dass wir gerade in der Nähe waren.”
Ein Elb hinter ihr schlug die Augen zum Himmel, ein anderer seufzte leise. Man musste kein Hellseher sein, um diese Zeichen richtig zu deuten. Als Glück empfanden die Krieger es jedenfalls nicht, dass sich Thranduils Gemahlin außerhalb des Palastes aufhielt. Und sie waren entsprechend gerüstet, jedem Angreifer die Stirn zu bieten, der sich ihr nähern wollte. Es sprach Bände, dass Varya von fast zwei Dutzend Kriegern begleitet wurde, die nun einen dichten Ring um sie und die Neuankömmlinge zogen und wachsam die Umgebung im Auge behielten.
“Eigentlich wollte ich ja das neue Mittel gegen die Mordor-Falter wieder ausprobieren”, erzählte Varya unbeeindruckt weiter. “Es ist mir rätselhaft, wo die Eichhörnchen schon wieder herkamen.”
“Sie sind oft in der Nähe, wenn Ihr den Wald betretet”, bemerkte Lassgur milde. “Zu oft, um ehrlich zu sein.”
“Lassgur, Ihr seid schon fast so schlimm wie Thranduil”, winkte sie ab.
Elladan hatte Mitleid mit dem Elb, der ihm, Elrohir und Gilnín das Leben gerettet hatte. “Trotzdem würde ich gerne ein Dach über dem Kopf haben, wenn es dir nichts ausmacht. Der Ritt war recht lang von der Alten Furt aus.”
“Wir kehren ohnehin in den Palast zurück”, sagte Varya zu seiner Erleichterung. “So erfreulich ist eine Nacht hier im Wald nun auch nicht und die Falter sind komischerweise verschwunden. Außerdem bin ich neugierig, was euch hergeführt hat. Und was Euch bewogen hat, sie zu begleiten, Gilnín.”
“Ich wünschte, ich wüsste es”, murmelte Erestorion in einer Mischung aus Ironie und Ratlosigkeit, die Elladan zum Lachen brachte.
Überraschend schnell führte sie der Weg bis an die Brücke, die den Waldfluss überquerte und vor den Toren des Palastes endete. Elladan war wirklich verblüfft. Er hatte zwar gewusst, dass der Palast nicht mehr weit entfernt war, aus dieser Richtung hatte er sich ihm jedoch noch nie genähert und noch mehr gab es ihm zu denken, dass so nah am Herz des Waldelbenreiches eine Attacke der schwarzen Eichhörnchen stattgefunden hatte.
Als er das erwähnte, schmunzelten Thranduils Krieger alle gleichermaßen.
“Seltsam, nicht wahr?” meinte Varya und vertiefte sich wieder in ihre Unterhaltung mit Gilnín. Die beiden wanderten vor ihnen her und wenn man die gelegentlichen Wortfetzen richtig deutete, war ihr Gesprächsthema eine Substanz gegen Falter. Gilnín wirkte richtig glücklich.
“Es liegt an ihr”, raunte ihnen Lassgur zu. “Die Biester sind völlig auf sie fixiert. Hat auch so seine Vorteile. Man muss nicht lange nach ihnen suchen, wenn die Königin bei uns ist. Allerdings ist sie im Palast besser aufgehoben.”
Damit neigte er leicht den Kopf und ließ sie den Weg über die Brücke alleine antreten. Erst als sie ihre Pferde an herbei eilende Stallburschen abgegeben hatten, ihnen ihre Packtaschen von ebenfalls wie aus dem Nichts auftauchenden Dienern aus der Hand genommen wurden und Thranduils Seneschall sie am Fuße der Treppe begrüßte, die in halbmondförmigen Stufen hinauf zum großen Eingangstor im Innenhof des Palastes führte, spürte Elladan plötzlich die Strapazen der letzten Wochen. Er fühlte sich müde und sehnte sich nach den Bequemlichkeiten, die der Palast hinter seinen Felswänden so geschickt verbarg.
Zu seiner Verwunderung strich ihm Varya leicht mit den Fingerspitzen über die rechte Wange. “Eine anstrengende Reise”, sagte sie dann mit einem wissenden Schimmern in den grünen Augen. “Berelion hat Unterkünfte für euch alle vorbereiten lassen. Nehmt ein Bad, ruht euch ein wenig aus und dann leistet mir Gesellschaft beim Abendessen. Es ist einsam, wenn Orophers Nachkommen nicht diesen Palast mit ihren übergroßen Persönlichkeiten ausfüllen.”
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Sterbliche galten gemeinhin unter den Eldar nicht gerade als die saubersten Geschöpfe, die auf Mittelerde wandelten. Um genau zu sein, wappnete sich jeder Erstgeborene gegen Wolken von Dreck und Gestank, wenn er sich einer Ansammlung der Zweitgeborenen näherte. Es war viel unter den Elben gerätselt worden, warum die Menschen so eine vehemente Abneigung dagegen hatten, ihre unbestreitbaren Körpergerüche durch die Anwendung von Wasser und Seife zu mindern. Auch schien es ihnen sehr schwer zu fallen, ihre Häuser oder besser gesagt Behausungen von Dreck frei zu halten.
Dies zumindest war der Eindruck, den Celeborn in den langen Jahrhunderten seines Lebens gewonnen hatte bei den meisten ihrer Art. Andererseits war es nicht seine Gewohnheit, auf Meinungen zu beharren, nur weil sie schon so alt waren. Celeborn ließ sich gerne überzeugen, wenn es so eindrucksvoll geschah wie auf der ‚Butterblume’.
Unterhalb des Ruderhauses hatte er es sich auf einer Taurolle gemütlich gemacht, genoss den Nachmittag auf dem Anduin und beobachtete mit wachsender Belustigung die rührige Mannschaft dieses Schiffes. Ein Teil mochte auf den Ruderbänken im Zwischendeck beschäftigt sein, ein anderer am Ruder oder der Takelage hantieren, aber ein halbes Dutzend Männer schwirrte dennoch über Deck und stöberte mögliche Schmutzflecken auf, um ihnen sofort gnadenlos zu Leibe zu rücken. Dementsprechend schimmerte das Holz der ‚Butterblume’ auch frisch poliert, auf den Planken fand sich kein Krümel und die Unterkünfte der Elben ließen nichts zu wünschen übrig.
Gelegentlich traf ein feindseliger Blick Gandalfs Pfeife und ihre unbestreitbaren Aschereste, die vom immer wieder aufkommenden Wind auf die glänzenden Planken getrieben wurden.
“Sie werden dich noch über Bord werfen”, amüsierte sich Celeborn.
Gandalf, der auf einer zweiten Taurolle saß, lachte leise. “Eher meine Pfeife, schätze ich.”
“Ein reinliches Schiff unter einem reinlichen Kapitän”, kam es von Orophin, der sich hinter ihnen aufgebaut hatte. “Es spricht für seine gute Gesinnung, nicht den Nachlässigkeiten anderer Sterblicher anheim gefallen zu sein.”
“Eine interessante Theorie”, meinte Gandalf mit ernster Stimme und vor Heiterkeit funkelnden Augen. “Ihr haltet Sauberkeit für ein Zeichen guten Charakters, mein lieber Orophin?”
“Es spricht einiges dafür”, bestätigte Haldirs Bruder. Dem Geräusch nach zu urteilen klopfte er mit den Fingerknöcheln auf einen Buchrücken. “Den Versen Velatims nach zu urteilen, die Ihr sicher gelesen habt, spiegelt sich die Seele eines jeden Dings in seinem Körper wieder. Wird dieser vernachlässigt, spricht es auch für eine Vernachlässigung der Seele.”
Celeborn hatte zwar von diesem verschrobenen Dichter gehört, der irgendwann im Norden sein Unwesen getrieben hatte, schwieg aber lieber.
“Und was hat das mit einem schmutzigen Haus zu tun?” wollte Gandalf spitzfindig wissen.
Celeborn übte sich in Selbstbeherrschung. Das galt besonders, als Orophin sich etwas ratlos räusperte und dann mit einer gemurmelten Entschuldigung im Ruderhaus verschwand.
“Man sollte nicht glauben, dass er Haldirs Bruder ist”, sagte Gandalf kopfschüttelnd.
“Täusche dich nicht, mein Freund. Orophin vergisst seine ganzen Verse und Bücher, sobald er ein Schwert in der Hand hält oder den Bogen spannt.”
“Das will ich hoffen”, seufzte der Istar mit plötzlichem Ernst. “Es wird nicht einfach werden, wahrlich nicht.”
“Noch ist es nicht entschieden.”
“Celeborn…”
“Ich weiß, was Galadriel und du in unserer Zukunft sehen, aber ich werde dennoch nur dann gegen Dol Guldur ernstlich ziehen, wenn wir überhaupt eine Aussicht haben, zu gewinnen.” Celeborn hob abwehrend die Hand, als Gandalf einen Einwand vorbringen wollte. “Etwas Herummarschieren am Waldrand wie vor einigen Jahren mag angehen. Aber wir reden hier über etwas anderes, über einen richtigen Krieg. Nur mit meinen Galadhrim können wir gar nichts ausrichten.”
“Deswegen brauchst du auch die Tawarwaith.”
Celeborn knirschte unwillkürlich mit den Zähnen. Tawarwaith würden nur kämpfen, wenn ihr König es ihnen befahl und Thranduil war ein unberechenbarer Charakter, ebenso wie Oropher es gewesen war. Außerdem war er in gewisser und nicht ganz unverständlicher Weise nachtragend. “Das ist mir klar, sonst würde ich nicht die blitzsaubere Atmosphäre dieses Schiffes genießen. Wenn ich Pech habe, lässt er mich nicht einmal einen Schritt auf der Alten Waldstraße machen.”
“Warum hasst ihr beide euch nur so?”
Die Antwort blieb Celeborn ihm schuldig. Hass war es nicht einmal, aber ein Abgrund hatte sich zwischen ihm und seinem Vetter aufgetan, der vielleicht niemals wieder mit der Brücke der Versöhnung und Vergebung überwunden werden konnte. Celeborn hatte sich oft gefragt, ob er richtig gehandelt hatte damals in der Schlacht, als Oropher fiel. Ob er richtig gehandelt hatte, als Galadriel den Waldelben aus den Beschlüssen des Weißen Rates ausschloss und ob er richtig gehandelt hatte, als er die Fehde zwischen der Arroganz Thranduils und der kaum weniger starken Arroganz seiner Gemahlin nicht schon viel früher unterbunden hatte. Es war andererseits müßig, sich über die Vergangenheit zu grämen. Die Zukunft versprach aufregend genug zu werden.
“Thranduil wird die Notwendigkeit einsehen. Er ist weise, auch wenn er es gerne verbirgt”, behauptete Gandalf im Brustton der Überzeugung.
Celeborn warf ihm einen spöttischen Blick zu. “Und du lässt Weisheit vermissen, alter Mann. Blendet dich inzwischen deine eigene Verkleidung? Thranduil hat ein Reich zu schützen und das ist in diesen Tagen schwer genug. Wenn wir ihm keine sehr guten Gründe liefern, warum er uns ausgerechnet jetzt beistehen soll, wird er gar nichts tun.”
“Es geht um Mittelerde.”
“Es geht immer um Mittelerde und das wird es auch noch, wenn wir längst nicht mehr hier weilen. Wir haben genug Kriege gefochten, die Zeit der Menschen bricht an.”
“Warum bist du dann überhaupt hier?” grollte Gandalf. “Hat dich nur die Bootsfahrt gereizt?”
“Vielleicht”, schmunzelte Celeborn.
Gandalf setzte zu einer in ihrer Wortwahl sicher nicht von Orophin gutgeheißenen Antwort an, als Getöse vom Bug sie hochfahren ließ. Laute Stimmen drangen von dort an ihre Ohren, das Splittern von Holz und eindeutig die Geräusche eines Kampfes.
Ohne ein weiteres Wort liefen sie los und näherten sich der Quelle der Aufregung hinter der festgezurrten Ladung aus Kisten und Fässern, die nicht mehr in den Laderäumen der ‚Butterblume’ Platz gefunden hatte. Rumil stand ein wenig hilflos am Rande einer Pyramide von Weinfässern und rang die Hände.
“Ist das Leiloss?” forschte Celeborn, der mittlerweile die eher hellen Stimmen von zwei Kontrahenten ausmachte.
“Ist es, Herr”, bestätigte sein Galadhel und sah gehetzt über die Schulter. “Ich habe nicht verstanden, was sie sprachen, aber plötzlich gingen sie aufeinander los.”
‚Sie’ waren Leiloss und Hestia, die sich auf dem Boden wälzten und fernab jeder Kampfeskunst miteinander rauften. Die Sterbliche war verbissen genug, sich den Attacken der stärkeren Elbin erwehren zu können. Celeborn schwankte, ob er lachen oder weinen sollte, als er zusehen musste, wie seine junge Kriegerin ihrer Kontrahentin durch das Gesicht kratzte, sich auf sie rollte und dann zu Boden drückte. Erestors zwangsverpflichteter Schützling war allerdings auch nicht gerade wehrlos. Sie hatte in Leiloss’ lange Haare gefasst und riss fest daran.
Mit einem Kreischen gab ihr Leiloss eine Ohrfeige und biss sie in die Hand, die noch immer in ihren Haaren verkrallt war. “Ich reiß dir die Zunge raus!” schrie sie dabei.
Hestias Beschimpfung war in Westron und sehr blumig. Celeborn schüttelte leicht den Kopf, weigerte sich aber, diese abwertende Bemerkung über Leiloss weibliche Attribute für Rumil zu übersetzen. Die beiden rollten herum wie ineinander verbissene Katzen und es krachte vernehmlich, als Leiloss mit dem Rücken gegen die unterste Kiste eines dreistöckigen Stapels schlug. Die Ladung war zwar festgezurrt, aber wer wusste schon, was sich aus den Kisten ergießen würde, waren ihre Seiten erst einmal zersplittert.
“Was geht hier vor?” Erestor, humorlos wie immer, stürmte die Arena und nach einem kurzen Blick auf die beiden Streithennen traf Celeborn sein ganzer Vorwurf. “Ihr steht nur dabei?”
“Ich überlege noch, ob wir sie mit einem Eimer Wasser trennen, direkt in den Anduin schmeißen sollen oder ob die Autorität meiner Stimme ausreicht, dem ein Ende zu bereiten.”
Erestor entschied sich wohl für letzteres, denn er brüllte laut und zweisprachig sofort eine entsprechende Anweisung. Celeborn seufzte. Wäre Haldir hier gewesen, hätte er mit ihm gewettet, ob und wann die beiden wohl reagierten - so konnte er nur Zeuge sein, wie Erestors Autorität völlig versagte.
“Stimme funktioniert also nicht”, stellte Celeborn ruhig fest. “Einen Eimer Wasser haben wir gerade nicht griffbereit und das mit dem Anduin würde nur zu Verzögerungen führen.”
“Ich schlage vor, sie zu trennen”, mischte sich Gandalf hilfsbereit ein. “Beherzt zupacken müsste doch von Erfolg gekrönt sein.”
Erestors Blick war mörderisch, aber mit zwei Schritten war er mitten auf dem Kriegsschauplatz, dicht gefolgt von Celeborn, der ihn nicht seinem Schicksal überlassen wollte. Außerdem hatten sie schon genug Zuschauer und es konnte nicht angehen, dass das Bild der Eldar in der Vorstellung dieser Sterblichen zukünftig von zwei wild zankenden Halbwüchsigen geprägt wurde.
Beherztes Zupacken war leichter gesagt als getan, wenn sich ein Knäuel von Armen und Beinen auf dem Boden herumwälzte, aber sowohl Erestor als auch Celeborn waren erfahrene Kämpfer mit guten Reflexen, die auch hier nicht versagten. Ohne weitere Absprache packten sie gleichzeitig mitten ins Streitgeschehen und zogen auch treffsicher genau die Person heraus, für die sie verantwortlich waren.
Eine Weile beschränkten sie sich darauf, die beiden einfach nur getrennt voneinander festzuhalten, während eine wüste Schlacht mit Worten jeweils in Sindarin und Westron weiter tobte.
“Du aufgeblasene, blutleere Ziege.”
Eher harmlos, fand Celeborn, auch wenn Leiloss wütend aufheulte.
“Du Stück Hühnerdreck!” parierte Loriens Nachwuchskriegerin. “Von dir lasse ich mein Volk nicht beleidigen. Dich müssen sie im Abfall eines Wirtshauses gefunden haben.”
Celeborn und Erestor sahen sich über die hochroten Köpfe der beiden kleinen Dämoninnen hinweg an. Was die ganze Sache sicher schwierig machte, war wohl die Tatsache, dass Hestia kein Wort Sindarin verstand und deswegen bereit war, noch mehr Beleidigungen anzunehmen, als tatsächlich fielen. Außerdem blieb noch zu klären, was eigentlich der Auslöser dieser Rauferei gewesen war. Es schien allerdings, als wäre Erestor dabei weit weniger gelassen als Celeborn, denn Bruchtals Seneschall schüttelte Hestia so stark, dass ihre Zähne aufeinander schlugen.
“Und jetzt ist Ruhe!” zischelte er dann so eisig, dass sogar Leiloss eingeschüchtert schwieg.
Und es war wirklich Ruhe. Lange genug, um beiden zornbebenden Geschöpfen klar zu machen, was sie gerade veranstaltet hatten. Hestia wand sich plötzlich kreideweiß in Erestors Griff, ohne etwas zu erreichen, blanke Angst in den Augen, die zuvor noch so wütend gefunkelt hatten.
“Oh Eru”, stöhnte Leiloss gedämpft und verrenkte sich fast den Hals, um bereits mit ihrem Blick um Vergebung zu bitten, angesichts der strengen Miene ihres Herrn. “Ich weiß nicht, was in mich gefahren ist, Herr. Verzeiht mir, ich flehe Euch an.”
Celeborn hatte keine Mühe, noch etwas strenger zu gucken. Er hatte eine Gemahlin, eine Tochter und eine Enkelin - da besaß man gewisse Erfahrung. “Diesmal nicht, Leiloss. Geh unter Deck. Ich werde dir mitteilen lassen, was deine Strafe sein wird.”
Und so zog sie ab, ein Häufchen Elend, gefasst auf das Allerschlimmste, von dem Celeborn allerdings noch nicht wusste, was es sein sollte. Wie bestrafte man eine Elbin? Er konnte sie schlecht verprügeln, auch wenn Erestor gerade eben diese Möglichkeit für Hestia wohl scharf ins Auge fasste.
“Schickt sie hinterher”, riet er ihm leise. “Strafe muss wohl überlegt sein, das wisst Ihr doch.”
Mit einiger Selbstbeherrschung löste Erestor den harten Griff an Hestias Nacken und ihrem Arm und stieß sie von sich. Auf einen Wink nahm Rumil sie am Kragen und führte sie weg.
“Das ist ein Albtraum”, stöhnte der Noldo dann und rieb sich die Schläfen. “Völlig fernab der Wirklichkeit.”
“Wenn Ihr meint”, lächelte Celeborn. “Hauptsache, es tröstet Euch. Gandalf, alt und weise wie du bist, überlasse ich die Vergeltung dieser Angelegenheit dir.”
“Du machst es dir wirklich einfach.”
“Natürlich.”
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Seine Hand lag flach auf der grauen, vom Alter mit Furchen durchzogenen Rinde. Das Leben, das sich während des Winters in die Tiefen des Stammes zurückgezogen hatte, war nun zurückgekehrt. Nicht mehr lange und die Knospen, die überreich die langen, schlanken Äste zierten, würden aufspringen und mit ihrem rosafarbenen Schimmer diesen Obsthain in einen Fleck überirdischer Schönheit mitten in der so düsteren Realität verwandeln.
“Wenn sie dann verblühen, treiben Wolken aus ihren Blütenblättern durch die Auen und bedecken den Boden mit einem duftenden Teppich, der so verführerisch ist wie eine schöne Frau.” Grimbeorns tiefe Stimme war voller Wärme, als er sich neben Elrond stellte und ebenfalls die Hand auf den Stamm des Pfirsichbaumes legte. “Ihr werdet Dol Guldurs Hoffnungslosigkeit umso eindringlicher empfinden, wenn Ihr Euch beim Anblick der Festung an die Pfirsichblüte meiner Obsthaine erinnert, Lord Elrond.”
“Es gibt so viele schöne Dinge, an die ich mich erinnere”, lächelte Elrond mit leichter Bitterkeit. “Sie waren alle vergänglich, sei es durch die Zeit, sei es durch die Geschicke in dieser Dunkelheit, die uns schon so lange begleitet.”
“Wenn sie in Euren Erinnerungen weiterleben, können sie so vergänglich nicht sein”, meinte der Gestaltenwandler mit einem Augenzwinkern. “Ihr werdet doch wohl nicht so schwermütig, wie viele anderer Eurer Art?”
Elrond machte eine ausgreifende Handbewegung hinunter zum Heerlager, dessen hellbraune Zelte sich zwischen den Obstbäumen erhoben. Nur noch wenige Krieger befanden sich am Westufer des Anduin, die anderen hatten das Lager aufgebaut und übten sich mangels anderer Beschäftigung an ihren Waffen. “Sieht das so aus, als falle ich der Schwermütigkeit anheim?”
“Dreihundert Krieger gegen Dol Guldur?” Das grobe Gesicht Grimbeorns verzog sich zu einer Grimasse voller Spott. “Vielleicht keine Schwermütigkeit, aber möglicherweise Irrsinn.”
“Wir werden nicht alleine bleiben.”
“Irrsinnig aber hoffnungsvoll.” Grimbeorn warf den Kopf in den Nacken und brach in schallendes Gelächter aus. “So gefallen mir die Elben. Jetzt fehlt nur noch dieser Geizkragen von einem König und wir werden einen interessanten Sommer haben.”
“Interessant?” echote eine bekannte Stimme. Glorfindel marschierte durch die Obstbäume auf sie zu. Seine Stiefel waren bis zur Oberkante des langen Schafts mit langsam eintrocknendem Schlamm bedeckt. “Eure Furt verwandelt sich in eine Schlammgrube. Es wird Zeit, dass wir alle Krieger hier auf das Ostufer bekommen.”
“Warum treibt Ihr Euch auch immer dort unten herum?” meinte der Beorninger mit einem Achselzucken. “Wir bringen Eure Krieger auch ohne Eure ständige Aufsicht über den Fluss, Lord Glorfindel. Aber wenn Euch so ein bisschen Schmutz stört, schicke ich nachher einige Frauen ins Lager, die sich darum kümmern werden, dass Ihr und Eure Krieger wieder in altem Glanz erstrahlen.”
“Sie sollen Pfirsichwein mitbringen”, rief Glorfindel ihm nach, weil Grimbeorn sich bereits abwandte und in Richtung des großen Hofes verschwand, wo er mit seiner mit seiner kaum überschaubaren Familie lebte. Das Gehöft thronte auf einem Hügel oberhalb der Obsthaine und war mit Holzpalisaden befestigt.
“Frag erst nach, ob der zusätzliche Wein nicht auch zusätzlich kostet”, murmelte Elrond mit einem schiefen Lächeln. “Dieser Gestaltenwandler hat die Geschäftstüchtigkeit eines Pferdehändlers aus Bree.”
“Schade, dass Erestor nicht hier ist”, nickte Glorfindel und bückte sich, um ein Grasbüschel auszureißen, mit dem er seinen rechten Stiefel abrieb. “Unser Freund hätte härter mit Grimbeorn verhandelt, als wir beide es je können werden.”
“Früher wurde nicht um die Kosten eines Feldzuges geschachert.”
“Früher war sowieso alles besser.”
“Machst du dich über mich lustig?”
“Aber nie im Leben, mein Freund.”
Leider konnte Elrond Glorfindels Gesicht nicht sehen, weil der noch immer an seinem Stiefel herumhantierte, aber die Stimme hatte eindeutig belustigt geklungen. “Hältst du mich etwa für altmodisch?” erkundigte er sich misstrauisch.
“Natürlich nicht.”
“Warum habe ich den Eindruck, dich amüsiert das alles hier?”
“Weil es so ist?” schlug Glorfindel vor und richtete sich wieder auf. Er ließ das Grasbüschel fallen und rieb die letzten Reste von Schlamm von seinen Händen. Prüfend streckte er den rechten Fuß ein Stück vor und begutachtete sein Werk. Die weichen, braunen Stiefel wirkten nicht mehr ganz so verdreckt, einen Teil der goldfarbenen Stickereien konnte man sogar wieder erkennen, auch wenn in den Schnürungen an der Außenseite und dem Fell auf der Schaftkante noch kleine Klumpen eingetrockneten Drecks klebten. “Akzeptabel. Den Rest überlasse ich Grimbeorns Mägdeschar. Zu schade, dass diese hübschen Geschöpfe sich gelegentlich in Bären verwandeln. Die Vorstellung verdirbt mir irgendwie die Lust darauf, der ein oder anderen ein wenig den Kopf zu verdrehen.”
“Grimbeorn reißt dir eher deinen Kopf ab, wenn du deine Finger nicht bei dir behältst.”
“Das kommt hinzu.” Glorfindel schlug ihm leicht auf die Schulter und lächelte breit. “Reiß du dich von deinen Grübeleien los, alter Freund. Alles wird so kommen, wie es bestimmt ist. Du hilfst dir nicht, wenn du schon jetzt nur noch eine finstere Miene ziehst.”
Missgelaunt verzog Elrond die Lippen. Schlagartig waren ihm seine gelegentlich höchst missratenen Söhne eingefallen. “Hoffentlich zeigt sich Thranduil von seiner ‚besten’ Seite, wenn sie unangemeldet bei ihm auftauchen.”
“Das wird er”, lachte der Vanya mit noch besserer Laune. “Übrigens hast du Thranduils Boten verpasst. Vorhin beglückte uns kurz ein Tawarwaith und ließ ausrichten, dass die Burschen alle heil angekommen sind.”
Zugegeben hätte es Elrond nicht laut, aber es erfüllte ihn dennoch mit Erleichterung, nicht nur seine Söhne, sondern auch den Erestors in der Sicherheit von Thranduils Palast zu wissen. Der Düsterwald war kein Wald, durch den man gefahrlos reisen konnte. “Und?”
Glorfindel gab sich den Anschein, den Sinn der Frage nicht zu verstehen. Es musste der sich wie ein Gewitter zusammen brauende Ärger in den Augen seines Freundes sein, der ihn wohl rasch eines Besseren belehrte. “Thranduil wird beizeiten hier eintreffen.”
“Beizeiten?” echote Elrond stirnrunzelnd. “Wann soll das sein?”
“Ich würde dir ja raten, den Boten zu fragen, aber leider ist er sofort wieder Richtung Wald verschwunden. Soll ich ihm nachreiten?”
“Damit du auch noch im Palast verschwindest - oder besser gesagt in Thranduils Weinkeller?”
Zumindest hatte Glorfindel noch den Funken Anstand, sich verlegen zu räuspern, auch wenn seine gletscherblauen Augen vor Vergnügen auffunkelten. “Ich überlasse dich deinen Grübeleien und statte unserem bärenhaften Gastgeber einen kleinen Besuch ab. Wenn ich mich nicht irre, hat er einen wirklich netten Obstbrand auf Lager.”
Kopfschüttelnd sah Elrond ihm nach, bis sich schließlich seine Miene aufhellte. Glorfindel mochte seine Fehler haben, aber es gelang ihm immer, Elrond aus seinen Grübeleien zu reißen und sei es auch nur in der Art, dass er ihn verärgerte.
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Er blendete das Gerede der Waldelbin zu seiner Linken einfach aus. Sie war eine wirklich ansprechende Erscheinung, ihre Unterhaltung gekonnt amüsant und die Anspielungen darin nicht so übertrieben wie bei einigen anderen Ellith der düsterwaldschen Oberschicht. Zu einem anderen Zeitpunkt hätte es Galen sicher großes Vergnügen gemacht, sich von ihr solange manipulieren zu lassen, bis er einem Spaziergang im Eibenlabyrinth zustimmen würde. Es hätte ihm wohl auch gefallen, die Nacht in den Armen dieser dunkelhaarigen Schönheit zu verbringen, deren Augen sehr viel mehr verhießen, als ihre warme Altstimme es ohnehin schon tat.
Galen unterdrückte einen Seufzer, nahm einen großen Schluck Wein und schenkte seiner Tischherrin in einem Anflug von Schuldgefühlen dann doch wieder etwas mehr Aufmerksamkeit. Sofort wurde er mit einem Aufleuchten ihrer braunen Augen belohnt, bei dem ihm auffiel, dass grüne Sprenkel darin tanzten. Ein freundliches Moosgrün und keineswegs von der Intensität, die die Augen einer Ithildrim sogar bei schwachem Dämmerlicht erreichten.
Galen gab auf. Es war schwer, sich auf dieses Festessen zu konzentrieren, wo er doch viel lieber in der Nähe der einzigen Elbin gewesen wäre, die ihm immer und ohne jede Einschränkung nahe gestanden hatte. Sein Blick glitt an der Schulter seiner Tischdame vorbei und richtete sich auf die Mitte dieser Tafel, an der sich eine kleine Auswahl der Edlen des Reiches versammelt hatte, um die Rückkehr des Thronfolgers zu begehen. Ein größeres Fest sollte zwar folgen, aber am ersten Abend waren dennoch beeindruckend viele Elben zusammen gekommen und feierten, was das Zeug hielt. Es störte offenbar niemanden, dass gleich drei Besucher aus Imladris mit dabei waren.
Galen hätte gerne mehr Worte mit den Zwillingen gewechselt, er hätte noch viel lieber mit Varya geschwatzt und sogar Gilnín war eine erfreuliche Abwechslung nach so langer Reise. Doch dazu war nicht einmal Zeit gewesen. Erst am Nachmittag hatten sie den Palast wieder erreicht, die Reisenden zu erschöpft, um das Wiedersehen mit mehr als einer festen Umarmung zu feiern und alle mit dem Versprechen, bei der erstbesten Gelegenheit alles nachzuholen.
“Wollt Ihr tanzen?”
Galen schrak aus seinen Gedanken. Die Waldelbin an seiner Seite sah ihn zwar fragend an, aber ein verständnisvolles Lächeln umspielte ihre schön geschwungenen Lippen. Galen schalt sich einen Narren, dass er ihr einfach nicht mehr Aufmerksamkeit schenken konnte. Gerade nach einem Jahr wie dem, das nun hinter ihm lag, wäre die Nähe eines weiblichen Wesens in dieser Nacht doch die reinste und auch verdiente Belohnung, die man sich wünschen konnte. “Verzeiht, ich…”
“Ihr habt nicht zugehört”, ergänzte sie ohne jeden Vorwurf.
Eru, ich habe sogar ihren Namen vergessen. Galens schlechtes Gewissen verstärkte sich. “Natürlich will ich tanzen, Hohe Frau.”
Zu seiner Verwunderung lachte sie leise. “Ihr windet Euch, Meister Galen, und seid auch kein sehr geschickter Lügner. Zum einen wollt Ihr nicht wirklich tanzen, was ich verzeihen könnte. Zum anderen habt Ihr offensichtlich meinen Namen vergessen, was ich kaum mehr verzeihen kann, ohne meinen Stolz ebenfalls zu vergessen. Nun, was bietet Ihr mir zum Ausgleich?”
“Einen Tanz?” schlug er geistesgegenwärtig vor und ignorierte das leise, schadenfrohe Kichern zu seiner Rechten, wo sich Aragorn den ganzen Abend eher mühsam wach gehalten hatte.
“Ah…” Sie legte den Kopf ein wenig zur Seite und tippte sich überlegend mit dem Zeigefinger auf die perfekte Nasenspitze. “Nun, da Ihr ein erschöpfter Reisender seid, mag ich Euch gerade eben noch Vergebung gewähren. Eine Tanz schuldet Ihr mir allerdings wirklich.”
Wie auf einen Fingerzeig veränderte sich die Musik, die bislang eher zurückhaltend das Essen begleitet hatte und es wurde lauter und schneller aufgespielt. Galen schickte sich in sein Los und erhob sich. Er reichte ihr die Hand und gab sich Mühe, nicht allzu gequält auszusehen, als er sie an der Tafel vorbei zu der freien Fläche in der Mitte des Saales führte. Es war wenigstens eine Erleichterung, dass sie nicht das einzige Paar sein würden, denn innerhalb kürzester Zeit herrschte Gedränge.
Galen wurde beinahe schwindelig von soviel gutgekleideten Elben, soviel schöner Musik und zufriedenen Gesichtern. Die drei Gläser Wein, die er zum Essen genossen hatte, taten sicher ein Übriges. Außerdem kannte er immer noch nicht den Namen seiner Begleiterin an diesem Abend. Er wollte ihm einfach nicht mehr einfallen. Gerade als er sich entschloss, die Peinlichkeit auf die Spitze zu treiben und sie nun doch zu fragen, blieb sie plötzlich stehen und verneigte sich leicht.
“Lady Tinnueden, Ihr habt ein Wunder vollbracht. Galen ist kaum als begeisterter Tänzer bekannt”, war Varya zu vernehmen und im gleichen Augenblick fasste sie ihn am Arm und stellte sich an seine Seite. “Da Ihr ihn nun schon bis hierher gebracht habt, wäre ich Euch unendlich dankbar, wenn Ihr mir ebenfalls die Gelegenheit zu einem Tanz mit ihm gebt. Ich warte schon sehr lange darauf.”
Tinnueden! Galen grinste deplaziert, aber erleichtert. Jetzt kannte er den Namen der Waldelbin endlich. “Das liegt daran, dass du mich noch nie so freundlich darum gebeten hast.”
Er zuckte zusammen, als ihm Düsterwalds Königin verstohlen, aber fest auf den Fuß trat. Ihrer höflichen, abwartenden Miene tat es keinen Abbruch. Sie wirkte erschütternd souverän, wie sie die Geste Tinnuedens hinnahm, mit der diese ihr den Platz überließ. Fast bedauerte Galen es nun ein wenig, sich von Tinnueden zu verabschieden. Sie war doch wirklich eine reizende Person und die Vorstellung, die Müdigkeit durch die Berührung ihrer sanften Hände aus seinem Körper massieren zu lassen, gewann zunehmend an Genauigkeit.
“Du musst wirklich völlig erschöpft sein”, schimpfte Varya leise, während sie ihn ohne große Umwege von der Tanzfläche manövrierte, bis sie eine schmale Tür im Schatten hinter der Säulenkolonnade zu den Längswänden des Festsaales erreichten. “Zum Glück hat Legolas mich gewarnt. Bei ihm hat sie wohl auch schon einmal probiert. Aber es ist eine Schande, dass ausgerechnet du es nicht bemerkt hast.”
Verwirrt ließ sich Galen durch die leere Gänge ziehen, das Schwindelgefühl in seinem Verstand verstärkte sich mit jedem Schritt und schließlich nahm er kaum noch wahr, wie er von Varya gestützt durch ein kühles Treppenhaus stolperte, sich einen langen, nur von wenigen Lampen erleuchteten Gang entlang schleppte und irgendwann in die weichen Kissen einer Liege sank.
“Trink das.”
Das Gebräu war bitter wie eine Niederlage im Kampf und versprach dementsprechend große Wirkung. Wohlschmeckende Tränke waren schwach, das war ein Grundprinzip aller Heilkünste. Hitze ballte sich in Galens Brustkorb, wanderte bis zu seinem Unterleib und verschwand dann so schnell, wie sie gekommen war. Es blieb eine so starke Schwäche, dass er sich nicht einmal rühren konnte.
Also lag er auf dieser Liege, lauschte den Geräuschen aus dem Raum, in dem er sich befand und sinnierte darüber nach, warum er nun am Ende seiner Kräfte in Varyas Lieblingsverlies lag. Nur darum konnte es sich handeln. Die Gerüche, die die Luft füllten, waren ihm gut genug bekannt und außerdem hörte er sie herumhuschen und mit Gläsern und Gerätschaften hantieren.
“Sie hat dir Uramdir in den Wein gemischt”, verkündete Varya und setzte sich zu ihm auf die Kante der Liege. Irgendwo zwischen Ärger und Belustigung sah sie auf ihn herunter. “Eigentlich hättest du diesen harzigen Geschmack erkennen müssen.”
“Ich dachte, es wäre der Wein”, krächzte er und schob sich noch etwas zittrig hoch, bis er wieder aufrecht saß.
“Der Wein”, grinste sie kopfschüttelnd. “Wein, eine schöne Elbin und schon vergisst du jede Vorsicht. Du warst eindeutig zu lange mit Legolas unterwegs. Ich misch dir noch was zusammen, damit du wieder auf die Beine kommst.”
Still blieb er liegen und beobachtete, wie sie im hinteren Teil des großzügigen, wenn auch niedrigen Raumes an einem langen Tisch hantierte. Verlies war wohl nicht mehr die richtige Bezeichnung für diesen Ort, dafür blitzten zwischen den vertrauten Gerätschaften zum Brauen von Tränken zu viele Anzeichen, dass fürsorgliche Helfer ihn mit allen Bequemlichkeiten ausgestattet hatten, die die Königin eines Elbenreiches für selbstverständlich nehmen durfte. Wenn Galen sich recht erinnerte, war der Raum erweitert worden. Kein großes Unterfangen in einem Berg. Thranduils Baumeister hatte wahrscheinlich einfach ein Stück des Felsens der Rückwand abtragen lassen. So wurde es auch in der Quellstadt gehandhabt.
Auf der Wand zur Rechten standen große Schränke mit glänzenden Arzneiflaschen, Behälter voller getrockneter Kräuter und saubere Gerätschaften, alle sorgfältig aufgestellt und viele davon beschriftet. In der Mitte des Raumes, nicht weit von Galen entfernt, war das gemauerte Kohlebecken, über dem ein Kupferabzug dafür sorgte, dass sich kein Rauch hier sammelte. Besonders kein lilafarbener, dachte Galen und lächelte unwillkürlich bei der Erinnerung daran, was ihr hier zugestoßen war. Wandlampen mit klaren Glasschirmen waren in gleichmäßigen Abständen angebracht. Sie würden, wenn sie denn alle entzündet waren, alles in helles Licht tauchen und Varya die Arbeit erleichtern.
Die Liege, auf der sie ihn abgelegt hatte, stand in der Nähe der Eingangstür, ein schmaler Tisch mit einer Weinkaraffe und silbernen Bechern befand sich in Griffweite und die Wand zur Linken bedeckte ein großer Wandteppich, der die nur grob geglättete Felswand verbarg, die noch von der ursprünglichen Verwendung dieses Raumes zeugte.
“Richtig nett hast du es hier”, stellte er mit einem Anflug von Neid fest.
“Es hat so seine Vorteile, mit Thranduil verbunden zu sein”, bestätigte sie und zwinkerte ihm zu. Plötzlich verdüsterte sich ihre Miene jedoch und sie zog leicht an der feinen Mithrilspitze, die ihre Haare bedeckte. “Allerdings auch seine Nachteile an Abenden wie diesen. Eigentlich sollte ich Tinnueden dankbar für ihre Attacke auf dich sein. Jetzt haben wir wenigstens Ruhe und können uns unterhalten.”
Sie setzte sich an das andere Ende der Liege, Galen zog die Beine an, bis er im Schneidersitz ihr gegenüber saß und nippte an dem Becher mit einem noch dampfenden, stark gesüßten Tee. Über den Becherrand hinweg musterte er die Elbin verstohlen, die ihm mehr Familie war als die wenigen Blutsverwandten, die er in seiner Kindheit gekannt hatte. Näher hatte ihm nur Enach gestanden und der verzieh er den Verrat an den Rhûna immer noch nicht. Mochte Elrond dies nicht gutheißen, Galen konnte einfach nicht. Varya hingegen war immer loyal gewesen, immer eine Freundin und noch viel mehr wie eine Schwester.
“Galen, dein Blick macht mir Angst”, erklärte sie und eine kleine Falte erschien auf ihrer Stirn. “Was hast du?”
“Wehmut”, entschuldigte er sich. “Ich vermisse dich.”
“Obwohl du mit deinen Freunden wahrscheinlich ein fabelhaftes Jahr voller Abenteuer und Gefahren erlebt hast? Ich denke eher, du bist noch müde und Tinnuedens Gebräu tut ein Übriges. Sie ist nicht untalentiert, nach allem was man so hört. Wenn sie ihr Wissen nicht immer für diesen Unsinn wie Liebestränke und sonstigen Unfug einsetzen würde, wäre eine gute Apothekerin an ihr verloren gegangen.”
“Zu Uramdir ist noch nicht das letzte Wort gesprochen”, schwor er grimmig. “Sobald ich die Gelegenheit habe, werde ich sie zur Rede stellen.”
Varya schien höchst fasziniert vom Faltenschwung ihrer prächtigen Robe aus dunkelblauer Wildseide. Das war so ungewöhnlich, dass Galen Tinnueden sofort vergaß und stattdessen einen sehr genauen Blick auf das jetzt maskenhaft beherrschte Gesicht seiner Freundin warf. Ein Schatten schien es zu bedecken und die Linie ihrer Schultern verriet eine Anspannung, die sicher wenig mit den Vorkommnissen dieses Abends zu tun hatte.
“Was hast du, thêl?” forschte er. Das letzte Mal hatte er sie seine Schwester genannt, als sie noch ein Kind gewesen war und untröstlich über den Verlust einer Kaulquappe. Es hatte stundenlange Erklärungen gefordert, dass das Tier nicht von dem Frosch gefressen worden war, der nun in dem Tümpel herum schwamm, sondern sich in eben diesen Frosch verwandelt hatte. Die Zeiten so einfacher Probleme waren offenbar vorbei.
“Es wird dir kaum die Zeit für deine Rache bleiben”, sagte sie mit einem freudlosen Lächeln. “Elladan und Elrohir sind nicht zufällig hier. Es ist auch kein Besuch alter Freunde. Als ihr heute Mittag zurückgekehrt seid, hat Thranduil sich sofort mit ihnen und Legolas in sein Arbeitszimmer zurückgezogen. Ich weiß noch nicht genau, was sie zu besprechen hatten, aber es wird nichts Gutes sein, Galen.”
“Das kannst du nicht wissen”, widersprach er ohne rechte Überzeugung. Nun fiel ihm auch wieder ein, dass Legolas an diesem Abend ebenfalls etwas angespannt gewirkt hatte. Er hatte es darauf geschoben, dass sie immer noch das kleine Problem mit Izak zu lösen hatten, aber wenn er genauer darüber nachdachte, war das kaum Grund genug. Galen gestand sich ein, dass er den Zwillingen, insbesondere aber Elladan aus dem Weg gegangen war. Niemand fügte einem Freund gerne Leid zu und so versuchte er eben, den Moment hinauszuzögern. Wenn jedoch etwas heranzog, das sogar Varya beunruhigte, würde er so schnell wie möglich etwas unternehmen. “Ich rede mit Elladan.”
“Nicht mehr heute”, winkte sie ab und atmete einmal tief durch. Die Düsterkeit war danach verschwunden und hatte ihrer üblichen Lebhaftigkeit Platz gemacht. “Dafür werde ich mit meinem Gemahl sprechen. Wahrscheinlich werde ich bis morgen früh mehr erfahren können als du.”
“Erspar mit die Einzelheiten deiner Strategie”, wehrte er hastig ab.
“Galen!” lachte sie auf. “Du benimmst dich wirklich fast wie mein Bruder.”
“Ich bin es”, knurrte er und ergriff ihre Hände. “Ich bin es, Varya, auch wenn es kein gemeinsames Blut gibt.”
“Dann solltest du ganz zufrieden sein. Immerhin ist deine Schwester mit dem einzigen Elbenkönig ganz Mittelerdes verbunden.”
“Das ist nicht wirklich ein Trost. Nicht bei diesem König!”
Kapitel 7 - Elbisch-Westron/Westron-Elbisch
Der Raum war fünf große Schritte tief und drei ebenso große Schritte breit. Wenn er sich aufrichtete, richtig aufrichtete, was er nur selten in seinem Leben getan hatte, brauchte er den Arm nicht einmal ganz auszustrecken, um mit den Händen die Decke zu berühren. Der kühle Stein fühlte sich gut an. Er war vertraut in seiner Unebenheit und rauen Oberfläche, auch wenn er zugeben musste, dass er oder andere seinesgleichen selbst diese Gründlichkeit bei der Bearbeitung nicht erreicht hätten.
Dennoch hatte das trockene Gestein noch mehr Vertrautes an sich als die wenigen Gegenstände, die er hier zur Verfügung hatte. Viele waren es eigentlich nicht, nur ein kleiner Holztisch an der linken Längswand, zusammen mit einem Schemel, eine große Kanne Wasser und ein Deckeleimer in der Ecke links neben der Tür für seine Notdurft. Dann gab es noch eine Schlafstatt, ebenfalls an der linken Wand, sehr einfach gefertigt mit einem Rahmen aus runden Hölzern, bespannt mit Gurten und einer dünnen Matte belegt.
So einfach, wie diese Dinge aber auch waren, so atmeten sie doch den Geist dieser unsterblichen Lichtgestalten, die Izak hier eingesperrt hatten. Selbst die Decke auf der Pritsche war aus einem Stoff, den er noch nie im Leben angefasst hatte. Er hatte sie ganz vorsichtig zuerst mit den Fingern berührt, dann daran geschnüffelt und sich schließlich verunsichert in eine Ecke ganz hinten in seinem Verlies zurückgezogen. Dort kauerte er nun wieder seit Stunden auf dem Boden, mit angezogenen Knien und die Stirn an den harten Fels gelehnt. Meistens hielt er die Augen geschlossen, um das golden schimmernde Licht auszusperren, das durch die viereckige, vergitterte Öffnung in der Holztür fiel.
Gelegentlich verdunkelte sich dieses Viereck aus Licht. Dann schaute einer der Wächter durch die Öffnung. Ein schweigsamer Schatten umgeben von einem Kranz aus Helligkeit, mehr war nicht zu erkennen im Gegenlicht. Nur wenige Male bisher hatte sich die Tür geöffnet und der Elb, mit dem er von der Waldstraße bis hierher in den Palast hatte reiten müssen, war hereingekommen, um ihm Essen und frisches Wasser zu bringen. Reichlich Essen, gutes Essen, das zwar ein wenig seltsam schmeckte, aber dennoch ein winziger Trost war.
Izak war unglücklich. Ein Zustand, der ihm eigentlich schon seit seinem ersten Atemzug vertraut war. Geschlagen mit einem Gedächtnis, dem niemals etwas entfiel, erinnerte er sich an die Blicke der Orks, die ihn aus der dünnen Membran geschnitten hatten, in der er so lange in den lehmigen Tiefen einer Felsenhöhle herangereift war. Während er noch darum kämpfte, Gewalt über seinen eigenen Körper zu erhalten, waren sie unruhig um ihn herumgeschlichen und hatten schließlich Gornig geholt, den Uruk’hai, den der dunkle Herrscher zu ihrem Anführer bestimmt hatte.
Mit einem leisen Zischeln drückte Izak die Stirn noch ein wenig fester gegen die Wand. Eine Unebenheit im Fels schnitt schmerzhaft in seine vernarbte Haut. Schmerzen waren gut. Sie bewiesen ihm, dass er überlebt hatte. Izak hatte bislang alles überlebt. Die Gefahren der verhassten Welt, noch mehr aber die Demütigungen und Prügel seiner eigenen Art. Sie verabscheuten ihn, spielten mit ihm und brauchten ihn dennoch. Er war der einzige, der auf Dauer das Sonnenlicht eines ganzen Tages verkraften konnte. Das Licht hatte ihn gerettet, wenn es auch manchmal nur knapp gewesen war. Weil er am Tag ihre Leben bewachte, töteten sie ihn nicht mit ihren derben Schikanen während der Nacht, wenn ihre Stärke zurückkam und mit ihr der Hass auf den einzigen unter ihnen, der so anders war.
Wie viel hätte Izak darum gegeben, ein ganz gewöhnlicher Ork zu sein! So sehr er sich auch in den ersten Jahren seines Lebens bemühte - sogar das verhasste, vergammelte Fleisch herunterschlang, das jedes Mal einen Würgereiz auslöste - es gelang ihm nicht. Irgendetwas sagte den anderen, dass er nicht wirklich zu ihnen gehörte.
Izak fuhr sich mit der Zunge über die trockenen Lippen. Ihre gespaltene Spitze erinnerte ihn nur zu deutlich an den Tag, als Gornig ihn in der Nähe des Höhleneingangs ertappte, in dem ihr Stamm sein Winterquartier aufgeschlagen hatte. Izak hatte am Tag zuvor einen Strauch entdeckt, an dem kleine Knospen aus weißgrauem Pelz sprossen. Den Grund wusste er nicht mehr, aber er hatte einen Zweig abgebrochen und mit sich genommen. So saß er ganz versunken auf einem Stein und ließ den Zweig immer wieder durch seine Hände gleiten. Die Knospen waren so weich, dass er sie sogar durch die harte, schwielige Haut seiner Handflächen spüren konnte. Unvorsichtig hatte er erfreut gekichert und einen hohen Preis dafür bezahlt.
Gornig, der sich völlig lautlos bewegen konnte, hatte ihn herumgerissen, ihn gegen die Höhlenwand geschleudert und dann auf den Zweig gestarrt, der nun zwischen ihnen auf dem Boden lag. Beschimpfungen war Izak gewöhnt, auch Misshandlungen und er schwieg gewöhnlich dazu. Selbst jetzt begriff er nicht, warum er zu diesem Zweig gekrochen war und Gornig angeschrieen hatte, das dünne Gewächs nicht anzurühren. Eigentlich hatte er noch Glück gehabt, dass der Uruk’hai ihm nicht sofort die ganze Zunge abgeschnitten hatte, auch wenn er das wohl zunächst vorhatte. Niemand widersetzte sich ihm, besonders kein Krüppel wie Izak.
In seinem Verlies verdunkelte sich das Licht. Izak drehte leicht den Kopf und spähte aus den Augenwinkeln heraus zur Tür. Wachsamkeit war wichtig, besonders hier unter diesen verhassten Erstgeborenen. Das hatte er so gelernt und wenn er an das gebrochene Versprechen des einen davon dachte, fühlte er seine Vorsicht bestätigt. Jemand sah zu ihm herein, dann erklangen wieder die lächerlich sanften Töne ihrer Sprache und der Riegel wurde zurückgeschoben. Obwohl er es nicht wollte, durchzuckte ihn kurz das Gefühl der Vorfreude. Dieser eine Elb würde kommen und ihm etwas zu Essen bringen.
Es erschütterte Izak geradezu, als nicht nur einer, sondern gleich zwei Elben hereinkamen. Der eine, den er kannte, stellte sich sofort links neben der Tür auf. Der andere aber kam bis in die Mitte des Raumes und blieb dann dort stehen. Die Tür wurde wieder geschlossen und der Riegel fiel erneut in seine Halterung. Die Augen leicht zusammengekniffen, bemühte sich Izak, seinen Besucher genauer zu erkennen. Einen Moment glaubte er, es sei der Silberne, der auch den Waldelben begleitet hatte. Sie waren so schwer zu unterscheiden, diese Elben, wenn es nicht gerade ihre Haarfarbe oder Kleidung war. Oder ihre Größe - bei dem Silbernen war es sogar alles auf einmal gewesen. Ein seltsamer Elb, fand Izak. Aber eigentlich brauchte man sie auch gar nicht zu unterscheiden. Fielen sie einem in die Hände, wurden sie getötet und gegessen. So kannte Izak es, auch wenn er es bislang erst ein Mal erlebt hatte. Diese Elben waren viel schneller, wachsamer und stärker als die Menschen.
“Ich habe von dir gehört.”
Die Stimme verriet den anderen. Izak schaute noch etwas genauer hin. Ein fremder Silberner, ein weiblicher, auch wenn diese hier die Kleidung eines Mannes trug. Er hatte noch nie eine Elbin gesehen und war etwas enttäuscht. Sie unterschied sich kaum von dem anderen Silbernen. Bei den Menschenfrauen war das anders. An denen war mehr dran, sie trugen Kleider und sie kreischten. Doch diese Elbin hier…man musste schon genau hinschauen, um unter der schwarzen Tunika die verräterischen Rundungen eines weiblichen Wesens zu erkennen.
“Schaust du mir etwa auf den Ausschnitt?” fragte sie und klang beinahe amüsiert. “Du bist ein merkwürdiger Ork.”
Izak schnaufte leicht. Aber er war auch erleichtert, dass sie nicht ärgerlich war. Nachher fing er sich noch Prügel ein. “Ich bin Izak.”
“Das weiß ich”, nickte sie und kam noch einen Schritt näher. Ihre Schritte waren so lautlos wie die Gornigs, aber überhaupt nicht bedrohlich. Kurz vor ihm blieb sie stehen und ging dann in die Hocke. “Was ist nur mit dir, Izak? Du bewegst dich im Sonnenlicht und du verweigerst Fleisch.”
“Ich bin eine Missgeburt”, fauchte er. Warum konnte sie ihn nicht zufrieden lassen?
Der andere Elb sagte etwas in ihrer Sprache und trat wachsam ebenfalls einen Schritt vor. Doch die Elbin hob nur beschwichtigend die Hand, woraufhin er wieder seinen alten Platz einnahm.
“Gaellas befürchtet, du gehst auf mich los”, erklärte sie ihm dann.
“Du nicht?” Irgendwie machte sie ihn doch neugierig.
“Nein”, lächelte sie. “Du bist seltsam, aber nicht dumm. Wenn du mich hier angreifst, lässt Thranduil dich sofort töten. Das weißt du doch?”
“Er wollte mich sowieso töten.”
“Das wird er bestimmt, wenn du seine Gemahlin attackierst. Haben wir uns verstanden?”
Jetzt hatten sie sich wirklich verstanden. Hinterhältig waren sie alle, diese Erstgeborenen, und gefährlich, sogar wenn sie so harmlos aussahen wie diese. Damit konnte er umgehen, mit Drohungen. Er wandte sich ihr endgültig zu und musterte sie eingehend. Es war die Härte in ihren Augen, die ihn davon überzeugte, dass sie keine leeren Drohungen ausstieß. “Ich rühre dich nicht an. Was willst du von mir?”
“Was willst du hier im Düsterwald?” war die Gegenfrage.
Izak legte den Kopf etwas schief und biss sich auf die Lippen. Die Frage hatte ihm noch keiner gestellt. Er wusste auch keine wirkliche Antwort. Er hatte nur tief in seinem Innern gewusst, dass er nicht mehr lange bei seinem Volk überleben würde. Es gingen Gerüchte, dass neue Uruk’hai kamen, die stark genug durch ihren dunklen Herrscher geworden waren, um auch das Tageslicht längere Zeit zu überleben. Wenn das zutraf, wurde er nicht mehr gebraucht und dann würde ihn nichts vor den anderen schützen. “Gar nichts. Ich wollte nur weg.”
“Aber warum?”
Sie ließ nicht locker. Er knurrte kurz und drehte wieder den Kopf weg, drückte die Stirn erneut gegen den Fels. Die Gründe zu erforschen war schlecht. Es machte ihn nervös und schwindelig. Das wollte er nicht.
“Gut, dann nicht”, meinte sie nach einer Weile leise. “Aber Rätsel können gelöst werden, auch wenn sie unlösbar erscheinen.”
Der andere Elb, Gaellas, gab einen Befehl und der Riegel wurde geöffnet. Izak lauschte angestrengt, bis die Tür sich wieder hinter seinen Besuchern schloss und ihre Stimmen auf dem Gang verklungen waren.
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Stolz und Ehre…
Beides hatte er einst für immer verloren geglaubt. Ein Irrtum, wie er größer nicht hatte sein können, denn beides wurde ihm wiedergegeben. Es dauerte zwar lange Jahrhunderte, bis sein Stolz sich in Rhûnar erholt hatte und er sich wieder aufrechter hielt, den Blick nicht mehr senkte und sich seiner Abstammung, seiner Fähigkeiten und seiner Verdienste um die Quellstadt auch bewusst wurde. Völlige Heilung jedoch erfuhr er an dem Tag, als ihm Thranduil die Palastgarde anvertraute.
Ja, Forlos war eine stolze Seele.
Das war der Grund, warum er mit unbewegter Miene neben Haldir auf dem breiten Weg schritt, der direkt auf das große Tor zuführte, das trotz seiner Abmessungen in der noch um ein Vielfaches höheren weißen Mauer beinahe winzig wirkte. Unwillkürlich hob Forlos den Blick hinauf zu den Kronen der Mellyrn, die in der Sicherheit dieser steinernen Umfassung das Herz des lorischen Reiches waren. Es war atemberaubend, es war niederschmetternd und es brachte das Herz eines Waldelben zum Singen.
Andererseits regte sich der Tawarwaith in ihm, der Sohn des Düsterwalds und er fragte sich mit leichtem Spott, wie diese Mauern wohl aussehen würden, wenn erst eine Horde Spinnen sie erklommen hatte. Dagegen boten sie nämlich nur wenig Schutz. Auf ihrer Krone marschierten zwar Galadhrim in den gedeckten Farben der Grenzwachen hin und her, doch er hätte sein Schwert dafür verwettet, dass diese Mauern noch nie einer wirklichen Gefahr ausgesetzt waren.
Dennoch erhoben und senkten sie seinen Geist gleichermaßen. Die Schönheit dieses Fleckens war einfach unbeschreiblich. Schon als sie den Wald betreten hatten, war ihm aufgefallen, welches Licht sich hier zwischen den Bäumen fing und alles mit einem freundlichen Schimmer übergoss. Das war so anders als der Düsterwald, der jedem Ankömmling nur zu deutlich machte, dass er nicht willkommen war. Selbst die Tawarwaith, die ihre Heimat liebten, wussten jederzeit, dass diese Liebe nur an wenigen Stellen auch erwidert wurde. Verließ man die Nähe der Berge, in denen der Palast und die Ansiedlungen der Waldelben sicher aufgehoben waren, wurden sie selber zu Eindringlingen und mussten ständig auf der Hut sein.
Nicht so hier in Lothlorien. Der schützende Zauber Galadriels schuf eine Enklave der Sicherheit und Schönheit. Haldir hatte nur wenig gesprochen, seit sie die ersten Wachposten passiert hatten. Manchmal fing Forlos einen neugierigen Blick auf. Natürlich wollte der Hauptmann wissen, wie es dem Gast aus Düsterwald gefiel, doch Forlos hatte eisern sein Schweigen bewahrt.
“Caras Galadhon”, sagte Haldir nun und deutete mit einer leichten Verbeugung auf das geöffnete Tor.
“Das dachte ich mir”, murmelte Forlos trocken. Er blieb aber dennoch stehen, um noch ein wenig mehr von diesem Anblick in sich aufzunehmen. Die Mellyrn reckten sich in den Himmel, als wollten sie Elbereths Sterne mit ihren Spitzen in ihren Bahnen stören. Stolze Bäume und voller Schönheit. Die beginnende Dämmerung ließ ihre silbernen Blätter nochmals aufleuchten, während gleichzeitig in einer leichten Brise andere, goldfarbene Blätter wie kleine Segel von ihren Ästen zu Boden sanken.
“Wir sollten besser weitergehen”, schlug Haldir vor. “Die Tore der Stadt werden am Abend geschlossen. Ich habe nicht vor, hier an der Mauer zu übernachten, nur weil du aus dem Staunen nicht mehr herauskommst.”
“Ich staune nicht.”
“Ach…”
Und dann war da die Ehre, die Forlos hütete wie ein kostbares Geschenk. Sie wiederzufinden nach den Schrecken der Gefangenschaft war die größte Überraschung gewesen, die ihm widerfahren war. Und Ehre vertrug sich nicht damit, einen Freund zu belügen.
“Also gut, ich bin beeindruckt.”
Haldir ignorierte das nervöse Räuspern eines Torwächters und verschränkte die Arme vor der Brust. “Bist du das?”
“Ja.” Forlos drehte sich ihm zu und verschränkte ebenfalls die Arme vor der Brust.
“Einfach beeindruckt, schwer oder womöglich noch mehr?”
“Viel habe ich schließlich noch nicht gesehen.”
“Wie bitte?”
“Ein Stadttor, eine Mauer und Mellyrn.”
Haldir hob eine Augenbraue. “Was erwartest du noch?”
“Was hast du noch zu bieten?”
Ein erneutes Räuspern ertönte, aber diesmal eindeutig nicht aus der Kehle des Torwächters, der ohnehin einem Zusammenbruch nahe schien. Die Dämmerung vertiefte sich und er war wohl hin und her gerissen zwischen dem ehernen Gesetz, die Tore vor der Dunkelheit zu schließen und der Tatsache, dass der ranghöchste Krieger nach Celeborn selbst dann ausgesperrt sein würde.
Die Hauptmänner wandten sich dem Neuankömmling zu und Forlos wurde augenblicklich von einem ungewohnten Gefühl höchster Verlegenheit überschwemmt. Eine Elbin stand nur wenige Schritte von ihnen entfernt. Trotz der Schlichtheit ihres hellgrünen Leinengewands, dem Fehlen jeglicher Verzierungen und Schmucks in ihren blassblonden Haaren, strahlte ihr schmales, sanftes Gesicht eine stille Würde aus, die sie über den Rang einer einfachen Dienerin hinaushob.
“Ich bringe Grüße der Lady Galadriel”, sagte sie. Ihre Stimme war leise, freundlich und irgendwo schwang ein Lachen darin mit.
Haldir lächelte und neigte den Kopf. “Es ist schön, Euch zu sehen, Maedcam.”
Maedcam? Der Name klingelte regelrecht in Forlos Ohren. Nur mühsam brachte er einen Gruß über die Lippen, während er langsam Röte auf seinem Gesicht aufsteigen spürte. Das war die Schneiderin, die Haldir kurzerhand als seine Gefährtin ausgegeben hatte, um ihn vor Orodans Kuppeleien zu bewahren? Er hoffte inständig, dass sein lorischer Freund den Mund gehalten hatte.
“Und ebenso schön ist es, Euch wohlbehalten wieder in den Mauern Caras Galadhons willkommen zu heißen”, nickte Maedcam, bevor sie ihm leicht zuzwinkerte. “Das heißt, wenn Ihr es schafft, die letzten Schritte durch das Tor zu machen. Ihr wisst, dass es geschlossen werden muss.”
“Ich schon, aber mein Freund hier war so beeindruckt von den Mellyrn, dass er nicht mehr weitergehen konnte.”
Forlos bedachte Haldir mit einem mörderischen Blick. Dazu würde noch einiges zu sagen sein.
“Dann gefällt Euch, was Ihr seht?” Arglos trat sie einen Schritt zur Seite und machte eine einladende Geste. “Hauptmann Forlos, begleitet mich doch. Lady Galadriel weiß, dass Ihr von der langen Reise erschöpft sein müsst. Sie hat mich angewiesen, Euch Euer Quartier zu zeigen. Sie erwartet nicht, dass Ihr Euch noch heute zu ihr bemüht.”
“Ja, er ist völlig am Ende”, nickte Haldir mit einem scheinheiligen Grinsen und schob Forlos an sich vorbei auf die wartende Elbin zu. “Ich komme dich morgen abholen. Geh nur, mein Freund, bei Maedcam bist du in guten Händen.”
Zähneknirschend folgte Forlos der Aufforderung. Elbinnen waren nicht gerade seine starke Seite. Er war zwar auch nicht ohne jede Erfahrung, aber von Elbinnen wie ihr hatte er sich immer fern gehalten. Sie verunsicherten ihn. Er war einfach zu lange und ausschließlich ein Krieger, die Feinheit und Zurückhaltung, die man im Umgang mit ihnen brauchte, gingen ihm ab.
Schweigend stapfte er also neben ihr her über den breiten Weg, der sich zwischen den mächtigen Mallornstämmen schlängelte, fast blind für die Schönheit seiner Umgebung. Dabei war alles so unglaublich, was sich seinen Augen hier bot. Nun, wo die Dunkelheit endgültig hereingebrochen war, flammten überall Lichter auf. Sie schienen zwischen den Ästen zu schweben, beleuchteten gewundene Treppen, die hoch hinauf in die Kronen führten. Brücken spannten sich zwischen den einzelnen Mellyrn, waren Wege zu Telain, die in unterschiedlicher Größe wie schwerelos an den Ästen befestigt waren. Und überall waren Gestalten zu sehen, die in aller Ruhe ihr Tagwerk beendeten und nun ihren Heimen zustrebten, um einen ruhigen, friedlichen Abend zu verbringen.
Einen Augenblick verspürte Forlos puren Neid auf diesen Frieden. Weder in der Quellstadt noch im Düsterwald gab es das in dieser reinen Form. Die Wachsamkeit begleitete sie immer und jederzeit. Der Augenblick ging jedoch so schnell vorbei, wie er gekommen war. Forlos liebte seine Heimat viel zu sehr, war zu tief in ihr verwurzelt, um sich an diesen Ort hier zu wünschen. Er schüttelte leicht den Kopf.
“Was beschäftigt Euch?” fragte Maedcam ein wenig verunsichert.
“Es ist nichts”, beteuerte er hastig.
“Nichts?” Sie runzelte etwas die Stirn. “Aber Ihr saht eben sehr betrübt aus.”
“Ich dachte an meine Heimat.”
“Oh.” Sie bedeutete ihm, ihr einen überdachten Aufgang an einem Mallorn hinauf zu folgen. Wenn Forlos sich nicht irrte, befanden sie sich nicht weit vom Zentrum Caras Galadhons entfernt. “Wie ist sie?”
“Anders”, lächelte er und wich einem Elben aus, der ihnen von oben entgegenkam. “Ganz anders.”
Zu seiner Verlegenheit lachte sie belustigt auf. “Das erklärt natürlich vieles, Hauptmann. Jetzt kann ich mir ein genaues Bild von König Thranduils Reich machen. Aber vielleicht haben wir ja später noch Gelegenheit, dieses Bild ein wenig mit Farbe zu füllen.”
Sie verließ den Treppenaufgang, überquerte eine Brücke und blieb dann vor einem großzügigen Talan stehen, der sich an den Stamm eines anderen Mallorn schmiegte. Eigentlich war er um ihn herum gebaut, mit einem umlaufenden Säulengang und vielen Lichtern in den Bögen über den Fenstern und der Tür. “Euer ganz persönliches Reich für die nächste Zeit, Hauptmann Forlos. Haldirs Talan ist nicht weit entfernt und auch meiner ist von hier aus zu sehen.”
Er folgte mit den Augen der Richtung, die sie mit dem ausgestreckten Arm anzeigte und nickte zur Bestätigung. “Gut zu wissen.”
“Ja, nicht wahr?” Maedcam öffnete die Tür des Talans, betrat ihn selber aber nicht. “Ihr werdet alles finden, was Ihr wohl brauchen könntet.”
“Ich danke Euch.” Forlos verbeugte sich leicht. Als erstes würde er sich Haldir schnappen und ihm einschärfen, bloß nichts über die Sache mit Orodan zu verraten.
“Das ist doch selbstverständlich”, lächelte sie unendlich sanft. “Nach dem, was ich von einem guten Freund nach seiner Rückkehr aus Imladris erfuhr, sind wir einander schließlich versprochen.”
Forlos konnte nur noch die Tür schließen und sich von innen dagegen lehnen. Ohja, er würde Haldir umbringen, noch ehe die Woche vorbei war.
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“Das ist doch nun wirklich nicht kompliziert!”
Gandalf, geübt in Gelassenheit und Beherrschung seiner Gesichtszüge, betrachtete einfach in aller Ruhe weiter das Messingding, das in Warricks Kabine von Anfang an seine Aufmerksamkeit auf sich gezogen hatte.
“Ach wirklich? Vielleicht bist du eine schlechte Lehrerin!”
“Oder du nur eine schlechte Schülerin!”
Die Menschen stellten seltsame Gerätschaften her. Gandalf konnte sich einfach nicht erklären, wofür es gut sein sollte. Es gab eine Skala, die man einstellen konnte, ein Rohr, durch das man hindurchsehen konnte, aber was es da zu berechnen gab, wollte ihm noch nicht so ganz klar werden.
“Pah, ich will nur einfach nicht dein albernes Gesäusel lernen.”
“Aber du musst!”
Gandalf riss sich von den Betrachtungen dieses menschlichen Wunderwerks ohne erkennbaren Sinn und Zweck los und bedachte die beiden Kontrahentinnen mit einem strengen Blick. “Ihr müsst beide. Du wirst die Sprache lernen, die dich in den nächsten Monaten am häufigsten umgeben wird, Hestia. Und du, Leiloss, wirst es ihr beibringen. Gelingt es dir nicht, werde ich Celeborn von deinem mangelnden Talent berichten. Er wird sich ernstlich fragen müssen, ob es eine weise Entscheidung war, dich bei den Galadhrim aufzunehmen.”
Hestia bedachte die Ithildrim mit einem boshaften Blick. “Man ist schneller ohne Heimat, als du dir vorstellen kannst, Mondkuh.”
“Nur, wenn man keine Wurzeln hat”, verkündete Leiloss hoheitsvoll.
Gandalf verspürte eine Welle von Mitleid für Hestia, die wie unter einem Schlag zusammenzuckte. Leiloss hatte ihre Schwäche blitzartig erkannt und auch ohne jede Gnade ausgenutzt. “Schluss damit! Ihr habt noch einige Stunden vor euch. Vertrödelt sie nicht mit diesen Kindereien.”
Widerstrebend vertieften sich Lehrerin und Schülerin wieder in die Sprachlektion, die Gandalf für eine so gute Idee gehalten hatte. Er hörte ihnen noch eine Weile zu, aber es kam zu keinen neuen Streitereien. Mit einem zufriedenen Nicken und der Warnung, sich bloß ruhig zu verhalten, auch wenn er nicht mehr mit in Warricks Kabine war, die der Kapitän so großzügig für die Lektionen zur Verfügung gestellt hatte, machte er sich davon.
“Du lässt sie da drin alleine?” wunderte sich Celeborn, als er sich zu ihm und Erestor gesellte, die wie üblich an Deck standen und das Ostufer betrachteten, als würde der Feind dort bereits mit voller Bewaffnung auf sie lauern.
“Sie wissen, dass sie sich benehmen müssen”, beschwichtigte Gandalf.
“Das wäre mir neu.” Celeborn gab Orophin einen Wink, woraufhin sich sein Leibwächter eindeutig gequält in Bewegung setzte. “Hat Hestia überhaupt schon ein Wort Sindarin gelernt?”
“Glamdîs”, nickte Gandalf und Erestor keuchte leise auf.
Celeborn hingegen schien es weniger auszumachen. “Ich nehme an, sie hat Leiloss als Braut eines Orks bezeichnet?”
“Wen sonst?”
“Und wer hat ihr das beigebracht?” verlangte Erestor zu wissen. “Leiloss doch bestimmt nicht selbst?”
“Doch, sie hat Hestia zuerst so genannt und ich sah mich gezwungen, es ihr zu übersetzen.” Gandalf schürzte nachdenklich die Lippen. “Die Waffen sind ungleicher verteilt, als ich zuerst annahm. Deine junge Kriegerin ist doch recht gnadenlos für eine Elleth ihres Alters.”
“Sie ist eine Ithildrim”, antwortete zu seiner Überraschung Erestor und eine Mischung aus Respekt und Wachsamkeit schwang in seiner Stimme mit. “Umtriebig wie Ihr seid wundert es mich, dass Ihr noch nie dieses Volk im Osten aufgesucht habt. Die Rhûnar-Elben sind eine Klasse für sich und ihre Nachkommen ganz besonders.”
Umständlich holte Gandalf seine Pfeife aus den Tiefen seines Gewandes und stopfte sie erst einmal gründlich. Natürlich hätte er verkünden können, dass dieses Volk genug von der Dunkelheit Mittelerdes auf seinen Schultern verspürt hatte und nun den Schutz höherer Wesen genoss, die ihm Ruhe gönnen wollten. Das hätte richtig gut geklungen und die beiden vor ihm hätten es ihm wohl sogar geglaubt. Andererseits log Gandalf äußerst ungern, wenn es sich vermeiden ließ. Zugeben, dass er bis zu seiner Begegnung mit Leiloss zwar von Rhûnar gehört hatte, nicht jedoch von den Ithildrim, wollte er allerdings auch nicht. Erestors spöttisches Lächeln konnte er sich lebhaft ausmalen.
“Ich finde, sie übertreiben hier etwas.”
Celeborns Bemerkung rettete ihn aus dieser misslichen Lage. Sie galt einem Seemann, der mit einem Kehrblech und einem Handfeger betont unauffällig neben dem Hauptmast Stellung bezogen hatte und nun Gandalfs Pfeife nicht mehr aus den Augen ließ. Ein freundliches Lächeln zeigend schnipste Gandalf mit dem rechten Zeigefinger gegen den Pfeifenkopf und sofort breitete sich Glut im Pfeifenkraut aus. Warricks Mann schluckte und zog dann ab. Mit einem Zauberer wollte er sich wohl doch nicht anlegen.
“Sie übertreiben alle!” kam es von Erestor. “Das liegt in ihrer Natur.”
Gandalf schwieg und blies stattdessen kleine Qualmwölkchen in die Luft. Sie formierten sich zu einer Kette und blieben mit der ‚Butterblume’ noch eine Weile auf gleicher Höhe.
“In Eurer offenkundig auch”, ergänzte der Noldo sofort mit hochgezogenen Brauen.
“Jedem das seine”, nickte Gandalf gutmütig. “Ihr solltet ihre Stärken sehen und nicht nur immer ihre Schwächen.”
“Sie haben Stärken?”
“Sagt man”, grinste Celeborn.
“Überhebliche Eldar”, knurrte Gandalf nicht sehr überzeugend. “Die Geschichte der Menschen hat gerade erst begonnen. Sie werden noch Großes vollbringen.”
“Saubere Schiffe zum Beispiel”, nickte Celeborn todernst.
“Und dreckige Städte”, ergänzte Erestor. “Ich danke Euch, Gandalf. Nun weiß ich wieder, warum wir uns auf diesen Kampf einlassen. Sie werden so dankbar sein, wie sie es immer sind - nämlich überhaupt nicht!”
“Wie können sie für etwas dankbar sein, von dem sie gar nichts wissen, Lord Erestor?”
“Gutes Argument”, kommentierte Celeborn. “Schlägst du vor, dass wir sie an diesem Kampf beteiligen, Gandalf?”
Erestor winkte ab. “Das hatten wir schon einmal. Wenn ich mir vorstelle, ich müsste noch einmal sieben Jahre Heerlager zusammen mit sterblichen Kriegern ertragen, drängt es mich nach Valinor.”
“Und das will was heißen.” Celeborn reckte sich etwas. “Nachdem Ihr jetzt diese Horrorvision heraufbeschworen habt, sollten wir sie mit etwas von Warricks Maltik vertreiben.”
Augenblicklich hellte sich Erestors Miene ein wenig auf und die beiden verschwanden im Ruderhaus. Gandalf ließ sie ziehen, auch wenn er gegen ein Tröpfchen von diesem höchst wirkungsvollen Gebräu nichts einzuwenden gehabt hätte. Er würde sich später mit dem Kapitän selber zusammensetzen und etwas unterhalten. Wenn er sich entspannte, war Warrick wirklich angenehme Gesellschaft. Seine Anekdoten über seine Jahre hier auf dem Anduin gefielen Gandalf, ihm gefiel die ganze Art des Mannes, die gar nicht so selten unter den Menschen war, wie Erestor es gerne behauptete. Viele von ihnen waren gute, mutige Seelen - allerdings waren nur wenige so reinlich.
“Herr?”
Gandalf erwachte aus seinen Überlegungen und wandte sich zu dem Sprecher um. Wahrscheinlich schon wieder einer der Matrosen, der ihn auf herumfliegende Asche aufmerksam machen wollte. Er setzte einen finsteren Blick auf und straffte die Schultern. Sie übertrieben wirklich. “Was willst du?”
Es war einer der Matrosen, ein ziemlich junger sogar, mit großen, braunen Augen, die nun ängstlich aufgerissen waren und strohblonden Locken, die von der leichten Brise zerzaust wurden. Ein Rohirrim, schätzte Gandalf, was umso verwunderlicher war, wenn man bedachte, dass das Reitervolk gewöhnlich festen Boden unter den Füßen bevorzugte, zumindest unter denen ihrer Pferde. Allerdings war es nicht die Abstammung des jungen Burschen, die Gandalf dazu brachte, sprachlos die Pfeife sinken zu lassen, sondern die Tatsache, dass der Matrose seinen Zauberstab in der Hand hielt.
“Ich habe mir erlaubt…” Der Bursche verstummte, weil Gandalf ihm in einer schnellen Bewegung den Stab aus der Hand riss und ihn dann mit einem äußerst bildhaften Fluch seiner eigenen Sprache bedachte. Ohne ein weiteres Wort drehte er sich auf dem Absatz um und flüchtete an das andere Ende des Schiffes.
Zurück blieb ein überaus fassungsloser Istar, der seinen langen Zauberstab ein Stück von sich hielt und plötzlich geneigt war, sich Erestors und Celeborns Einschätzung der Menschen aus vollem Herzen anzuschließen. Der Stab schwieg dazu, aber Gandalf spürte, dass das lebende, mit soviel Kraft gefüllte Holz eigentlich ganz zufrieden war, dass es nun frisch poliert in der Frühlingssonne glänzte, als wäre es mit einer Schicht Glas überzogen.
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Auch Elbenkrieger waren nicht frei von Fehlern oder besser Fehlverhalten. Kam es vor, und der Betreffende fiel auch noch auf, gab es verschiedene Strafen, unter denen eine ganz besonders unbeliebt war. Haldir wusste nicht, was der Elb da vor ihm angestellt hatte, aber es hatte offenbar gereicht, zur Wache auf dem Talan Galadriels und Celeborns eingeteilt zu werden.
Diese Aufgabe war im Grunde so langweilig, dass selbst das Auftauchen Haldirs ein erfreutes Leuchten in die Augen des Kriegers brachte. Er nahm noch etwas mehr Haltung an, als er ohnehin schon gezwungen war an den Tag zu legen, hielt den Bogen noch etwas strenger in der Hand und bemühte sich sogar, sich so gerade zu halten, dass die schön anzusehende, aber unbequeme Uniform auch wirklich perfekt fiel. “Die Herrin erwartet Euch, Hauptmann.”
Welche Überraschung, ging es Haldir durch den Kopf und er unterdrückte ein Schmunzeln. Zu allen Unbequemlichkeiten brauchte dieser Krieger nicht noch den Spott eines Hauptmannes, der in den Anfängen seiner Ausbildung selber das ein oder andere Mal an seiner Stelle gewesen war, um das Ungestüm der Jugend mit der Disziplin einer Talanwache zu bekämpfen. Also nickte er dem jungen Krieger mit einem mitleidigen Lächeln zu und erklomm die wenigen Stufen, von denen er zur Linken die versteckte Tür erreichte, die in die privateren Bereiche des Talans führte.
Der Talan, von böswilligen Zungen auch Palast genannt, war weitaus größer, als die seltenen Besucher es erfassen konnten. Sie gelangten zumeist nur bis zum offenen Eingangsbereich. Erst dahinter jedoch waren die großzügigen Gänge und Räume, in denen das Herrscherpaar Lothloriens sich zumeist aufhielt. Üblicherweise hätte Haldir nun den Weg zu Celeborns privater Bibliothek eingeschlagen, in der die beiden Elben die Angelegenheiten des Goldenen Waldes, soweit sie denn militärischer Natur waren, klärten. Gut, Haldir gab zu, dass sie auch andere Gespräche dort führten und dabei genüsslich den Weinvorrat Celeborns plünderten. Aber da Celeborn nicht da war und ihn Galadriel erwartete, führte ihn sein Weg an diesem Refugium trauter Gemütlichkeit vorbei und geradewegs in den privaten Wohnraum seiner Herrin.
Trotz dieser späten Stunde war der gesamte Talan hell erleuchtet. Noch ein Zeichen, dass Celeborn nicht anwesend war, denn dieser war schon höchstpersönlich durch die Gänge marschiert, um einen Großteil der Lampen zu löschen, sobald sich Abendruhe über sein Heim legte. Galadriel hingegen liebte das Licht und war schon ebenso höchstpersönlich kurz nach ihm in diesen Gängen aufgetaucht, um die Lampen wieder zu entzünden. Von Haldirs Talan aus, der in Sichtweite lag, hatte es so manch vergnüglichen Abend mit seinen Brüdern auf dem Balkon gegeben, bei dem sie die wechselnde Beleuchtung des Großen Talans weiter vor ihnen kommentiert hatten.
Die Herrin des Lichts machte auch an diesem Abend ihrem Titel alle Ehre. In ihrem wie erwartet hell erleuchteten Wohnraum, auch noch wie meist üblich in strahlendes Weiß gekleidet, erwartete sie ihn tatsächlich bereits mit leichten Anzeichen der Ungeduld.
“Also seid Ihr wohlbehalten zurück”, begrüßte sie ihn und betrachtete ihn forschend. “Und Ihr seid alleine gekommen.”
Er nickte nur.
“Abgesehen von Eurem Begleiter aus dem Waldelbenreich”, erinnerte sie ihn. “Hauptmann Forlos?”
“Euer Gemahl lud ihn ein.”
“Um an seiner Stelle zu Thranduil zu reisen.” Galadriels Blick irrte ein wenig ab. “Die Bilder entziehen sich mir, seit er den Schutz des Goldenen Waldes verlassen hat. Eine ungewissen Reise mit ebenso ungewissem Ausgang.”
Haldirs Miene blieb ausdruckslos.
“Und überflüssig”, ergänzte sie wieder völlig klar. “Thranduil und er sind sich nicht mehr sonderlich zugetan und zwar schon seit vielen Jahrhunderten. Was denkt er sich nur dabei?”
“Seine Gründe hat er mir nicht verraten.”
“Lügner.”
“Herrin!”
“Bah!” Sie winkte ab. “Vergesst nicht, mit wem Ihr hier redet, Haldir. Ich weiß genau, dass mein Gemahl Euch oft genug als einzigen ins Vertrauen zieht.”
“Dann verlangt Ihr von mir, dass ich es enttäusche?”
“Eines Tages wird Eure Loyalität vor die Wahl gestellt”, murmelte sie leise, dann hellte sich ihre Miene wieder auf. “Aber nicht heute. Nein, ändern lässt es sich ohnehin nicht mehr. Erzählt mir stattdessen von Hauptmann Forlos.”
Misstrauen wuchs in Haldir so schnell wie ein Pilz am feuchten Waldgrund. “Nun, er ist der Befehlshaber von Thranduils Leibgarde.”
“Wie verantwortungsvoll.”
“Das ist er.” Irgendetwas führte sie im Schilde und Haldir achtete noch mehr als üblich auf seine Gedankengänge. Mit ein bisschen Übung und einigen guten Ratschlägen von Celeborn versehen, war er schon seit einiger Zeit recht gut in der Lage, vor den feinen Sinnen seiner Herrin einiges zu verschleiern.
Einen Moment breitete sich Schweigen aus, dann runzelte Galadriel leicht die Stirn. “Und?”
“Und?”
“Hat er ein gutes Wesen?”
“Ein gutes Wesen?”
“Würdet Ihr ihm ohne Zögern Eure Schwester zur Gemahlin geben?”
Haldir verdankte es nur seinem langen Lebensalter, dass er sie nicht mit offenem Mund anstarrte. “Ich habe keine Schwester.”
“Das weiß ich. Es war rhetorisch gemeint.”
Bei Galadriel war niemals etwas nur rhetorisch gemeint. Haldir beschlich ein ungutes Gefühl, dass sich die Herrin des Goldenen Waldes auf einem Pfad befand, der ihm kaum gefallen würde. Gelegentlich wandelte sie nämlich auf durchaus irdischen Wegen, die zwar das Schicksal Loriens nicht berührten, aber das einzelner Bewohner völlig auf den Kopf stellen konnten. Und diesmal war Celeborn leider nicht da, um das Schlimmste zu verhindern. “Darüber habe ich noch nicht nachgedacht.”
“Ach wirklich?” Ihre Augen schimmerten belustigt. Wie nebenbei schlenderte sie ein wenig im Raum herum, bis sie schließlich neben einem niedrigen Tisch stehen blieb und ihre schlanken Finger über ein Stück Stoff gleiten ließ, das in einem flachen Korb lag. “Immerhin habt Ihr ihn bereits mit meiner Schneiderin verlobt.”
“Das war…” Haldir unterbrach sich. Egal, was es war, es ging auf jeden Fall zu weit. Allerdings wusste er jetzt auch, warum ausgerechnet Maedcam dazu ausersehen worden war, ihn und Forlos am Tor zu empfangen. “In solche Dinge sollte sich niemand einmischen, Herrin.”
“Ich mische mich nicht ein, Hauptmann”, lächelte sie sanft. “Ich sehe nur Möglichkeiten.”
“Im Spiegel?”
“Seid nicht so sarkastisch!” tadelte sie ihn ohne großen Ärger.
“Wollt Ihr unbedingt, dass Maedcam Lorien verlässt?” Vielleicht ging es ja auf diesem Weg.
“Vielleicht verlässt Forlos auch den Düsterwald.”
Daher wehte also der Wind. Was gab es für eine bessere Gelegenheit, Thranduil eins auszuwischen, als ihm seinen Gardehauptmann zu nehmen? “Das würde er nie tun.”
“Nie ist ein starkes Wort, mein Lieber.”
“Allerdings.” Haldir musterte sie aus schmalen Augen. Seine Herrin hatte einer Herausforderung noch nie widerstehen können. Nun musste er nur noch diese gegen eine andere, die ungefährlicher war, ersetzen. Einen Versuch war er Forlos auf jeden Fall schuldig. Wer hatte denn ahnen können, dass die kleine Notlüge in Imladris den Effekt einer Lawine annahm? Ein wenig regte sich auch sein schlechtes Gewissen. Hätte er nur seinen Mund gehalten und diese Anekdote für sich behalten. “Wollen wir wetten?”
Verblüfft ließ sie von dem Stück Stoff ab und schenkte ihm ihre ungeteilte Aufmerksamkeit. In ihre strahlend blauen Augen, die so oft Dinge erblickten, die allen anderen verborgen blieben, trat ein vergnügtes Leuchten. “Eine Wette?”
“Warum nicht?” meinte er mit einem Achselzucken, das gelassener wirkte, als er sich fühlte. “Eine ehrliche Wette zwischen uns beiden. Wir lassen den Dingen ihren Lauf.”
Sie verzog leicht die Lippen. “Wir sind Zuschauer?”
“Es ist eine Wette. Keine Zauberei.”
“Ich würde niemals…” Ihre Stimme erstarb, weil Haldir demonstrativ die Augenbrauen wölbte. “Nun gut, wie Ihr wollt. Was ist der Einsatz?”
“Wenn ich verliere, schicke ich Leiloss ein Jahr zur südlichen Grenze.”
Ihre Miene hellte sich auf. “Ein guter Einsatz.”
“Ihr seid dran.”
“Ein Bogen”, meinte sie nach kurzem Überlegen. “Ein Bogen aus Mallornholz, mit einer Seele, die Euer würdig ist.”
Haldir schluckte. “Das ist sehr großzügig.”
“Noch habt Ihr nicht gewonnen.”
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Frühmorgens war der Palasthof ein Ort, den Legolas mit Erinnerungen an Jagdgesellschaften in Verbindung brachte. Oder er genoss gelegentlich einfach nur die ersten Strahlen der Sonne, saß auf der obersten Stufe der Eingangstreppe und lauschte entspannt, wie das Herz des Waldelbenreiches langsam zu neuem Leben erwachte.
Diesmal jedoch herrschte großes Gedränge im Hof. Dutzende Pferde samt ihrer Reiter wimmelten durcheinander. Stallburschen liefen umher, um letztes Gepäck zu bringen und auf der Palasttreppe standen ebenfalls genug Elben herum, dass er lieber darauf verzichtet hatte, es sich auf den Stufen gemütlich zu machen. Etwas abseits vom großen, spitz zulaufenden Eingangstor, dessen Flügel jetzt weit geöffnet waren, lehnte er am Steingeländer und nahm ab und zu einen Schluck heißen, verdünnten Gewürzwein, den ihm einer der Diener gereicht hatte. Neben ihm stand Estel und hatte die Hände um einen Becher geschlungen, aus dem ebenfalls der feine Dampf dieses aromatischen Getränks aufstieg. Noch war es um diese Jahreszeit kühl in den Morgenstunden und Estel war ohnehin nicht dafür bekannt, am Beginn des Tages zu den Frischesten zu gehören. Der Wein würde seine Lebensgeister mit Sicherheit wecken, ohne sie einzutrüben wie am Abend zuvor.
Elladan und Elrohir standen etwas weiter unten an der Treppe und unterhielten sich lachend mit ein paar Elbinnen, die offenbar recht angetan waren von den dunkelhaarigen Zwillingen aus Imladris. Wie angetan, würde Legolas noch erfahren. Elladan war zwar in dieser Hinsicht kein Schwätzer, aber die ein oder andere genüssliche Bemerkung würde er schon auf dem Weg zur Alten Furt von sich geben. Legolas schmunzelte etwas.
Auf der anderen Seite des Tores lauschte Thranduil Berelion, der mit gedämpfter Stimme wohl noch wichtige Dinge zu regeln hatte. Ab und an glitt der Blick des Königs ein wenig irritiert von der Menge im Hof zum Tor. Seine Verwunderung gab Legolas nicht die kleinsten Rätsel auf. Thranduil fragte sich, wo seine Gemahlin blieb, um ihn zu verabschieden. Immerhin war das Ziel dieser Reise nicht gerade um die Ecke und sie würden wohl einige Wochen weg sein. Zumindest wurde es erwartet, denn es gab einiges zwischen den Elbenherrschern zu besprechen.
“Varya fehlt noch”, bemerkte Aragorn und warf ihm über den Rand des Bechers einen nachdenklichen Blick zu. “Galen auch.”
“Hmhm”, machte Legolas.
“Es wird deinem Vater nicht gefallen.”
“Was meinst du?”
Aragorn leerte seinen Becher, stellte ihn auf die Brüstung und zog seine Handschuhe aus dem Gürtel, um sie überzustreifen. Sein feingeschnittenes Dunedain-Gesicht, das so langsam die Zeichen der Jugend verlor und die Erfahrungen eines Wanderers zwischen den Welten der Menschen und der Elben immer deutlicher zeigte, wirkte zwar noch ein wenig müde, doch seine Augen waren völlig wach. “Varya reitet eine ausgesprochen schöne Fuchsstute.”
Unwillkürlich glitt Legolas Blick hinunter in den Hof. “Ja, ausgesprochen schön.”
“Unverwechselbar zudem und ich bin mir sicher, sie würde sie keinem anderen geben.”
“Nein, sicher nicht.”
“Dann dürfte wohl alles klar sein.”
Eine Antwort konnte sich Legolas sparen, denn die beiden vermissten Ithildrim erschienen wie auf Stichwort aus dem Dämmerlicht des Palastinneren und traten in die Morgensonne hinaus.
“Kommt gar nicht in Frage!” war das erste, was Thranduil sagte, nachdem er die Aufmachung seiner Königin erblickte.
“Ich weiß nicht, wovon du sprichst.” Varya lächelte, aber ihre Augen verrieten sie. Diesen Kampf würde Thranduil nicht gewinnen. Sie zupfte etwas an ihrem dunkelgrauen Umhang herum. “Außerdem fällt mir nicht ein vernünftiges Argument ein, das dagegen spricht.”
“Du bleibst hier!”
“Denkst du also?”
Galen rückte unauffällig in Richtung von Legolas und Estel ab, als Thranduil einige Schritte näher trat und sich vor ihr aufbaute. Legolas hätte ihm ohnehin einen Wink gegeben, sich aus der Schussbahn zu entfernen.
“Denke ich”, bekräftigte Düsterwalds König, die Entschlossenheit in jedem Zoll seines Körpers. “Hier im Palast bist du sicher.”
“An der Alten Furt bin ich auch sicher”, hielt sie ihm entgegen, den Kopf in den Nacken gelegt, um ihm in die Augen sehen zu können. “Grimbeorn wacht dort über uns. Außerdem will ich Meister Elrond und Glorfindel wiedersehen. Da du sie nicht hierher einlädst, muss ich mich eben auf den Weg machen.”
“Das ist kein gemütliches Treffen unter Obstbäumen, meine Liebe.”
“Tatsächlich? Der Gedanke, dass es sich um etwas anderes handelt, ist mir doch noch gar nicht gekommen.”
Thranduil schien sich einen Moment mit dem Gedanken zu tragen, einen Wutanfall auf den Stufen seines Palastes zum Besten zu geben, entschied sich aber schließlich anders. Legolas gratulierte ihm im Stillen dazu. Wutanfälle wirkten nur bei leicht zu beeindruckenden Gemütern und bei Familienmitgliedern sowieso nicht. Er lächelte verstohlen. Jetzt versuchte sein Vater es also mit Vernunft. “Es dauert nicht mehr lange”, raunte er Galen und Estel zu. Gleichzeitig gab er Lassgur das Zeichen, den Aufbruch zu befehlen. “Sitzt am besten schon auf.”
“Berelion!” Thranduil winkte den Berater näher heran, der sich in weiser Einsicht Schritt für Schritt hatte absetzen wollen. “Erklärt Ihr doch bitte unserer geschätzten Königin, warum es überhaupt keinen Sinn in sich trägt, uns auf dieser Reise zu begleiten.”
Es dauerte fast bis zur Mittagszeit, bis Thranduil sich von seinem Groll erholte, dass der eigene Seneschall ihn so schmählich im Stich gelassen hatte und eine triumphierende Varya sich mitten unter den Reitern befand, die nun die erste Rast am Rande der Alten Waldstraße einlegten. Legolas war der erste, der sich wieder freiwillig seinem Vater näherte. Selbst Varya war ausnahmsweise schlau genug, sich weit von ihm entfernt zu halten.
“Hast du die Sprache wiedergefunden?” knurrte ihn Thranduil an, als Legolas sein Pferd neben dem seinen an den frischen Blättern eines Busches herumzupfen ließ. “Etwas mehr Unterstützung vorhin hätte dir gut zu Gesicht gestanden.”
“Es ist kein Feldzug”, erinnerte ihn Legolas gedämpft.
Thranduil seufzte leicht. “Noch nicht, Legolas, aber es kann sehr schnell einer werden.”
“Das kann es.” Legolas richtete seine Aufmerksamkeit kurz auf Varya, die mit seinen Freunden schwatzte. “Und wenn es soweit ist, werde ich dafür sorgen, dass sie in der Sicherheit des Palastes ist. Das verspreche ich dir.”
“Ihr beide solltet es dann sein”, sagte Thranduil ernst. Erinnerungen an andere Kriege, die Legolas nie miterlebt hatte und die Schatten über sein Leben warfen, waren deutlich in seiner Miene abzulesen. “Unser Volk ist wichtiger als ein Krieg mit Dol Guldur. Wenn ich mich auf das einlasse, was Elrond wohl erwartet, kannst du mich nicht begleiten. Die Tawarwaith brauchen dich dann mehr als deine Freunde dort drüben.”
Legolas wollte zu einer fast hitzigen Antwort ansetzen, aber stattdessen nickte er nur. Thranduil hatte Recht und er wusste es ebenso. Offenbar mit dieser Reaktion zufrieden gestellt, entspannte sich sein Vater von einem Augenblick zum anderen.
“Hexe!” rief er in seiner üblichen Art quer über die Alte Waldstraße und Varya schrak prompt zusammen. “Hast du nun Angst vor deinen eigenen Hinterhältigkeiten oder warum traust du dich nicht mehr in meine Nähe?”
Der Rest des Weges verlief in sehr viel angenehmerer Stimmung, als der Anfang hatte vermuten lassen. Keine Attacken bösartiger Waldbewohner, keine Streitereien mehr zwischen dem Herrscherpaar und Legolas bekam endlich die Gelegenheit, auf dem ruhigen Ritt lange Gespräche mit seinen Freunden zu führen. Es war beinahe unterhaltsam, wenn sie einiges von den Erlebnissen im Osten erzählten, auch wenn Legolas ebenso wie Estel und Galen ein ganz besonderes Thema bewusst aus ihren Berichten aussparten.
Aber die Zeit verging ruhig und als sie den Düsterwald verließen, stellte Legolas fest, dass er bislang selten eine so ereignislose Reise auf der Alten Waldstraße hinter sich gebracht hatte.
Es hätte mir eine Warnung sein sollen, ging es ihm dann durch den Kopf, als sie die Hügel über der Alten Furt erreichten und ihre Blicke auf etwas fielen, mit dem keiner von ihnen gerechnet hatte.
Kapitel 8 - Schwarze Segel? Hier?
Nur selten zeigten die Träume eines elbischen Schlafs beunruhigende Bilder. Nur halb zwischen den Schichten des Bewusstseins treibend, verloren die Erstgeborenen nicht völlig die Kontrolle über die Geschichten ihres Geistes. Schwäche oder Verletzungen, große Anspannung konnten wohl dazu führen, dass auch elbische Träume in dunkle Tiefen absanken und Ereignisse großen Leids wieder an die Oberfläche holten, Bilder, Gedanken und Erinnerung zu einem Erlebnis des Entsetzens vermischten. Gewöhnlich jedoch war elbischer Schlaf ein Hort der wahren Erneuerung.
So war es nicht verwunderlich, dass Leiloss etwas unwillig reagierte, als sie durch eine Berührung an der Schulter aus einem wunderbar freundlichen Traum geholt wurde, in dem sie in der Quellstadt in einer der schönen heißen Badeteiche lag und einen perfekten Sommertag genoss. “WAS?”
Neben ihrem Schlaflager hockte Rumil und lächelte amüsiert. “Du bist ungenießbar, wenn man dich weckt.”
“Warum tust du es dann?”
“Lord Celeborn erwartet dich an Deck”, war die überraschende Antwort, bevor er sich erhob und so lautlos wieder ging, wie er gekommen war.
Leiloss richtete sich mit einem kleinen Seufzer auf und blickte ihm neidvoll nach. Sich lautlos bewegen war nicht so einfach, wie die verrückten Märchen um die Erstgeborenen immer erzählten. Natürlich konnte ein Elb sich ohne jedes Geräusch bewegen. Ganz einfach - er musste nur nackt dabei sein. Sie verzog das Gesicht. Was für eine Vorstellung! Lauter nackte Krieger im Wald…Sobald man nämlich Kleidung, insbesondere Lederrüstungen trug, wurde die ganze Angelegenheit schon schwieriger. Leder neigte dazu zu knirschen und zwar bei jeder Bewegung und auch wenn es sorgfältig eingeölt war. Von den leichten Kettenhemden wollte sie gar nicht reden.
Wenn sich also ein Krieger absolut lautlos bewegte - und Rumil konnte das - sprach das für seine Erfahrung und sein Können. Sie selber war noch lange nicht so gut und Rumil hatte bislang immer nur gelacht, wenn sie ihn gebeten hatte, ihr das endlich beizubringen. Er war irgendwie gemein. Selbst ihr Bruder war nicht so ablehnend. Leiloss gab zu, dass sie ihren Bruder bislang auch noch nicht angebettelt hatte, ihr etwas beizubringen. Was war schon so überragend daran, Apfelbäume zu pflanzen und daran rumzuschnippeln?
Ein Grunzen schräg neben ihr riss sie aus ihren Überlegungen. Leiloss’ Miene verfinsterte sich. Schlimm genug, dass sie dieser verlausten Sterblichen Sindarin beibringen musste, nun hatte man sie auch noch gezwungen, die gleiche Kammer zu teilen. Hestias Schlafkammer, um genau zu sein. Leiloss hätte lieber an Deck geschlafen als auf dem Boden dieses winzigen Lochs, in dem sich die Körpergerüche der Sterblichen schon in jede Ritze gezwängt hatten.
Ärgerlich sprang sie auf und stieß die noch nicht ganz erwachte Frau mit dem Fuß an. “Steh auf, Ziege! Wir sollen an Deck kommen.”
“Verschwinde, Glamdîs.” Überraschend flink schlug Hestia nach ihr und kam auf die Beine. Ihre ohnehin recht unordentlichen Haare standen in alle Richtungen ab und auf ihrer linken Wange malte sich das Muster der groben Decke ab, die sie als Unterlage für den Holzboden benutzte. “Er hat nicht nach mir gefragt, sondern nur nach dir.”
“Und woher willst du das wissen?”
Hestia zog entgegen ihrer Worte dennoch ihre abgewetzte Weste über das fadenscheinige, braune Wollhemd. Am Ellbogen war sogar ein Riss. Diese Frau lief rum wie ein Landstreicher. “Ich hab euch verstanden.”
“Hast du nicht.” Leiloss war sich nicht so sicher, wie sie sich den Anschein gab. Irgendwie schien Hestia eine recht große Begabung dafür zu haben, Sprachen zu lernen. Das war bei Menschen nicht üblich, Hinner war da eine Ausnahme. Hatte sie bislang jedenfalls immer geglaubt.
“Ich habe eben eine gute Lehrerin”, stichelte Hestia und riss die Tür zum Gang auf.
Ein Schwall frischerer Luft vertrieb den Geruch nach menschlichem Schlaf. Er klärte zugleich ein wenig Leiloss’ Gedanken. Sie konnte sich immer noch mit Hestias Sprachfertigkeiten befassen. Jetzt sollte sie sich lieber beeilen. Lord Celeborn war nicht gerade bekannt dafür, dass er gerne auf die Ausführung seiner Befehle wartete. Eilig lief sie den kurzen Gang bis zum Ende des Ruderhauses entlang und versuchte dabei, die Waffengurte des Köchers und des Schwertes richtig zu schließen, bevor sie auf ihren Herrn traf. Sie war so damit beschäftigt, dass sie zusammenzuckte, als jemand sie am Arm fasste und zur Seite zog. Verwirrt blickte sie auf und erkannte, dass sie gerade an Deck angelangt war. Rumil hatte nach ihr gegriffen und sie ein Stück zur Seite manövriert.
“Leise”, befahl er ihr mit gedämpfter Stimme. “Sei wachsam, aber halte dich still.”
Eine gespannte Stimmung lag über dem Schiff. Die gesamte Mannschaft, soweit sie nicht an den Rudern im Unterdeck saßen, hatte sich eingefunden. Oben am Ruder war Warrick persönlich, Gandalf stand bei ihm und sprach leise mit ihm. Lord Celeborn war nur wenige Schritte von Leiloss entfernt in der Nähe des Hauptmastes. Wenn er ihr Eintreffen bemerkt hatte, so schien es ihn jetzt nicht zu interessieren. Er hatte den Blick konzentriert auf das Westufer des Anduin gerichtet, ab und an wechselte er einige Worte mit Lord Erestor, der ebenso wachsam das Ufer im Auge behielt.
Leiloss trat unruhig von einem Fuß auf den anderen. Sie hatte keine Ahnung, was hier vorging, aber es war offenbar gefährlich genug, dass ihr Herr alle Elbenkrieger an Deck befohlen und Warrick seine Männer bewaffnet hatte. Nervös zupfte sie an Rumils Ärmel.
“Warrick hat Alarm gegeben”, flüsterte er ihr prompt zu und sie fingen sich beide einen bösen Blick von Orophin ein. “Er ist beunruhigt.”
“Weshalb?” flüsterte sie zurück.
“Wir wissen es noch nicht.”
Bevor sie etwas sagen konnte, drehte sich Celeborn zu ihr um und winkte sie heran. Mit gemischten Gefühlen folgte Leiloss dem Befehl. Sein Ärger war sicher noch immer nicht verraucht und nun würde sie wahrscheinlich einen Tadel bekommen, weil sie ihren Mund nicht halten konnte. Zu ihrer Verwunderung fasste er sie an den Schultern und zog sie vor sich, sodass sie das Ufer nun ganz genau sehen konnte.
“Dort draußen lauert Gefahr”, erklang seine leise, sehr ruhige Stimme dicht neben ihrem linken Ohr. “Achte auf jede Kleinigkeit, Leiloss und sag mir dann, was du erkennen kannst.”
Nichts, hätte sie beinahe gesagt, aber das war sicher nicht die Antwort, die er von einer Galadhel erwartete. Sie biss vor lauter Konzentration die Zähne zusammen und starrte angestrengt hinüber zum Ufer. Was sollte sie dort erkennen? Die Uferlinie des Anduin war so wie immer. Zumindest in diesem Abschnitt des Flusses fielen die Ufer steil ab zum Fluss hin. Büsche standen auf ihrer höchsten Linie, jedoch nicht so undurchdringlich, dass sich ein Feind dahinter hätte verstecken können. Sie konnte im Licht dieser klaren Frühlingsnacht jede Einzelheit ausmachen und sie erkannte nichts! Außerdem war es die Westseite und von der erwartete sie am allerwenigsten eine Bedrohung. Osten, gut, das war immer möglich. Orks, die am Ufer lauerten und ahnungslose Reisende mit ihren Pfeilen spickten…aber Westen?
“Herr…”, begann sie unglücklich. “Ich sehe keine Gefahr.”
Lord Erestor schnalzte tadelnd mit der Zunge, enthielt sich aber eines seiner bissigen Kommentare. Leiloss wäre am liebsten zwischen den Planken versickert vor Verlegenheit.
“Habe ich gesagt, dass du dich nur auf deine Augen verlassen sollst?” erkundigte sich Lord Celeborn, aber er klang zumindest nicht enttäuscht. “Deine Sinne, Leiloss, alle deine Sinne retten dir das Leben. Ich bin mir sicher, Haldir hat dir das beigebracht.”
Er hat es zumindest versuch’, gab sie ihm im Stillen kleinlaut Recht. Wenn es nur nicht so schwer wäre, völlig ruhig und bewegungslos zu bleiben…
Es mochte schwer sein, aber es motivierte ungemein, dass Celeborns Hände noch immer auf ihren Schultern lagen und er es sicher nicht gutgeheißen hätte, wenn sie aufgeregt herumzappeln würde. So blieb sie ruhig stehen - und es fiel ihr wirklich nicht leicht - senkte ein wenig die Lider, um sich nicht länger von den Bildern ablenken zu lassen und ließ ihre Sinne einfach an Auffälligkeiten sammeln, was die anderen Elben schon längst bemerkt hatten.
Zuerst war noch alles so wie es sein sollte. Wie immer schien die Dunkelheit der Nacht die Geräusche etwas zu dämpfen. Die Verstrebungen der Segel knarrten träge über ihrem Kopf, der auffrischende Wind schien die ‚Butterblume’ anzuspornen und das Schiff sprach seine eigene Sprache. Sogar die leichten Ruderbewegungen, die von Warrick ausgeführt wurden, waren auszumachen tief unterhalb des Hecks. Leiloss bewunderte einen Moment die Gleichmäßigkeit, mit der die zwei Dutzend Ruder, je zwölf auf jeder Seite des Schiffes in die Fluten des Anduin eintauchten. So eine Harmonie im Zusammenspiel Sterblicher hätte sie nicht für möglich gehalten.
Dann fiel ihr auf, dass sich die Wellen des Anduin zumindest auf dieser Seite anders anhörten als auf der Ostseite. Sie schienen ferner, als ob sie sich vom Fluss selbst entfernten.
“Die Uferlinie…”, vermutete sie unsicher.
“Wir nähern uns einer Bucht”, bestätigte Celeborn. “Eher schon einem kleinen Seitenarm, der nach einigen hundert Schritten endet.”
‚Aber das allein ist es nicht.’ Leiloss merkte es an seiner Stimme. Und so steigerte sie ihre Konzentration nochmals. Warum hatte sie bloß bei ihm das Gefühl, dass sie ihn auf keinen Fall enttäuschen durfte, wenn sie auch nur einen Tag länger eine Galadhel bleiben wollte? Bei Haldir war es einfacher, einen Fehler zu machen, auch wenn er recht ungemütlich werden konnte.
Eigentlich immer noch auf die Geräusche fixiert, stieg ihr auf einmal ein vertrauter, verhasster Geruch in die Nase. Überrascht riss sie die Augen auf und sog noch einmal tief die Luft durch die Nase ein.
“Jetzt hat sie es”, erklärte Lord Erestor spöttisch. “Ihr könnt die Lehrstunde beenden, Celeborn. Mir scheint, für Leiloss besteht noch Hoffnung.”
“Orks!” hauchte Leiloss, fuhr herum und starrte von einem zum anderen. “Am Westufer?”
“Sie sind überall, das Westufer ist keine Ausnahme”, sagte Orophin, der langsam näher trat und Celeborn den weißen Bogen reichte, zusammen mit einem wohlgefüllten Köcher. “Es ist erstaunlich, dass scheinbar nichts sie aufhält.”
Lord Celeborn legte etwas den Kopf zur Seite und betrachtete seinen Krieger sinnend. “Mir scheint eher, sie folgen einer Quelle höchst eigentümlicher Anziehungskraft, die sich hier auf diesem Boot befindet.”
“Ein böswilliges Gerücht, Herr, von meinen Brüdern in die Welt gesetzt, um meinen untadeligen Leumund auf ihre eigene, beklagenswert niedrige Ebene zu ziehen.”
Leiloss schürzte die Lippen. Egal, was Orophin auch behauptete, sie war bereits von anderen Galadhrim vorgewarnt worden, falls Haldir sie irgendwann zum Dienst mit dem Zweitältesten der Brüder einteilen würde. Offenbar war die Wahrscheinlichkeit groß, auf Orks oder besser noch Uruk’hai zu treffen, war er erst in der Nähe.
“Segel an Backbord voraus!” tönte ein Warnruf vom Bug.
Sofort richtete sich die Aufmerksamkeit aller nach vorne, wo sich nun deutlich die Uferlinie verschob und den Zugang des Seitenarmes verriet. Klar in dieser mondhellen Nacht zu erkennen schob sich der schlanke, hohe Bug eines Schiffes aus der Flussmündung heraus. Es schien soeben erst Fahrt aufgenommen zu haben, denn noch waren es die Ruderer, die es vorantrieben. Oben in den Masten turnten abenteuerlich bunt gekleidete Gestalten herum und lösten die Verschnürungen der Segel. Die ganze Art, wie dieses Schiff versuchte, ihnen den Weg abzuschneiden, verriet bereits die feindlichen Absichten. Da hätte es auch nicht mehr der krummen Silhouetten eines guten Dutzend Orks bedurft, die sich im Bug des Schiffes drängten, um die ‚Butterblume’ bei der erstbesten Möglichkeit zu entern.
Auf Warricks Schiff brach Hektik aus. Der Kapitän brüllte eine Zahl und sofort war zu spüren, wie sich die Taktzahl der Ruderschläge erhöhte. Einige Matrosen schleppten Deckel von Fässern an Deck, die sie offenbar als Schilde benutzen wollten, während andere in die Takelage kletterten, damit auch noch der letzte Rest Segel aufgezogen wurde.
“Schwarze Segel!” Der fassungslose Ruf kam von Hestia. Leiloss entdeckte sie zwischen ein paar Elbenkriegern an der Reling. Sie hatte sich weit vorgereckt. “Warrick! Es hat schwarze Segel. Das sind Piraten von Umbar!”
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Wände, besonders solche aus Fels, waren massiv. Man konnte sich den Kopf daran stoßen, sie ein bisschen einritzen oder jemanden solange dagegen schlagen, bis er annähernd tot war.
So zumindest hatte Izak es bislang immer angenommen…
Nun rieb er sich zum zweiten Mal die Augen und hoffte dabei, dass es ein Trugbild dieser tückischen Elben war, was sich da vor ihm abspielte. An der Rückwand seiner Zelle, wo er bis eben noch gekauert hatte, ragte der Kopf eines Untiers mitten aus dem Fels. So ein Wesen hatte er bislang noch nie gesehen und es war schrecklich genug, dass er auf Händen und Knie in aller Hast bis an die gegenüberliegende Wand kroch, von wo er weiterhin dieses Geschöpf beobachtete, das nun den ganzen Schädel durch den Fels geschoben hatte.
Dieses Monster musste riesig sein, denn allein sein Kopf war es bereits. Schwarze und tiefrote Schuppen bedeckten den flachen, breiten Schädel, in dem goldfarbene Augen mit schlitzförmiger Pupille ihn voller Bösartigkeit fixierten. Langsam öffnete es das breite, lippenlose Maul und eine fast armlange, blaue Zunge schlängelte sich hinaus wie eine Schlange, die sich nur kurz in diesem Abgrund von Fressgier versteckt hatte.
Izak zitterte inzwischen am ganzen Leib, er bekam kein Wort heraus, um die Wachen vor seiner Tür zu alarmieren. Wer wusste denn schon, ob sie ihm dieses Ding nicht gar geschickt hatten? Stattdessen tastete er mit der rechten Hand auf dem Boden herum, ob er dort nicht etwas finden würde, das ihm als Waffe gegen das Untier helfen würde. Seine Fingerspitzen stießen gegen den Deckeleimer, in den er sich vor nicht allzu langer Zeit erleichtert hatte. Für einen winzigen Moment trug er sich mit dem Gedanken, dem Eindringling den Inhalt über den Kopf zu schütten, ließ dann aber davon ab. Böse Elben-Dämonen würden sich wohl davon kaum beeindrucken lassen.
Die Schultern des Monsters wuchsen nun ebenfalls aus dem Fels und es setzte die Vorderbeine auf den Boden von Izaks Gefängnis. Entsetzlich große Pranken mit langen Krallen, die leise auf dem Fels scharrten, als es einen weiteren Schritt machte. Izak atmete heftiger. Es war noch größer, als er angenommen hatte, denn nun drückte es die Beine etwas durch und der Kopf erhob sich zu einer Höhe, die ihm mindestens bis zu den Schultern ragte, wenn er gestanden hätte. Was für ein riesiger Kopf! Und diese bedrohliche Farbe seiner hartgeschuppten Haut! Im Schein der Lampe auf dem kleinen Holztisch glänzten die schwarzen Schuppen wie Pech, in dem blutrote Flecken ein geheimnisvolles Muster bildeten.
Izak wimmerte.
Er würde sterben. Dieses Monster würde ihn zerreißen und seine Eingeweide auf dem Boden zerstreuen. Es zischelte sogar schon und die blaue Zunge schnellte vor in seine Richtung. Izak kniff die Augen zusammen und schlang die Arme um den Körper. Das war also sein Ende!
Ein befremdliches Geräusch ertönte und ein Schwall warmer Luft traf sein Gesicht. Obwohl Panik ihn erfasst hatte, erwachte irgendwo in Izaks Geist ein Gefühl der Irritation. Unwillkürlich schnüffelte er leicht und stellte fest, dass die Luft eindeutig nach Rettich roch.
Rettich? Kein Monster riecht nach Gemüse! Izak fasste sich ein Herz und öffnete ein Auge. Eines…zur Vorsicht…um dem Tod gegenüberzutreten, musste eines reichen. Er riss allerdings auch sofort das andere auf, weil das Untier nur noch einen Schritt von ihm entfernt war und ihn mit leicht schiefgelegtem Kopf betrachtete. Irgendwie war der tückische Ausdruck in den Echsenaugen nicht mehr so genau zu erkennen, außerdem kaute es mit offenem Maul auf einer weißen Masse herum, die eindeutig die schon fast zerkleinerten Überreste eines großen Rettichs waren.
Izak traute der ganzen Sache zwar noch immer nicht, aber so langsam wuchs in ihm die Erkenntnis, dass er wohl nicht gleich zwischen den mächtigen Kiefern seines Gegenübers verschwinden würde. Vorsichtig lehnte er sich zur Seite und sah an dem Tier vorbei. Allerdings, es war riesig. So groß, dass es nun fast die gesamte Länge seines Gefängnisses ausfüllte. Ein Stück seines spitz zulaufenden Schwanzes steckte sogar noch im Fels. Izak blinzelte etwas. Da, wo es im Fels verschwand, flirrte die Luft etwas. Es schien fast…
Das Monster nieste lautstark und ein Nieselregen Monstersabber legte sich auf Izaks Gesicht. Angewidert wischte er sich mit dem Handrücken über Augen und Stirn, bevor er sich an der Wand hochschob, damit er nicht mehr so ganz in der Ziellinie eines neuen Niesers kauerte. Ein Trugbild war das Geschöpf also nicht, kombinierte Izak messerscharf.
“Ich rufe die Wache!” verkündete er nach kurzem Zögern, auch wenn er sich noch erbärmlicher fühlte als zuvor. Jetzt schrie er schon nach Elben, damit sie ihm gegen ein Monster halfen!
Der mächtige Echsenschädel bewegte sich leicht hin und her. Izak fühlte, wie sein rechtes Augenlid nervös zu zucken begann. Dieses Ding konnte ihn unmöglich verstanden haben. Oder doch? “Kannst du vielleicht auch sprechen?”
Ein Prusten war die Antwort.
Ratlos kratzte sich Izak am Ohr. Hieß das nun, dass es zwar verstehen, aber nicht sprechen konnte? Oder hieß das überhaupt nichts? “Aber du verstehst mich?”
Das Monster reckte den Kopf vor und stieß ihn gegen die Wand. Hastig streckte er die Arme vor und wollte es wieder wegschieben. Ein hoffnungsloses Unterfangen! Er würde wirklich die Wachen rufen müssen, das war einfach nur peinlich! Izak klopfte hilflos auf dem harten Schädel herum und zu seiner Überraschung begann die Echse eine Art wohliges Knurren von sich zu geben. Eingeklemmt zwischen Wand und Echsenschädel tätschelte er ergeben die glatten, trockenen Schuppen und fragte sich, ob er dafür endgültig im schwarzen Nichts totaler Versager enden würde. Er war immerhin ein Ork.
Seine Überlegungen fanden ein schnelles Ende, als es an der Rückwand seines Verlieses erneut flirrte und kurz darauf ein heller Schatten heraushuschte. Fassungslos sah er zu, wie ein kleines weißes Tier aus dem Flirren sprang, auf dem Echsenschwanz landete und dann in langen Sätzen bis hinaus zum Kopf seines ersten Besuchers kletterte.
“Das war’s”, knurrte er empört. “Diese Elbenzauberei muss aufhören. Ich habe niemandem was getan! Hört ihr? Behandelt ihr alle eure Gefangenen so?”
Die Echse stieß ein leises Zischen aus, als ob sie ihn warnen wollte, nicht so herumzuschreien, aber Izak bleckte böse die Zähne. Das ging einfach zu weit! Erst schickten ihm diese spitzohrigen Dämonen eine riesige Echse und nun auch noch ein weißes Eichhörnchen. Er war schließlich nicht schwachsinnig. Sie hatten vor, ihn zu verwirren, seinen Verstand in einen Abgrund voller verrückter Trugbilder zu stoßen. Wahrscheinlich hatten sie ihm Gift in das Essen vom Morgen gerührt. Schade, dass dieser Elb namens Gaellas sich dafür hergegeben hatte. Irgendwie war Izak davon ausgegangen, dass er eigentlich ganz nett war.
Das weiße Eichhörnchen ließ sich mitten auf dem Echsenschädel auf den Hinterbeinen nieder, hob ein wenig die Vorderbeine und betrachtete ihn aus erschreckend klugen, schwarzen Knopfaugen. Izak hatte vorgehabt, lauthals nochmals nach den Wachen zu schreien und herumzutoben, aber nun fesselte das glatte, weiße Fell seine Aufmerksamkeit. Es erinnerte ihn an die pelzigen Blüten des Strauchs, die sich so unglaublich weich in seinen Händen angefühlt hatten. Gegen seinen Willen streckte er vorsichtig die rechte Hand aus. Nur einmal noch wollte er diese Zartheit fühlen, bevor sich sein Verstand endgültig verabschiedete. Kurz bevor seine Fingerspitzen das Eichhörnchen berührten, verharrte er unsicher. Und wenn es ihn nun biss?
Als ob das Tier seine Befürchtungen spürte, machte es einen Schritt nach vorne bis zur Stirn der Echse, nur noch ein Hauch trennte es von Izaks Hand. Dieses Vieh wollte also, dass er es berührte. Izak runzelte die Stirn. Das war nicht normal, keinesfalls. Das Eichhörnchen schien zu seufzen und keckerte dann ungeduldig. Izak knurrte zur Antwort, zog die Hand aber immer noch nicht weg.
“Das denkst du dir so!” flüsterte er böse und ärgerte sich mal wieder über das Lispeln, das ihm Gornig mit dem Messer verpasst hatte. Möglicherweise würde er sich auch vergiften, wenn er es anfasste. Diesen hinterlistigen Spitzohren war alles zuzutrauen.
Er würde sich nicht reinlegen lassen. Andererseits fragte er sich, warum er eigentlich noch so hartnäckig an seinem Leben hing. Was hatte er schon davon? Er saß in diesem elenden Verlies fest und würde wohl auch noch eine halbe Ewigkeit hier bleiben. So ganz war nicht klar, wie lange ein Ork lebte. Er kannte keinen, der an Altersschwäche gestorben war. Orks starben im Kampf, mit wem auch immer. Es konnte also eine lange Zeit hier unten vergehen. Den Eindruck, dass der bösartige Elbenkönig, der ihn hatte einsperren lassen, ihn irgendwann aus lauter Gnade wieder freilassen würde, hatte er jedenfalls nicht gehabt. Wer wusste also schon, wann diese Gefangenschaft ein Ende hatte?
Das Fell des Tiers war aber auch zu weiß, strahlend schön, wie Schnee. Izaks innerer Kampf neigte sich also wieder der anderen Seite zu. So ein schönes Fell konnte nur weich sein.
Nach kurzem Ringen mit sich selbst, denn Izak war nun eigentlich kein Held, nur ein hartnäckig Überlebender gegen alle Widrigkeiten, die ihm gewöhnlich von der eigenen Art entgegengestellt wurden, fasste er einen Entschluss. Wenn er schon sterben musste, dann zumindest nicht, ohne dieses Fell angefasst zu haben. Die Knie doch etwas zittrig, streckte er die Hand endlich weiter aus. Als seine Finger den Eichhörnchenpelz berührten, schloss er überrascht die Augen. Es war noch weicher, als er sich ausgemalt hatte. Viel schöner als die weichen Knospen des Strauchs und viel lebendiger schien ihm. Und es war warm. Leben erfüllte dieses kleine Geschöpf. So viel davon pulste durch diesen zerbrechlichen Körper, dass Izak es durch seine Fingerspitzen hindurch bis zu seinem eigenen Herzen spüren konnte.
Er verlor sein Zeitgefühl, gab sich einfach diesem fantastischen Gefühl hin, mit etwas verbunden zu sein, dem jedes Dunkel völlig fremd war. Es war wie ein Schlag in den Magen, als das Tier mit einem erneuten Keckern plötzlich davonsprang. Izak riss die Augen auf und seufzte enttäuscht. Im nächsten Moment japste er entsetzt, weil ihm diese Echse wie zum Trost mit der ekligen Zunge einmal quer durch das Gesicht schlängelte.
Das weiße Eichhörnchen hopste ohne jeden Blick zurück über den Echsenrücken wieder auf die Wand zu und verschwand mit einem großen Satz darin. Dann trat auch die Echse selber den Rückweg an. Das Verlies war zu klein, um sich wirklich umwenden zu können, also schob sich das riesige Tier einfach rückwärts wieder in den Fels zurück, aus dem es gekommen war. Izak war noch wie betäubt und als er sich endlich wieder rühren konnte, war er bereits alleine im Raum. Mit einem enttäuschten Ausruf eilte er auf die Wand zu und versuchte, sich ebenfalls hindurchzudrücken. Es passierte gar nichts, außer dass er sich äußerst schmerzhaft die Nase an dem massiven Stein anstieß. Kein Flirren, kein Durchkommen, er hatte seine Chance verpasst. Enttäuscht schlug er mit der Faust gegen den Fels und heulte sofort auf, weil er das Gefühl hatte, sich alle Knochen in der Hand gebrochen zu haben.
Er hatte kaum Zeit, sich über diesen Zwischenfall Gedanken zu machen, denn auf dem Gang waren Stimmen zu hören.
“Was macht er so?” erkundigte sich Gaellas, der Izak von allen inzwischen am vertrautesten war.
“Jammert rum, wie immer”, antwortete die Wache in der Nähe der Tür. “Wenn du mich fragst, ist er nicht ganz richtig im Kopf. Er führt Selbstgespräche.”
“Machen wir das nicht alle ab und an?”
Gaellas stieg in Izaks Achtung ganz gewaltig. Er konnte sich nicht erinnern, dass überhaupt mal jemand auf seiner Seite gestanden hatte. Einer war schon mal gut, selbst wenn es sich dabei um einen Elben handelte.
Mit einem misstrauischen letzten Blick auf die Wand drehte er sich so, dass er die Tür sehen konnte, die jetzt geräuschvoll entriegelt wurde. Gaellas machte einen Schritt in das Verlies hinein. Schwungvoll stellte er einen Korb auf dem Tisch ab.
“Dein Mittagessen”, verkündete er und lächelte freundlich. “Ich hab dir Äpfel einpacken lassen. Mir schien, dass du sie magst.”
Izak nickte stumm. Irgendetwas war nicht so, wie es sein sollte, aber er kam einfach nicht drauf.
“Geht es dir nicht gut?” fragte der Elb und hielt die Lampe ein wenig hoch. “Ich muss sagen, du scheinst ein wenig blass um deine krumme Nase. Soweit man das bei dem ganzen Dreck beurteilen kann, den du auf dir trägst.”
Empört runzelte Izak die Stirn. Was ging den Elb an, ob er dreckig war? Die Spitzohren waren sowieso besessen von Wasser. Da waren Menschen schon angenehmer.
“Schade, dass du mich nicht verstehst”, murmelte Gaellas mit einem Seufzer.
Izak hob die Hand, um ihm zu sagen, dass er sich da aber gewaltig täuschte, als ihm endlich einfiel, was ihn so störte. Er war ein Ork und er sprach kein Elbisch. Kein Ork, der auf sich hielt, würde auch nur das kleinste Wort dieser Sprache verstehen wollen. Allerdings gab es da nun ein kleines Problem, wie es schien. Gaellas sprach eindeutig elbisch mit ihm und Izak…nun, Izak verstand ihn ohne jede Schwierigkeit.
Mit flackerndem Blick wankte er Richtung Felswand. Dieses Eichhörnchen war dafür verantwortlich. Er, Izak, war verflucht.
“Was hast du?” Gaellas klang etwas nervös. “Izak?”
Ein Fluch! Ein elbischer Fluch! Das war einfach zuviel. Gaellas, der auf ihn zu eilte und am Arm fasste, verschwand in einem dunklen Nebel. Izaks Verstand hatte soeben beschlossen, sich einfach eine Weile zur Ruhe zu begeben, bis sich dieses Rätsel vielleicht von selbst löste.
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“Ihr werdet die Hilfe von den Galadhrim annehmen müssen”, bemerkte Gandalf zu Warrick. “Lange halten Eure Männer das Tempo nicht mehr durch.”
“Noch nicht”, erwiderte der Kapitän der ‚Butterblume’, der seit Stunden seinen Platz am Ruder nicht verlassen hatte und das behäbige Schiff nur durch sein Können und die Schlagkraft seiner Ruderer noch vor den Verfolgern auf dem Anduin hielt.
Erestor enthielt sich eines Kommentars. Die Elben an die Ruder zu lassen würde die letzte Lösung sein. Wenn die ‚Butterblume’ wirklich zurückfiel, waren Celeborns Bogenschützen viel besser zur Verteidigung dieses Kahns zu gebrauchen.
“Eine gute Rudermannschaft kann man nicht einfach austauschen”, erklärte Warrick mit gepresster Stimme. “Es würde uns mehr behindern als nutzen. Glaubt mir, Gandalf, ich weiß, was ich tue.”
“Davon bin ich überzeugt”, nickte der Maia und warf einen sorgenvollen Blick über die Schulter. “Ohne Euer Können wären wir jetzt nicht hier.”
Warrick schüttelte nur den Kopf. Seine Konzentration war ihm anzusehen. Er würde sein Schiff diesen Piraten nicht freiwillig überlassen. Ein verbissener Zug hatte sich um seine sonst immer zu einem freundlichen Lächeln verzogenen Lippen gelegt und Schweißperlen bedeckten seine Stirn, die von der Anstrengung zeugten, die ‚Butterblume’ in einem viel zu hohen Tempo durch die Strömungen und Untiefen des Anduin zu schicken, um den Verfolgern zu entgehen. Ab und an glitt sein Blick hoch zum Mast und dem Segel, das sich jetzt in einer gnädigen Brise aufblähte und den Männern unter Deck die Arbeit erleichterte.
Erestor nickte ihm aufmunternd zu und wandte sich dann ab, um wieder seinen Platz neben Celeborn einzunehmen, der hinter ihnen am äußersten Rand des Bootshauses stand und die Verfolger nicht aus den Augen ließ. Wie eine Statue wachte zwei Schritte von ihm entfernt Orophin über seinen Herrn und insbesondere dessen Bogen, den er zusammen mit dem Köcher für Celeborn griffbereit hielt. Die Lage war ernst, sogar todernst, aber Erestor konnte nicht verhindern, dass ein boshaftes Grinsen seine Lippen kräuselte.
“Dieser Bogen würde perfekt in Glorfindels Waffensammlung passen”, meinte er gedehnt. “Genau neben Ereinions Celei.”
“Heledir ist kein Zeremonialbogen, um Elbinnen zu beeindrucken”, widersprach Celeborn etwas säuerlich.
“Wenn Ihr es sagt.” Welche Elbin würde sich auch in seine Nähe wagen, solange Galadriel über ihren Gatten wachte? ergänzte Erestor im Stillen. Und wer gibt seinem Bogen den Namen ‚Eisvogel’? Celeborn ist eindeutig etwas exzentrisch. “Was machen unsere Verfolger?”
“Sie sind noch da.”
“Tatsächlich?”
Sie waren allerdings noch da, alle beide. Zu dem ersten Schiff hatte sich schnell ein zweites gesellt, das ebenso gezielt Jagd auf die ‚Butterblume’ machte wie das erste. Noch vor den Elben war Warrick aufmerksam geworden und hatte ihnen allen wahrscheinlich das Leben gerettet. Irgendein Instinkt warnte ihn, dass Gefahr auf sie lauerte. So hatte es sie nicht einmal überrascht, als das erste Schiff aus dem Seitenarm des Anduin hervorgekommen war. Überraschend war wohl eher seine Herkunft.
“Ich habe nachgedacht, wie diese Piraten bis hierher gelangen konnten”, verkündete Orophin.
Erestor warf ihm einen scharfen Blick zu. Wenn er sich recht erinnerte, war dieser Galadhel ein reinblütiger Sinda, er konnte unmöglich Gedanken lesen. “Und zu welchem Ergebnis seid Ihr gekommen?”
“Ein mächtiger Zauber kann nur die Ursache dieses Übels sein”, verbreitete Orophin mit ernster Miene das Resultat seiner tiefschürfenden Überlegungen. “Wie anders ist zu erklären, dass diese elenden Schurken die Rauros-Fälle überwinden konnten?”
“Sie haben die Schiffe über Land gebracht.” Warrick blickte sich nicht einmal zu ihnen um, aber leichte Ungeduld war in seiner Stimme zu erkennen. “Wir haben dies mit der ‚Butterblume’ selber schon gemacht. Es ist schwierig und erfordert den Einsatz großer Kraft, aber es ist nicht unmöglich. Dafür braucht man keinen Zauberer. Nichts für ungut, Gandalf.”
Orophins Miene verlor ein wenig von ihrer Hochgestochenheit und eine Grübelfalte zierte seine Stirn. “Einfach über Land?”
“Meinetwegen auch durch die Luft”, knurrte Celeborn. “Sie sind da und sie jagen uns. Wie weit ist es noch bis zur Alten Furt?”
“Morgen früh müssten wir sie erreichen”, antwortete der Kapitän nach kurzer Pause. “Wenn der Wind weiter so auffrischt, halten die Ruderer durch.”
Erestor ersparte ihnen allen die Bemerkung, dass der Wind auch für die beiden Piratenschiffe wehte und nicht nur für die ‚Butterblume’. Warrick tat sein Bestes, es war nicht nötig, ihn zu entmutigen. Etwas, zu dem leider aller Grund bestand. Die beiden Verfolger waren der ‚Butterblume’ eigentlich an Schnittigkeit weit überlegen. Die Schiffe waren schlank und für schnelle Fahrten gebaut, hatten mehr Segel und waren sicher bestens geeignet, längsseits zu gehen und harmlose Handelschiffe aufzubringen.
Bedrohlich wie Raubvögel lavierten sie hinter ihnen durch den Fluss und auch wenn sie nur zentimeterweise den Abstand verringerten, so war doch unübersehbar, dass sie den behäbigen Handelskahn irgendwann einholen würden.
Celeborn reckte die Arme und ließ sich dann von Orophin seinen Bogen und einen Pfeil reichen. Offenbar hatte er beschlossen, sich die Wartezeit mit ein wenig Ertüchtigung zu vertreiben. Seelenruhig legte er an, seufzte noch einmal leise und entließ dann den Pfeil. In einer schönen Kurve flog das weiße Geschoss zu dem vorderen der beiden Boote und der Pirat im Ausguck des Hauptmastes fiel mit einem Pfeil in der Brust kreischend zwischen seine entsetzten Kumpane auf Deck.
“Der Wellenschlag hat das Ziel verwackelt”, meinte Celeborn entschuldigend. “Ich wollte ihn eigentlich dort oben mit dem Pfeil zwischen den Augen festnageln.”
“Dennoch ein vortreffliches Ergebnis”, widersprach Orophin mit einer leichten Verneigung. “Für die schlichten, dunklen Seelen dieser Halsabschneider wäre der subtile Sinn ohnehin verschwendet.”
“Ganz meine Meinung”, grinste Erestor.
Auf dem Piratenschiff wurden Schilde hochgenommen. Die Ruderer, die keinesfalls so harmonisch arbeiteten wie Warricks Männer, kamen einen Moment vollends aus dem Takt und das Schiff fiel deutlich hinter sein Begleitschiff zurück. Von diesem kam nun ein halbherziger Versuch, es den Flüchtenden mit gleicher Münze zurückzuzahlen, doch das halbe Dutzend Pfeile platschte gefahrlos in die Fluten hinter dem Ruderblatt. Wilde Gestalten brüllte ebenso wilde Flüche in Richtung der ‚Butterblume’, es wurden Fäuste gereckt und noch andere, obszöne Gesten gemacht. Allerdings gingen die aufgebrachten Piraten schnell in Deckung, als sich Celeborn demonstrativ einen weiteren Pfeil reichen ließ. Das war wohl sogar für die begrenzte Fernsicht der Sterblichen zu erkennen, leuchtend genug waren die weißen Pfeile schließlich.
Celeborn betrachtete einen Moment das Gewirr an Bord, mit dem sich die Piraten verschanzten und gab dann leicht betrübt den Pfeil wieder an Orophin zurück. “Es wäre jetzt Verschwendung.”
“Und außerdem wird es sie kaum mehr so entsetzen”, ergänzte Erestor leise. “Das war ganz nett, doch hilft es uns nicht wirklich.”
Celeborn wandte sich ihm zu. Auf den immer so gelassenen Zügen des Elbenfürsten war wenig von seiner eigentlichen Stimmung zu erkennen, die Augen verrieten ihn jedoch. Sorge ließ sie dunkel erscheinen und obwohl seine Stimme ebenso leise wie die Erestors war bei seinen nächsten Worten, war die Anspannung darin nicht zu überhören. “Sobald es dunkel wird, werden die Orks wieder an Deck erscheinen und dann kann uns nur noch ein Wunder helfen. Auf dem vorderen Schiff ist ein Uruk’hai.”
“Ich weiß. Ich habe ihn gesehen.” Erestor rief sich das Bild des hünenhaften Geschöpfes wieder vor Augen, das vorne im Bug gestanden und wie das Tier, das es eigentlich war, seinen Blutdurst hinausgeschrieen hatte. Saurons Krieger war nun mit den anderen Orks unter Deck, obwohl er das Sonnenlicht, das ohnehin nicht mehr lange verweilen würde, nicht zu fürchten brauchte. Es war anzunehmen, dass er einfach die Orks in Schach hielt. “Dann dürfte wohl auch der letzte Zweifel behoben sein, warum sich Piraten aus Umbar die Mühe machen, hier oben auf dem Anduin anzugreifen.”
“Es beunruhigt mich nur, dass offenbar keiner unserer Schritte ein wirkliches Geheimnis ist.”
“Ich schätze, da sollten wir uns bei Gandalf bedanken”, murmelte Erestor.
Der Maia drehte sich zu ihnen um und zuckte mit den Schultern. “Irgendwie musste ich ja die Informationen beschaffen, die wir brauchten.”
“Euer Ergebnis war recht dünn”, stichelte Erestor. “Und der Effekt auf uns dafür umso schlimmer. Ihr solltet an Euren Fähigkeiten arbeiten, Mithrandir.”
“Um wie ein Schatten durch die Leben anderer zu huschen? So wie Ihr, Lord Erestor?”
“So wie ich.”
“Eher trenne ich mich von meinem Stab!”
“Verkauft ihn. Sauber und poliert genug ist er schließlich.”
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Galadriel stand auf dem ersten Absatz der breiten Treppe, die in der Vorhalle des Talans die Besucher noch auf die äußeren Plattform bannte, während die Herrin selber sich so nah und dennoch fern befand. Das Licht, das ihr innewohnte, leuchtete mit heller Kraft und dennoch voller Wärme. Üblich war dies nicht, wenn Fremde ihr gegenüberstanden und der Elb, der einen Schritt vorgetreten war, gehörte eindeutig in diese Kategorie. Er neigte den Kopf und richtete sich dann wieder zu seiner stattlichen Größe auf.
“Leicht zu beeindrucken ist er jedenfalls nicht”, flüsterte Arwen und betrachtete ihn voller Neugierde. “Sieh ihn dir an, Maedcam. Ein ungewöhnlicher Elb.”
Die so Angesprochene lächelte etwas verkrampft. Das brauchte Arwen ihr nicht zu sagen. Schon als sie ihn zum ersten Mal vor dem Tor der Stadt gesehen hatte, war ihr seine dunkle Schönheit aufgefallen, die sich doch sehr von der der fast ausschließlich blonden Galadhrim unterschied.
Irgendwie bereute sie doch stark, dass sie sich von Arwen hatte überreden lassen, hier auf dem Balkon diese Audienz zu beobachten, die die Herrin dem Hauptmann aus Düsterwald so rasch nach seiner Ankunft gewährt hatte. Natürlich war er wichtig, ebenso wie Haldir, und mit Sicherheit brachte er auch Nachrichten, die Galadriel zu wissen verlangte, doch gewöhnlich verlegte sie solche Treffen auf die Abendstunden, wenn das Licht des Talans für eine noch großartigere Kulisse sorgte und der Neuankömmling mächtig beeindruckt war.
“Forlos?” Arwen stieß sie leicht an. Celebrians Tochter war aufgelebt, seit die beiden Hauptmänner in Caras Galadhon eingetroffen waren. Wahrscheinlich versprach sie sich Neuigkeiten von Estel. “So heißt er doch, oder?”
“Hmhm”, brummelte Maedcam und fühlte sich leicht gestört durch Arwens Zwischenfrage. Sie hätte zu gerne gewusst, was die drei dort unten zu besprechen hatten. Haldir hielt sich dicht an Forlos’ Seite und wirkte beunruhigend angespannt. Forlos ließ es zwar an keinem Deut der Achtung vor Galadriel fehlen, doch unterwürfig konnte man ihn keinesfalls nennen.
“Er ist ein Rhûnar-Elb”, schwatzte Arwen weiter. Sie stützte sich nun mit den Armen auf das Geländer des Balkons und ein schwärmerischer Ausdruck trat in ihre Augen, die von so tiefem Blau waren, wie es Maedcam noch nie zuvor begegnet war. Der Sterbliche, der ihr Herz wohl zu Lord Elronds Leidwesen erobert hatte, musste schon etwas ganz Besonderes sein. “Wenn ich an die ganzen Geschichten denke, die man sich über sie erzählt, kann ich es kaum erwarten, ihm persönlich zu begegnen. Findest du nicht, dass ihn ein tragischer Schatten umgibt?”
“Tragischer Schatten?” echote Maedcam und lehnte sich ebenfalls etwas vor, um Hauptmann Forlos nochmals genauer in Augenschein zu nehmen, bevor er mit Haldir und Galadriel im Innern des Talans verschwand. Er war ebenso groß wie Haldir, wenn auch von schmalerer Silhouette, seine rabenschwarzen Haare fielen ohne große Spielereien über seinen Rücken, nur die einfachen Flechtstränge der Krieger hielten sie zurück. Eine kostbar gearbeitete Schwertscheide hing an der linken Seite seines Waffengurts und der Griff des Schwertes selber sprach ebenfalls von erlesener Machart. Das war aber auch der einzige erkennbare Schmuck. Nötig hätte er auch sonst keinen gehabt. Dieser Hauptmann strahlte Würde und Eleganz aus. Maedcam konnte sich nicht vorstellen, dass er ebenso laut werden konnte, wie Haldir es mitunter zuwege brachte, ärgerten ihn seine Galadhrim etwas zu sehr mit Nachlässigkeiten. Alles in allem war er umwerfend. Aber einen tragischen Schatten konnte sie nicht feststellen.
“Ich muss schon sagen, du hast einen prächtigen Verlobten”, kicherte Arwen, als die drei endgültig aus ihrem Sichtfeld verschwunden waren.
Innerlich ging Maedcam fast in die Knie. Sie hatte sich am Vorabend zwar nicht beherrschen können, diesen Elb etwas damit sprachlos zu machen, aber so langsam wurde aus der Anekdote, mit der Haldir sie so gerne aufzog, eine peinliche Angelegenheit. Irgendwie hatte sie nicht damit gerechnet, dass Hauptmann Forlos jemals hier in Lothlorien auftauchen würde. Ihn nun kennen zu lernen, gab der Sache etwas höchst Persönliches und Maedcam war nicht der Charakter, der damit einfach umgehen konnte.
“Du bist zu schüchtern”, verkündete Arwen, die sie aufmerksam beobachtet hatte. “Wenn ich mir vorstelle, Estel stünde dort unten, würde mich nichts mehr hier an meinem Platz halten.”
“Ich kenne ihn doch gar nicht.”
Arwen stutzte ein wenig. “Natürlich kennst du Estel nicht.”
“Den meinte ich nicht.”
“Sondern?”
“Forlos”, hauchte Maedcam ermüdet. Sie hielt Arwen für eine außergewöhnliche Elbin, klug und voller Herzenswärme, aber dieser Sterbliche aus Bruchtal hatte eine verheerende Wirkung auf sie. Kein Wunder, dass Lord Elrond sie hergeschickt hatte. Ihn musste die Hoffnung getragen haben, dass etwas Abstand den Geist seiner geliebten Tochter wieder mit dem gewohnten Scharfsinn füllte. Aber das würde wohl noch ein paar Jahre dauern.
“Wir sollten uns etwas einfallen lassen, damit du Zeit mit ihm verbringen kannst”, überlegte Arwen und schritt entschlossen in den Wohnraum ihrer Großmutter zurück, in dem sich die beiden Elbinnen aufgehalten hatten, bevor die Ankunft des Tawarwaith sie aus dem Gleichklang des Alltags gerissen hatte.
Maedcam folgte ihr hastig. “Arwen, das ist nicht nötig. Er ist nur hier, weil dieser Kampf vorbereitet werden muss.”
“Aber nicht den ganzen Tag lang”, tat Arwen ihren Einwand mit einer knappen Geste ab. “Wie wäre es, wenn du vorschlägst, ihm ein neues Hemd zu nähen? Er kann doch nicht die ganze Zeit in dem gleichen rumlaufen.”
“Arwen!” Maedcam atmete tief durch. “Hauptmann Forlos wird sicher besseres zu tun haben, als sich neue Kleidung schneidern zu lassen.”
“Dann werden wir eben dafür sorgen, dass ihm das Ganze als prächtige Idee erscheint.”
“Ich möchte nicht-”
“Es wird aber Zeit!” schnitt ihr Arwen mit strenger Stimme das Wort ab. “Wir Eldar wurden nicht für die Einsamkeit erschaffen.”
Maedcam starrte sie sprachlos an. Arwen konnte ihre Abstammung wirklich nicht verleugnen. In ihrem Blut flossen ganze Generationen von Herrschern. Allerdings hatten die sich wohl auf Wichtigeres beschränkt, als auf den Familienstand ihrer Umgebung.
“Du wirst ihm also ein Hemd nähen”, setzte Arwen ihre Schlachtplanung fort. “Dafür musst du natürlich Maß nehmen. Das dürfte eine höchst vergnügliche Beschäftigung sein. Hast du nicht auch für Haldir letztens ein Hemd genäht?”
Stumm nickte Maedcam und dachte an etwas Harmloses wie die Tatsache, dass sie vergessen hatte, die Kräutertöpfe vor der Tür ihres Talans zu gießen. So konnte sie wenigstens verhindern, dass sie rot anlief. Eigentlich kannte sie Haldir schon Zeit ihres Lebens, aber vor einigen Monaten hatte sie mit plötzlicher Klarheit feststellen müssen, dass Loriens Hauptmann, wie er da so mit nacktem Oberkörper vor ihr stand, aus gutem Grund das Jagdfieber zahlreicher Elbinnen anfachte und zwar seit vielen Jahrhunderten. Vielleicht wurde es tatsächlich Zeit, sich Gedanken über einen Gefährten zu machen. Allerdings musste es ja nicht sofort dieser Hauptmann aus dem fernen Düsterwald sein…
“Ah, meine Enkelin”, bohrte sich Galadriels vertraute Stimme in ihre Überlegungen. “Und Maedcam, die Ihr wohl bereits kennen gelernt habt.”
Maedcam wäre einfach nur wie ein Mallornstamm mitten im Raum stehengeblieben, doch Arwen zerrte sie unerbittlich am Arm neben sich her auf die drei Elben zu, die gerade eingetreten waren.
“Hauptmann Forlos”, trällerte Elronds Tochter und wohl nur Maedcam fühlte sich dabei stark an die Begrüßung einer Spinne in ihrem Netz erinnert. “Ihr könnt Euch nicht vorstellen, wie ich mich auf diese Begegnung gefreut habe. Nicht wahr, Maedcam, eben sagte ich noch, wie schön es wäre, König Thranduils vortrefflichsten Krieger endlich Angesicht zu Angesicht gegenüberzustehen.”
Wenn der Hauptmann irritiert war, ließ er sich wenigstens nichts anmerken. Er verneigte sich höflich. “Das Licht des Abendsterns trotz dieser frühen Stunde am Morgen… Lothlorien ist wirklich zu beneiden.”
Soviel dazu, dachte Maedcam leicht betrübt. Er kann ihr ebenso wenig widerstehen wie der Rest seiner Geschlechtsgenossen. Von wenigen Ausnahmen wie Haldir mal abgesehen.
“Dann habt ihr also über unseren Gast gesprochen?” erkundigte sich Galadriel freundlich. “Und was ist das Ergebnis eurer Beratung?”
Irritiert bemerkte Maedcam, dass Haldirs Lippen zu einem schmalen Strich wurden und er äußerst misstrauisch von Galadriel zu Arwen sah. Forlos hingegen schien nur Augen für Arwen zu haben.
“Maedcam denkt, der Hauptmann braucht ein neues Hemd”, log Arwen ungehemmt und mit einem strahlenden Lächeln.
“Aber…” Unter dem verblüfften Blick des Tawarwaith gingen Maedcam die Worte des Protestes aus.
“Er kann eines von meinen haben”, warf Haldir hastig ein.
“Nein, nein, der Gedanke ist doch vortrefflich”, sagte Galadriel und lächelte ebenso strahlend wie ihre Enkelin. “Wir können doch einen Gast nicht in Euren abgelegten Sachen herumlaufen lassen, Haldir.”
“Ich würde ihm ein neues geben”, knurrte Maedcams ältester Freund übellaunig.
“Es würde ihm nicht passen”, wischte Arwen den Einwand beiseite. “Nachher denkt man in Düsterwald noch, wir sind knausrig.”
“Man denkt eher etwas anderes”, murmelte Haldir kopfschüttelnd. “Zum Beispiel, dass hier Vereinbarungen nicht eingehalten werden.”
“Sagt wer?” erkundigte sich Galadriel spitz. “Ein Hemd ist schließlich keine Zauberei, nicht wahr?”
“Der Unterschied erschließt sich mir zurzeit nicht wirklich.”
Unsicher sah Maedcam nun doch zu Hauptmann Forlos. Seine Miene war zwar noch immer sehr gelassen, aber in seinen Augen las sie das gleiche Unverständnis wie in den ihren. Nebenbei fiel ihr noch auf, dass das Blau seiner Augen eigentlich noch beeindruckender war als das Arwens.
“Es ist wohl ein Angebot, das ich nicht ablehnen kann”, meinte Forlos gedehnt.
“Genau”, bestätigte Galadriel hoheitsvoll und sehr endgültig.
“Besser wäre es aber dennoch”, murrte Haldir. “Vielleicht sollten wir Maedcam fragen, ob sie überhaupt die Zeit dafür hat.”
“Ein guter Gedanke”, nickte Forlos und räusperte sich etwas. “Maedcam?”
Kurz vor einem Gewitter auf der Krone des höchsten Mallorn konnte es nicht angespannter sein. Jeden Moment mussten Blitze auf sie niederfahren, egal was sie nun antwortete. Maedcam holte tief Luft. “An welche Farbe dachtet Ihr denn?”
Kapitel 9 - Heiße Ohren
Glorfindel ließ seinen Blick in die Ferne schweifen. Gewöhnlich sparte er sich derartige dramatische Posen für den Fall auf, dass ein leicht zu beeindruckendes weibliches Wesen in der Nähe war. Das einzige, zugegeben höchst wohlgerundete Geschöpf, das er gerade überhaupt erkennen konnte, war eine Beorningerin, die trotz der späten Stunde und mit einer Lampe in der Hand aus Grimbeorns Haus kam. Wenn Glorfindel sich nicht täuschte, war es eine von Grimbeorns Töchtern und damit in hohem Maße gefährliches Terrain. Außerdem trug sie nicht nur die Lampe, sondern auch einen Nachttopf, um ihn zur Jauchegrube zu bringen. Alles in allem waren diese Merkmale stark genug, sein Interesse an der Maid im Keim zu ersticken.
Der eigentliche Grund, warum er nun hier etwas erhöht und voll bewaffnet am Ufer des Anduin stand und südwärts blickte, beide Fäuste in die Seiten gestützt und eine nachdenkliche Falte auf der Stirn, war eine simple Ahnung. Ein Gefühl der Irritation hatte ihn aus seinem Zelt getrieben, quer durch das stille nächtliche Lager seiner Garde und hier hinauf. Eine Weile hatten ihm nur ein paar frühe Glühwürmchen Gesellschaft geleistet und die grandiose Kulisse der Gegend, an die man sich aber letztendlich auch gewöhnte. Trotzdem verharrte er störrisch und ließ den Blick mangels anderer Beschäftigung eben weiter schweifen, wobei er das Schweifen grob auf die südliche Richtung begrenzte.
Es war fast eine Erleichterung, als er die beiden Reiter ausmachte, die sich am Ufer des Anduin entlang durch den Wald bewegten. Und zwar von Süden aus. Sozusagen Anduin aufwärts, wie er in Gedanken ergänzte.
“Wen haben wir denn da?” murmelte er zufrieden. Es war immer eine Genugtuung, wenn sich Vorahnungen erfüllten. Die Verwirklichung von Visionen war eine andere Sache, auf die hätte er gerne verzichtet, aber Vorahnungen waren Bestandteil seiner Kriegerseele und ihre Verlässlichkeit beruhigte ihn.
Es war sternenklar und außerdem fast Vollmond. Für den Vanya war damit jedes Hindernis ausgeräumt, die beiden selbst auf diese Entfernung klar erkennen zu können. Er kannte diese Reiter. Immerhin hatte er sie selber ausgeschickt, die Gegend zu erkunden. Orks waren in diesen Zeiten überall und er hatte nicht vor, wegen mangelnder Wachsamkeit einen Krieg zu verlieren. Nach Elronds Auskunft sollte er zwar erst im Sommer beginnen, aber Visionen hatten gelegentlich ihre Tücken. Es war durchaus möglich, dass die Quelle der Visionen es mit der Jahreszeit nicht so genau nahm.
Glorfindel setzte sich Bewegung, um die beiden Kundschafter abzufangen, noch bevor sie mitten ins Lager stürmten und alle aus dem Schlaf rissen. Es reichte ein gemütlicher Schlenderschritt, um ihn wieder an den Nordrand der Zeltstadt zu bringen und dann hindurch zwischen den Rundzelten hindurch zu wandern, die in großzügigen Abständen aufgebaut waren und ihren Bewohnern wenigstens etwas Abgeschiedenheit hinter den wetterfesten graublauen Zeltbahnen gewährten. Alles lag in tiefer Ruhe, nur die obligatorischen Wachen begegneten ihm und beschränkten sich auf einen stillen Gruß.
Er kam noch früh genug am südlichen Lagerrand an, um die beiden Reiter auf einer Hügelkuppe etwas weiter östlich auftauchen zu sehen. Aufmerksam beobachtete er sie und bemerkte mit wachsender Beunruhigung, dass sie abgehetzt und alarmiert wirkten. Dennoch glitt so etwas wie Erleichterung über ihre Gesichter, als sie ihn erkannten. Dicht vor ihm brachten sie ihre ebenso erschöpften Pferde zum Stehen.
“Beunruhigende Nachrichten”, rief der dunkelhaarige Elb, der offenkundig der ranghöhere war, denn sein Begleiter machte keinerlei Anstalten, das Gespräch zu eröffnen, sondern beschränkte sich auf eine tiefe Neigung des Kopfes in Glorfindels Richtung.
“Orks?” fragte Glorfindel knapp.
“Das auch”, bestätigte Elugannel und atmete tief durch. “Ich weiß nicht genau, wie man es nennen kann.”
“Dann lasst Euch schnell etwas einfallen”, knurrte Glorfindel.
Elugannel überlegte einen Moment. “Eine Seeschlacht?”
Glorfindel sagte gar nichts, nur seine Augenbrauen wanderten ein Stück nach oben.
“Drei Schiffe. Zwei Verfolger, eines das flieht.” Elugannel gestikulierte entgegen seiner sonstigen Art recht heftig. “Als wir sie verließen, hatten die Verfolger fast aufgeholt und schossen Brandpfeile.”
“Hm”, machte Glorfindel und unterdrückte das Gefühl der Enttäuschung. “Die Sterblichen gehen überall auf Raubzug. Wahrscheinlich ein Überfall auf ein Handelsschiff.”
“Lord Erestor ist an Bord des vorderen Schiffs.”
“Wer?” Glorfindel war einiges von seinem Freund gewöhnt, aber unter Piraten hatte er ihn bislang nicht vermutet.
“Lord Erestor”, wiederholte Elugannel. “Auf dem Handelsschiff…”
Glorfindels Miene hellte sich schlagartig auf. Damit änderte sich die Situation natürlich. “Holt mir Asfaloth”, befahl er dem zweiten Krieger. “Das sehe ich mir genauer an. Elugannel, Ihr begleitet mich.”
“Nur wir beide?”
“Auf dem Anduin können wir ihm kaum helfen.” Wenn er es überhaupt will, ergänzte er im Stillen. Wer wusste schon, was Erestor wieder im Schilde führte?
“Da wäre noch etwas”, meinte Elugannel gedehnt in die Stille hinein.
Sollte er nachfragen oder nicht? Glorfindel schob alle Bedenken beiseite. “Was?”
“Lord Celeborn war auch an Bord.”
“Tatsache?” Damit hob sich endgültig Glorfindels Laune. Selbst die Erkenntnis, dass hier offenbar Schiffe in das Rätsel verwickelt waren und er derartige Fortbewegungsmittel für das Überflüssigste in Iluvatars großartiger Schöpfung hielt, konnte daran nichts mehr ändern.
Noch kurz musste er sich gedulden, bis ihm Asfaloth gebracht wurde, bevor er endgültig auf dem Weg zum Ort des Geschehens war. Elugannel mochte die Lage nicht recht verstehen - Glorfindel auch noch nicht - aber er kannte zumindest genau den Weg. Der geschulte Krieger hatte sogar berücksichtigt, dass die Schiffe wohl inzwischen einen weiteren Teil der Strecke zurückgelegt hatten, denn ohne lange Umwege führte er Glorfindel direkt an einen Punkt, wo sich der Anduin mal wieder tief in den Rücken der Welt schnitt und das Ufer hoch zu beiden Seiten hinaufragte.
Die Aussicht war fabelhaft, der Anblick selber allerdings nicht so sehr.
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Hestia fürchtete sich. Der Grund dafür waren nicht die Piratenschiffe mit ihrer blutrünstigen Besatzung, die nun schon fast in Reichweite der Bogenschützen angelangt waren. Vor einem Kampf fürchtete sie sich schon lange nicht mehr. Wenn sie darin starb, war es ohnehin kein überraschendes Ende für sie. Nein, Hestia fürchtete sich vor dem Anduin.
Nervös krallte sie sich an der Reling fest und sah voraus auf die Landmarke in Form einer Felsnase, die weit über der Oberfläche des Anduin aus dem Fels ragte und auf der eine einsame Tanne wuchs. Auch bei den letzten Fahrten hatte dieser Anblick sie immer in diesen Zustand gebracht. Warrick ist ein guter Steuermann, tröstete sie sich verzweifelt. Nicht ein einziges Mal ist die ‚Butterblume’ dort in Schwierigkeiten geraten.
Trotzdem trat kalter Schweiß auf ihre Stirn. Die Untiefen, die vor ihnen lagen, verlangten einiges vom Schiff und seiner Besatzung. Das war schon unter normalen Umständen keine einfache Angelegenheit, aber jetzt…
Hestia lenkte sich ab, in dem sie die Quelle all ihren Ärgers finster musterte. Dieser widerliche Elb stand neben dem anderen, kaum weniger widerlichen Elben aus dem verhexten Wald hinter Warrick an den Heckaufbauten und wandte ihr den Rücken zu. Wenn sie sich getraut hätte, hätte sie ihm ein Messer zwischen die Schulterblätter geschleudert. Hestia grinste bösartig. Dann würde er über Bord gehen und unter dem ersten Piratenschiff verschwinden. Er würde auf den Boden des Anduin sinken und von den Fischen gefressen werden. Ob er dann auch noch sein hinterhältiges, kaltes Lächeln zeigen würde, wagte sie zu bezweifeln.
Ihre Laune trübte sich wieder. Leider bezweifelte sie, dass Erestor sich so einfach abstechen ließ. Wahrscheinlich hörte er das Messer kommen, oder ein anderer seiner spitzohrigen Freunde pflückte es mitten aus der Luft. Diese Elben waren verdammt schnell, sogar die weißhaarige Natter, die ihr beinahe noch mehr auf die Nerven ging als Erestor selbst.
Die ‚Butterblume’ begann unruhig in den ersten Ausläufern der Untiefen zu tanzen. Schlagartig waren alle Gedanken an Rache und Vergeltung verdrängt und Hestias Angst kehrte zurück. Warrick hatte es noch nie gewagt, bei Nacht diese Stelle zu passieren und selbst bei Tageslicht manövrierte er gewöhnlich mit dem geringsten Tempo durch die Wirbel hindurch, die die dicht unter der Oberfläche liegenden Felsnadeln erzeugten.
“Hestia!”
Sie zuckte zusammen und biss sich dabei auch noch auf die Lippe. Erestors Stimme, besonders wenn er Befehle schrie, hatte wirklich keinen guten Effekt auf ihre Gesundheit. Verärgert wischte sie mit dem Handrücken das Blut vom Mund und starrte wortlos zu ihm herüber.
Er deutete hinauf auf den Hauptmast. “Mach, dass du da hochkommst.”
“Jetzt?” echote sie entsetzt. “Wir kommen gleich-”
“Ich weiß, wo wir gleich sind”, unterbrach er sie herrisch. “Aber wir müssen verhindern, dass die Segel Feuer fangen. Beweg dich!”
“Beweg dich, beweg dich”, schimpfte sie leise vor sich hin. Dennoch schnappte sie sich einen Eimer mit einem Seil und ließ ihn über Bord, um ihn mit Wasser zu füllen. “Warum sollten die Segel Feuer fangen? Eher werden wir alle ertrinken.”
“Und du als erste, wenn du dich nicht beeilst”, wurde sie von der Seite angefaucht. Gleichzeitig ließ diese widerlich hübsche Zwergelbin mit den Schlangenaugen einen zweiten Eimer zu Wasser. “Es ist deine Schuld, dass ich jetzt hier helfen muss. Wenn du nicht wärst, könnte ich die anderen Krieger unterstützen.”
“Wie denn?” höhnte Hestia. “Willst du die Orks mit deiner großen Klappe beeindrucken? Zu mehr reicht es ja sowieso nicht.”
“Es dürfte reichen, dass ich euch beide gleich über Bord schmeiße!” Die Stimme war so bedrohlich wie eine Messerklinge an der Kehle. Erestor hatte sich hinter beiden aufgebaut und genoss es jetzt eindeutig, dass nicht nur Hestia sondern auch Leiloss so zusammenschraken, dass sie ihre Eimer zur Hälfte über ihre Kleidung ausschütteten. “Leiloss, rauf auf den Mast! Hestia, du reichst ihr besser nur die Eimer an.”
“Warum muss ich ihr die Eimer…?” schmollte Hestia, unterbrach sich aber sofort wieder. Sollte doch die dumme Elbin dort rumturnen. Sie würden schon merken, wie unruhig es gleich würde. “Ich mach ja schon.”
Erestor hörte ihre letzten Worte gar nicht mehr. Er hatte sich einfach wieder umgedreht und war an seine alte Position zurückgeeilt. Auch Leiloss stand nicht mehr neben ihr, sondern turnte bereits die zu schmalen Strickleitern verknüpften Taue hinauf. Neidvoll bemerkte Hestia die Leichtigkeit, mit der die Elbin sich auf dem unsicheren Grund hielt. Wie eine Eidechse glitt sie hoch hinauf, obwohl die ‚Butterblume’ bereits stark gegen die Strömung kämpfte und sich das behäbige Schiff wie ein wütender Bulle gegen die Kräfte wehrte, die es gegen die Felsen ziehen wollten.
Aber auch der Neid war nicht stark genug, Hestia noch länger ablenken zu können. Warrick steuerte viel zu schnell in die Untiefe hinein. Er konnte zwar nicht anders, um weiterhin den Abstand zu den Verfolgern zu halten, aber lange würde ihnen das auch nicht mehr helfen. Hestia warf einen letzten Blick auf das Piratenschiff schräg hinter ihnen. An Deck brannten Lichter. Es dauerte einen Moment, bis sie erkannte, dass dies Pfeile waren, die diese ekligen Monster wohl in Pech getaucht und entzündet hatten. Sie planten, die ‚Butterblume’ in Brand zu stecken. Ausgerechnet in den Untiefen, in denen man nicht einmal über Bord springen und sich ans Ufer retten konnte.
Hestia nahm es Leiloss nicht einmal mehr übel, dass sie den nun leeren Eimer neben ihr auf Deck fallen ließ. Sie hätte ihn zwar mit dem Seil bremsen können und wahrscheinlich lag es sogar in der Absicht des Spitzohrs, sie damit zu treffen, aber darüber würden sie sich später unterhalten. Hestia füllte ihn auf und sah nur kurz zu, wie Leiloss ihn eilig wieder nach oben zog, um ihn dort über das Segel zu entleeren. In der Zwischenzeit bemühte sich Hestia, ihren eigenen Eimer wieder aufzufüllen, ohne über Bord zu gehen.
Sie war nicht die einzige, die sich mit dieser Aufgabe abmühte. Mehrere der Mannschaft waren gleich ihr damit beschäftigt, auf dem schwankenden Deck herumzulaufen und alles mit Wasser zu übergießen, das womöglich Feuer fangen konnte. Die Elben gehörten nicht zur Löschtruppe. Sie hatten sich bei Erestor und diesem Celeborn versammelt, um die ‚Butterblume’ zu verteidigen. Eigentlich fingen sie sogar schon damit an. Hestia ließ sich wieder davon ablenken. Es war ein zu faszinierender Anblick, wie die Elben die Pfeile aus den Köchern zogen und diese ebenfalls an der Spitze von Feuer umhüllt wurden, kaum legten sie sie in die Sehne. Gandalf musste dafür verantwortlich sein. Ganz ruhig stand er hinter ihnen, hatte den Stab ein Stück vor sich abgestellt und in dessen knorriger Spitze glühte ein geheimnisvolles Leuchten. Der Zauberer war wirklich unheimlich, seit er mit den Elben zusammen war.
Die ‚Butterblume’ schlingerte einmal heftig und Fels kratzte über Holz. Hestia lehnte sich vor und sah voller Entsetzen, wie zwei Ruderblätter abgerissen wurden. Im nächsten Moment erklangen Schmerzensschreie unter Deck. Es musste die Ruderer heftig durchgeschüttelt haben, als der Zusammenprall erfolgte. Warrick schrie einen Befehl, drehte heftig am Ruder und die ‚Butterblume’ befreite sich widerwillig aus den Wirbeln, die sie näher an die nächsten Felsen getragen hätten. Die Steuerbordseite neigte sich tief dem aufgewühlten Wasser entgegen. Hestia hielt sich an dem Seil fest, das Leiloss ihr mitsamt dem Eimer wieder vor die Füße geworfen hatte. Ein Besatzungsmitglied neben ihr hatte nicht so viel Glück. Er fiel zu Boden und rutschte auf dem nassen Deck immer schneller auf die dem Wasser zugeneigte Seite zu. Es schien unvermeidlich, dass er über Bord gehen oder zumindest heftig gegen die Holzreling krachen und sich schwer verletzen würde.
Hestia schrie entsetzt auf, aber sie konnte einfach nichts tun. Zu schwer war es schon, sich in diesem Moment selber auf der schräg im Wasser liegenden ‚Butterblume’ zu halten. Jemand anderer hatte keine Schwierigkeiten mit dem Gleichgewicht. Wie aus dem Nichts tauchte der Elb, der immer um die weißhaarige Schlange rumschlich, auf. Er packte den zappelnden Seemann am Kragen und zerrte ihn das schräge Deck bis zum Mast hinauf. Auffordernd gestikulierte er in Richtung Hestias, die ohne lange zu überlegen das Seil des Eimers fester um ihre Hand schlang und sich auf die beiden zurutschen ließ. Der Elb fing sie mit einem Arm auf, schob sie gegen den Mast und bedeutete ihr dann, Warricks leicht benommenen Seemann zu übernehmen. Kaum hatte sie ihn gepackt, nickte ihr der Elb noch einmal zu und lief dann wieder davon.
Der Seemann sah aus einem Gewirr nasser blonder Haare zu ihr herauf, während er sich jetzt mit beiden Händen am Mastbaum festklammerte. “Danke.”
“Bedank dich bei dem Elb”, knurrte sie ihn an. Sie zuckte zusammen, als an dem um ihr Handgelenk geschlungenen Seil heftig gezerrt wurde. “Was willst du, Glamdîs?”
“Pennst du?” brüllte es von oben. Leiloss hing über der Rahe mehrere Meter über ihr und deutete auf einen Pfeil, der zwar nicht im Mast selber sondern in eines der darauf verlaufenden Taue eingeschlagen war. Die Flammen leckten bereits daran empor und es war nur eine Frage der Zeit, wann das Tau reißen und das Segel an Halt verlieren würde. “Ich komm von hier aus nicht ran.”
Hestia seufzte. In Leiloss’ Eimer war noch genug Wasser, um die Gefahr abzutöten. “Zieh mich hoch!”
Leiloss nahm sie prompt beim Wort. Hestia schrie kurz auf, als sie den Boden unter den Füßen verlor, weil die Elbin das Seil mit beiden Händen packte und sie ungestüm nach oben zog. Sie pendelte etwas hin und her, zappelte mit den Beinen, um es auszugleichen und sengte sich an der Stirn die Haare an, weil Leiloss mit dem Ziehen genau vor den Flammen stoppte. Einen bösen Fluch auf den Lippen bedeutete Hestia ihr, sie noch ein Stück höher zu ziehen, dann hievte sie den Eimer etwas hoch und fragte sich, wie sie ihn ausleeren sollte. Etwas mühsam umklammerte sie mit den Beinen den Mast und lockerte etwas ihren Griff um das Seil, damit sie beide Hände benutzen konnte. Es kostete sie einige Mühe, bis sie soweit war und außerdem verbrannte sie sich den Saum ihrer Weste dabei. Schließlich landete das Wasser auf dem Tau, auf der Weste und unfreiwillig auch auf Hestia selbst, aber zumindest war sie noch rechtzeitig gekommen, bevor das Tau zu stark angegriffen war.
Hestia legte den Kopf in den Nacken, um der Elbin zu bedeuten, dass sie sie wieder runterlassen konnte, als sie ohne Vorwarnung weiter nach oben gezerrt wurde.
“Hilf mir hier!” befahl diese Hexe ihr grinsend, als sie oben ankam und sich entsetzt am Querbalken festkrallte. “Da unten sind genug, die unsere Eimer füllen können.”
“Dafür feil ich dir die Ohren rund!” fauchte Hestia sie an.
“Hast du etwa Höhenangst?” amüsierte sich Leiloss und rutschte etwas zur Seite, damit Hestia etwas mehr Platz hatte.
“Blödsinn!”
Sie standen jetzt etwas mehr als einen Schritt auseinander, nur auf einem dünnen Tau, das quer unter dem Balken verlief. So weit oben waren die Schwankungen der ‚Butterblume’ noch viel schlimmer als unten auf Deck. Hestia war sich beinahe sicher, dass sie sich nie wieder bewegen konnte, so eisig steckte ihr die Angst in den Knochen, den Halt zu verlieren und unten auf den Planken zu zerschellen. Außerdem hatte sie auch noch einen wirklich unangenehmen Ausblick nach vorne auf den Anduin, wo sie gerade in die schlimmste Stelle einfuhren. Die Wasseroberfläche war von zahllosen Wirbeln aufgewühlt, Felsnadeln ragten aus dem Wasser und man musste sehr viel Erfahrung haben, um den schmalen Weg dazwischen zu erkennen und auch einhalten zu können.
“Eru, sieh dir das an!”
Hestia hätte am liebsten in den nächsten Minuten gar nichts mehr gesehen, aber vor Leiloss würde sie keinesfalls wie ein Feigling dastehen. Leiloss hatte sich halb umgedreht und so bemühte sich Hestia, den Oberkörper wenigstens etwas zur Seite zu biegen, ohne dabei auch nur im Geringsten den Griff um die Querstange zu lösen. Ihre Augen wurden groß, als sie das erste Piratenschiff mit brennenden Segeln mitten zwischen die Felsnadeln fahren sah.
Es knirschte fürchterlich. Holzsplitter stoben davon und die Schreie auf dem Schiff veränderten sich von blutrünstig zu Todesangst. Das Schiff brach regelrecht auseinander, während die Besatzung und auch die Orks von Bord gingen. Die meisten verschwanden sofort kreischend in den Strudeln, nur einen konnte sie erkennen, der sich mit mächtigen Schwimmzügen aus den todbringenden Wirbeln befreite und ein Tau ergriff, das ihm von dem zweiten, weiter hinten liegenden Piratenschiff zugeworfen wurde.
“Der Uruk’hai”, sagte Leiloss mehr zu sich selbst. “Es überleben wohl immer die Schlimmsten von allen.”
Hestia warf ihr einen misstrauischen Blick zu. “Wie meinst du das?”
“Fühlst du dich etwa angesprochen?”
“Kann sein.”
Leiloss legte den Kopf ein wenig schief und schien zu überlegen, welche Gemeinheit sie ihr wohl entgegnen sollte. Aber plötzlich machte sie eine wegwerfende Handbewegung. “Lass uns weitermachen. Erestor guckt schon so komisch.”
“Bedrohlich?”
“Ja.”
“Also so wie immer”, seufzte Hestia und entwirrte das Tau von ihrem Eimer. Neben ihr gab Leiloss einen Laut von sich, der beinahe wie ein unterdrücktes Lachen klang, aber sicher war sich Hestia nicht.
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Mit gerunzelter Stirn hörte Elrond der sehr bildhaften Schilderung zu, die Glorfindel nicht ohne Genuss von sich gab. Während er nach seinem leichten Harnisch griff, um ihn anzulegen, fragte er sich ernsthaft, ob der Balrogtöter möglicherweise Halluzinationen hatte, hervorgerufen durch zuviel Ruhe und Frieden.
“Sie sind eindeutig hierher unterwegs”, schloss Glorfindel seinen Bericht. “Ich würde ja sagen, die Lage ist nun ausgewogener, da nur noch ein Schiff übrig ist. Aber dieses Handelschiff, auf das sich unser guter Freund begeben hat, ist nicht gerade mit denen der Piraten zu vergleichen.”
“Erestor, Mithrandir und Celeborn?” vergewisserte sich Elrond, um Zeit zu gewinnen. “Sicher?”
“Kann man sie verwechseln?” Glorfindel grinste etwas. “Außerdem kletterte oben am Mast eindeutig eine Ithildrim herum. Da Thranduil Varya wohl kaum unbeaufsichtigt auf dem Anduin herumschippern lässt, kann es nur Celeborn sein.”
Dem war wenig entgegenzusetzen. Elrond unterdrückte einen Seufzer, griff nach seinem Waffengürtel und marschierte aus dem Zelt. Im Lager herrschte bereits die vertraute Aufregung einer Gefahrensituation. Glorfindel hatte offenbar Befehl gegeben, sich am Ufer bei der Furt einzufinden. Was dann geschehen sollte, war Elrond aber noch ein Rätsel.
Die Hälfte der Krieger hatte sich in einer langen Reihe auf der Uferböschung vor der Furt aufgebaut, die Bögen in den Händen und die Aufmerksamkeit flussabwärts gerichtet, wo die Schiffe bald auftauchen mussten. Elrond und Glorfindel hingegen steuerten direkt die Furt an, wo die Boote der Beorninger vertäut waren und auf ihren nächsten Einsatz warteten.
Nicht nur die Boote, korrigierte sich Elrond, als Grimbeorn auf ihn zustapfte. Der Beorninger hatte das grobe Gesicht in zusätzliche Falten gelegt und sah damit aus wie ein schroffer Fels. Seine Augen huschten über die kampfbereiten Elbenkrieger und auch über Elronds Schwert.
“Elbenfürst!” brummte er missmutig. “Was geht hier eigentlich vor?”
Elrond erklärte es ihm.
“Wie sah das Handelsschiff aus?” erkundigte sich Grimbeorn nach kurzem Schweigen.
“Wie ein Handelsschiff eben”, antwortete Glorfindel mit einer nachlässigen Handbewegung. “Behäbig, unelegant und mit einem fürchterlich gelben Segel.”
“Die ‚Butterblume’”, blaffte Grimbeorn keinen bestimmten seiner Zuhörer an. “Das ist Warricks Schiff. Guter Kapitän, guter Mann. Ich werde sehen, was ich für ihn tun kann.”
Damit stampfte er davon und brüllte lautstark etwas den Hügel hinauf. Nur wenig später tauchten seine Fährleute auf und besetzten die Boote, ohne sie jedoch los zu machen. Grimbeorn kam ebenfalls zurück, diesmal mit einer schweren Keule bewaffnet.
“Plant Ihr, das Piratenschiff zu entern?” erkundigte sich Glorfindel interessiert.
“Wir planen gar nichts”, war die unfreundliche Antwort. “Wir lassen uns überraschen.”
“Wie spontan”, murmelte Glorfindel spöttisch.
Elrond warf ihm einen verärgerten Blick zu. Als ob sie selber orientierter wären! Dabei wurde es Zeit für einen guten Plan, denn an der Flussbiegung tauchte nun das Schiff auf, das Glorfindel so treffend beschrieben hatte. Elrond fragte sich einen kurzen Moment, wie man ein Segel in dieser Farbe überhaupt in Erwägung ziehen konnte, aber menschliche Vorlieben waren ein Feld, das sich ihm auch nach all den langen Jahrtausenden nicht wirklich erschlossen hatte.
Die ‚Butterblume’, so nah bereits an der Furt, war in wirklicher Bedrängnis. Drohend baute sich hinter ihr das Piratenschiff auf. Elrond schluckte etwas, denn aus Erzählungen waren ihm die schwarzen Segel durchaus vertraut. Sie hatten sich vielleicht den gefährlichsten Gegner ausgesucht, den man auf dem Wasser haben konnte. Und es war der Lage nicht zuträglich, dass auf dem Piratenschiff Orks zu erkennen waren.
Es waren nur wenige hundert Meter von der Biegung bis zur Furt, doch sie schienen zu reichen, dass die ‚Butterblume’ dennoch ihrem Schicksal nicht entkommen sollte. Das Schiff selber war nicht mehr unversehrt. Das Segel war durchlöchert mit Brandflecken, im Rumpf steckten brennende Pfeile und sie schien leichte Schlagseite zu haben. Trotzdem hielt sie tapfer weiter auf die Furt zu.
“Nehmt die Verfolger unter Beschuss, sobald sie in Reichweite sind!” ertönte Glorfindels Befehl an seine Bogenschützen.
Mehr konnten sie im Moment auch nicht tun. Elrond fühlte, wie seine Nervosität wuchs. Es war nicht seine Art, hilflos dabeizustehen, während andere in Gefahr waren, doch sie konnten einfach nicht eingreifen, solange die Schiffe so weit vom Ufer entfernt waren.
Offenbar hatte man sie an Bord der ‚Butterblume’ entdeckt. Die Ruder tauchten schneller ins Wasser ein. Das war eher ein subtiles Zeichen, deutlicher hingegen war die silberhaarige Gestalt weit oben am Mast über die Rah gebeugt, die nun wild zu ihnen herüberwinkte.
“Leiloss”, seufzte Glorfindel und winkte zurück. “Ithildrim haben sogar mitten in einem Vulkanausbruch Zeit für Begrüßungen.”
Elrond hoffte eher, sie fiel vor lauter Begeisterung nicht herunter. Ithildrim hatten nämlich auch immer Zeit, in einen verhängnisvollen Unfall zu geraten. Sie hatte gute Chancen, denn ihr Kapitän führte ein recht zackiges Manöver durch, das sein Schiff näher zum Ufer hin brachte.
“Nicht gut”, grollte Grimbeorn, der ganz in ihrer Nähe Stellung bezogen hatte. “Er wird die Fahrrinne durch die Furt verfehlen und auf den Sandbänken landen.”
“Vielleicht will er das ja”, meinte eine recht vertraute Stimme hinter ihnen.
Einen Moment vergaß Elrond, welches Drama sich da vor ihm abspielte. Er fuhr herum und konnte nicht verhindern, dass ihn eine Welle der Erleichterung überkam. Thranduil war also wirklich gekommen. Die Vision schien sich in diesem Punkt zumindest zu irren.
Es musste an ihrer Konzentration auf das Geschehen auf dem Anduin gelegen haben, dass sie die Ankunft der vielen Reiter nicht bemerkt hatten. Elrond warf seinen Söhnen einen kurzen, unheilverkündenden Blick zu und lenkte dann seine Aufmerksamkeit wieder zurück auf Düsterwalds äußerst gelassenen König, der noch immer im Sattel saß und mit leicht zur Seite geneigtem Kopf seinen Blick erwiderte.
“Ist dieses Schauspiel extra für mich inszeniert?” erkundigte sich Thranduil Oropherion mit königlicher Überheblichkeit. “Oder folgt Euch einfach nur Unheil, wo immer Ihr auch seid?”
“Manchmal bist du unausstehlich”, mischte sich Düsterwalds Königin tadelnd ein und rutschte dann aus dem Sattel, um zuerst Glorfindel herzlich zu umarmen, bevor sie sich Elrond zuwandte. “Nehmt es ihm nicht übel, Meister Elrond. Er ärgert sich nur, dass er bis jetzt ignoriert wurde.”
Trotz der Situation ließ es sich Elrond nicht nehmen, sie ebenfalls in eine kurze Umarmung zu schließen. Es erfreute ihn, sie so wohlauf und strahlend zu sehen. Es waren seine feineren Sinne, die die in den letzten Jahren gewachsene Stärke in ihr ausmachten. Varya musste ein erfülltes Leben führen, um sich immer mehr dem Punkt zu nähern, den man als innere Ruhe bezeichnen konnte, auch wenn der Weg doch noch recht weit genannt werden musste.
“Wenn ich mir das dort so ansehe, kann ich langsam den unhöflichen Empfang verstehen”, meinte Thranduil, der nun wie auch der Rest seiner Begleiter, unter denen Elrond mit großer Erleichterung Estel ausmachte, abgestiegen war und hinter seine Gemahlin trat. Über ihren Kopf hinweg musterte er Elrond ernst. “Was genau geht da vor?”
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“Sie holen uns noch an der Furt ein”, erkannte Erestor und seine Stimme ließ wenig von den Emotionen erkennen, die in ihm tobten.
Gandalf fragte sich, ob dieser Noldo jemals lernen würde, sich nicht immer zu beherrschen. “So sieht es aus.”
Von Warrick kam ein wütendes Knurren. Der Mann war in den letzten Stunden um Jahre gealtert. Er schien sogar abgemagert, seine Haut hatte einen gräulichen Schimmer, so erschöpft war er, aber dennoch ließ er niemand anderen ans Ruder. “Bevor ich die ‚Butterblume’ diesen Kreaturen überlasse, versenke ich sie.”
“Eine dramatische, aber dennoch angemessene Geste”, kommentierte Orophin. “Werdet Ihr auch bis zuletzt an Bord bleiben? Ich hörte, dies sei ein überraschend heroischer Brauch unter den sterblichen Seefahrern?”
“Orophin”, murmelte Celeborn warnend und erntete einen verständnislosen Blick seines Kriegers. “Kümmert Euch besser darum, das Schlimmste zu verhindern.”
“Herr, bedauerlicherweise wurde der letzte unserer Pfeile soeben auf die Reise geschickt”, verkündete Orophin völlig unangetastet von jeder Kritik die nächste schlechte Nachricht.
Gandalf blickte sehnsüchtig zum Ufer. Imladris-Elben hatten sich dort aufgebaut. Sie hatten sicher noch genug Pfeile, aber dass sie das Verfolgerschiff aufhalten konnten, schien unwahrscheinlich. Jeder an Bord der ‚Butterblume’ konnte das Brüllen der Orks bereits hören. Saurons Diener waren voller Zorn, dass die Gruppe auf dem gesunkenen Schiff zu den ersten Opfern gehört hatte. Allen voran der Uruk’hai tobte nun ohne jede Deckung vorne auf dem Bugaufbau herum. Die Piraten hatten längst gemerkt, dass ihrer Beute die Pfeile ausgegangen waren, die in den letzten Stunden immer wieder ihr Ziel getroffen hatten.
Es waren die Elben gewesen, die die ‚Butterblume’ bislang vor dem endgültigen Untergang gerettet hatten. Das galt umso mehr, seit das Schiff in den letzten Ausläufern der Untiefen doch noch Leck geschlagen war. Wasser drang stetig durch ein Loch vorne am Bug in das Schiff ein und zog es steuerbord langsam aber sicher herunter. Warricks Männer bemühten sich zwar, das Wasser wieder hinauszuschöpfen, aber sie schienen den Kampf unter Deck ebenso zu verlieren, wie es die Krieger nun hier oben auch erleben mussten.
“Diese Sandbank…”, begann Erestor gedehnt und zog sofort aller Aufmerksamkeit auf sich. “Wäre es möglich, dass wir uns von dort aus ans Ufer retten?”
Warrick sah aus, als würde er in Tränen ausbrechen wollen, aber er nickte. “Es wäre nicht einfach, denn der Anduin führt immer noch das Schmelzwasser aus dem Norden. Aber ja, ich denke schon.”
Besonders, da Grimbeorn offenbar schon seine Boote bereit machte, erkannte Gandalf nach einem schnellen Blick nach vorne.
“Die Piraten werden uns im Wasser wie Hasen abschießen”, wandte Celeborn ein. “Im Gegensatz zu uns haben sie nämlich noch Pfeile.”
“Kommt darauf an”, lächelte Erestor. “Warrick, was meint Ihr dazu?”
Der Sterbliche gab zum ersten Mal seit dem Beginn des Angriffs das Steuer aus der Hand. Er überließ es einem grauhaarigen, dürren Mann, dessen sehnige Hände sich geübt um die Zapfen an dem seidig polierten Holzrad legten. Er nickte seinem Kapitän beruhigend zu.
Warrick blickte vorsichtig am Heckaufbau vorbei und betrachtete eingehend das Verfolgerschiff. “Ein gutes Schiff, sehr schnell mit einem schmalen Rumpf.”
Gandalfs Geduld näherte sich ihrem Ende. “Was soll das Ganze?”
“Nicht so ungestüm”, tadelte ihn Erestor boshaft.
“Es könnte funktionieren”, erging sich Warrick weiter in seinen rätselhaften Betrachtungen, die wohl außer ihm nur noch Erestor verstand. “Aber es bricht mir das Herz.”
“Mit einem gebrochenen Herzen kann man leben, nicht aber mit einem durchlöcherten, guter Mann.”
“Ihr seid herzlos”, schnaufte der Kapitän, bevor er sich wieder an sein Ruder begab.
“Mag sein”, sagte Erestor gelassen. “Und auch damit kann man leben.”
“Würde mir bitte jemand-”
“Warrick setzt die ‚Butterblume’ auf Grund”, unterbrach ihn Celeborn mit leichter Betrübnis. “Sehr schade, aber durchaus sinnvoll. Dieser Kahn hat kaum Tiefgang, während das Piratenschiff davon eine ganze Menge hat. Es wird uns folgen und ebenfalls auf Grund laufen. Nur noch etwas früher. Orophin!”
Gandalf knurrte etwas, weil es ihm nicht selber aufgefallen war. Er entschuldigte es damit, dass er vom Schiffsbau keine Ahnung hatte. Weder auf Valinor noch hier in Mittelerde hatte ihn dieses Fortbewegungsmittel sehr interessiert. Woher Celeborn seine Kenntnisse bezog, war ihm allerdings rätselhaft. Der Sinda konnte sein Wissen unmöglich aus den hübschen, kleinen Schwanenbooten ziehen, die wohl eher Galadriels Spielzeug waren.
Die ‚Butterblume’ drehte abrupt in Richtung des östlichen Ufers ab. Sie hielt jetzt genau auf den Rand der Furt zu. Das Wasser war dort heller und zeigte damit sehr deutlich, dass der Grund des Flusses sehr viel näher an der Oberfläche war, als an den anderen Stellen. Offenbar hatte Warrick vor, das Schiff in voller Fahrt auf Grund laufen zu lassen, um die Piraten nicht vorzuwarnen.
Befehle erklangen und die Mannschaft machte sich bereit, in wenigen Augenblicken kräftig durchgeschüttelt zu werden. Irgendwie beschlich Gandalf der Verdacht, dass sie etwas übersehen hatten, aber die Aufregung an Bord störte erheblich seine Gedankengänge. Er suchte sich einen sicheren Platz hinten am Heckaufbau, klemmte sich den Stab unter den Arm und hielt sich an einem Balken fest. Erestor und Celeborn waren ganz in seiner Nähe, auch sie hatten sich einen sicheren Stand gesucht und teilten ihre Aufmerksamkeit zwischen dem immer näher kommenden Ufer und dem Piratenschiff, auf dem offenbar nun die letzten Kräfte mobilisiert wurden. Auf den letzten Metern schloss es nun noch schneller auf.
“Ruder einziehen!” donnerte Warrick und seine Männer gehorchten prompt. Der schnelle Schlag der Ruderblätter verstummte nach so langer Zeit endlich. Es war beinahe still, nur die Geräusche des Wassers und das Gebrüll ihrer Verfolger war noch zu hören.
“Festhalten!” gab Warrick die endgültige Warnung.
Eru steh uns bei, schickte Gandalf einen Stoßseufzer an keinen genau bestimmten Empfänger und sah hilfesuchend nach oben. Er erstarrte, als er Leiloss und Hestia entdeckte, die immer noch oben auf der Rahe standen und verwirrt die Vorgänge viele Meter unter ihnen verfolgten.
“Da oben!” rief er entsetzt. “Erestor, die Mädchen sind noch da oben!”
Der Kopf des Noldo zuckte hoch und er gab einen heftigen Fluch von sich. Etwas Ähnliches kam von Celeborn. Helfen konnte den beiden dort oben jedoch keiner mehr. In diesem Moment bohrte sich der breite, flache Bug der ‚Butterblume’ in die ansteigende Sandbank neben der Fahrrinne. Durch das Schiff ging ein mächtiger Ruck, als es so plötzlich gestoppt wurde. Knirschend schob es sich noch ein Stück über den Sand, dann kam es zur Ruhe. Es reichte jedoch, dass alles an Bord durcheinander gewirbelt wurde. Selbst Gandalf ging in die Knie, konnte sich jedoch halten.
Voller Entsetzen bemerkte er, wie die beiden Gestalten oben auf dem Mast die volle Wucht des Aufpralls mitbekamen. Sie hatten sich zwar festgehalten, aber selbst die Kräfte der Elbin reichten nicht aus. Zuerst flog Hestia in hohem Bogen über Bord und verschwand nach einem harten Aufprall unter der Wasseroberfläche. Leiloss folgte ihr nur mit kurzer Verzögerung. Ihr gelang es wenigstens, ihre Flugbahn noch etwas zu steuern und so traf sie mit den Füßen voran und kontrolliert auf.
Gandalf zuckte zusammen, als hinter ihm ein ähnliches Geräusch ertönte, wie es zuvor von der ‚Butterblume’ gekommen war. Er fuhr herum und wurde Zeuge, wie sich das Piratenschiff schräg hinter ihnen ebenfalls auf Grund setzte. Der Uruk’hai an Bord tobte und trieb seine panischen Orks fast schon hysterisch an, die hilflose ‚Butterblume’ nun endgültig unter Beschuss zu nehmen.
“Wir müssen von Bord!” rief Celeborn Gandalf zu. “So schnell wie möglich. Sie sind uns noch viel zu nahe gekommen.”
Warrick drehte sich müde zu ihnen um. “Geht nur.”
“Seid nicht albern”, fuhr Erestor ihn an. “Es besteht nun wirklich kein Grund, diese lächerliche Sitte einzuhalten und mit dem Schiff unterzugehen.”
“Sie geht nicht unter, nicht wirklich. Aber ich habe den Anduin hier an der Furt unterschätzt. Das schafft keiner meiner Männer. Versucht Ihr es wenigstens, Herr. Ihr Elben seid stärker als wir.”
“Also wirklich”, meinte Celeborn tadelnd. “Mir war gar nicht klar, wie schlecht der Ruf der Eldar unter den Sterblichen ist. Rumil! Alles bereit machen, uns gegen die Orks zu verteidigen.” Er sah mit hochgezogenen Brauen zum Ufer. “Und so langsam könnte sich mein Schwiegersohn in Bewegung setzen und uns zu Hilfe eilen.”
Kapitel 10 - Wir retten alles und jeden
“Das ist doch viel besser als diese schwarzen Eichhörnchen.”
Oh ja, solche Sätze hatte er vermisst. Aragorn nagte leicht an seiner Unterlippe. Vermisst war vielleicht der falsche Ausdruck. Äußerungen wie diese aus Elladans Mund konnte man nicht vermissen, sondern nur fürchten. Aber spätestens jetzt war ihm klar, dass er wieder nach Hause gekommen war, in den Kreis der liebenden Familie, deren eines Mitglied soeben wahrscheinlich eine wahnwitzige Idee hatte, die ihm wohl den Hals brechen würde.
Elladan baute sich breitbeinig am Ufer auf und machte eine ausgreifende Bewegung mit beiden Armen. “Estel, du nimmst eine Fähre. Wir anderen schwimmen rüber.”
Von Legolas kam ein ersticktes Lachen. Gilnín schüttelte nur stumm, aber äußerst energisch den Kopf.
“Warum sollten wir überhaupt rüberschwimmen?” erkundigte sich Galen liebenswürdig.
“Willst du Leiloss etwa ertrinken lassen?”
Rhûnars bester Heiler deutete kurz mit seinem Kampfstab auf den Anduin hinaus. “Sie ist schon wieder aufgetaucht. Im Gegensatz zu dir, mein lieber Freund, können Ithildrim sehr gut schwimmen.”
“Reite nicht immer auf den alten Geschichten rum”, empörte sich Elladan. “Und was ist mit Hestia?”
“Was soll mit ihr sein?” war die noch immer sehr liebenswürdige Gegenfrage. “Ich denke nicht, dass ich mich für diese Person in Gefahr begeben werde.”
Elladan musterte ihn düster. “Du bist ein kalter Fisch.”
“Der auf dem Trockenen bleibt”, vollendete Galen gelassen.
“Also gut, dann rettet Gilnín sie vom Boot aus. Ich denke, das würde Erestor eine Freude machen.”
“Es freut ihn noch mehr, wenn ich da draußen nicht absaufe”, murmelte Gilnín mit überraschender Deutlichkeit.
Hilfe kam aus einer Ecke, aus der es Elladan wohl nicht erwartet hatte. Elrohir räusperte sich nämlich und legte seinen Umhang ab. “Egal, ob Hestia nun absäuft oder nicht. Die Mannschaft wird es und wie es aussieht, wird die ‚Butterblume’ gleich geentert. Großvater guckt schon ganz wütend zu uns rüber.”
Was auch andere Gründe haben konnte. Aragorn seufzte, schlug aber gleichwohl Gilnín auf die Schulter und trabte mit ihm vor an die Furt, wo ein Teil der Fährboote bereits abgelegt hatte. Als er mit dem nicht gerade begeisterten Heiler an Bord kletterte, stürzten sich die anderen vier mutig in die Fluten. Ein Blick zurück ans Ufer zeigte, dass Elrond wieder dem Vorboten eines Gewittersturms ähnelte. Egal, wie das ausging, sie würden sich allesamt auf etwas gefasst machen können. Nun, Legolas vielleicht nicht, denn Thranduil stand kopfschüttelnd neben Glorfindel und grinste vor sich hin. Nebenbei hielt er Varya am Arm fest. Wohl weniger, um sie zu stützen, weil sie auf einem Bein hopste und dabei versuchte, sich einen Stiefel auszuziehen, sondern eher, um sie davon abzuhalten, sich den elbischen Rettungsschwimmern anzuschließen.
Sechs Beorninger ruderten das schmucklose Fährboot mit kräftigen Schlägen auf die gestrandete ‚Butterblume’ zu. Bei jedem Schlag gaben sie eine Art Brummen von sich, das genauso grimmig klang, wie sie selber auch aussahen. Gesteuert wurde das Fährboot durch einen weiteren Beorninger, der wie ein Felsbrocken im Heck an der Ruderpinne hockte und seinen Blick unbeirrbar auf das gestrandete Schiff halb links von ihnen hielt. Er war es auch, der mit ausgestrecktem Arm auf die Oberfläche des Anduin deutete und seinen Männern einen Befehl zurief, woraufhin sie die Geschwindigkeit verringerten.
Aragorn suchte die Wasseroberfläche ab und entdeckte zu seiner Erleichterung, dass Leiloss dort in der Nähe wie ein Korken aufgetaucht war. Sie hatte Hestia am Schlafittchen und hielt ihren Kopf über dem Wasser. Gekonnt ging das Boot neben den beiden längsseits und Aragorn beugte sich weit über den Rand, um Hestia zu packen und an Bord zu ziehen.
“Hallo, Estel”, strahlte ihn Leiloss an. Im Wasser verteilten sich ihre silbrigen Haare und umgaben ihr fröhliches Gesicht wie feinste Blütenblätter. Der nette Anblick mutierte zu dem eines nassen Hermelins, als sie Gilnín die Hand reichte und sich hochziehen ließ. “Schön, dich zu sehen.”
Er ächzte etwas, das einem Gruß nahe kam. Mochte Leiloss die Situation völlig gelassen nehmen, er hatte damit zu kämpfen, den leblosen Körper von Marsdens früherer Vertrauten hoch zu hieven. Sie war eigentlich nicht weniger zierlich als Leiloss, doch die vollgesogene Kleidung und die Nachgiebigkeit ihres in Bewusstlosigkeit versunkenen Körpers machten das Ganze zu einem schweißtreibenden Unterfangen.
Zufrieden damit, dass man sich um die Schiffbrüchigen kümmerte, gab der Steuermann einen erneuten Befehl und das Fährboot hielt wieder auf die ‚Butterblume’ zu. Aragorn zerrte Hestia endgültig an Bord und legte sie auf dem breiten Gang zwischen den Ruderern ab, der gewöhnlich für die Fährgäste und ihr Gepäck reserviert war. Bequemlichkeit war für Beorninger offenbar ein Schimpfwort und mehr als einen freien Platz gestanden sie ihren zahlenden Gästen nicht zu. Besorgt beugte er sich über die leblose Gestalt, die in einer größer werdenden Wasserpfütze liegend noch immer kein Lebenszeichen von sich gab.
Gilnín gesellte sich zu ihm. Interessiert von Aragorn beobachtet, zog Erestors Sohn vorsichtig eines ihrer Augenlider nach oben und nickte zufrieden, als sich im hellen Mondlicht die zuvor geweitete Pupille zusammenzog. “Keine ernstliche Verletzung. Der Aufprall war nur etwas hart. Solange ihr Auge in dieser Form reagiert, ist Schlimmeres eher unwahrscheinlich.”
“Sie ist ein Trampel”, verkündete Leiloss ungnädig. “Ich weiß gar nicht, warum ich sie gerettet hab.”
“Tja”, meinte Aragorn, als er sich wieder aufrichtete. “Du hast es aber getan und damit hast du nun die ehrenvolle Aufgabe, dich weiter um sie zu kümmern.”
Leiloss machte ein Gesicht, als hätte sie gerade ein akuter Anfall von Seekrankheit überfallen. “Wieso das denn?”
“Ein menschlicher Brauch”, verkündete Gilnín mit Grabesstimme. “Ihr Leben lag in deiner Hand. Bis zu deinem Ende - oder ihrem - trägst du nun die Verantwortung.”
Aragorn wandte sich lieber wieder dem Schauspiel vor ihnen zu. Man musste Erestor kennen, um in Gilníns obsidianschwarzen Augen dieses boshafte Funkeln zu entdecken, mit dem offenbar alle Mitglieder seiner Familie ihre Form des Humors verrieten. Der Heiler hatte sich in seinen Jahren in Imladris wirklich stark verändert. Aragorn gefiel er jedenfalls so um Längen besser als noch zu Beginn ihrer Bekanntschaft.
“Ihr Ende können wir beschleunigen”, nörgelte hinter ihnen Leiloss herum, während sie die immer noch Bewusstlose am rechten Fußgelenk packte und hinter sich her zum Heck zerrte. Am Ende würde Hestia nicht ertrinken, sondern an einem Schädelbruch sterben.
Die ‚Butterblume’ war recht unglücklich auf der Sandbank zum Halten gekommen. Ihre Steuerbordseite ragte hoch vor den zu Hilfe eilenden Fährbooten auf, während sich ihre Backbordseite dem Piratenschiff zuneigte, das seinerseits Schlagseite hatte. Beide Schiffe lagen so nah zusammen im flachen Wasser der Sandbänke, dass sie fast wie ein Paar von Verschwörern wirkten, die sich einander zuwandten, um Geheimnisse auszutauschen. Der Hauptmast des Piratenschiffes reichte bis hinüber über das Ruderhaus der ‚Butterblume’ und Estel registrierte voller Entsetzen die vielen dunkelhaarigen und ausnehmend finsteren Gestalten, die in der Takelage herumkletterten, um die ‚Butterblume’ zu entern.
Die Besatzung des Handelsschiffes drängte sich vorne im Bug zusammen und schrie den Beorningern entgegen, dass sie sich beeilen sollten. Von den Erstgeborenen war niemand zu entdecken. Aragorn nahm an, dass sie sich unterhalb des Mastes des Piratenschiffes versammelt hatten, um den vorwitzigen Angreifern sofort zu Leibe zu rücken.
Ein lauter Befehl klang vom Ufer herüber. Beinahe sofort zogen unzählige Pfeile eine Spur wie ein dunkler Regenbogen über den Nachthimmel und gingen hinter der ‚Butterblume’ auf dem havarierten Piratenschiff nieder. Die Besatzung des Handelsschiffes mochte jubeln, doch Aragorn hatte seine Zweifel, dass dies ausreichen würde, die Gefahr zu bannen. Wer immer bereits von den Piraten an Bord der ‚Butterblume’ angelangt war, befand sich in Sicherheit vor diesen präzise geschossenen Pfeilen. Selbst Glorfindel würde seine Schützen niemals zwischen Angreifer und Verteidiger gleichermaßen zielen lassen. Auch einem elbischen Bogenschützen waren Grenzen gesetzt, wenn es darum ging, im Gewimmel das richtige Ziel zu treffen und Elrond wäre sicher nicht sonderlich beglückt, wenn er womöglich Celebrians Vater einen Bruchtaler Pfeil aus dem Rücken entfernen müsste.
Zwei der Fährboote hatten bereits bei der ‚Butterblume’ festgemacht. Von oben wurden Taue heruntergeworfen und die ersten Schiffbrüchigen ließen sich daran herunter. Alles ging recht ruhig zu, was wohl daran lag, dass am unteren Ende des Taus immer ein Beorninger stand und böse nach oben blickte, wenn das Gedrängel über ihm zu heftig wurde. Auch das Boot mit Aragorn suchte sich nun einen Platz an der hoch über ihnen aufragenden Seitenwand. Direkt neben einem großen Leck in den Holzplanken legte ihr Steuermann an. Trotz der aufgerichteten Lage der ‚Butterblume’ war ein Stück des Risses mit den zersplitterten Ende der Planken noch unterhalb der Wasserlinie und Teile der Ladung trieben heraus.
Kein glücklicher Tag für den Kapitän dieses Schiffes, dachte Aragorn voller Bedauern, bevor er sich wieder darauf konzentrierte, das Unglück des Mannes nicht noch größer zu machen, indem er sich mit überflüssigen Dingen beschäftigte, anstatt helfend einzugreifen. Er packte eines der Taue, die prompt von oben herabgelassen wurden und bedeutete den Leuten über ihm, dass er zuerst hochklettern würde, bevor sie es für ihre Flucht benutzen könnten.
“Ich komme mit”, zwitscherte Leiloss und stand wie hergezaubert hinter ihm. “Ihr werdet meine Hilfe brauchen.”
“Die wird hier viel nötiger gebraucht”, widersprach Aragorn mit einem energischen Kopfschütteln. Die Ithildrim hatte ihm zu seinem Glück noch gefehlt.
Leiloss schürzte die Lippen und Widerstand stand ihr ins Gesicht geschrieben.
“Sie kann mir helfen”, schlichtete Gilnín. “Dort oben scheinen Verletzte zu sein. Leiloss wird sie sicher auf die Fähren herunterlassen.”
Leiloss entschloss sich wohl, besser mit weniger zufrieden zu sein, bevor sie Aragorns Entschlossenheit auf die Probe stellte. Sie hangelte sich hinter Gilnín eines der Taue hinauf und entschwand aus Aragorns Sichtfeld. Er selber sah sich noch einen Moment suchend um, weil es ihn höchst irritierte, von seinen schwimmend aufgebrochenen Freunden nichts entdecken zu können. Ertrunken würden sie nicht sein, aber irgendwie beschlich ihn der Verdacht, dass Elladan kurzfristig eine Planänderung durchgeführt hatte.
Fest entschlossen, lieber nicht länger darüber nachzudenken, kletterte er die Bordwand hinauf. Kaum hatte er die erste Hand auf die Reling gelegt, wurde er am Handgelenk gepackt und hilfreich an Bord gehoben. Verwundert fand er sich einem alten Mann in etwas skurriler grauer Kleidung gegenüber. In seinem langen Bart hingen Ascheflocken das Gesicht war ein wenig von Ruß beschmutzt und darunter von der Zeit gezeichnet. Aber es waren die Augen, die Aragorn gefangen nahmen. So viel Wissen leuchtete in ihnen, gleichzeitig begleitet von großem Gefühl und noch etwas anderem, das ihm noch nie zuvor begegnet war.
“Als ich dich das letzte Mal sah, junger Dúnadan, warst du ein kleines Kind, das sich im Garten herumtrieb und mit einem Holzschwert spielte”, schmunzelte der Alte vergnügt. “Ich sehe, du hast deine Waffe gegen etwas Besseres getauscht, das wir hier gut gebrauchen können.”
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Der große Wohnraum war vom Feuer des Kamins und einigen Kerzen in Inseln voller Licht inmitten eines Meeres aus Schatten unterteilt. Scharfe Augen, Elbenaugen von blassem Blau, alt und dennoch von einer milden Neugierde auf das Leben erfüllt, betrachteten die vertrauten Einzelheiten, die sich im Schatten abzeichneten. Viele Dinge davon sprachen von der Liebe einer weiblichen Seele zu ihrem Zuhause.
Berelion lächelte unwillkürlich, als sein Blick auf ein besticktes Kissen fiel, das ein wenig verknautscht in einem der beiden Lehnstühle lag, die wiederum die schmalen Enden eines Tisches aus rötlichem Kirschbaumholz zierten. Ohne dieses Kissen in ihrem Rücken hatte sich seine Gemahlin geweigert, sich dort niederzulassen und das Essen mit ihm einzunehmen. Es war lange her, dass sie selber es nun benutzt hatte. Zu sehr hatte der Tod ihres einzigen Sohnes sie mitgenommen. Er erinnerte sich noch gut an ihre Traurigkeit, die sie einfach nicht mehr verlassen wollte. Eines Tages dann war er alleine gewesen und als der Moment kam, ihre Überreste in die Halle der Toten zu tragen, hatte er sich grauenhaft gefühlt. Thranduil hatte sich ihm schweigend angeschlossen. Niemandem sonst erlaubte er, Berelion in seinem allerletzten Dienst an der geliebten Frau zu stören.
Orophers Sohn war ein großartiger König und seine Freundschaft eine wirkliche Auszeichnung. Es war ebenso ein Zeichen seines Vertrauens, dass er ihm die Geschicke des Reiches anvertraut hatte, während er selber an anderem Ort eben diese Geschicke mit all seiner Kraft zu schützen versuchte.
Ein knusperndes Geräusch riss Berelion aus seinen melancholischen Überlegungen. Mit einem entschlossenen Atemzug löste er seinen Blick von dem Kissen und richtete ihn wieder auf den Krieger, der ihm gegenüber an seinem Arbeitstisch schräg vor dem Kamin saß. Gaellas klopfte sich gerade die Krümel einer seiner unzähligen Zwischenmahlzeiten von der Tunika. Geröstetes Honigbrot, schätzte Berelion, nach der klebrigen Hartnäckigkeit der Krümel zu urteilen. Das mochte er abends schon immer am liebsten.
“Fühlst du dich nun gestärkt genug?” erkundigte er sich ironisch, woraufhin sein Neffe mit vollem Mund ein unverständliches Murmeln von sich gab, aber eifrig nickte. “Gut, dann habe ich dich also vorhin bei den Verliesen richtig verstanden, dass unser Ork nun perfekt Sindarin spricht?”
Gaellas hatte bereits einen Becher Wein an den Lippen, blinzelte aber zustimmend.
“Du hast ihn in seiner Zelle gefunden, an der Grenze zur Hysterie, aber mit erstaunlichen neuen Sprachfähigkeiten”, wiederholte Berelion den etwas konfusen Bericht seines ewig hungrigen Verwandten. “Er hat dir etwas von Ionnin, den er natürlich nicht wirklich kennt und einem weißen Eichhörnchen vorgestammelt, als er wieder aus seiner Ohnmacht erwachte. Ist dieser Ork wirklich ohnmächtig geworden?”
Gaellas grinste und schob sich eine Weintraube in den Mund. Direkt zu den anderen, die darin schon die Vergänglichkeit aller Existenz im Zyklus von Leben und dessen Ende erwarteten.
“Orks sind auch nicht mehr das, was sie einmal waren”, murmelte Düsterwalds Seneschall und lehnte sich in seinem bequemen Stuhl zurück, um wieder einen Moment zu überlegen. Er betrachtete irritiert die Obstschale auf der linken Seite seines Schreibtisches. Die Weintrauben waren weg. Nur noch der kahle Strunk war übrig. Gaellas aß nicht nur viel, sondern auch noch schnell. “Aber damit nicht genug, behauptet er auch noch, dass seine beiden Besucher geradewegs durch die Wand seines Verlieses marschiert sind. Du hast das natürlich nachgeprüft?”
Zuerst nickte Gaellas eifrig, dann schüttelte er den Kopf.
“Also keine verborgene Tür”, übersetzte Berelion die Zeichen seines Neffen, dessen Gesicht aufgrund der vollen Backen wie das eines Erdhörnchens nach erfolgreicher Futtersuche aufgeplustert war. “Jedenfalls keine, die du erkennen konntest.”
Ein irritierter Blick traf ihn.
“Es gibt Türen, die nicht jedem zugänglich sind, mein Junge”, schmunzelte sein Onkel und seine Gedanken schweiften in die Vergangenheit. König Oropher hatte eine große Leidenschaft aus seiner Heimat Doriath mitgebracht und die drehte sich um geheime Türen. Eine sehr nützliche Einrichtung, wenn man ebenso geheime Gänge schützen wollte, die zum Beispiel zu den Schatzkammern führten oder Fluchtwege vor dem Feind verdeckten. Thingol hatte sein Reich sehr lange damit schützen können und Oropher wäre ein Narr gewesen, dieses besondere Wissen nicht auch für sich und seinen Palast zu nutzen. “Einige kenne ich, andere sind nur unserem König alleine bekannt.”
Gaellas dunkle Augenbrauen, die in einem interessanten Kontrast zu seinen hellen Haaren standen und wohl von seiner Mutter an ihn vererbt worden waren, wanderten ein Stück nach oben. Er war verblüfft genug, dass er sogar für einen Moment aufhörte, an dem Apfel weiterzukauen, den er gerade in der Hand hielt.
“Behalte dieses Wissen für dich”, wies ihn Berelion streng an. “Auch die Verwicklung dieses Eichhörnchens sollte nicht zum Tagesgespräch unter den Dienern werden. Sie würden es nur ständig suchen und sowieso nicht finden. Ich hatte eigentlich angenommen, dass es den Palast längst verlassen hat.”
Zweifelnd wiegte Gaellas den Kopf und kaute dabei wieder auf seinem Apfel herum. Es klang, als wäre das Obst noch so frisch wie an dem Tag im Herbst, als es gepflückt worden war.
Berelion verspürte ein leichtes Hungergefühl. “Thranduil brachte es vor langer Zeit mit. Offenbar ist es ihm einfach gefolgt. Eigentlich hat es sich vor ihm auf seinem Pferd niedergelassen und du kennst unseren König…”
Sein Neffe gluckste.
“Er hat immer behauptet, es besäße Zauberkräfte. Eine davon bestand wohl darin, sich für Jahrhunderte in Luft aufzulösen, kaum war es im Palast angekommen. Ich denke, es wird Thranduil erfreuen, dass du es gesehen hast.” Berelion behielt für sich, dass ihn nicht die lange Lebensdauer dieses Geschöpfes beunruhigte, sondern Ort und Zeitpunkt seines Auftauchens. “Was hat es nur damit bezweckt, dem Ork unsere Sprache zu schenken?”
Eine Antwort erwartete er nicht und so war er auch nicht enttäuscht, dass sein Neffe ratlos die Schultern hob.
“Nun ja.” Berelion schlug leicht mit der flachen Hand auf den Tisch. “Es hat natürlich auch seine Vorteile, wenn dieser Bursche uns versteht. Für dich ist es jedenfalls einfacher, ihn unter Kontrolle zu halten. Ich nehme an, du hast ihm ein anderes Verlies zugewiesen?”
Empört über diese unnötige Frage krauste Gaellas die Nase und schob sich energisch das letzte Stück des Apfels in den Mund. Den Stiel, der als einziges übrig blieb, hielt er im Mundwinkel. Berelions Bruder hatte mal berichtet, dass sein Sohn schon als kleines Kind fähig war, daraus nur mit der Zunge einen Knoten zu fabrizieren.
Ein zweifelhaftes Talent, überlegte Berelion. Aber zum Glück ist es nicht sein einziges geblieben. Wenn er nicht so ein guter Krieger wäre… “Warten wir also ab, ob dieses Eichhörnchen noch an anderer Stelle auftaucht. Ionnin können wir schließlich schlecht fragen, wo er es gefunden hat.”
Gaellas öffnete den Mund, um etwas zu sagen, aber Berelion stand nicht mehr der Sinn nach einer Unterhaltung. Er winkte ihn mit einer knappen Geste hinaus und gab sich noch etwas seinen Grübeleien hin. Orks, Zaubereichhörnchen und wer wusste schon, was sonst noch alles so auftauchte, während Thranduil nicht da war. Der Palast war ein Ort voller Überraschungen und vielleicht konnte selbst Berelion nicht lange genug leben, um jemals völlig zu verstehen, was das Haus Oropher alles an altem Zauber in diesen wehrhaften Fels gewoben hatte, als er zum neuen Heim der Vertriebenen auserkoren wurde.
Berelion griff sich spontan den letzten verbliebenen Apfel und biss hinein. Unterhaltungen mit Gaellas machten seltsamerweise immer hungrig.
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Über ihren Köpfen ertönte ein Schrei, dann fiel von ein schwerer Körper herab und landete mit einem lauten Platschen eine Armlänge von ihnen entfernt im Wasser. Galen und Legolas tauschten einen Blick.
“Prächtig”, murrte Galen. “Hast du den Pfeil gesehen?”
“In seiner Brust”, nickte Legolas und schwang sich auf das große Ruderblatt, das nur noch am unteren Ende schräg ins Wasser ragte. “War einer aus Imladris. Die graubraune Befiederung erkenne ich überall.”
Galen kletterte ihm nach. “Sie werden uns versehentlich abschießen.”
“Durchaus möglich.” Legolas legte den Kopf in den Nacken und betrachtete prüfend das Heck des Piratenschiffes, das sich recht beeindruckend über ihnen erhob. “Elladan und Elrohir müssten am Bug angekommen sein.”
“Vorausgesetzt, Elladan ist nicht vorher ertrunken.”
“So schlecht schwimmt er nun auch wieder nicht.”
“Hah!” machte Galen nur missmutig. Er schob sich hoch zu Legolas auf die andere Seite des Ruderblattes und zerrte seinen Kampfstab aus dem Lederfutteral auf seinem Rücken. Nur Elladans grandiosem Vorhaben, dem Feind sozusagen in den Rücken zu fallen, hatte er es zu verdanken, dass er triefnass hier an dem mächtigen Holzruder hing und sich anschickte, ein Piratenschiff zu entern. Wenn er diese Aktion überlebte - und das war überhaupt nicht sicher - würde er eine Ewigkeit brauchen, seine Kleidung wieder tragbar zu machen. Leder nahm den Kontakt mit Wasser irgendwie übel. Es wurde hart und schrumpelig. Selbst Elbenkleidung hatte da so ihre Schwächen. Nicht jeder konnte ein Fürstensohn mit ganzen Schränken voller Kleidung sein.
“Jetzt komm endlich!” zischelte ihm Legolas zu. Er hatte bereits angefangen, an den Metallbändern, die die einzelnen Teile des Ruderblattes zusammenhielten, nach oben zu klettern.
In Galen dämmerte die Erkenntnis, dass Elladan ihnen natürlich auch wieder das Ende des Schiffes zugewiesen hatte, bei dem ein Aufstieg schwieriger war als am Bug. Das lag daran, dass sich ein weit ausladender Aufbau über das eigentliche Heck des Schiffes schob. Wenige Meter über der Wasseroberfläche mussten sie sich vom Ruder lösen und an der Bordwand selber weiterklettern. Zum Glück hatten die Piraten die Angewohnheit, ihr Schiff opulent, wenn auch nicht gerade ästhetisch zu verzieren. Überall boten sich geschwärzte Metallornamente als Haltegriffe an. Hinzu kamen aus Holz gefertigte Gesichter. Fratzen eher, fand Galen und umklammerte die Hakennase eines unfreundlichen Monstergesichts.
Leise brauchten sie jedenfalls nicht zu sein. Galens Flüche und Beschimpfungen auf seinem Weg nach oben gingen im Kampflärm unter. Die Piraten brüllten unverständliche Befehle durcheinander, die wohl mit dem Entern der ‚Butterblume’ zusammenhingen. Dazwischen waren die geknurrten Laute der Orks zu hören und außerdem knirschte das ganze Schiff auf der Sandbank, während es sich noch ein wenig schräger legte.
Als Legolas und Galen endlich oben angekommen waren, kauerten sie sich einen Moment hinter die Reling und versuchten, einen Überblick zu bekommen. Um sie herum herrschte Chaos… oder auch Kampf… oder eigentlich beides. Die Unterschiede waren wohl fließend. Fast die gesamte Besatzung des Schiffes hielt sich an der Steuerbordseite auf. Einige kletterten in der Takelage des dreieckigen, schwarzen Hauptsegels herum, Dolche zwischen den Zähnen, was Galen für eine höchst gefährliche Angelegenheit hielt. Sie beabsichtigten eindeutig, sich auf die ‚Butterblume’ zu stürzen und dort einen Kampf noch in Blut zu ertränken, den sie eigentlich angesichts der beiden gestrandeten Schiffe und der vielen Elben am Ostufer schon längst verloren hatten.
Es musste sie in ihrer Wut beflügeln. Die allesamt schwarz gekleideten Männer, die wilde Mähnen mit verfilzten Zöpfen hatten und deren Gesichter durch dunkle Tätowierungen noch bedrohlicher wirkten, wollten wohl im Tod noch das Blut der Elben sehen, die sich auf der ‚Butterblume’ aufgebaut hatten und den Rückzug der Besatzung ihres eigenen Schiffes schützten.
“Da oben”, raunte Legolas und zeigte mit einer knappen Kopfbewegung hinauf zum Ruder.
Ein Mann, so kompakt wie ein Zwerg und auch nicht viel größer, stand dort mit dem ebenfalls eisenbeschlagenen Steuerrad unbeachtet hinter sich und dirigierte mit wilden Armbewegungen und lauter Stimme seine Männer. In der rechten Hand hielt er eine schwere Axt, deren Klinge so vor Dreck starrte, dass es ein Wunder sein musste, wenn sie überhaupt noch etwas zerschneiden konnte. Von seiner Nasenwurzel über die gesamte Stirn bis zu den Schläfen zogen sich dunkle geometrische Tätowierungen, dessen Sinn wohl nur den Piraten erschlossen war. Die Schräglage des Schiffes schien ihm nichts auszumachen.
“Der Kapitän”, erriet Galen und erntete ein Nicken seines Freundes. “Du willst ihn nicht wirklich angreifen?”
Legolas lächelte und ließ sich vorsichtig über die Reling gleiten. Dann ließ er sich auf ein Knie nieder und nahm seinen Bogen vom Rücken. Galen beobachtete unruhig ihre Umgebung. Man hatte sie immer noch nicht bemerkt. Alle konzentrierten sich auf den Angriff steuerbord. Noch mehr Piraten kletterten in die Takelage und nun folgten ihnen auch mindestens ein Dutzend Orks. Dennoch konnte es nicht schaden, sich auf eine Entdeckung vorzubereiten. Galen glitt an Legolas’ Seite, nahm den Stab vor sich in beide Hände. Sein linker Daumen ertastete den Auslöser für den Mechanismus in den Stabenden. Währenddessen zog Legolas einen Pfeil aus dem Köcher und legte ihn an. Er schien sich überhaupt nicht dafür zu interessieren, dass um sie herum das Chaos tobte, dass es fürchterlich stank an Bord dieses Schiffes und außerdem verdächtige Kampfgeräusche vom Bug her ertönten, die vorher noch nicht da gewesen waren. Es schien, die Zwillinge waren eingetroffen.
Inmitten der Geräusche war es der bloße Instinkt, der Galen vorwarnte. Sein Kopf zuckte nach rechts und er erhaschte gerade noch den Blick auf eine Art bewegliche dunkle Mauer, die geradewegs auf ihn zukam. Im nächsten Moment prallte sie nicht nur gegen ihn, sondern auch noch gegen Legolas. Der Pfeil auf der Sehne des Waldelben löste sich und bohrte sich harmlos in den Unterbau des Ruderhauses. Der Kapitän blickte alarmiert zu ihnen herüber und fragte sich wohl, warum gerade zwei Elben über sein Deck flogen. Da ging es ihm kaum besser als Galen selbst. Sie landeten relativ weich auf einem kreischenden Piraten, kamen wieder auf die Füße und sahen sich einem Uruk’hai in rostigbrauner Rüstung mit einem schweren Säbel in der Hand gegenüber.
“Wo kommt der her?” fauchte Legolas und tauschte in einer einzigen Bewegung den Bogen gegen seine Langmesser.
“Aus Mordor”, vermutete Galen. Er packte seinen Stab fester, ließ die Klingen daran aufspringen und ging leicht in die Knie, damit er nicht nochmals den sicheren Stand verlor.
“Nimm ihn dir vor”, befahl Legolas kurzangebunden. “Ich halte uns den Rücken frei.”
Nimm ihn dir vor? Galen runzelte die mit Angstschweiß bedeckte Stirn. Sein Freund wurde Thranduil immer ähnlicher. “Oh sicher, ist ja nur ein Uruk’hai.”
“Du sagst es.”
Galen hatte noch nie einem Uruk’hai im Kampf gegenüber gestanden und er hätte auch in diesem Moment gerne auf die Erfahrung verzichtet. Dummerweise schien sein Gegner sich geradezu darum zu reißen, auf ihn loszugehen.
“Ich töte dich!” brüllte er Galen an. “Und fresse deine Eingeweide.”
“Keine Einzelheiten, bitte”, murmelte Galen mit zusammengebissenen Zähnen. Er hatte nicht vor zu sterben. Jedenfalls nicht in naher Zukunft und bestimmt nicht durch diesen Uruk’hai. Entschlossen verdrängte er die instinktive Furcht vor diesen Geschöpfen Saurons, die jedem Ork so weit überlegen waren. Er drehte einmal den Stab in der rechten Hand, bis die Mitte unter seinen Unterarm ruhte und einer der Spitzen auf den wandelnden schwarzen Fels vor ihm zeigte.
Das war dann für die nächsten Minuten auch die einzige elegante Kampfhandlung, für die ihm Zeit blieb. Wenn der Uruk’hai über eines im Übermaß verfügte, dann war das Kraft. Die setzte er auch ein, um seinen Säbel mit solcher Wucht immer wieder gegen Galens Stab treffen zu lassen, dass der Ithildrim schließlich beide Hände zu Hilfe nehmen musste, um die Schläge abzufangen. Galens Schnelligkeit nützte ihm nicht viel auf dem schrägen Deck, das von Trümmern und Tauen in eine wahre Landschaft der Hindernisse und Stolperfallen verwandelt worden war. Außerdem war er darauf angewiesen, sich immer in Legolas’ Nähe zu halten, um nicht noch von einem Piraten hinterrücks niedergestochen zu werden.
Ermüdet und fast schon mit Bewunderung, wie sein grobschlächtiger Gegner dennoch voller Wendigkeit den Attacken des sonst so verlässlichen Kampfstabes entkam oder sie einfach wegsteckte wie Federstriche, entschloss sich Galen, ihn wenigstens durch überlegene Intelligenz auszumanövrieren. Er streckte eine Hand aus und stellte sich breitbeinig auf, gerade als der Uruk’hai seinen Säbel zu einer neuen Attacke weit über den Kopf gehoben hatte. “Halt!”
Beinahe hätte er den zweiten Teil dieses Vorhabens vergessen, so verblüfft war er, dass diese Kreatur tatsächlich in der Schlagbewegung verharrte. Unter dem mordlustigen Glühen in den roten Augen seines Gegners flackerte eine Spur von Unsicherheit.
“Gibst du auf, Elb?”
“So würde ich es nicht nennen”, erklärte Galen höflich. Er bemühte sich, nicht zu sehr auf die Oberarme des Uruk’hai zu starren, die dicker waren als seine eigenen Oberschenkel. Noch waren die Muskeln darin gespannt. “Aber wir kommen irgendwie nicht weiter.”
“Galen”, ließ sich Legolas hinter ihm vernehmen. “Was treibst du da?”
Er ignorierte ihn und wedelte stattdessen ein wenig mit seinem Stab herum. Selbst für den Uruk’hai war darin kein Angriff zu entdecken. “Du solltest wissen, dass ich eigentlich Heiler bin. Eine sehr ehrenwerte Betätigung, die gewöhnlich Leben erhält.”
Der Uruk’hai knurrte. “Aber nicht deines.”
“Das gleiche wollte ich gerade zu dir sagen”, erklärte Galen mit einem sonnigen Lächeln, das in völligem Gegensatz zu seinem Vorhaben stand. Der Moment war günstig. Der Uruk’hai hatte unwillkürlich die Arme wieder etwas gesenkt. Galen sah, wie sich die Spannung in der linken Hand, die zum Glück nicht in so einem metallenen Handschuh steckte wie die rechte, lockerte. “Geh zu deinen Ahnen und lass dir neue Zähne machen.”
Mit diesen Worten verwandelte sich das Herumwedeln des Stabes in eine einzige gezielte Bewegung, die die Klingen direkt in das Gesicht seines Gegenübers führte. Er traf sogar. Galen triumphierte innerlich, bis er feststellen musste, dass er keineswegs so weit gekommen war, wie eigentlich gedacht. Anstatt sich tief in den hässlichen Schädel zu bohren, kam der Stab zu einem abrupten Halt. Der Uruk’hai hatte einfach seinen Säbel fallen lassen und mit beiden Händen das Stabende unterhalb der offenen Hülsen umfasst. Er konnte nicht verhindern, dass die scharfen Klingen sich in seine linke Gesichtshälfte fraßen, aber er riss sie zur Seite weg und zog durch dieses Manöver eigenhändig tiefe Schnitte quer über sein Gesicht bis zur rechten Halsseite.
Das Gebrüll des Uruk’hai war eine Mischung aus fürchterlichen Schmerzen und noch mehr Wut. Außerdem beflügelte es ihn sogar noch. Mit einem unglaublichen Ruck entriss er Galen den Stab und schleuderte ihn über Deck. Galen hatte das Gefühl, ihm würden die Arme gleich mit aus den Schultergelenken gezerrt.
“Galen, komm zum Ende”, blaffte Legolas in völliger Fehleinschätzung der Situation. “Ich kann sie nicht mehr lange fernhalten.”
“Moment”, keuchte Galen, dessen Arme nun leicht taub waren. Er versuchte, sich zu ducken, als der Uruk’hai nach ihm griff und auf einem ebenen Untergrund wäre ihm das sicher auch gelungen, doch hier glitt er mit einem Bein zur Seite aus. Bevor er wieder einen sicheren Stand hatte, wurde er hochgerissen. Wie Eisenklammern legten sich große Pranken um seine Körpermitte und drückten so fest zu, dass er das Gefühl hatte, jeden Moment müssten seine Eingeweide durch die Ohren rauskommen. Dann war er Auge in Auge mit der blutigen, zerfetzten Masse, die einmal die Fratze seines Gegners gewesen war.
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Unschlüssig nahm Forlos seinen Umhang von der Stuhllehne. Eigentlich hatte Haldir bereits da sein wollen, um mit ihm einen Abstecher zu den Übungsplätzen seiner Krieger zu machen. Die beiden Hauptmänner hatten die Zeit dazu nutzen wollen, sich einen genauen Plan auszudenken, wann sie wie viele Krieger aus Lorien abziehen würden und auf die andere Seite des Anduin bringen konnten, um von dort aus mit den anderen Truppen zusammenzutreffen.
Doch Haldir war ferngeblieben. Ein beinahe schon abwegig heiterer Diener hatte zwar unter Forlos’ fasziniertem Blick den Tisch mit einem opulenten Frühstück für zwei Anwesende eingedeckt, aber nach nun fast einer Stunde war der Platz des Galadhel immer noch unberührt und Forlos verspürte eine gewisse Unruhe. Haldir hatte sicher einen Grund, wenn er dieser Verabredung fernblieb. War nur zu hoffen, dass keine neuen, natürlich schlechten Nachrichten eingetroffen waren.
Erleichterung überkam den Tawarwaith, als es an der Tür klopfte. Er öffnete sie schwungvoll. “Du bist spät!”
Sein Gegenüber sprang vor Überraschung einen Schritt zurück. Eindeutig nicht Haldir - zu klein, zu weiblich und zu hübsch. Forlos überlief es siedendheiß und er brauchte einen Moment, um seine Fassung wiederzugewinnen. Schließlich verschränkte er ein wenig hilflos die Hände auf dem Rücken und runzelte die Stirn in dem Bemühen, Maedcam nicht ganz so hirnlos anzustarren. “Maedcam…”
“Ja…ich…” Sie lächelte etwas verwirrt. “Störe ich etwa?”
“Ich warte auf Haldir.” Sehr gut, Forlos! Jetzt fühlt sie sich doch gleich willkommen. Stürz dich die Brüstung herunter, du bist ein Narr! “Aber er scheint aufgehalten worden zu sein”, vollendete er etwas lahm.
“Lady Galadriel wollte mit ihm sprechen.” Maedcam gestikulierte hinter sich in Richtung des großen Talans, dessen weiße Silhouette strahlend genug war, um im Licht des Frühlingstages durch das Dämmerlicht der Mellyrn zu schimmern. “Sie hat mich gebeten, Euch dies auszurichten. Es wird wohl noch ein wenig dauern.”
“Aha.” Forlos grub in seinen Erinnerungen, wie man mit einer Elbin wie dieser eine Unterhaltung führte. Zum ersten Mal bereute er, Düsterwalds Kronprinzen nicht besser im Palast beobachtet zu haben. Legolas beherrschte solche gesellschaftlichen Umgangsformen bis zur Vollendung. “Bedauerlich.”
“Ja, das ist es. Ihr habt wichtige Dinge zu regeln, Ihr und Haldir”, bestätigte Maedcam nach kurzer Pause und wippte ein wenig auf den Fußballen. “Vielleicht…”
“Ja?” fragte er, weil sie wieder verstummte und ihr Blick unsicher wurde.
“Ich könnte Euch die Stadt zeigen”, schlug sie dann zögerlich vor. “Natürlich nur, wenn Ihr wollt. Und wir könnten einen Stoff für das Hemd aussuchen.”
Eru, dieses unselige Kleidungsstück. Was Arwen Undomiel sich dabei gedacht hatte, war ihm immer noch nicht klar. Wahrscheinlich hatte die Trennung von Legolas’ bestem, aber leider auch sterblichem Freund leicht ihren Verstand getrübt. Maedcam war es wohl ebenso unangenehm wie ihm, dass man ihn ihr aufdrängte. Zumindest hatte sie ein Gesicht gemacht, als würde man sie auffordern, Maß bei einem Ork zu nehmen. Aber sie hatte scheinbar Pflichtgefühl, wenn sie sich der Aufgabe nicht durch Ausreden entzog. Da würde er nicht hinten anstehen. “Das könnten wir. Je eher, desto besser. Dann ist das erledigt.”
Einen Augenblick glitt ein Schatten über ihr Gesicht, aber dann deutete sie stumm eine Verbeugung an und übernahm die Führung über die vielen Brücken und Wege hinunter in tiefere Ebenen der Stadt. Forlos fragte sich, was diesen Schatten wohl verursacht hatte. Fast schien es ihm, dass so etwas wie Gekränktheit sich in ihren Augen gespiegelt hatte. Sehr schöne Augen, wie er schon bei ihrem ersten Zusammentreffen festgestellt hatte. Nicht grau, nicht grün, irgendwo dazwischen. Fast wie ein Gletscherbach, der über viele unterschiedliche Schichten Eis dahinfloss. Aber nicht kalt, sicher nicht.
Das Schweigen zwischen ihnen war leider nicht von der angenehmen Natur. Eher lastete es auf ihnen und Forlos kam immer mehr zu der Überzeugung, dass dieser Ausflug in die Stofflager der Galadhrim wohl nicht die beste Idee gewesen war. Maedcam musste es ähnlich gehen. Mit schnellen Schritten führte sie ihn über die Wege, die von den Bewohnern der Stadt belebt wurden. Viele waren mit Körben und Lasten bepackt, dennoch grüßten fast alle die blonde Elbin und manch einer warf auch einen neugierigen Blick auf ihren Begleiter. Forlos nahm sich wenig davon an. Haldir wäre es im Düsterwald ähnlich ergangen. Kleine Gemeinschaften hatten immer Interesse an Besuchern. Es brachte Abwechslung.
Er erhielt eine Schnellführung, um es vorsichtig auszudrücken. Maedcam marschierte über die unterschiedlichen Ebenen, deutete gelegentlich auf einen der Telain und teilte ihm mit wenigen Worten mit, was dort gehandelt wurde. Zumeist war es schon an kunstvollen Bannern zu erkennen, die von den Brüstungen hingen und in Szenen die Tätigkeiten der Talanbewohner darstellten. Gelegentlich waren auch nur die Erzeugnisse zu sehen.
“Die Waffenschmieden sind auf dem Waldboden”, erklärte sie, kurz bevor sie diesen dann auch erreichten.
“Wollten wir nicht Stoff begutachten?” erinnerte er sie höflich.
“Ich wollte es”, sagte sie und legte dann die Fingerspitzen ihrer linken Hand vor den Mund, als würde sie die Worte bedauern.
Forlos sah sie scharf an. Ihr war unbehaglich, aber irgendwie schien der von ihm angenommene Grund nicht alleine dafür verantwortlich zu sein. Entschlossen fasste er sie am Handgelenk und zog sie einen Mallorn wieder hinauf auf eine kleine Aussichtsplattform heraus aus dem Strom der umtriebigen Galadhrim.
“Ihr seid verärgert”, flüsterte sie.
“Ja”, knurrte Forlos und unterdrückte einen Fluch, weil sie noch bedrückter zu ihm hochsah. “Nein!”
Jetzt runzelte sie doch die Stirn. “Was denn nun?”
Ja, was denn nun? Forlos strich sich über die Haare. Doch, es wäre sehr nett, wenn er einfach fluchen könnte, aber das machte man in Gegenwart einer anständigen Elbin nun mal nicht. “Ich hatte das Gefühl, Ihr wurdet gedrängt, mir diesen Dienst zu erweisen.”
“Das stimmt”, rief sie so erleichtert, dass sein Herz sofort sank.
“Dann fühlt Euch nicht länger daran gebunden”, sagte er ernst. Es war bedauerlich, denn Maedcam hatte sein wirkliches Interesse geweckt.
Überraschend legte sie ihm die Hand auf den Arm und schüttelte ebenso ernst den Kopf. “Ich wurde zwar gedrängt, aber mir schien, auch Euch blieb kaum eine andere Wahl, Hauptmann Forlos.”
“Dann wurden wir wohl beide gedrängt”, überlegte er nach kurzem Schweigen, in dem sie beide sich äußerst nachdenklich musterten. “Von Haldir?”
Maedcam krauste die Nase. “Nein, bestimmt nicht von Haldir!”
“Was ist bestimmt nicht von mir?” Mit langen Schritten kam Loriens Elitehauptmann auf sie zu. Äußerst misstrauisch musterte er die beiden Elben, die da vor ihm standen und sich mehr oder weniger an den Händen hielten. “Gibt es irgendwo Nachwuchs, von dem behauptet wird, er sähe mir ähnlich?”
Forlos lachte laut auf und auch Maedcam schüttelte leise kichernd den Kopf. Haldir kam endlich bei ihnen an, verschränkte die Arme vor der Brust und bedachte Forlos mit einem noch misstrauischeren Blick. “Du hältst eine gute Freundin von mir an der Hand.”
“Das tue ich”, grinste der Tawarwaith und machte keinerlei Anstalten, von Maedcam abzurücken.
“Gibt es einen besonderen Grund dafür?”
“Wir wollten einen Stoff für sein Hemd aussuchen”, erklärte Maedcam und leichte Röte kroch ihre Wangen hinauf. Zu Forlos’ Bedauern trat sie nun doch den geordneten Rückzug an und schob sich einen Schritt von ihm weg.
“Wolltest du das passende Material an ihm ertasten?” setzte Haldir sein Verhör fort.
“Die Farbe…” Maedcams Stimme erstarb.
Forlos schlug Haldir leicht auf die Schulter. “Seit wann interessierst du dich für die Feinheiten der Nähkunst? Ich überlasse Maedcam einfach Farbe und Stoffauswahl. Und wir beide sollten uns jetzt den Fragen zuwenden, die dein Gespräch mit Lady Galadriel aufgeschoben hat.”
Haldir murmelte etwas Unverständliches, drehte sich aber auf dem Absatz um und marschierte davon. Forlos zwinkerte Maedcam noch einmal zu und folgte seinem griesgrämigen Freund dann. Solche Stimmungen kannte er. Es gab auch Momente in seinem Leben, ganz besonders nach Besprechungen mit Thranduil, an dem es einiges bedurfte, seine Laune wieder zu heben.
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Eine Handvoll Elben und ein Zauberer sollten genügen, die Mannschaft eines Piratenschiffes in Schach zu halten. So hatte es Erestor eigentlich immer angenommen, denn die Kampfkunst der Sterblichen war lausig, war sie immer gewesen und in den nächsten tausend Jahren würde sich auch nicht viel daran ändern.
Schlecht gelaunt beförderte er einen der Piraten mit einem Schwerthieb in das unbekannte Nichts, das Iluvatar den Zweitgeborenen vorbehalten hatte. Schräg hinter ihm erklang ein erstickter Laut und als er herumfuhr, war Orophin gerade dabei, seine Klinge aus dem Rücken eines weiteren Angreifers zu ziehen, der schon auf halben Weg zu Erestor gewesen war. Höflich nickte Celeborns Leibwächter Erestor zu, um sich dann über einen neuen Angreifer herzumachen, der sich gerade von oben auf das verwüstete Deck der ‚Butterblume’ herabließ.
“Ich sagte doch, man soll niemanden unterschätzen”, kommentierte Celeborn, der zu Erestors linker Seite ebenfalls die Aufgabe übernommen hatte, sich um die Angreifer zu kümmern, die sich mit Enterhaken und Seilen vom Deck des Piratenschiffes direkt herüberhangelten. “Besonders niemanden, der gerne Bücher liest.”
“Euer Humor wärmt mein Herz”, knurrte Erestor.
Eigentlich, befand Erestor nach einem kurzen Rundblick, hatten sie die Lage im Griff. Wie es aussah, wurde die Mannschaft der ‚Butterblume’ vorne am Bug bereits evakuiert. Sie drängelten sich jedenfalls dort alle zusammen. Rumil und Gandalf hatten ihren Schutz übernommen. Zusammen mit Erestor und Celeborn hatten die restlichen Elben Stellung am Heck bezogen. Es war ihr Glück, dass die Piraten immer nur in kleiner Anzahl gleichzeitig übersetzen konnten. Unglücklicher für sie waren die Orks, die die letzten Reste der Nacht nutzten, um geschickt wie Spinnen den Mast des Piratenschiffes herauf zu gleiten und sich dann einfach auf das Deck der ‚Butterblume’ fallen zu lassen. Die Pfeile vom Ufer hatten einige von ihnen erwischt, aber es waren immer noch genug übrig, die die elbischen Verteidiger in Bewegung hielten. Natürlich hatte es auch einige von Warricks Mannschaft dahingerafft, doch Erestor fand die Verluste erträglich.
“Wen haben wir denn da?” wunderte sich Celeborn plötzlich. Er hatte einem Ork die Waffe weg geschlagen und das keifende Geschöpf mit der Hand an der Kehle gepackt. Jetzt hielt er es ein Stück seitlich von sich weg und außerdem so hoch, dass es den Boden unter Füßen verlor. Zappelnd und zunehmend unter Luftmangel leidend, hing der Ork an Celeborns ausgestrecktem Arm, während der Sinda vorübergehend das Interesse an ihm verloren hatte und stattdessen hinüber zum Piratenschiff blickte.
Erestor schenkte ihm widerwillig seine Aufmerksamkeit. Angesichts der Tatsache, dass sich Bruchtals und Düsterwalds hoffnungsvoller Nachwuchs vor einiger Zeit in die Fluten gestürzt hatte, konnte er sich schon denken, was ihn erwartete.
Wie schön, wenn man nicht enttäuscht wird. Eine steile Falte erschien auf seiner Stirn, kaum hatte er Legolas und Galen entdeckt, die offenbar vorhatten, den Piratenkapitän mit einem Pfeil zu erledigen.
“Ich vermute, sie haben den Uruk’hai nicht entdeckt”, überlegte Celeborn und schüttelte den Ork etwas, damit er Ruhe gab. Etwas zu heftig womöglich, denn das Genick seines Gegners knackte kurz und dann hielt Celeborn nur noch einen schlaffen Körper in der Hand. Seufzend warf er ihn über Bord. “Orks sind auch nicht mehr das, was sie einmal waren.”
Erestor fragte sich ernsthaft, wie man einen Uruk’hai übersehen konnte, musste aber leider feststellen, dass sowohl Legolas wie auch Galen dies durchaus zustande brachten. Als nächstes fragte er sich dann, woher Thranduilion das tiefe Vertrauen in die Kampfkünste seines Begleiters nahm, um ihm den Uruk’hai auch noch alleine zu überlassen.
Bedauerlicherweise lenkten ihn und Celeborn einige vorwitzige Piraten ab, um ausgiebig die Vorgänge weiter zu beobachten. Als sie das nächste Mal einen Blick auf das Schiff riskierten, war der Uruk’hai höchst engagiert dabei, den Rhûnar-Heiler in Körpermitte auf den Durchmesser eines Schilfrohres zu verkleinern. Legolas drang auf ihn ein, aber Erestor war schon immer der Auffassung gewesen, dass Langmesser als Waffen nur bedingt tauglich waren.
“Wenn Legolas jetzt etwas zustößt”, überlegte Celeborn und schwang sich auf die Reling, “gibt Thranduil natürlich mir die Schuld. Er gibt mir immer die Schuld, wobei er gelegentlich sogar Recht hat.”
Erestor hielt wenig von überstürzten Rettungsaktionen. Insbesondere dann nicht, wenn Retter bereits aus anderer Richtung nahten. “Überlasst das Euren Enkeln. Sie sind näher dran, nicht unschuldig an der Situation und außerdem kämen wir ohnehin nicht rechtzeitig.”
Und da rauschten sie auch schon heran. Erestor unterdrückte einen Seufzer. Er wusste, warum er bislang darauf verzichtet hatte, die beiden auf einen seiner ‚Ausflüge’ mitzunehmen. “Fehlen nur noch die Fanfaren.”
“Nicht unseren Freund!” brüllte es vom anderen Schiff. Wie zwei Wahnsinnige im Blutrausch pflügten sich Elladan und Elrohir durch die noch auf dem Schiff verbliebenen Piraten und Orks.
“Von wem haben sie das?” wunderte sich Celeborn. “Jetzt nicht!”
Mit den letzten Worten zerhackte er verärgert einen Piraten, der neben ihm aufgetaucht war. Damit bewies er zumindest Erestor, wessen Erbe nicht unbeträchtlich in den Adern der Zwillinge floss. Gegenüber machte Elladan nämlich fast das gleiche, nur mit einem Ork. Dem letzte Ork, der zwischen ihm und dem Uruk’hai gestanden hatte. Dann war der Weg frei. Erestor zollte Elronds Söhnen unwillkürlich Bewunderung, mit welcher Harmonie sie im Kampf vorgingen. Elrohir erschien wieder an der Seite seines Bruders und sie holten gleichzeitig aus, um ihre Schwerter auf den Unterarm des Uruk’hai niedersausen zu lassen. Die Klingen fanden ihren Weg auch durch die Knochen und das Geschrei des riesigen dunklen Geschöpfs drang bis zur ‚Butterblume’ und wohl noch weiter vor. Glorfindels Bemühungen, aus den beiden gute Kämpfer zu machen, waren offenbar nicht vergebens gewesen.
Während Elrohir sich wenigstens um Galen kümmerte, der leicht verkrümmt mitsamt einem Uruk’hai-Arm noch an der Hüfte zu Boden stürzte, sonnte sich Elronds Erbe im Licht seines Erfolges, ein breites Grinsen im Gesicht. Es veränderte sich zu einer Grimasse, als Thranduils Erbe auf ihn zu hechtete und von den Beinen riss. Unmittelbar danach durchschnitt eine große Axt die Luft und verschwand irgendwo weiter hinten im Anduin. Im nächsten Atemzug richtete sich Legolas wieder auf, hielt seinen Bogen in der Hand und der Kapitän des Piratenschiffes starb einen unverdient schnellen Tod mit einem Pfeil in der Brust.
“Der Bursche ist schnell”, meinte Celeborn anerkennend. “Sehr schnell. Muss er von Thranduil haben.”
“Ein vortrefflicher Schuss”, bestätigte Orophin beinahe begeistert.
Gleichzeitig raffte es den Uruk’hai dahin, da sich Galen zwar noch leicht benommen, aber eindeutig wutentbrannt wieder aufgerappelt hatte und das tückische Ende seines Kampfstabes tief im Hals der Kreatur versenkte.
Mit dem Tod sowohl des Uruk’hai als auch des Piratenkapitäns verebbte eindeutig die ohnehin schon in den letzten Zügen liegende Kampflust der Angreifer. So schnell konnte sich Erestor gar nicht umgucken, wie die verbliebenen Piraten sich in den Anduin stürzten. Die letzte Bestätigung, dass der Kampf nun wirklich zu Ende war, erhielt er ausgerechnet durch Celeborns Leibwächter. Der wischte sein Schwert am Rücken eines tot über einer Kiste hängenden Piraten ab, steckte es zurück und zog dann aus einer Falte seiner Jacke ein dünnes Buch. Prüfend wendete er es in den Händen.
“Unbeschädigt”, sagte er auf Erestors fragenden Blick hin. “Ich versuche mich an einigen bescheidenen, schlichten Versen.”
“Seit fünfhundert Jahren”, murmelte Celeborn kaum hörbar.
Erestor hob nur eine Braue. Seinetwegen konnte der Galadhel eine Chronik der Welt erstellen, wenn es ihm Spaß machte. Er sollte nur nicht verlangen, dass Erestor sie auch las. Eigentlich interessierte ihn vielmehr, wie viel sie dieser Kampf gekostet hatte. Wohl deutlich weniger als Warrick. Selbst nach Erestors laienhafter Einschätzung war die ‚Butterblume’ nur noch ein Wrack, das die Beorninger wahrscheinlich abfackeln würden, damit es nicht länger die Furt blockierte. Sie würden sich etwas einfallen lassen müssen, um den Sterblichen für seine Hilfe angemessen zu entschädigen. Aber darum konnte sich Elrond Gedanken machen.
Erestors Blick blieb an einer kleinen Gruppe noch nicht auf die Fähren verladener Seeleute hängen. Schräg hinter ihnen erkannte er Leiloss, die neben einer weiteren Gestalt kniete und etwas aufgeregt eine blutige, schlanke Hand tätschelte. Die wiederum gehörte zu einem ebenso blutigen Elb, der ohne große Regung gegen eine Taurolle gelehnt auf dem Boden saß. Einen Lidschlag später stürmte Bruchtals Seneschall über das Deck der ‚Butterblume’ und stieß rücksichtslos beiseite, was so unklug war, sich ihm in den Weg zu stellen.
“Nichts passiert, Lord Erestor!” rief ihm Leiloss erschrocken entgegen. “Es war nur ein Unfall! Gilnín geht es gut, ehrlich.”
“Ein Unfall?” echote Erestor aufgebracht und ging neben seinem Sohn auf die Knie. Besorgt musterte er den Körper seines Sohnes auf der Suche nach der Wunde, die für diese Blutmengen verantwortlich sein musste. “Gilnín!”
Erst hob sich ein Augenlid, dann das andere und Erestor begegnete sich wie so oft wieder in den schwarzen Augen seines Sohnes. Für die eines Verblutenden waren sie erstaunlich klar. “Geht es dir gut?”
“Das fragst du mich?” war Erestors erstaunte Gegenfrage. “Ich bin jedenfalls unverletzt.”
“Er auch”, mischte sich Leiloss ein. Sie zupfte Erestor am Ärmel und deutete dann auf einen toten Piraten, nicht weit von ihnen entfernt. “Das Blut ist von ihm. Ich hab ihn an der falschen Stelle erwischt und dann…”
Der Geste nach zu urteilen, war offenbar eine ganze Fontäne über Gilnín unerwartet nieder geregnet und das war eindeutig zu viel für ihn gewesen. Erestor verspürte einen Moment den Drang, vor Erleichterung laut aufzulachen, aber das wollte er seinem Sohn nun doch nicht antun. Er räusperte sich, stand wieder auf und reichte Gilnín die Hand, damit er ihn ebenfalls wieder auf die Füße ziehen konnte.
“Ah, der vielversprechende Nachwuchs”, erklang es hinter ihm und Celeborn trat zu ihnen. Prüfend betrachtete er den noch etwas wackligen Heiler und neigte dann den Kopf. “Nehmt es nicht so tragisch, Erestorion. Wir haben alle unsere Schwächen. Meine Gemahlin zum Beispiel hasst Regenwürmer.”
“Sie fällt aber nicht in Ohnmacht, wenn sie einen sieht”, erinnerte ihn Leiloss und warf ihrem obersten Befehlshaber einen beinahe schon grimmigen Blick zu.
Celeborn lächelte nur und sie ließen eine höchst verunsicherte Ithildrim zurück, als sie sich abwandten, um mit der nächsten Fähre diesen traurigen Überrest eines ehemals blitzsauberen Schiffes zu verlassen.
Kapitel 11 - Irritationen
Wie alle Elben benötigte Celeborn nur sehr wenig Schlaf. Dennoch war er am Abend nach der Seeschlacht, wie der Kampf mit den Piraten bereits allenthalben genannt wurde, doch mit einiger Erschöpfung auf das schmale Feldbett seines Zeltes gefallen. Er hatte tief und ohne die üblichen Träume geruht, bis Orophin ihn nun am frühen Morgen mit einem dezenten Räuspern geweckt hatte, um ihm mitzuteilen, dass Elrond sich darüber freuen würde, mit ihm gemeinsam das Frühstück einzunehmen.
Nur kurz hatte Celeborns Blick bei seinem Weg durch das Zeltlager auf der Furt des Anduin verweilt, wo die traurigen Überreste der ‚Butterblume’ die Durchfahrt blockierten und das Piratenschiff neben ihr der Havarie zum Trotz noch immer die Ahnung von Gefahr verströmte. Er schien nicht der einzige zu sein, der so empfand, denn entlang des Ufers waren Krieger postiert. Glorfindels Werk, nahm Loriens Herrscher an, der den Vanya gut genug dafür kannte.
Das Lager erwachte so früh am Morgen nur langsam. Keiner hier hatte leichte Stunden hinter sich. Nun, wo zunächst alle in Sicherheit waren, wollten nur wenige zu so früher Stunde bereits auf den Beinen sein. Wer wusste schon, was als nächstes auf sie wartete? Nach einem Piratenangriff musste man schließlich mit allem rechnen.
Ein kaum merkliches Lächeln auf den Lippen durchquerte Celeborn das Lager und steuerte Elronds Zelt an. Er war nur kurz am Tag zuvor dort gewesen, doch hätte er niemals den Weg verfehlt. Celeborn pflegte sich nicht zu verirren, selbst wenn es durch diese nicht gerade kleine Zeltstadt ging.
“Der Herr von Imladris hat wirklich ein geselliges Wesen”, raunte Orophin ein wenig verblüfft, als sie sich dem Zelt näherten.
“Schon immer gehabt”, murmelte Celeborn, der auch mit leichter Verwunderung zur Kenntnis nahm, dass sein Schwiegersohn den Tisch unter dem Vordach des Zeltes hatte decken lassen. Gesellig mochte Elrond ja sein, aber sein Zelt lag etwas exponiert und der Platz davor mochte kaum geeignet sein, die wichtigen Dinge zu bereden, deretwegen sie eigentlich alle hier eingetroffen waren. Bei Celeborns Eintreffen erhob er sich, ungewöhnlich schlicht gekleidet für einen Elb, der gewöhnlich Roben dem praktischen Habit der Krieger bei weitem vorzog.
Elrond musste seine Gedanken erahnen, denn er schüttelte sofort den Kopf. “Nur ein Frühstück, nicht mehr. Deine Reise scheint mir ereignisreich genug gewesen zu sein, um zunächst ein wenig Erholung zu benötigen.”
“Komme ich dir vor wie ein Elb, der Erholung braucht?” knurrte Celeborn, setzte sich aber gleichwohl an den Tisch und registrierte nebenbei, dass sich Orophin neben dem rechten Pfosten des Vordachs aufbaute, bereits wieder ein Buch in der Hand.
“Wir können alle von Zeit zu Zeit etwas Abwechslung brauchen.”
Unter Abwechslung verstand Celeborn gewöhnlich etwas anderes. Ein Jagdausflug mit Glorfindel hätte ihm da besser gefallen, als ein Frühstück mit seinem immer viel zu ernsten Schwiegersohn. Andererseits würde die Anspannung noch früh genug dieses Zeltlager heimsuchen und Celeborn war sich im Klaren, dass er eine der Quellen davon sein würde. Schon am Vortag war es ein ungutes Gefühl gewesen, Thranduil an der Furt gegenüber zu stehen. Sie hatten kaum mehr als einen Gruß gewechselt und diesen auch noch in eisigem Ton.
“Du wirst seine Abneigung überwinden müssen”, erriet Elrond seine Gedanken. “Dieser Feldzug ist zu wichtig, um ihn an persönlichen Streitereien scheitern zu lassen.”
“Zwischen mir und ihm ist keine Streiterei”, widersprach Celeborn. Selbst Elrond wusste nicht genau, was die Feindschaft ausgelöst hatte. Thranduils Abneigung gegen Galadriel war eine so willkommene Ausrede gewesen, dass er sich nie die Mühe gemacht hatte, den Irrtum aller anderen aufzuklären. Es gab Zeiten, da hatte er es sogar geschafft, selber diese Variante für wahr zu nehmen.
“Wie schön”, sagte Bruchtals Fürst und in seinen Augen war zu lesen, dass er ihm kein Wort glaubte. “Wie geht es eigentlich Arwen?”
Elrond war also wirklich fest entschlossen, dieses Treffen noch nicht mit den wichtigen Themen zu bestreiten. Celeborn gab nach und seufzte übertrieben. “Gut, mein Freund, sehr gut. Eigentlich könnten wir sie wieder heimschicken. Du musst deine Tochter sicher schmerzlich vermissen.”
“Nicht, solange Estel noch als Waldläufer durch die Gegend zieht”, war die düstere Antwort. “Ich hatte gehofft, sie würde ihre Schwärmerei für ihn womöglich überwinden.”
“Gar nichts überwindet sie”, grollte Celeborn und kaute genüsslich auf einem Stück süßen Brot herum. Jetzt verstand sein Schwiegersohn endlich, wie es sich anfühlte, wenn die einzige Tochter flügge wurde. “Du hättest sie auch gleich in Imladris behalten können. Für einen Heiler ist deine Kur bemerkenswert erfolglos.”
“Auch Heilern sind Grenzen gesetzt.” Elronds Blick richtete sich nach Norden. “Selbst wenn einige das nicht glauben wollen.”
Neugierig drehte Celeborn den Kopf in diese Richtung und verschluckte sich fast an seinem Frühstück. Er griff hastig zu seinem Tee und spülte seine Kehle frei. Wenn er sich nicht täuschte - und eine Täuschung war in diesem Falle eigentlich unmöglich - stürmte soeben Galen Ithilos den Weg herauf. An und für sich war das nichts Ungewöhnliches, denn Ithildrim bewegten sich nur selten mit Ruhe und Würde, doch es musste schon eine Sinnestäuschung sein, was der junge Heiler da bei sich trug. “Elrond…”
“Ignorier ihn”, riet ihm der Halbelb und amüsierte sich offenbar prächtig. “Er will nicht zu uns.”
“Ignorieren”, echote Celeborn. Wie sollte man einen Elben ignorieren, der den Unterarm eines Uruk’hai bei sich trug? “Was hat er damit vor?”
“Ich weiß nicht.”
“Und ich nehme an, du willst es auch gar nicht wissen”, vermutete Celeborn. “Wahrscheinlich können wir uns glücklich schätzen, dass Elladan und Elrohir der Kreatur nicht den Kopf abgeschlagen haben.”
“Wahrscheinlich”, bestätigte Elrond und nickte Galen freundlich zu, als dieser fast im Laufschritt an seinem Zelt vorbeikam. “Wobei ich nicht wirklich begeistert bin, dass meine Söhne sich in den Kampf gestürzt haben.”
“Sie würden sich niemals eine Gelegenheit entgehen lassen, Orks zu töten”, erinnerte ihn Celeborn. Gewöhnlich verspürte er das Gefühl des Verlustes, wenn das Gespräch auf die Quelle des Hasses kam, den seine Enkel empfanden. Es schmerzte noch immer, dass seine Tochter ein so grausames Schicksal hatte erleiden müssen. Diesmal jedoch wurde die Erinnerung einfach davon verdrängt, dass Galen den Gruß Elronds erwiderte, indem er mit dem Uruk’hai-Arm winkte. “Ich hatte es nicht glauben wollen, dass sie alle so eigentümlich sind.”
“Das sind sie, sogar Düsterwalds neue Königin.” Elronds milder Tonfall enthielt allerdings eine Mischung aus Zuneigung und Erheiterung, die Celeborns Aufmerksamkeit fesselte.
“Viel habe ich noch nicht von ihr erleben dürfen”, bemerkte er gedehnt, um seine Neugierde zu verbergen. “Aber ich nahm an, sie sei doch merklich reifer als zum Beispiel Leiloss. Irgendwie kann ich mir nicht vorstellen, dass Thranduils Temperament die Flutwellen von Rhûnar-Energie auf Dauer hinnimmt.”
“Sicher nicht.” Elrond versuchte nicht sehr erfolgreich, ein Grinsen hinter dem Rand seines Teebechers zu verbergen. “Nur ein Narr würde behaupten, dass mit Varyas Einzug in den Palast auch ebenso Harmonie und Frieden eingekehrt sind. - Ah, guten Morgen, Gilnín.”
Erestors Sohn, diesmal mit gesünderer Hautfarbe als am Tag zuvor und auf seinen eigenen Beinen, eilte nun ebenfalls den Weg entlang. Vor dem Zelt deutete er eine kurze Verbeugung an, blieb aber nicht wirklich stehen, sondern stürmte in die gleiche Richtung, in die es schon Galen gezogen hatte.
Elrond blickte ihm sinnend nach. “Ich frage mich, was da wieder im Gange ist.”
“Wir könnten nachschauen”, schlug Celeborn ohne wirkliches Interesse vor. Beschäftigte Heiler gehörten weniger zu den Personen, die ihn faszinieren konnten. Er hatte sich auch immer gefragt, warum Celebrian so völlig hingerissen von dem Halbelb gewesen war, der ihm jetzt schräg gegenüber saß und sich in Gedanken wohl intensiv mit dieser Heilerwanderung an seinem Zelt vorbei befasste. Elrond war in früheren Zeiten ein bemerkenswerter Krieger gewesen, der durch sein außergewöhnlich großes strategisches Geschick unter all denen auffiel, die eher voller Leidenschaft an einen Kampf herangingen. Aber dies machte nur einen Teil seiner Persönlichkeit aus, den anderen prägte eine Mischung aus Gelehrsamkeit, Diplomatie und Verständnis für beinahe alles.
Eine Weile konnten die beiden Fürsten geruhsam weiter frühstücken. Ihr Gespräch plätscherte eher so dahin, drehte sich um allgemeine Neuigkeiten oder solche der Familie. Im Zeltlager wurde es lebhafter, aber zumeist führten die Wege der anderen Elben nicht direkt an Elronds Zelt vorbei. Dies änderte sich, als Celeborn eine vertraute Gestalt erspähte.
“Und aus ist es mit der Ruhe”, murmelte er, von plötzlicher Appetitlosigkeit heimgesucht.
“Guten Morgen, Lord Celeborn”, rief Leiloss schon von weitem. Zur Abwechslung kam sie aus der Richtung, in der die beiden anderen Heiler zuvor verschwunden waren. “Meister Elrond.”
“Leiloss”, nickte Elrond. “Ihr habt Euren Sturz vom Mast gut überstanden.”
“War nur Wasser”, winkte sie ab.
Zu Celeborns Überraschung blieb sie genauso wenig stehen wie zuvor Galen und Gilnín, sondern verfiel in einen lockeren Trab, der sie schnell zwischen den Zelten verschwinden ließ. Kurz danach tauchte hinter ihr Rumil mit eiligen Schritten auf, grüsste kurz die beiden Elben vor dem Zelt und hastete seiner Angebeteten hinterher.
“So langsam…”, begann Elrond, unterbrach sich aber, weil ein recht junger Rohirrim nun seinerseits Rumil hinterherlief, sie ebenfalls mit einem Kopfnicken grüsste und sich offenkundig bemühte, nicht den Anschluss an die beiden anderen zu verlieren. “Wer ist das?”
“Einer von Warricks Männern”, erinnerte sich Celeborn dunkel. “Orophin?”
Rumils Bruder sah kurz von seinem Buch auf. “Das ist Jannerik aus Rohan”, erklärte er und nur mühsam unterdrückte Schadenfreude schwang in seiner Stimme mit. “Rumil hat ihm auf der ‚Butterblume’ das Leben gerettet. Seither fühlt er sich wohl verpflichtet, meinem Bruder eine Art getreuer Vasall zu sein. Er nächtigte tatsächlich vor unserem Zelt, was durchaus störend genannt werden kann, alldieweil er überaus menschliche Schlafgeräusche von sich gibt.”
“Er schnarcht”, dolmetschte Elrond erheitert. “So wie Estel.”
“Davon hat deine Tochter noch gar nichts erwähnt”, stichelte Celeborn.
Elronds Augenbrauen zogen sich zusammen. “Das will ich wohl hoffen.”
Ihr nächster Besucher hielt zur Abwechslung bei ihnen an. Gandalf hängte unaufgefordert seinen Hut an einen Befestigungshaken des Zeltes, räusperte auffordernd in Richtung Orophins, bis dieser ihm einen Stuhl an den Tisch stellte und bediente sich genüsslich an den üppigen Resten des Frühstücks. “Ihr versteht es, etwas Kultiviertheit auch in diesen eher rustikalen Winkel Mittelerdes zu bringen”, sagte er zu Elrond, während er eine Scheibe Brot dick mit dunklem Waldhonig bestrich.
“Wir werden wohl einige Zeit hier verweilen”, lächelte Elrond. “Und was vor uns liegt, dürfte noch anstrengend genug werden.”
“Wohl wahr”, nuschelte der Maia in sein Brot. “Aber die Anstrengung hat schon begonnen. Ist Euch aufgefallen, welches Hin und Her seit heute morgen herrscht?”
“Es ist kaum zu übersehen”, war die Antwort, in der die passende Frage schon mitklang. “Rhûnars Heiler scheinen sich mit einem Problem zu befassen, das uns anderen noch nicht bekannt ist. Eigentlich fehlt nur noch Varya.”
“Wenn das eine Vision sein soll, kommt sie etwas spät”, verkündete Celeborn, der sich mittlerweile so hingesetzt hatte, dass er beide Seiten des Weges immer gut im Auge hatte. Düsterwalds Königin marschierte mit schnellen Schritten den Weg hinauf. Celeborn musste zugeben, dass Thranduil da durchaus einen Schatz sein eigen nannte. Wenn Leiloss mit den Jahren ihre Kindlichkeit verlor und der Rhûna ähnlicher wurde, die nun abrupt vor ihnen stehen blieb, würde Rumil sie Tag und Nacht vor den Anträgen anderer Elben verteidigen müssen. “Die Schönheit dieses Frühlingsmorgens verblasst gegen die Eure, Hoheit.”
“Erspart mir den Titel”, winkte sie ab und musterte ihn einmal eindringlich. “Ihr seid also der Grund, warum Thranduil so schlechte Laune hat. Guten Morgen übrigens, Meister Elrond.”
“Guten Morgen, Varya.” Elronds Gelassenheit waberte beinahe sichtbar um ihn herum. “Kann es sein, dass es einen kleinen Unfall gegeben hat?”
Sie lächelte genauso betont harmlos, wie es auch Leiloss bei mittleren Katastrophen zu tun pflegte. Die Ähnlichkeit war wirklich verblüffend. “Eher ein Missgeschick, denke ich. Aber wir kümmern uns schon darum. Kein Grund also, dass Ihr und Eure Gäste unruhig werdet.”
“Sind Tote zu befürchten?”
“Nicht, wenn Ihr Lord Erestor noch eine Weile beschäftigen könntet. Nur für den Fall, dass er davon Wind bekommt.” Varya runzelte die Stirn. “Obwohl ich den Eindruck habe, dass ihm nur selten etwas entgeht.”
Gandalf lachte leise und rückte damit sofort in den Mittelpunkt ihres Interesses. Sie trat einen Schritt näher und ein faszinierter Ausdruck trat in die leuchtend grünen Augen.
“Mithrandir ist ein Maia”, erklärte Elrond ungefragt. “Wundert Euch also nicht über seine Ausstrahlung.”
“Ich wünschte…” Sie seufzte. “Vielleicht später. Denkt an Euer Versprechen, Meister Elrond.”
Damit hastete sie weiter. Kaum war sie hinter dem nächsten Zelt verschwunden, tauchte wieder Leiloss mit ihrem Anhang auf. Alle drei eilten stumm an den Beobachtern vorbei.
“Wollen wir eine Wette abschließen, wer als nächstes auftaucht?” schlug Celeborn ohne große Hoffnung vor.
“Meine Söhne”, tippte Elrond prompt zu seiner Verwunderung.
“Seit wann wettest du?”
“Es riss mich mit”, murmelte Bruchtals Fürst etwas verlegen. “Das passiert häufig, wenn zu viele Ithildrim um mich herum sind.”
“Ich setze auf Erestor”, kam es von Gandalf.
Wie auf ein geheimes Zeichen blickten alle drei in die Richtung, aus der Varya gekommen war. Elronds Seneschall, eindeutig in finsterer Laune, näherte sich dort.
“Du hast ihr versprochen, ihn aufzuhalten”, sagte Celeborn schadenfroh zu seinem Schwiegersohn.
“Habe ich nicht.”
“Nicht direkt”, sagte Gandalf. “Aber sie verlässt sich wohl auf Euch.”
“Und wer bin ich, Düsterwalds Königin zu enttäuschen?” knurrte Elrond, bevor er sich erhob und auf den Weg schlenderte.
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Weit vom Ort dieses Geschehens entfernt, lag Arwen in ihrem Bett hoch oben in den Kronen des Mallorn, der den Talan ihrer Großeltern beherbergte und starrte an die Decke ihres Gemachs. Ihre Gedanken kreisten nicht wie üblich um den Sterblichen mit den grauen Augen, der so unvorbereitet den Weg in ihr Herz gefunden hatte, sondern um Galadriels Schneiderin.
Arwen setzte sich auf und runzelte die Stirn. Um Maedcam und Thranduils Hauptmann - um genau zu sein. Die beiden stellten ein Paar dar, wie es idealer nicht sein konnte. Allerdings gab Arwen zu, dass ihre Maßstäbe an eine ideale Verbindung sich womöglich nicht mit denen ihres Vaters messen ließen. Elrond hatte da so seine eigenen Vorstellungen - die von einem auch tatsächlich als König gekrönten Schwiegersohn war nicht einmal die anspruchsvollste unter ihnen. Eher eine Art Kompromiss, den er wohl in der heimlichen Hoffnung vorgeschlagen hatte, dass Estel sein Erbe nicht antreten würde.
Ein grimmiges Lächeln umspielte Arwens Lippen, während sie aus dem Bett stieg und in den Baderaum wanderte. Sie bevorzugte kaltes Wasser, auch beim Baden, es war also eine recht schnelle Angelegenheit, bis sie in eine von Maedcam geschneiderte Robe gewandet wieder in ihren Wohnraum zurückkam.
Gewöhnlich kannte ihr Vater sie recht gut, aber dieses Mal hatte er sich getäuscht. So plötzlich, wie sie sich in den jungen Dúnadan verliebt hatte, den sie zuvor erst ein einziges Mal gesehen hatte in Imladris, bevor sie für viele Jahre in Lothlorien ihre Großeltern besucht hatte, so entschlossen war sie auch, sich durch nichts von dem Weg abbringen zu lassen, der sich damit vor ihr auftat. Estel war etwas Besonderes und mit den Jahren, die sicherlich noch zwischen ihnen und einer gemeinsamen Zukunft lagen, würde dies umso deutlicher werden. Und bis dieser Moment gekommen war, würde sie sich mit anderen, ebenso wichtigen Dingen beschäftigen.
Entschlossen verließ Arwen ihr Gemach, um Maedcam zu finden und nach den neuesten Entwicklungen auszuhorchen. Zu ihrer Überraschung fand sie die Elbin nicht wie gewöhnlich in der Nähe ihrer Großmutter, sondern etwas unentschlossen schon auf halbem Weg dahin. Maedcam stand mit ihrem Nähkorb in der Hand auf dem Gang und starrte ein großes Gemälde an, das wie fast alle Gemälde in den Gängen irgendeine verträumte Ansicht von Lothlorien zeigte. Eine nicht sehr abwechslungsreiche Galerie, bei der es Arwen schon seit Jahrhunderten in den Fingern juckte, die Bilder mit einigen Ergänzungen zu versehen. Geflügelte Rehe, Orks und lila Pilze waren nur eine kleine Auswahl ihrer Einfälle, die sie bislang noch nicht in die Tat umgesetzt hatte.
“Maedcam”, strahlte sie die zusammenzuckende Elbin an. “Was treibst du denn hier? Die Bilder dürften dir doch nicht neu sein?”
“Welche Bilder?” fragte die Galadhel verwundert.
Aha, dachte sich Arwen triumphierend. Sie ist eindeutig in Gedanken bei jemand anderem. Den Zustand kenne ich. “Hat Galadriel heute nichts für dich zu tun?”
Maedcam seufzte etwas unglücklich. “Nein, wohl nicht. Sie meinte, ich solle mich lieber um Hauptmann Forlos’ Kleidung kümmern.”
“Und deswegen schaust du so betrübt?”
“Ich befürchte, der Hauptmann wird nicht sehr begeistert sein, wenn ich bei ihm auftauche”, erklärte Maedcam mit leiser werdender Stimme. “Und Haldir wohl auch nicht.”
“Haldir?” Was hatte denn nun schon wieder Loriens Hauptmann damit zu tun? Arwen registrierte, wie in ihrem Innern ein Funke Argwohn aufblitzte.
“Sie sind wohl sehr beschäftigt.” Maedcam fingerte mit gesenktem Kopf in ihrem Nähkorb herum. “Gestern holte er ihn ebenfalls fort. Ich hab sie beide seitdem nicht mehr gesehen.”
Haldir schien ohnehin nicht sehr davon angetan, dass sein Freund aus dem Düsterwald mehr Zeit als nötig mit der Elbin verbrachte. Eine Tatsache, die Arwen im Grunde verwunderte, denn sie kannte Haldir besser, als sich ihr Vater wohl in seinen schlimmsten Albträumen vorstellen konnte und wenn sie eines von Haldir wusste, dann war es, dass er seinen Freunden immer nur das Beste wünschte und gewöhnlich auch alles in seiner Macht stehende tat, um es ihnen zu verschaffen. Maedcam war eindeutig das Beste für Forlos. Daran hatte Arwen nicht den geringsten Zweifel. “Das lässt sich ändern. Gehen wir.”
“Ich weiß nicht, wo sie sind”, widersprach Maedcam und rührte sich nicht von der Stelle.
“Wo können zwei Krieger wie sie schon sein?” tat Arwen diesen Einwand ab. Sie packte Maedcam am Handgelenk und zog sie energisch mit sich. “Entweder sitzen sie in der Taverne herum, in der sich Haldirs Wächter immer gegenseitig alte Kampfgeschichten erzählen…”
“Es ist noch früher Morgen”, wandte Maedcam mit großen Augen ein.
Arwen lächelte milde. “Dafür ist es bei einem Krieger nie zu früh, meine Liebe.”
“Was ist die andere Möglichkeit?”
“Haldir hat ihn mit auf den Übungsplatz genommen und gibt mit den Leistungen seiner Krieger an.”
“Arwen!”
“Was?”
“Die beiden sind doch keine kleinen Jungs. Und Haldir würde sich nie so aufspielen.”
Arwen lächelte noch milder und schlug aus einer Ahnung heraus direkt den Weg zum Übungsplatz ein. Maedcam war ein bisschen naiv, was die Verhaltensmuster erwachsener Elben anging. Männliche Wesen gleich welcher Art, so war ihre Überzeugung, mussten einander immer beweisen, dass sie die Stärksten waren. So war es einfach, selbst wenn sie die besten Freunde waren. Es kostete sie einige Selbstbeherrschung, nicht einen triumphierenden Laut auszustoßen, als sie nach einem eiligen Marsch durch Caras Galadhon den Übungsplatz am Rande der Stadt erreichten und dort das Objekt ihres Interesses entdeckten. So beschränkte sie sich nur darauf, bedeutsam die Augenbrauen zu heben und Maedcam zu nötigen, in einen gemütlichen Schlenderschritt zu verfallen.
Haldir und Forlos standen am Rande der weiten Lichtung, an deren einem Ende die Bogenschützen Aufstellung genommen hatten und an deren anderem, weit entfernten Ende doch recht kleine Zielscheiben aufgestellt waren. Sie waren tief in die Begutachtung der Schießkünste der armen Wichte versunken, die Haldir auserkoren hatte, vor den kritischen Augen des Gesandten aus Düsterwald die Fähigkeiten Lothloriens zu demonstrieren. Dennoch hob Forlos den Kopf, kaum hatten die beiden Elbinnen den halben Weg am Rand der Lichtung entlang zurückgelegt und sah in ihre Richtung. Maedcam stolperte prompt.
Arwen hakte sie unter, damit sie nicht noch mit weichen Knien zu Boden sank und schaffte es, dass Maedcam halbwegs würdevoll die letzten Meter zurücklegte. Eine durchaus bemerkenswerte Leistung, bedachte man die finsteren Blicke, die beide Hauptmänner ihnen zugedachten. Für Arwen war es unerklärlich, warum ein Elb, der offenkundig die Elbin seines Lebens endlich in Fleisch und Blut vor sich hatte, so düster wirken konnte. Es bestand natürlich noch die Möglichkeit, dass sie sich irrte und Forlos tatsächlich kein Interesse an Maedcam hatte. Andererseits…Arwens Sinne waren schärfer als die gewöhnlicher Eldar. Das Erbe ihrer Eltern erreichte zwar nicht die Sensibilität, die Elrond zur Verfügung stand, gleichwohl war es vorhanden. Forlos’ Zuneigung zu Maedcam lag deutlich vor ihr, wenn auch überdeckt von einer Schicht Zurückhaltung und Unbehagen, deren Ursache sie noch ergründen würde. Aber zuerst würde sie ihm abgewöhnen, so finster und zugeknöpft aufzutreten, sobald Maedcam in der Nähe war.
“Ihr seid beizeiten auf den Beinen”, wurden sie von Haldir begrüßt. Forlos beschränkte sich auf ein knappes Nicken, begleitet jedoch von einem leichten Lächeln, als er Maedcam grüßte.
“Der frühe Vogel fängt den Wurm”, erklärte Arwen heiter.
“Und wer soll hier der Wurm sein?” war sofort die scharfe Gegenfrage.
Arwen wölbte die Brauen. Haldir war so empfindlich wie eine Mimose, das kannte sie von ihm gar nicht. “Interessant, dass Ihr nicht fragt, wer der Vogel ist.”
“Ich würde Euch niemals mit einem Wurm vergleichen, Arwen”, bekam Haldir elegant die Kurve und Arwen wusste wieder, warum sie vor langer Zeit völlig hingerissen von ihm gewesen war. “Eher mit einem Falken auf der Jagd.”
“Wie schmeichelhaft”, gurrte sie, ohne sich über die Zweideutigkeit auszulassen. Das würde sie später unter vier Augen mit ihm ausdiskutieren. “Und Ihr, Hauptmann Forlos? Womit würdet Ihr denn wohl Maedcam vergleichen?”
Maedcam zupfte unbehaglich an Arwens Ärmel, aber sie ignorierte sie. Viel mehr interessierte sie, wie Forlos erst etwas irritiert von Haldir zu ihr sah und sich sein Blick dann auf Maedcam richtete, um sofort deutlich sanfter zu werden. Seine Miene war zwar noch immer sehr ernsthaft, aber wenigstens nicht mehr so finster. Allerdings musste sie zugeben, dass diese dunkle Aura, diese Ernsthaftigkeit dem Elb wirklich gut zu Gesicht stand. Er passte perfekt zu Maedcam.
“Einem Waldkäuzchen”, sagte Forlos langsam.
“Ahja”, machte Arwen und nur für einen Lidschlag verspürte sie den Drang, den Hauptmann zu erwürgen. Aber sie fabrizierte ein zustimmendes Nicken und stieß Maedcam mit dem Ellbogen an. “Genau das hätte ich auch vermutet.”
Haldir grinste selbstzufrieden. “Es lag mir auf der Zunge. Wirklich ein guter Vergleich, Forlos.”
Thranduils Hauptmann räusperte sich verlegen. “Waldkäuzchen sind großartige Vögel.”
“Aber sicher”, nickte Haldir scheinheilig und freute sich offenbar diebisch.
“Ich finde den Vergleich nett”, meldete sich Maedcam zum ersten Mal zu Wort und bedachte Forlos mit einem freundlichen Lächeln. Haldirs gute Laune verflüchtigte sich prompt. “Ich mag Waldkäuzchen.”
Forlos sah aus, als würde ihm das halbe Nebelgebirge von den Schultern genommen. “Ich auch. Im Düsterwald warnen sie uns häufig vor Gefahren.”
“Wie passend”, freute sich Arwen und ergriff sofort die günstige Gelegenheit. “Dann solltet Ihr jetzt mit diesem Käuzchen hier losgehen und endlich einen Stoff für Eure neue Kleidung aussuchen. Galadriel denkt schon, Maedcam ist säumig in ihren Pflichten, weil sie sich nicht mit Eurer Tunika beschäftigt.”
“Kann ich mir denken”, murmelte Haldir kaum hörbar.
“Ich möchte keinesfalls der Grund sein, dass Ihr Eure Herrin verärgert”, gab Forlos nach.
“So! Das wäre geschafft!” stieß Arwen zufrieden hervor, kaum zogen die beiden ab. Dann wandte sie sich Haldir zu und musterte ihn scharf. “Was geht da vor?”
Es sollte Elben geben, die angesichts einer verärgerten Tochter Elronds nur noch zitternde Häuflein Elend waren - Haldir gehörte nicht dazu, hatte es noch nie. Er verschränkte die Arme vor der Brust und erwiderte ihren forschenden Blick mit der ihm eigenen und wie Arwen erneut zugab, doch recht anziehenden Arroganz. “Ich habe keine Ahnung, wovon du redest.”
“Ich bitte dich!” empörte sie sich. “Maedcam ist deine Freundin, fast so etwas wie eine Schwester und Forlos offenbar einer der wenigen Elben, den du bereit bist, einen Freund zu nennen. Warum legst du ihnen Steine in den Weg?”
Zu ihrer Überraschung sah er sich kurz um, schüttelte dann den Kopf und packte sie am Handgelenk, um sie von der Lichtung herunter tiefer in den Wald zu führen. Erst als sie an einer verlassenen Stelle angekommen waren, an der nicht einmal mehr die Stimmen der Krieger auf dem Übungsplatz zu hören waren, hielt er an.
“Ich hoffe nur, sie ist in Gedanken woanders”, seufzte er kurz und stemmte die Fäuste in die Hüften. “Du solltest dich hier nicht als Kupplerin aufspielen, Arwen.”
“Und warum nicht?” Sie stritt es nicht einmal ab. Es erfüllte immerhin einen guten Zweck. “Haldir, die beiden passen gut zusammen. Das findet Galadriel auch.”
“Nein wirklich?” spottete er zu ihrer Verwunderung. “Und du fragst dich nicht einmal, warum sie so begeistert ist, dass Maedcam sich vielleicht an Thranduils obersten Krieger binden könnte?”
Etwas verblüfft ließ sich Arwen auf dicken, abgestorbenen Ast sinken, der vor langer Zeit von dem Baum hinter ihr gebrochen war und sah zu Haldir hoch. Er wirkte ernstlich besorgt und nach seinen Andeutungen zu schließen, hatte er wohl auch allen Grund dazu. “Du meinst, Großmutter spielt wieder eines ihrer Spiele?”
“Schön, dass wir uns verstehen”, nickte er und setzte sich neben sie. “Ich gönne beiden alles Glück der Welt, doch was würde eine Bindung wohl bedeuten?”
“Maedcam verlässt Lothlorien”, schätzte Arwen, runzelte aber sofort die Stirn. Galadriel hegte keinen Groll auf ihre Schneiderin. Es lag sicher nicht in ihrem Interesse, dass sie sie verließ. Andererseits hegte Galadriel schon sehr lange einen tiefen Groll auf Thranduil. “Forlos verlässt den Düsterwald?”
“Sehr scharfsinnig”, bestätigte Haldir und zertrat mit dem Stiefelabsatz einen vertrockneten Zweig. “Und das kann nicht gut gehen.”
“Woher willst du das wissen?”
“Sie hat es mir gesagt.”
“Und du hast nichts dagegen unternommen?”
“Wir haben gewettet.”
“Um die Zukunft der beiden?” Arwen rang nach Luft. “Das darf doch nicht wahr sein!”
Etwas hilflos zuckte er die Achseln. “Mir fiel nichts Besseres ein.”
“Du bist unmöglich!” empörte sie sich. “Du und Galadriel! Wenn Celeborn hier wäre, würde er euch beide in Grund und Boden schreien.”
“Offenbar hast du vor, ihn würdig zu vertreten.”
Arwens Ärger verflüchtigte sich. Zumindest der, der sich auf Haldir gerichtet hatte. Was hätte er auch sonst groß unternehmen sollen? So leicht war man Galadriel nicht gewachsen. Irgendwie wünschte sie sich, Elrond wäre jetzt in der Nähe. Ihm wäre bestimmt eine elegante Lösung dieses Problems eingefallen. Mit einem tiefen Seufzer lehnte sie sich an den vor sich hinbrütenden Elb neben sich. “Es bleibt noch immer die Möglichkeit, dass Maedcam ihm folgt.”
“Sie traut sich nicht einmal aus den Stadtgrenzen heraus, geschweige denn bis nach Düsterwald.”
“Dann müssen wir eben dafür sorgen, dass ihr Thranduils Palast äußerst verführerisch vorkommen wird, weil Forlos dort lebt.”
“Und darum wirst du dich wohl persönlich kümmern?” vermutete er, ein leises, aber doch irgendwie hoffnungsvolles Lachen in der Stimme.
“Wer sonst?” kicherte sie, um sofort wieder ernst zu werden. Besorgt sah sie zu ihm auf. “Was wird dann aus deiner Wette? Du wirst Ärger bekommen.”
Lothloriens Hauptmann lächelte unschuldig und legte einen Arm um ihre Schultern. “Wir haben Zauberei ausgeschlossen, mehr aber auch nicht. Von Verbündeten war nie die Rede.”
Tadelnd schlug sie ihm aufs Knie, sagte aber nichts weiter. Sie blieben noch eine ganze Weile so zusammen im Schatten dieses freundlichen Waldes sitzen, der seine Bewohner mit seiner Fürsorge wie ein unsichtbares, aber allgegenwärtiges Netz beschützte. Für den Moment konnte Arwen sogar vergessen, dass Estel irgendwo dort draußen in einer feindlichen Welt unterwegs war. Lothlorien glättete die Wogen in ihrer Seele und die Erinnerung an einen lange zurückliegenden Sommer unter diesen Bäumen zusammen mit dem Elb, der auch jetzt an ihrer Seite war, erfüllte sie mit Wohlbehagen.
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“Hm”, machte Varya. Sie beugte sich etwas vor, um an Gilnín vorbei zu Galen zu schauen, der sich auf der anderen Seite des Noldo aufgestellt hatte. “Was denkst du?”
Galen hob die Schultern. “Ich habe keine Ahnung.”
“Entweder lag es an dem Aufprall auf das Wasser”, ließ sich Gilnín nachdenklich vernehmen, “oder daran, dass Leiloss sie so unsanft über die Fähre gezerrt hat.”
Drei Paare Heiler-Augen richteten sich sehr tadelnd auf die junge Ithildrim, die im Hintergrund des Zeltes stand und sofort abwehrend die Hände ausstreckte. “So unsanft war das gar nicht.”
“Nun ja”, kommentierte Gilnín.
“Sie ist nur ein bisschen angestoßen. Ich war eben wütend.” Da sie keinerlei Verständnis auf den Gesichtern ihrer Richter entdeckte, lächelte sie verlegen. “Ich schätze, ich sollte jetzt meinen Mund halten.”
“Keinen Moment zu früh”, nickte Varya. Ihr grauste innerlich vor den Komplikationen, die Leiloss da wohl heraufbeschworen hatte. Sofern sie wirklich dafür verantwortlich war. Beweisen konnte man ihr nichts und das würde sie auch Erestor sagen, wenn er sich auf Leiloss stürzen würde. Etwas, das mit Sicherheit geschah, wenn sie nicht schnell eine Lösung fanden.
Ein tiefer Seufzer zog das Interesse der Heiler wieder auf das Objekt ihrer Ratlosigkeit. Hestia hockte im Schneidersitz auf ihrem Feldbett und betrachtete mit großen Augen die drei Elben vor sich. “Ihr seid so schön.”
“Es geht”, wehrte Galen bescheiden ab.
“Nein, wirklich”, beharrte die frühere Elbenmörderin und strahlte ihn hingerissen an. “Wunderschön. Ihr müsst Götter sein.”
“Aber nicht doch!”
Varya wollte es nicht glauben, aber Galen grinste überaus geschmeichelt, wenn auch genauso dümmlich. “Galen…”
“Bin ich etwa tot?” Sehr betroffen wirkte Hestia über diesen Gedanken nicht.
“Nein”, beeilte sich Galen zu versichern.
“Galen…” Varya tauschte einen angestrengten Blick mit Leiloss, die noch dazu bedeutsam die Augen verdrehte. “Wenn du nicht gleich…”
“Du hattest einen Unfall”, trällerte ihr Freund begütigend. “Du bist von einem Mast gefallen. In den Anduin.”
“Oh.” Hestia legte die Stirn, auf der die als Urheberin der ganzen Aufregung verdächtigte Beule prangte, in Falten. “Ich erinnere mich an ein Schiff mit einem gelben Segel.”
“Na bitte”, freute sich Rhûnars bester Heiler. “Deine Erinnerung kehrt zurück.”
“Ich weiß nur nicht, was ich auf diesem Schiff gemacht habe. Waren meine Eltern auch dort? Wo sind sie eigentlich?”
“Äh…” Galens frohe Erwartung eines heilerischen Durchbruchs durch bloße Unterhaltung mit dem Opfer geriet leicht ins Trudeln. “Also…”
Varya schnaubte leicht. “Am besten fragst du deine Freundin Leiloss. Das ist die wunderschöne Elbin neben dir. Die kann dir dann auch gleich erklären, wo wir hier sind.”
Leiloss öffnete den Mund, um zu protestieren, schloss ihn aber sofort wieder, als ihr wohl Varyas wütende Miene auffiel. Varya selber bedeutete Gilnín, diese Erklärungen besser zu überwachen und machte dann eine herrische Geste in Galens Richtung.
“Was denn?” erkundigte er sich, nachdem er ihr vor das Zelt gefolgt war, wo ein Galadhel, der eine gewisse Familienähnlichkeit mit Haldir aufwies, und ein Sterblicher mit zerzausten blonden Locken betont harmlos herumlungerten. “Ich versuche nur, ihre Erinnerung aufzufrischen.”
“Indem du dich als Gott der Sterblichen feiern lässt?” war ihre spöttische Gegenfrage.
“Immerhin wissen wir jetzt, dass ihr wohl einige Jahre der Erinnerung fehlen”, meinte er und wedelte ein wenig mit dem stinkenden Uruk’hai-Arm herum.
“Leg dieses Ding weg!” forderte Varya ungeduldig.
“Ich beobachte es aus wissenschaftlichem Interesse”, verkündete er hoheitsvoll.
“Und ich beobachte gleich aus ähnlichem Interesse, wie du es runterschluckst”, fauchte sie und griff nach der Uruk’hai-Hand. Galen war zu überrascht, um das andere Ende fest genug zu halten und so konnte sie es ihm entreißen und ein Stück weiter auf den Weg werfen, direkt vor die Füße des Galadhel. Er musste eindeutig mit Haldir verwandt sein, denn er hob nur eine Augenbraue und rührte sich nicht von der Stelle. “Konzentriere dich besser auf Hestias Gedächtnisverlust. Erestor wird Leiloss im Anduin ertränken, wenn er es erfährt, bevor wir den Schaden behoben haben.”
“Wir könnten Meister Elrond fragen”, schlug Galen vor.
“Wegen einer Beule?” Varya wäre lieber selber im Anduin ertrunken, bevor sie den Herrn von Imladris mit so einer Kleinigkeit belästigt hätte. “Es muss doch irgendetwas geben, was man gegen Gedächtnisverlust unternehmen kann.”
“Ich kann mich nicht erinnern.”
“Das ist nicht lustig, Galen!” Varya verspürte nur selten den Wunsch, einen anderen außer Thranduil körperlich zu attackieren, aber diesmal arbeitete ihr bester Freund hart daran, auch in diesen elitären Kreis aufgenommen zu werden. Gleich gefolgt von dem Galadhel, der unterdrückt auflachte.
“Ich schätze, wir warten einfach ab”, war Galens außerordentlich weiser Ratschlag. “Es wird doch wohl wieder vergehen.”
“Und wenn nicht?”
“Dann hält sie sich weiterhin für ein Mädchen von dreizehn Jahren, das mitten in einem Märchen gelandet ist”, kam es von Gilnín, der sorgfältig die Plane am Eingang des Zeltes hinter sich zuzog. Bekümmert legte er die Stirn in Falten. “Ich schätze, ihr fehlen so ungefähr ein Dutzend Jahre.”
Varya konnte sich gerade noch beherrschen, nicht die Hände in seine Robe zu krallen. “Sagt mir, dass Ihr ein Heilmittel kennt”, flehte sie. “Ihr kennt doch gegen jede Krankheit irgendeinen Trank oder ein Pulver. Bitte, Gilnín, denkt nach.”
Das tat er sogar. Eine geschlagene Minute lang starrte er ein Loch in die Luft, um schließlich bedauernd den Kopf zu schütteln. “Nein, beim besten Willen nicht.”
Ein würgendes Geräusch lenkte die drei deprimierten Heiler jedenfalls für einen Moment ab. Der junge Sterbliche hing halb an einem Pfosten des Zeltes gegenüber und übergab sich. Als der Galadhel das Interesse der drei bemerkte, deutete er stumm auf einen schwarzen, öligen Haufen ganz in der Nähe.
“Oh!” schrie Galen entsetzt. “Das war mein Arm.”
“Nein, das war der Arm des Uruk’hai”, korrigierte ihn Gilnín ernsthaft. “Offenbar hat die Kraft des dunklen Herrschers ihn nun endgültig verlassen und das Sonnenlicht hat das Gewebe zersetzt.”
“Vierundzwanzig Stunden”, staunte Galen und beugte sich über den Fleck. “Es ist nichts mehr übrig außer ein paar Knochen. Faszinierend.”
“Ja”, grollte Varya. “Wir besorgen dir einen neuen. Könnten wir uns nun auf das eigentliche Problem konzentrieren?”
“Warten wir einfach ab”, schlug Galen vor. “Ich bin mir sicher, sie wird sich mit der Zeit wieder an alles erinnern.”
Varya erwog kurz die Optionen, die ihnen zur Verfügung standen. Da es eigentlich keine gab, war ihre Denkpause außerordentlich kurz. Sie nickte. “Gut, warten wir ab. Wer sagt es Erestor?”
Galen und Gilnín zeigten verdächtiges Interesse für die Überreste des Uruk’hai-Arms. Beide hingen so tief über dem Fleck, dass es eine Qual für ihre Nasen sein musste, aber es schien immer noch die bessere Alternative, als freiwillig Bruchtals Seneschall davon in Kenntnis zu setzen, was mit seiner wertvollsten Spur zu seinem Erzfeind Marsden passiert war.
“Jemand muss es ihm sagen”, beharrte sie und stampfte mit dem Fuß auf.
“Wir könnten Meister Elrond bitten…” Galens Stimme erstarb, weil sie ihm den Finger auf die Brust setzte.
“Niemand belästigt Meister Elrond damit”, zischelte sie ihn an. “Du wirst es ihm sagen.”
“Oh nein”, wehrte Galen mit ausgestreckten Händen ab. “Nicht ich. Du weißt doch, wie er sein kann. Nein, sag du es ihm. Du bist Thranduils Gemahlin, dir kann er nichts tun. Außerdem hast du ihm schon das Leben gerettet. Das verschafft dir einen Vorteil.”
Varya sah zwar die Logik in seinen Argumenten, aber sie hatte auch Erestor vor Augen, wie er noch am Tag zuvor auf dem Piratenschiff gekämpft hatte. Es wäre ihr leichter gefallen, wenn er wieder verletzt gewesen wäre. Ohne Hosen verlor auch der eindrucksvollste Finsterling an Bedrohlichkeit. Irgendwie fehlte ihr die Motivation, Erestors Zorn gegenüberzutreten. Natürlich konnten niemand von ihnen etwas dafür. Eher schon Erestor selbst, der ja wohl nach Leiloss’ Erzählung die Anweisung gegeben hatte, dass sich Hestia an den Rettungsmaßnahmen auf der ‚Butterblume’ so stark beteiligte, dass sie nun zu einem unschuldigen Mädchen ohne Erinnerung an ihre eigenen Verbrechen mutiert war. “Der Vorteil ist nicht groß genug.”
Alle drei schwiegen sie eine Weile. Dennoch mussten zumindest die Gedankengänge von Galen und Varya in die gleiche Richtung laufen, denn unwillkürlich rückte der Rhûnar-Heiler an ihre Seite und sie beide bauten sich vor Gilnín auf.
“Ihr übernehmt das”, ordnete Varya dann nach einem kurzen Blickwechsel mit Galen an. “Gilnín, Ihr seid ideal dafür. Euer eigener Vater wird es sicher gefasster aufnehmen, wenn Ihr es ihm sagt.”
Gilnín, ansonsten Ebenbild seines Vaters und ihm auch von der Ausstrahlung her doch ein wenig ähnlicher geworden in den letzten Jahren, verfiel abrupt in alte Verhaltensweisen. Nervös fummelte er mit den Verschlüssen seiner Tunika und schüttelte vehement den Kopf. “Erspart mir das, ich bitte Euch. Ihr habt keine Ahnung, wie verbissen er ist, wenn es um diesen Marsden geht.”
“Doch”, nickten Galen und Varya synchron und Galen ergänzte: “Deswegen sollt Ihr ja die Aufgabe übernehmen.”
“Und zwar bald”, ergänzte eine vertraute Stimme.
Varya fuhr herum und blinzelte Glorfindel verwirrt an. “Wie lange stehst du da schon?”
Der Vanya hatte es sich neben dem Galadhel gemütlich gemacht. Beide Hände lässig auf den Griff seines Schwertes gestützt, den Kopf leicht geneigt, lächelte er sie nun an. “Lange genug, um mich fabelhaft zu amüsieren. Übrigens schickt mich Elrond, dem langsam die Worte knapp werden, um Erestor noch länger aufzuhalten. Ihr solltet vielleicht Hölzer ziehen. Das Kürzeste verliert.”
“Bah”, machte Varya mit einer wegwerfenden Handbewegung. “Nicht nötig. Gilnín ist schon fast unterwegs.”
Galen schien ein Anflug von Mitleid zu überkommen, denn er tätschelte Erestorion aufmunternd die Schulter. “So schlimm wird es nicht werden. Ich begleite Euch und dann erzählen wir ihm einfach, dass es nur eine Frage der Zeit ist, bis sie sich wieder erinnern kann.”
“Man sollte eigentlich nicht lügen”, stammelte Gilnín ohne große Überzeugungskraft.
“Es gibt Ausnahmen”, wischte Galen diesen Einwand beiseite und zog den widerstrebenden Boten mit sich.
Äußerst zufrieden schnaufte Varya, bevor sie sich mit einem strahlenden Lächeln an Glorfindel wandte. Sie hatten nur wenig Zeit gehabt und bislang kaum mehr als einige Sätze miteinander gewechselt, doch jetzt war die ideale Gelegenheit dazu. Er schien ihre Gedanken zu erraten.
“Machen wir einen Spaziergang”, schlug er vor und reichte ihr mit dem ihm eigenen Charme den Arm. “Es ist selten genug, dass ich Düsterwalds schönste Blume ganz für mich alleine habe. Ich muss die Zeit nutzen, solange Thranduil in seinem Zelt seinen Ärger auf Celeborn pflegt.”
“Weißt du eigentlich, warum sie sich so verabscheuen?” erkundigte sie sich sofort neugierig, während sie sich bei ihm unterhakte und dankbar diesen Ort verließ, an dem sicher bald Erestor auftauchen würde.
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“Weißt du, es ist schon eine komische Sache”, sinnierte Gaellas in Richtung seines Begleiters. “Ich hätte ja niemals gedacht, dass ein Ork so gerne draußen im Sonnenlicht ist.”
“Ich bin ein Krüppel”, schnarrte Izak grantig und marschierte leicht gebeugt vor seinem Wächter durch das Eibenlabyrinth.
Gaellas musterte die schmale, gekrümmte Gestalt vor sich eingehend. “Du hast eine schlechte Körperhaltung und bist ein ziemlich hässlicher Kerl, aber verkrüppelt bist du wohl eher nicht.”
Izak wandte den Kopf zu ihm um. Misstrauen blitzte in seinen Augen, die im hellen Schein der Vormittagssonne goldener als üblich schimmerten. “Machst du dich über mich lustig?”
“Warum sollte ich?”
“Weil du ein Elb bist?”
“Was hat das damit zu tun?”
Izak knurrte etwas Unverständliches, ging aber weiter. Das Eibenlabyrinth war eindeutig sein Lieblingsplatz, seit man ihm erlaubt hatte, wenigstens einmal täglich sein Verlies zu verlassen und sich draußen an der frischen Luft zu bewegen. Anfangs hatte er sich zögerlich daran gemacht, das Gelände zu erkunden. War noch geduckter als üblich zwischen den hohen, blickdichten Hecken herumgeschlichen und immer wieder in Sackgassen geraten. Aber mit erstaunlicher Verbissenheit kannte er sich mit jedem Tag mehr und mehr hier aus. Selbst Gaellas konnte nicht so zielsicher den Weg zu dem kleinen Teich in der Mitte des Labyrinthes finden wie der Ork vor ihm, der jetzt leicht witternd die Nase in die Luft hob und dann zielsicher eine von zwei Abzweigungen nahm.
Innerhalb kürzester Zeit erreichten sie das Zentrum des Labyrinths und Gaellas setzte sich wie üblich auf eine der beiden halbrunden Steinbänke, die den Teich einrahmten. Izak schlich eine Weile um den Teichrand herum. Er suchte offenbar wieder nach den Fischen, die dort lebten und mit denen ihn eine eigentümliche Hassliebe verband. Er versuchte niemals, sie zu fangen, sondern einfach nur, sie nieder zu starren.
Ein Ork im Sonnenlicht war schon eine seltsame Erscheinung, befand Gaellas. Ganz besonders ein Ork, der elbische Kleidung trug. Sie hatten Izak mit einer sauberen schwarzen Tunika und einer Hose versorgt. Wie er es geschafft hatte, war nicht klar, aber innerhalb kürzester Zeit waren die Kleidungsstücke zwar auch wieder an einigen Stellen zerfetzt und verdreckt, doch immer noch eine Verbesserung zu seiner grauenhaft stinkenden Rüstung von früher. Schon verwunderlich genug, dass er die Kleidung überhaupt angenommen hatte.
Izak beendete seinen Starr-Wettkampf mit einer Goldorfe und setzte sich auf die Bank zu Gaellas, natürlich möglichst weit von ihm entfernt. Schweigend fischte Gaellas einen Apfel aus seiner Tasche, teilte ihn gerecht in zwei Teile und reichte eines davon Izak. Der Ork griff hastig zu und schlug seine spitzen Zähne in das saftige Fruchtfleisch. Geräuschvoll kauend deutete er nach einer Weile auf ein Loch in einer der Hecken.
“Warum habt ihr da einen Durchgang?” wollte er anklagend wissend. “Der passt da nicht hin.”
“Soll er auch nicht”, erklärte Gaellas, nachdem er seine Erinnerungen durchforscht hatte. “Galen hat ihn hineingeschlagen.”
“Warum?”
“Ich weiß nicht.” Dieser Ork wollte Dinge wissen, die sonst niemanden interessierten. Ein Spion war er jedenfalls nach Gaellas Meinung nicht. Löcher in Eibenhecken waren strategisch gesehen sehr unwichtig.
“Galen ist dieser kleine Silberne”, überlegte Izak und drehte abwesend die Reste des Apfels in seinen langen, knochigen Fingern. “Er hat euren Prinzen begleitet. Den, der sein Wort gebrochen hat.”
Das ging nun zu weit. “Legolas würde niemals sein Wort brechen!”
“Hat er aber”, schnarrte Izak böse und warf die Apfelkitsche in den Teich. Sofort sammelten sich Fische an dem überraschenden Futter. “Ich wollte nur in den Düsterwald, mehr nicht. Jetzt bin ich hier gefangen.”
“Warum wolltest du eigentlich hierher?”
“Das hat mich eure silberne Königin, die mit den Schlangenaugen, auch gefragt.”
“Und?”
Ein tiefer Seufzer folgte. Mit einem Anflug von Mitleid betrachtete Gaellas den Ork, der neben ihm auf der Bank hockte und leicht verloren wirkte. Izak zischelte noch böser und äußerst gekonnt mit seiner gespaltenen Zungenspitze. “Du brauchst mich nicht bedauern, Elb. Ich kann gut auf mich alleine aufpassen.”
“Das musstest du wohl auch immer.”
“Krüppel sind nicht beliebt bei uns”, lispelte Izak, ohne dass es wehleidig klang. Es war einfach eine Feststellung. “Sie haben mich am Leben gelassen, auch wenn ich so ein Feigling war und zu nichts nutze.”
“Wurdest du geschlagen?”
Zu seiner Überraschung lachte der Ork auf. Ein unheimliches Geräusch, eher wie ein Fauchen. “Wenn ich Glück hatte. Ist schon komisch, wenn einer wie ich kein Fleisch isst. Ich an ihrer Stelle hätte mich auch verprügelt.”
“Und deswegen wolltest du also hierher?”
“Hierhin bestimmt nicht.” Izak verfiel wieder in die Starrerei mit der Goldorfe. “Aber ich wollte weg. Vielleicht dahin, wo dieser andere Ork gegangen ist.”
“Ah, nach Bruchtal”, nickte Gaellas. “Wenn König Thranduil zurückkommt, könntest du ihn darum bitten.”
“Ich bitte keinen von dieser Brut mehr um etwas. Sie betrügen mich nur.” Die Goldorfe gab nach, das taten die Klügeren immer und drehte ab in tiefere Regionen des Teiches. Izak schnaubte. “Und außerdem habt ihr mich verzaubert. Diese beiden Monster-”
“Das war Ionnin, ein Bergsalamander aus Rhûnar und kein Monster”, korrigierte ihn Gaellas geduldig.
“Und dieses Eichhörnchen?”
“Das ist allerdings etwas seltsam. Aber es taucht wohl nur selten auf.”
“Selten, was?” spottete Izak und deutete auf das Loch in der Eibenhecke. Mitten drin saß das Geschöpf, das Gaellas eigentlich nur für eine Legende gehalten hatte und beobachtete sie aus aufmerksamen dunklen Knopfaugen. “Wenn du es anfasst, sprichst du Elbisch.”
“Damit kann ich leben”, murmelte Gaellas und erhob sich vorsichtig, um das Tier nicht zu erschrecken. Seine Sorge war unbegründet. Ganz ruhig blieb es sitzen und schien sogar noch darauf zu warten, dass er endlich näher kam. Er musste zugeben, dass es ein wirklich wunderschönes und noch dazu sehr weißes Exemplar seiner Gattung war. Das Fell wirkte verführerisch weich und Gaellas war zu sehr ein Genuss-Elb, um der Verlockung lange stand zu halten. Wenn die einzige Zauberei darin bestand, die Sprache zu sprechen, die er ohnehin schon beherrschte, konnte es ja nicht schaden. Er strich dem Tier vorsichtig über den rundlichen, seidenweichen Kopf und freute sich, als es leise keckerte.
“Ich hab dich gewarnt”, orakelte hinter ihm düster der Ork und sein Elbisch klang schon wieder etwas flüssiger als noch zuvor.
Kapitel 12 - Erinnere dich!
Der Anduin war ein alter, mächtiger Fluss und hatte so manches Geschehnis in der wechselvollen Geschichte Ardas mitangesehen. Am Ende waren die Schicksale, die sich entlang seiner Ufer und gelegentlich auch auf ihm selbst abspielten, immer die Wiederholungen einiger weniger Varianten und so gab es nur wenig, dass es noch nicht zuvor einmal in ähnlicher Form gegeben hatte. Allerdings war bislang auch noch nicht oft eine Gesellschaft wie diese an seinen Ufern gewesen und so hätte der alte Fluss - wenn er denn gekonnt hätte - sicherlich mit leichtem Erstaunen und noch größerem Interesse die Geschehnisse verfolgt, die sich an dem schönen Frühlingstag frühmorgens direkt in der alten Furt abspielten.
Ich anstelle des Anduin würde es jedenfalls, befand Aragorn und krauste ein wenig die Stirn angesichts des Unternehmens, das weiter vor ihm im Fluss seinen Fortgang nahm.
“Eigentlich macht er sich recht gut als Piratenkapitän”, kommentierte Legolas, ohne dass seiner Stimme auch nur der Hauch von Ironie anzumerken war.
Aragorn wandte den Kopf und musterte seinen Freund kritisch. Wenn nicht dieses Schimmern tief auf dem Grund der hellblauen Augen gewesen wäre, hätte er Legolas die Ernsthaftigkeit beinahe abgenommen. Der Waldelb war ein verdammt beherrschter Elb, das stellte er nicht zum ersten Mal fest. “Du meinst, Elrond sollte sich Sorgen wegen dieser Veranlagung machen?”
Nun lächelte Legolas doch. “Nein, Elrohir wird schon zu verhindern wissen, dass sein Bruder eine neue Bestimmung findet.”
Für diese Annahme sprach, dass Elronds Söhne soeben in eine lebhafte Diskussion verfallen waren. Selbst auf die Entfernung hin war deutlich, dass Elrohir der Meinung war, sein Zwilling sollte das Steuerrad des Piratenschiffes doch lieber dem geduldig neben ihnen wartenden Warrick überlassen. Ein Standpunkt, den Aragorn sofort unterstützt hätte. Irgendwie war er froh, dass er hier am Ufer wartete, während die Zwillinge an Bord des Schiffes waren.
Ein paar Tage hatte es heftige Diskussionen gegeben - zwischen Grimbeorn und den Sterblichen, zwischen den Elben und Grimbeorn, zwischen Gandalf und Glorfindel, Elrond und Erestor, manchmal auch mit Thranduil oder Celeborn und alle drehten sich um das Schicksal der beiden Schiffe, die fast vollständig die Furt blockierten für alles, das größer war als ein Ruderboot.
Grimbeorns bevorzugte Lösung, nämlich beide Schiffe anzuzünden und die Überreste dann vom Anduin wegspülen zu lassen, hatte überraschende Gegner gefunden. Warrick jedenfalls war der Auffassung, dass das Schiff nichts für seine frühere Besatzung konnte und außerdem war es das einzige schwimmende Fortbewegungsmittel, das für ihn und seine Mannschaft noch vorhanden war. Erestor unterstützte ihn und das konnte nun wirklich keiner verstehen.
Jedenfalls hatte es einige Tage gedauert und nun war der große Moment gekommen. Ein halbes Dutzend Fähren waren an dem schwarzen, immer noch so bösartig erscheinenden Gefährt mit Tauen befestigt worden, die darauf warteten, endlich unter Spannung gesetzt zu werden. In einem der Boote stand Grimbeorn, den Blick unverwandt auf das Piratenschiff gerichtet, wo Elladan widerstrebend den Platz am Ruder für Warrick räumte.
“Es geht los”, murmelte Legolas und verschränkte die Arme vor der Brust. “Ich denke immer noch, es wird nicht funktionieren.”
“Abwarten”, erwiderte Aragorn. So ganz konnte er sich zwar auch nicht vorstellen, dass die im Verhältnis zu dem Segler fast winzigen Fährboote ausreichen würden, das Schiff aus der Sandbank freizuschleppen, aber Warrick hatte sehr sicher gewirkt.
“Jaja”, grinste Thranduilion. “Eine Handbreit Wasser unter dem Kiel genügt. Warrick hat es ja nun oft genug betont. Nur muss er diese Handbreit erstmal bekommen.”
Elladan winkte heftig in Richtung der Beorninger, Grimbeorn brüllte prompt einen Befehl und seine Männer legten sich sofort ins Zeug. Nur wenige Schläge genügten, damit sich die Taue straff zogen. Das Schiff bewegte sich eine ganze Weile überhaupt nicht. Auf den Fähren verlegten sich die Beorninger auf die Taktik, immer wieder mit dem Druck nachzulassen und dann umso heftiger wieder zu rudern. Der Ruck, der jedes Mal durch die Boote ging, war heftig.
“Sie bewegt sich”, erkannte Legolas mit plötzlicher Aufregung in der Stimme. “Sieh dir das an! Ich glaub’ es nicht!”
Aragorn kniff die Augen zusammen, um die winzigen Anzeichen zu entdecken, die seinen Freund so mit Optimismus füllten. Das einzige, was Legolas Recht gab, waren die Zwillinge, die weit über der Reling hingen, mit nach unten hängenden Köpfen und wilden Gesten. Dann rief Warrick einen Befehl und aus dem Bauch des Schiffes schoben seine Männer ihrerseits die Ruder hinaus, um nun die Beorninger zu unterstützen. Zuerst nur langsam, aber dann doch für alle, die sich am Ufer eingefunden hatten, erkennbar, löste sich das Schiff widerwillig von seinem Platz.
Die Beorninger schienen am Ende ihrer Kräfte, als sich der Rumpf zur Hälfte von der Sandbank herunter gearbeitet hatte und ein großer Teil der Ruderer an Bord nun den Rest des Bugs freikämpfte. Zuletzt ging es richtig schnell. Das Schiff kam frei, Elladan und Elrohir lösten die Seile und die Fähren machten, dass sie aus dem Weg kamen. Warrick schien kaum Probleme zu haben, das schlanke, schwarze Schiff zu manövrieren. Ohne Segel noch, aber mit Hilfe seiner Männer drehte er es in einem überraschend engen Wendekreis und steuerte es quer zur Strömung ein Stück den Anduin abwärts in die ruhigeren Uferregionen.
Legolas und Aragorn wanderten langsam hinter her und sahen zu, wie Elladan und Elrohir auf eine der Fähren umstiegen, die sie auf Höhe des Piratenschiffes am Ufer absetzten.
“Ich liebe es, wenn ein Plan funktioniert”, triumphierte Elladan, während er die Böschung hochsprintete.
“Selbst wenn er von jemand anderem ist”, brummte Aragorn so leise, dass nur Legolas ihn verstehen konnte, der prompt breit grinste.
“Es knirschte, als ob dieses Ding auseinander brechen will”, berichtete Elladan lebhaft. “Warrick war die Ruhe selbst. Ein guter Mann, auch wenn ich an seiner Stelle nicht dieses Schiff nehmen würde.”
Elrohir verzog zustimmend das Gesicht. “Ein Schweinestall, fürchterlich.”
“Das wird Warrick und seine Männer nicht schrecken”, lachte Aragorn. “Gib ihm ein paar Tage und es wird blitzen und blinken wie frisch aus der Werft. Gandalf meinte, ihm sind noch nie so reinliche Menschen untergekommen.”
“Dann nimm dir am besten daran ein Beispiel”, spottete Elladan gutmütig. “Und nun zum letzten Akt.”
Der letzte Akt, wie Elladan es nannte, war etwas, das Warrick sicherlich tief im Innern treffen würde. Selbst Aragorn fühlte einen Anflug von Trauer, als sich eine Reihe von Glorfindels Kriegern am Ufer aufstellte. Sie hatten ihre Bögen bei sich und vor ihnen brannten Feuerschalen. Elladan und Elrohir gesellten sich zu ihnen, ließen sich ebenfalls ihre Waffen reichen und nahmen Pfeile auf, die an ihrer Spitze mit Stoffstreifen umwickelt waren. Alle Augen richteten sich auf das Piratenschiff, wo sich Warricks Mannschaft zusammen mit ihrem Kapitän vorne im Bug eingefunden hatte. Der Sterbliche blickte eine Weile mit ausdrucksloser Miene hinüber zur ‚Butterblume’ und nickte schließlich.
Ohne ein weiteres Wort hielten die Bogenschützen die Pfeile in die Feuerschalen, bis die in Öl getränkten Streifen Feuer fingen, legten sie dann an und entließen sie auf Elladans knappes Kommando.
Auf Grund gelaufen, mit einem großen Leck mittschiffs und vielen Wunden einer langen Flucht ging die ‚Butterblume’ in Flammen auf. Es war ein mächtiges Feuer, das sich wie eine Barriere dort an der Furt erhob. Der Rauch stieg kerzengrade in den strahlend blauen Himmel auf und zeugte noch weit bis ins Land hinein davon, dass hier etwas zu Ende ging. Selbst Aragorn verspürte eine gewisse Wehmut und fragte sich gleichzeitig, wie tief wohl Warricks Schmerz sein würde. Als die ersten Flammen vom Deck der ‚Butterblume’ aufgestiegen waren, hatte er sich umgedreht und war in den Tiefen des Piratenschiffes verschwunden. Aragorn bedauerte ihn und fand, dass es wohl besser sei, es ihm nachzutun und sich von diesem Trauerspiel abzuwenden.
Er war kaum wenige Schritte weit gekommen, da legte sich ein Arm um seine Schultern. “Estel, mein Lieber”, sagte Elladan und packte mit der Hand fest um Aragorns Schultergelenk. “Ich schätze, wir sollten uns unterhalten. Lass uns ein ruhiges Plätzchen suchen.”
Misstrauisch blickte Aragorn seinem Ziehbruder ins Gesicht. Entweder Elladan führte etwas im Schilde oder…er schluckte, kaum erkannte er den stählernen Ausdruck in Elladans Augen. Hilfesuchend sah er sich nach Legolas um, doch der stand bei Elrohir, zwar mit etwas besorgter Miene, aber doch zu feige, sich ihnen anzuschließen. Auch Galen war weit und breit nicht zu entdecken. Den Heiler entschuldigte Aragorn ja noch, der hatte genug damit zu tun, Hestia wieder auf die Beine zu bringen und davon abzuhalten, ihrem neuesten Schwarm zu Füßen zu liegen.
Elladan führte ihn ohne Chance auf Flucht durch das Lager, bis sie ein ganzes Stück den Anduin hinunter eine ruhige Uferstelle fanden. Oben auf der Böschung lagen einige flache Steine zu einem Kreis geordnet und in ihrer Mitte sehr viel kleinere, die wohl eine Feuerstelle begrenzten, denn innerhalb dieses Kreises lag noch Asche. Offenbar lagerten hier gelegentlich die Kundschafter und Wachposten. Diesmal jedoch war der Ort verlassen. Elladan, der den ganzen Weg nicht einen Ton gesagt hatte, was Aragorn höchst beunruhigend fand, deutete nur auf einen der Steine und setzte sich dann auf der anderen Seite des Lagerplatzes ebenfalls hin.
“Entschuldige, wenn das wie eine Entführung erschien”, sagte Elronds Erbe und lächelte schwach. Mit der Hand deutete er in Richtung des Zeltlagers. “Ich schätze, dort haben wir zu viel Gesellschaft.”
“Elladan…” Aragorn griff nach einem langen, dünnen Ast, der neben seinen Füßen auf dem Boden lag und stocherte etwas in den Ascheresten. Es war unvermeidlich, was nun kam. Sie hatten oft während der Rückreise darüber gesprochen und nie einen guten Einfall gehabt, wie sie es ihm sagen sollten. Wie überbrachte man derartige Nachrichten?
“Hast du dich nicht gewundert, warum ich noch nicht nach ihr gefragt habe?” drang Elladans ruhige Frage in seine Überlegungen.
Die Erleichterung hat die Verwunderung darüber verdrängt, gestand sich Aragorn ein. Und vielleicht hätten sie es auch niemals erwähnt, so sehr fürchteten sie davor, ihm Schmerz zuzufügen. Aragorn liebte seine Brüder, auch wenn sie kein gemeinsames Blut teilten, sie Jahrtausende voneinander trennte und ihm ihr Denken und Fühlen manches Mal doch fremd war. Er wollte nicht derjenige sein, der einem von ihnen vielleicht das Herz brach.
“Was ist geschehen?” fragte Elladan nach einer weiteren Pause.
Aragorn hob den Kopf und erschrak etwas, wie blass der Zwilling geworden war. Er schien sich bereits zu wappnen gegen das, was nun kommen würde und dennoch hatte er keine Ahnung, wie schlimm es wirklich war. “Du weißt es doch bereits, Bruder.”
“Tue ich das?” lächelte Elladan freudlos, das Gesicht schmal vor Anspannung, die Ähnlichkeit mit seinem Vater überdeutlich in der Ernsthaftigkeit seines Ausdrucks.
Ungefragt und unerwünscht tauchten die Bilder wieder vor Aragorns innerem Auge auf. Bilder, die er immer mit Mühe verdrängt hatte in den letzten Monaten. “Es war ein Unfall, Elladan.”
“Bitte nicht, Estel”, stieß sein Bruder gequält hervor.
“Das sollte keine Ironie sein”, entschuldigte sich Aragorn hastig. “Aber dennoch ist es die Wahrheit. Indaris wurde verschüttet, als ein kleiner Teil der Quellstadt einbrach. Einer der Wasserzuläufe hat sich einen neuen Weg erkämpft, weil die Wassermengen des Frühjahres ihn anschwellen ließen.”
“Und dabei starb sie?”
Wenn Eru gnädig gewesen wäre, dann sicherlich. Doch Gnade wurde nicht immer auch denen gewährt, die sie verdienten. “Nein, das tat sie nicht. Indaris wurde sehr schwer verletzt. Eigentlich war es ein Wunder, wie lange sie noch mit ihren Verletzungen durchhielt.” Und den Entstellungen, ergänzte er im Stillen. Den Zerquetschungen ihrer Gliedmaßen und deren drohendem Verlust, mit dem man ihr Leben zumindest hätte retten können.
“Ihr wart also dabei, als sie dann starb?” Elladans Stimme hatte jedes Gefühl verloren.
“Das waren wir.”
“Und Galen konnte nichts tun?”
“Er hat es versucht.” Manchmal war eine Lüge eben die Gnade, die Eru zuvor Indaris verwehrt hatte. Aragorn würde Elladan die Wahrheit nicht sagen, nicht die ganze. Sein Entschluss kam von einem Atemzug auf den anderen, aber er half ihm, Elladans forschendem Blick standzuhalten.
“Die Verletzungen waren zu schwer?”
“Das waren sie.” Galen hätte sie heilen können, aber nur um einen Preis, der besonders einen Erstgeborenen an den Rande der Selbstverleugnung brachte. Sie war nicht mehr bereit gewesen, ihn zu zahlen. Wer wusste schon, was sie in ihrer Vergangenheit dafür aufgebracht hatte, am Leben zu bleiben?
Lass mich gehen, waren ihre leisen Worte gewesen, als Galen sich anschickte, all seine Kraft aufzubringen, sie in diesem Leben zu halten. Er erinnerte sich, wie Galen an Indaris’ Bett gesessen hatte, eine Hand dieser großartigen Elbin in der seinen und ein trauriges, aber verständnisvolles Lächeln auf dem Gesicht. Sie hatte nur leicht den Kopf geschüttelt und selbst das fiel ihr schwer. Die Schmerzen konnte er ihr zwar nehmen, aber nicht ihren Scharfsinn so weit trüben, dass sie ihre eigene Zukunft nicht glasklar einschätzen konnte.
“Hat sie noch…” Elladans Stimme versagte. Er räusperte sich und fuhr sich mit gespreizten Fingern durch die Haare. “Hat sie noch etwas gesagt?”
Die Erinnerung an ihn macht es mir leicht, Mandos gegenüberzutreten. Er ist mein Licht nach einer Zeit der Finsternis. Indaris konnte wohl nicht ahnen, dass sie Elladan dies niemals würden sagen können. Die Vorwürfe, ihr soviel Frieden geschenkt zu haben, dass sie den langen Kampf in Rhûnar nun aufgab, würden ihn nie verlassen.
“Sie nannte dich ihr Licht nach einer Zeit der Finsternis”, wiederholte Aragorn nur den letzten Teil ihres Abschiedes. Die Valar würden ihm diese Lüge verzeihen müssen und wenn nicht, konnte er damit auch leben. Besser als Elladan mit der ganzen Wahrheit.
“Ich danke dir”, sagte Elladan schließlich überraschend gefasst. “Ihr hättet es mir eher sagen sollen, aber ich verstehe euch. Estel, lass mich jetzt alleine und sorg dafür, dass niemand mich stört. Auch nicht Elrohir, ich bitte dich darum.”
Hin und her gerissen zwischen seinem Wunsch, Elladan zu trösten und einfach nur dessen Trauer zu entfliehen, erhob sich Aragorn und ging einige Schritte auf seinen Bruder zu. Schließlich legte er ihm nur stumm noch einmal die Hand auf die Schulter und ging dann davon. Es war eigentlich vermessen, ihm beistehen zu wollen. So wenig, wie ihm die Unterschiede zwischen sich und den Zwillingen sonst bewusst waren, so stark empfand er sie nun. Wie sollte er einer Seele Trost spenden, der die Unsterblichkeit so vertraut war und für die der Verlust derselben der tiefste Schmerz überhaupt sein musste?
Elrohir wartete ein Stück den Anduin aufwärts, Legolas war bei ihm und es war offensichtlich, dass Düsterwalds Thronfolger zumindest die Aufgabe übernommen hatte, ihm von dem zu berichten, was Aragorn soeben seinem Zwilling hatte erzählen müssen.
“Er will alleine sein”, erklärte Aragorn, als er bei ihnen ankam. Er fühlte sich müde und kraftlos. “Und ich habe ihm nicht alles erzählt.”
Elrohir nickte zustimmend. “Das habe ich
